Uraufführung Zwerg Nase - Theater an der Parkaue - .Denn „der Mensch ist eine Funktion seines

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  • Urauffhrung

    Zwerg NaseChristian Martin nach Wilhelm Hauff

    BEGLEITMATERIAL ZUM STCK

    5 +

  • Zwerg Nase

    2

    Es spielen:

    Birgit Berthold Mutter Helmut Geffke Knig Katrin Heinrich Prinzessin, KochNiels Heuser Jakob, Zwerg Nase Hagen Lwe Hexe Denis Ppping Vater, Erzhler, Koch Franziska Ritter GansAndrej von Sallwitz Minister

    Regie: Sascha Bunge Bhne + Kostme + Video: Constanze Fischbeck Dramaturgie + The-aterpdagogik: Karola Marsch Licht: Thomas Holznagel Ton + Videotechnik: Jrg Warten-berg Regieassistenz: Susann Ebert, Johanna Thomas Inspizienz: Jrgen Becker Soufflage: Kerstin Richter Technischer Direktor: Eddi Damer Bhnenmeister: Ralf Hinz Maske: Ilonka Schrn Requisite: Sabine Bonin Ankleiderei: Sabine Hannemann, Birgit Wilde Bhnen- und Kostmbildassistenz: Susanne Ruppert Herstellung der Dekoration unter der Leitung von Jrg Heinemann in den Werksttten der Stiftung Oper in Berlin Bhnenservice / Herstellung der Kostme durch die Firma Gewnder / Maren Fink-Wegener

    Die Auffhrungsrechte fr das Stck liegen bei henschel Schauspiel Berlin.

    Premiere: 24. Mai 2012Bhne 1ca. 95 Minuten mit Pause

    Premierenklasse: 3b, Robinson-Schule / Berlin-Lichtenberg

  • Zwerg Nase

    3

    Inhalt

    Einleitung 4

    Wilhelm Hauff 6

    Inszenierungsschwerpunkt I: Das Mrchen im Alltag 8

    Inszenierungsschwerpunkt II: Die Sinne leiten die Wahrnehmung 10

    Schmecken und Riechen 10

    Phantasiereise zu Gerchen 11

    Duft von Gewrzen 13

    Der Mensch ist, was er isst. 14

    Die Pastete 17

    Inszenierungsschwerpunkt III: Das Soziale 19

    Hinweise fr den Theaterbesuch 21

    Impressum 22

  • Zwerg Nase

    4

    Einleitung

    Mit der Premiere der Inszenierung Zwerg Nase haben wir uns einen lang gehegten Wunsch erfllt. Schon lang trieb uns dieser Hauffsche Mrchenstoff um, schon lang waren wir gefes-selt von den Dften und Aromen, die er in die Geschichte einwebte, schon lang waren wir fas-ziniert vom Einfall des Wunderbaren, Zauberhaften und Atmosphrischen in den Alltag. Denn das ist, was passiert im Mrchen: Mitten im Alltagsgeschft des Markttreibens, des Kaufens und Verkaufens taucht pltzlich eine kncherne Alte auf, die aus einer anderen Welt zu stam-men scheint. Und sie scheint es nicht nur, sie lebt wirklich in einer anderen Welt. Wirklich? Aber nein, es ist doch nur ein Mrchen! Aber ja, es ist doch eben ein Mrchen. Und deshalb kann es auch pltzlich einen Knig und seinen Minister geben, eine Prinzessin, die in eine Gans verwandelt wird, einen Erzhler, der aus dem Luftschloss der Phantasie spricht und aus Dienern Eichhrnchen und Meerschweinchen macht und dem Knaben Jakob eine lange Nase und einen Zwergenbuckel verpasst. Diese Kombination aus realer und phantastischer Welt, das Zusammenspiel und Nebeneinanderbestehen beider Welten, ist, was diese Faszination ausmacht. Andererseits ist es genau die Wahrnehmung dieses Nebeneinanderbestehens, das Kinder so gut beherrschen. Mhelos springen sie zwischen diesen Welten hin und her und er-finden eine eigene, eine neue Welt. Wenn dann noch die Magie der Bhne und feine Gerche hinzukommen, steht einem sinnlichen Erlebnis im Theater nichts mehr im Wege.

    Wie lassen sich die Kchendfte in den Zuschauerraum hinein transportieren? Wie lsst sich ein Eindruck von kulinarischen Genssen vermitteln? Wie wird die Ausgrenzung von Jakob aufgrund seiner missratenen Gestalt erlebbar? Das waren Fragen, die den Regisseur Sascha Bunge auf den unterschiedlichen Ebenen der Geschichte interessierten. Wie lsst sich eine realistische Welt einerseits und einer zauberhaft-magische andererseits gestalten? Eine groe Herausforderung auch fr die Bhnen- und Kostmbildnerin Constanze Fischbeck.

    In Christian Martins Stckfassung von Zwerg Nase findet sich eine dichte Szenenfolge mit einem sensiblen Gespr fr soziale und magische Welten, die mit einer gesunden Portion Hu-mor verbunden sind. In den unterschiedlichen Szenen von Jakobs Zuhause und dem Reich der Hexe steht jeweils die Kche im Mittelpunkt. Whrend sie in seinem Elternhaus prak-tisch ist und zweckmig gekocht wird, entfalten sich im Reich der Hexe die Geheimnisse der Kochkunst. Der Gans Mimi gibt der renommierte Autor Christian Martin eine eigene Ge-schichte. So wie Jakob die Hexe wegen ihrer Gestalt verlacht und deshalb in einen hsslichen Zwerg verwandelt wird, wird auch die hochmtige Prinzessin verwandelt: In eine Gans. Mit dieser neuen Situation konfrontiert, fangen Zwerg und Gans an, um Anerkennung und Liebe zu kmpfen, trotz ihres Aussehens. Es ist ein Stck ber zwei junge Menschen auf ihrem Weg zu eigenstndigen, autonomen Persnlichkeiten, die sich ihrer selbst bewusst werden jenseits einer ueren Gestalt. Nicht allein das uere ist es, was uns ausmacht, sondern in gleicher Weise unser Knnen und Handeln.

    Ich wnsche Ihren Schlern und Ihnen einen an- und aufregenden Theaterbesuch. Fr Ihre Kommentare, Fragen, Anmerkungen, Hinweise, Beobachtungen wenden Sie sich am besten

  • Zwerg Nase

    5

    per E-Mail an mich unter karola.marsch@parkaue.de.

    Nun wnsche ich Ihnen viel Spa mit dem Begleitmaterial, das Sie in einzelne Themen der Inszenierung einfhrt.

    Karola Marsch

    Dramaturgin / Theaterpdagogin

    Tel. 030 55 77 52 -30

    karola.marsch@parkaue.de

  • Zwerg Nase

    6

    Wilhelm Hauff

    Wilhelm Hauff wurde 1802 in Stuttgart geboren und starb bereits mit 25 Jahren. Seine inten-sive Schaffenszeit bezeichnet daher nur die Jahre 1826, 1827 und 1828. In jedem dieser drei Jahre verffentlichte er u.a. einen Almanach mit Mrchen. Zu seiner Zeit fand Hauff jedoch eher durch Romane wie Der Mann im Mond und Lichtenstein Beachtung. Das Mrchen, als beliebte Gattung des Rokoko und in der romantischen Kunsttheorie, war als die einstige Lek-tre fr Jung und Alt aus der Mode gekommen. Heute scheint das literaturwissenschaftliche Interesse an Hauff sehr nachgelassen [zu haben]. Nur die Mrchen, ursprnglich in populren Almanachen erschienen, leben noch. (Ottmar Hinz: Wilhelm Hauff. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989) Denn sie bieten fr Kinder einen Nhr-boden fr ihre Phantasie durch eine Vielzahl von Mrchenelementen, vom bernatrlichen und Zauberhaften, ber Verkleidungen und Verwandlungen, bis zu sprechenden Tieren, Unge-heuern, Hexen, Zwergen, Flchen und Befreiungen. Es werden Netze aus Rtseln gesponnen und unerwartet schnell aufgelst. Hauff bleibt trotz romantischer Zge realistisch, indem er die Eigenschaften einer Figur immer auch mit ihren Lebensumstnden und ihren Reaktionen auf das soziale Umfeld verknpft. Nach Egon Schwarz ist Hauffs Menschenbild in seinen Mrchen berwiegend bitter und kontrastiert mit dem goldenen Schaum der Einkleidung. (a.a.O.) Mit Zwerg Nase beschreibt er eine Figur als Vertreter aller, die nicht der Norm entsprechen und denen eine materiell ausgerichtete Wertegesellschaft nur einen demtigenden Platz einrumt. Denn der Mensch ist eine Funktion seines geflligen Aussehens, seines Reichtums, seiner Macht, seiner Ntzlichkeit. An sich ist er fr die Gesellschaft wertlos. (a.a.O.)

    Zudem beschreibt Hauff die brgerliche-protestantischen und altbrgerlich-wirtschaft-lichen Vorurteile und Ressentiment gegenber einer neuen, in Reichtum und Macht aufstei-genden, von der neuen Geldwirtschaft hinaufgefhrten Gesellschaftsschicht. Es geht um die Ablehnung, ja mehr um die Angst vor der Versuchung des Geldes, vor der Verfhrung zu allzu raschem Gewinn. In den ngsten, die diese Drohung erzeugt, in der Entfremdung, die er kommen sprt, gestaltet Hauff, bersetzt in die Sprache der Dichtung, aber immer noch deutlich genug, ein historisch-politisches Moment. (a.a.O.)

    Im Mrchen Der Zwerg Nase kreiert Hauff eine Welt von groen Gegenstzen. Ein pracht-volles Hexengemach steht dem Haus einer Kleinbrgerfamilie entgegen, ein hbscher Junge einer hsslichen Hexe. Hauffs Mrchen sind eine Einladung, durch den Vorhang des Zauber-haften auf subtile menschliche Verhaltensweisen zu schauen.

  • Zwerg Nase

    7

    Szenenfoto mit Katrin Heinrich, Birgit Berthold und Denis Ppping

  • Zwerg Nase

    8

    Inszenierungsschwerpunkt I: Das Mrchen im Alltag

    Kinder durchlaufen in ihrer Entwicklung interessante Prozesse. Von Anfang an sind sie einer Welt ausgesetzt, in der sie lernen mssen, sich zu orientieren. Auf diese Weise lernen sie, die Welt zu begreifen, wahrzunehmen, zu sprechen, unabhngig davon, ob sie Unange-nehmes oder Untersttzendes erfahren. Haben sie sich die Sprache erobert, wird es so sein, dass sie davon gern und ausgiebig Gebrauch machen werden. Die frhe Begegnung mit Ge-schichten und Mrchen ermglicht es ihnen, diese Geschichten und Mrchen sich selbst zu erobern, das heit, sie weiter und anders zu denken, zu spinnen, zu spielen. Immer wird ihr eigenes, reales Leben verwoben, sodass sie eine Querverbindung zwischen dem Fiktionalen, dem Phantastischem und dem Realen ziehen. Jenseits kausaler und logischer Ketten unserer Denkungsart sind sie zu Gedankensprngen bereit und praktizieren sie tglich. Es ist eben ganz normal, dass Tiere sprechen, Pferde im Krankenhaus behandelt werden, weil sie ber ein Haus gestolpert sind, dass ein Mdchen sich im Wald verirrt und dann auf einmal in einem anderen Land zur Prinzessin wird, dass aus einer Eidechse ein siebenkpfiger Drache wird, den es zu besiegen gilt. Diese permanente Umgestaltung ist eine enorm groe schpferische Quelle. Weil sie davon ausgeht, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Eigentlich mssten wir alle daran arbeiten, diese Fhigkeit zu erhalten, statt sie durch genormtes Wissen und re-gulierte Ordnungssysteme zum Einsturz zu bringen.

    Dieses sprunghafte Umgehen mit Mrchen und Geschichten erlaubt es Kindern, diese auf eine reale Ebene zu heben, sich auf Mrchen und Geschichten, die sie z.B. im Theater sehen, komp