Utz Maas Finitheit (Argumentationsskizze zum Seminar WS ... · Paradigma ausdruckt (z.B. ist in...

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1 Utz Maas Finitheit (Argumentationsskizze zum Seminar WS 2007 /08) 1. Allgemeine Überlegungen 1.1. Die Finitheitsbegrifflichkeit stammt aus der traditionellen Schulgrammatik, wo sie ihrerseits an die (antike) Sprachphilosophie angelehnt war. Sie war ausgerichtet auf die Frage nach der Interpretation von Äußerungen: die Grundunterscheidung war die in unbestimmte Ausdrücke (sprachliche Formen) und ihre Bestimmung als Voraussetzung für ihre Interpretation. Der grundlegende lateinische Terminus ist die Definit ion (finis "Grenze", also die Ausgrenzung einer referenziellen Interpretation aus dem Raum der Bedeutungsmöglichkeiten eines Ausdrucks – so als Lehnübersetzung aus dem Griechischen). In der antiken Schulgrammatik ist finit (definit) insofern ein semantischer Terminus, der nicht auf grammatische Kategorien festgelegt ist (s. Maas 2004 zu Priscian). In der späteren Grammatikographie wurde dann die Formenlehre dominant, und damit auch die Unterscheidung in finite Verben und definite Nomina (Nominalgruppen). Damit wurde der Finitheitsbegriff aber auch auf Sprachbautypen festgelegt, die wie die antiken Schulsprachen Griechisch und Latein eine reiche Morphologie haben. Wo der Terminus in der allgemeinen Grammatiktheorie in neuerer Zeit verwendet wurde, geschah es meist relativ unreflektiert auf der Basis von Übersetzungsäquivalenten (so in den älteren Arbeiten der Generativen Grammatik, die unter finiten Verben tempusmarkierte Formen des Verbs verstand). Für die Sprachtypologie schien die Finitheitsfrage damit weitgehend irrelevant. Das ist der Ausgangspunkt für die neuere Diskussion, aus der auch meinen Aufsatz (2004) stammt, der den semantischen Bezugspunkt: semantische Finitheit, als unabhängig von der formalen Artikulation: morphologische Finitheit, in den Blick nahm. Die jüngste Diskussion (z.B. der Band von Nikolaeva, 2007) schließt daran an, jetzt mit einer explizit syntaktischen Modellierung und ihrer semantischen Interpretation: die Semantik wird in formaleren Arbeiten auf die Äußerung bezogen, also die Artikulation einer propositionalen Struktur in einem Sprechakt (Aussagenlogik); die Syntax ist die formale Modellierung der so geäußerten Sätze, mit ihrer Basis in den grammatischen Strukturen einer Proposition. Finit sind dann Sätze bzw. die mit ihren artikulierten Propositionen. Probleme entstehen dadurch, daß Sätze komplex sein können, also mehr als eine Proposition artikulieren. Das impliziert bei den konstituierenden Propositionen ein Finitheitsgefälle: syntaktischer Abhängigkeit korrespondieren in diesem Sinne Stufen der Finitheit. 1.2. Die entsprechenden neueren Ansätze sind im Rahmen der sog. funktionalistischen Arbeiten entstanden (Functional Grammar von S.Dik u.a., RRG, LFG, einzelne Fachvertreter wie T.Givón u.a.), die dadurch definiert sind, daß hier formale (Konstituenten-) Strukturen und sie interpretierende semantische Strukturen immer schon getrennt, in der Modellierung aber aufeinander bezogen waren. Die Grundstruktur der in den einzelnen Modellierungen dann wieder abweichenden Modellierungen läßt sich wie folgt skizzieren:
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    Utz Maas Finitheit (Argumentationsskizze zum Seminar WS 2007 /08) 1. Allgemeine Überlegungen 1.1. Die Finitheitsbegrifflichkeit stammt aus der traditionellen Schulgrammatik, wo sie ihrerseits an die (antike) Sprachphilosophie angelehnt war. Sie war ausgerichtet auf die Frage nach der Interpretation von Äußerungen: die Grundunterscheidung war die in unbestimmte Ausdrücke (sprachliche Formen) und ihre Bestimmung als Voraussetzung für ihre Interpretation. Der grundlegende lateinische Terminus ist die Definition (finis "Grenze", also die Ausgrenzung einer referenziellen Interpretation aus dem Raum der Bedeutungsmöglichkeiten eines Ausdrucks – so als Lehnübersetzung aus dem Griechischen). In der antiken Schulgrammatik ist finit (definit) insofern ein semantischer Terminus, der nicht auf grammatische Kategorien festgelegt ist (s. Maas 2004 zu Priscian). In der späteren Grammatikographie wurde dann die Formenlehre dominant, und damit auch die Unterscheidung in finite Verben und definite Nomina (Nominalgruppen). Damit wurde der Finitheitsbegriff aber auch auf Sprachbautypen festgelegt, die wie die antiken Schulsprachen Griechisch und Latein eine reiche Morphologie haben. Wo der Terminus in der allgemeinen Grammatiktheorie in neuerer Zeit verwendet wurde, geschah es meist relativ unreflektiert auf der Basis von Übersetzungsäquivalenten (so in den älteren Arbeiten der Generativen Grammatik, die unter finiten Verben tempusmarkierte Formen des Verbs verstand). Für die Sprachtypologie schien die Finitheitsfrage damit weitgehend irrelevant. Das ist der Ausgangspunkt für die neuere Diskussion, aus der auch meinen Aufsatz (2004) stammt, der den semantischen Bezugspunkt: semantische Finitheit, als unabhängig von der formalen Artikulation: morphologische Finitheit, in den Blick nahm. Die jüngste Diskussion (z.B. der Band von Nikolaeva, 2007) schließt daran an, jetzt mit einer explizit syntaktischen Modellierung und ihrer semantischen Interpretation: die Semantik wird in formaleren Arbeiten auf die Äußerung bezogen, also die Artikulation einer propositionalen Struktur in einem Sprechakt (� Aussagenlogik); die Syntax ist die formale Modellierung der so geäußerten Sätze, mit ihrer Basis in den grammatischen Strukturen einer Proposition. Finit sind dann Sätze bzw. die mit ihren artikulierten Propositionen. Probleme entstehen dadurch, daß Sätze komplex sein können, also mehr als eine Proposition artikulieren. Das impliziert bei den konstituierenden Propositionen ein Finitheitsgefälle: syntaktischer Abhängigkeit korrespondieren in diesem Sinne Stufen der Finitheit. 1.2. Die entsprechenden neueren Ansätze sind im Rahmen der sog. funktionalistischen Arbeiten entstanden (Functional Grammar von S.Dik u.a., RRG, LFG, einzelne Fachvertreter wie T.Givón u.a.), die dadurch definiert sind, daß hier formale (Konstituenten-) Strukturen und sie interpretierende semantische Strukturen immer schon getrennt, in der Modellierung aber aufeinander bezogen waren. Die Grundstruktur der in den einzelnen Modellierungen dann wieder abweichenden Modellierungen läßt sich wie folgt skizzieren:

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    SEMANTIK SATZ

    Satzmodalität

    Proposition

    engere P. erweiterte P.

    Prädikat Argumente (höhere Prädikate)

    - Illokution - (deiktische) Fundierung (temporal, lokal) -u.a.

    (syntaktisches) Prädikat Komplemente Adjunkte

    Prädikatsverband

    SATZ

    SYNTAX (Konstituentenstruktur) Komplexe Sätze integrieren mehrere Propositionen. Auf der syntaktischen Ebene ist zu unterscheiden - eine enge Integration (Hypotaxe), bei der Konstituenten einer Matrixstruktur (übergeordnete Proposition) selbst propositional ausgebaut sind: Komplement- oder Adverbialsätze bei unmittelbaren Konstituenten; Attributssätze bei mittelbaren (Konstituenten einer Nominalgruppe); - eine lose Integration (Parataxe), bei der unabhängige Satzstrukturen lose verknüpft werden. Bei einer hypotaktischen Konstruktion ist nur die Matrix (voll, maximal) finit, die abhängigen Propositionen partizipieren nur an deren Finitheit, sind also nur abgestuft finit. 1.3. Im übrigen schließt in jüngster Zeit auch die orthodoxe Version der Generativen Grammatik zu dieser Modellierung auf. Für diese ist allerdings definierend, daß die Modellierung auf einer einheitlichen Ebene verläuft, die vor dem Hintergrund des funktionalen Modells als hybrid zu bezeichnen ist: semantische und syntaktische Strukturen werden auf einer Ebene dargestellt, indem abstrakten semantischen Kategorien ein syntaktischer Staus zugewiesen wird: als formale Konstituenten in der syntaktischen Satzstruktur (wie es schon in den frühen Versionen 1957 ff. mit Kategorien / Konstituenten wie Aux, Det u. dgl. der Fall war, die ggf. auch leer sein konnten, in der Weiterentwicklung dann mit einer Inflationierung solcher abstrakter Konstitutenten: I, C ...). Der springende Punkt der neueren Ansätze ist dabei, daß komplexere syntaktische Strukturen (also immer solchen von Satz, die als maximale [und entsprchend intern extrem differenzierte] syntaktiche Sturktur verstanden wird) von entsprechend sematnich interpretierten Sturukturen zugelassen ("lizenziert") werden müssen. DieBasis ist Kernproposition, verstnden als lexikalischer Kopf mit dem von seienr Valenz zugelassenen Konstitutioneen 8Argumenten). Alle weiteren Stururen werden von hierarhisch höheren funktionalen Kpfen zugelssen, zu dengen ggf. Elemente aus der Basis (der VP) hochbewegt

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    weren. Das führt dann zu Strutkurbäumen der folgenden Art (Eizeleiten sind hier nicht auszufhren, sie einige der Beiträge in Nikolaeva 2007; die Terminologie ist hier im Fluß – ich etikettiere den Baum mit den Termini, die sich auch in der funktioalen Tradition finden: eine gewisse Übersetzbarkeit besteht ohnehin; P steht jeeils für "Phrase", den internen Aufbeu dr einzelenn Prahrase mit Kopf, Komplement und Spezifizierer spare ich ein): (SATZ= ILL-P)

    ILL TOP-P

    TOP FOK-P

    FOK AGR-P

    AGR TEMP-P

    TEMP VP

    V NP ... NP Wie hier nur grob angedeutet, wird Finitheit hier aufgespalten in eine Schar funktionaler Köpfe, die die syntaktische Struktur des Satzes bestimmen – insofern eine nicht mehr so verschiedene Modellierung von der in (1.2), aber verbunden mit einem grundsätzlich anderen grammatiktheoretischen Grundverständnis. 1.4. Die semantische und die syntaktische Ebene haben sprachtheoretisch einen unterschiedlichen Status: - die semantische Ebene muß letztlich aus dem Begriff der Sprache abgeleitet werden: sie ist strukturiert durch die Kategorien, die notwendig mit einer Äußerung verbunden sind (das ist der Begriff der Kategorie, der in der antiken Sprachphilosophie, etwa bei Artistoteles, entwickelt wurde). - die syntaktische Ebene ist demgegenüber "blind", letztlich aus den formalen Bedingungen der "Sprachverarbeitung" her zu entwickeln (wie es in der Tradition der Generativen Grammatik noch in dem Postulat von der Autonomie der Syntax zum Ausdruck kam). Das ist im Grundansatz schon in Bühlers Sprachtheorie (1934) entwickelt, der die Interpretierbarkeit einer Äußerung an ihrer zwangsläufigen Fundierung in der Sprechsituation, der Origo des Sprechakts (den mit ihm gesetzten HIER; JETZT; ICH/DU ...) festmachte. Die notwendigen Bestimmtheit jeder Äußerung (und sei sie noch lakonisch unartikuliert), ist von den formalen Bestimmungen zu unterscheiden, die in einer Sprachgemeinschaft eine Äußerung (einen Satz) grammatisch machen: also die semantischen Kategorien, die in einer Sprache grammatisisiert sind. Das ist offensichtlich in erheblichem Umfang auch nicht einfach eine sprachspezifische Frage, sondern den einzelnen Sprachen vorgängig, in der Regel mit kulturellen Arealen definiert. So sind in manchen Arealen die zeitlichen Fundierungen der Äußerungen grammatisiert (in der Tradition der lateinischen Grammatik wurde und wird das als universal postuliert), die in vielen Regionen der Welt nur optionale (nur lexikalisch artikulierbare) Spezifizierungen darstellen; in einigen Regionen sind evidenziale Festlegungen für eine grammatische Äußerung erforderlich (sehr differenziert

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    fast in allen Indianersprachen), die in anderen Sprachen wiederum nur optional sind (etwa durch lexikalische Elemente wie im Deutschen vielleicht, sicher ...); regional sind soziale Relationen ("Höflichkeit") an einer grammatischen Äußerung notwendig und sehr differenziert zu markieren (besonders ausgeprägt im Koreanischen, aber auch im Japanischen und anderen Sprachen dieses Raumes)– anderswo sind dafür nur stilistische (lexikalische) Optionen gegeben usw. Dabei ist nicht nur die Grammatisierung einer entsprechenden semantischen Kategorie, sondern auch die "Körnigkeit" der damit verbundenen Spezifizierung und ihre konkrete Ausprägung wieder kultur- bzw. sprachspezifisch. Eine solche Analyse / Modellierung kann auf der semantischen Seite i.S. des Bühlerschen Modells dargestellt werden. Die Satzmodalität kann (wie in der LFG und ähnlichen Ansätzen) durch eine Menge von Attributen (Funktionen) definiert werden, die Optionen aus bestimmten Werten verlangen: Illokution (Festlegng der Konsequenzen einer Äußerung): Aussage, Frage, Aufforderung Fundierung: Zeitverhältnisse � JETZT

    Referenz � ICH/DU Raumverhältnisse � HIER usw.

    Thematische Orientierung (Informationsstruktur): Thema / Rhema ... u.a. NB: Im Sinne der beiden Seiten der Modellierung in 1.2 sollte auch terminologisch immer strikt getrennt werden, auf welcher ebene man sich bewegt:

    semantische Interpretation grammatische Kategorie Zeit, z.B. Vergnngenheit Tempus, z.B. Präteritum Aufforderung Imperativ usw.

    Die Art, wie Äußerungnen artikuliert werden, hängt von dem situativen Kontext ab – im Prinzip kann man von einer Art Trägheit der Akteure ausgehen, die mit einer Minimierung des Aufwands operieren: Spezifizierungen, die durch den Kontext festliegen, werden nicht gemacht. Das macht ein Problem empirischer Analysen aus, da nicht alle Äußerungen die in der jeweiligen Sprache grammatisierte Struktur zeigen. Die Grammatisierung definiert den jeweiligen Sprachbau im Sinne von Defaults: eine in diesem Sinne spezifizierte Äußerung gilt in der jeweiligen Sprache als interpretierbar – "Abweichngen" davon lassen sich als Überschreiben der Äußerung durch spezifische (kontextuell explizierbare) Bedingungen beschreiben. Umgekehrt gilt eben auch, daß in Sprachgemeinschaften bestimmte Äußerungsstrukturen konventionalisiert sein können, ohne grammatisiert zu sein: ihre Interpretation ist dann an das Vorliegen bestimmter (für alle transparente) situative Bedingungen gebunden, ohne daß eine grammatische Defaultstruktur definiert ist (Beleidigungen, Drohungen, Vorwürfe, Beschimpfungen u.dgl.). Ihre Analyse fällt in die Pragmatik, nicht in die grammatische Beschreibung. 1.5. Grammatische Analysen operieren in einer solchen Modellierung mit Zuordnungen der beiden Strukturen, die sprachspezifisch sehr unterschiedlich grammatisiert sein können. Dabei kann der Sprachbau unterschiedlich harmonisch sein:

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    - die satzmodalen Bestimmungen können auf dem Prädikat operieren und syntaktisch (grammatisch) an ihm ausgedrückt werden – dann entspricht der syntaktische Kopf auch dem semantischen Kopf des Satzes. - diese Bestimmungen können aber auch syntaktisch getrennt artikuliert werden. Ein entscheidender Faktor ist hier der morphologische Bau: Wo morphologische komplexe Wortformen möglich sind, kann deren Variation als "Landeplatz" für die Artikulation grammatisierter Bestimmungen genutzt werden. Diese organisieren sich dann in (abgeschlossenen) Paradigmen, bei denen jeder Term die Negation der anderen Terme im Paradigma ausdruckt (z.B. ist in einem Paradigma mit vier Kasus: Nominativ / Akkusativ / Dativ / Genetiv der Nominativ definierbar als {¬ Akkusativ & ¬ Dativ & ¬ Genetiv }, während bei lexikalischen Termen, z.B. einer Farbbezeichnung wie oliv in diesem Sinne nur definierbar ist: anders als alle anderen Farben (und evtl. noch mehr oder weniger große Ähnlichkeiten zu anderen Farben). Die Organisation in einem Paradigma ist ein zentrales Moment der (diachronen) Grammatikalisierung von Formen, deren Interpretation dann in diesem Sinne auf ihre paradigmatischen Oppositionen beschränkt werden. Hier kommt dann u.U. auch das Wortartenproblem ins Spiel. Formale Markierungen sind zunächst an syntaktische Nuten gebunden. Satzmodale Markierungen werden im harmonischen Fall am syntaktischen Kopf des Satzes, dem Prädikat ausgedrückt: ggf. durch morphologische Elemente mit mehr oder weniger großer syntaktischer Freiheit – groß, wenn das Prädikat als Syntagma aufgebaut ist. Wenn die Nute für den semantischen Kopf des Prädikats (das lexikalische Element, das das Szenario der Proposition aufspannt) aber nicht mehr frei belegbar ist (wie es z.B. in den Munda-Sprachen der Fall ist), wird das Lexikon sortal zerlegt: die spezifische Wortart, die die lexikalische Nute des Prädikats belegt, gilt in der Schul-Tradition als das Wort (lat. verbum) par excellence, das Verb. Bei der dadurch gegebenen engen Bindung der prädikativen Markierungen an die entsprechenden Wortformen kommt es zu dem, was die Schulgrammatik das finite Verb nennt – mit den in den entsprechenden Sprachen im Verlauf der Entwicklung fast immer eintretenden Fusionierungen der Markierungen und damit dem Intransparentwerden der Strukturen. Die Inkorporierung satzsemantischer Bestimmungen in den formalen Aufbau von Wörtern (insbesondere den Prädikaten) ist die Achse der morphologischen Finitheit – mit der Abstufung der Finitheit in Hinblick auf die semantische Finitheit. Auf diese Weise läßt sich, mit der gebotenen typologischen Offenheit, das rekonstruieren, was in der Schultradition als Finitheit angegangen wurde – was man im Sinne dieser Differenzierungen als das Gesamtpaket der grammatischen Finitheit bezeichnen kann.

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    2. RASTER DER FINITHEITSANALYSE � Sprache mit reicher Morphologie (Deutsch) I: semantische Finitheit

    1. Satzmodalität (grammatisierte Äußerungstypen), 1.1. Paradigmatische Oppositionen 1.2. Syntaktische Struktur

    2. Fundierende Kategorien: 2.1. Zeitbezug 2.2. Referentenidentifizierung 2.3. Respektmarkierungen

    3. Informationsstruktur 4. Perspektivierung / Diathese 5. Polarität

    II. Propositionaler Aufbau

    1. verbale Ausrichtung der prädikativen Struktur 2. Aktantenmarkierung 3. Grammatische Isolierung weiterer Szenariofaktoren 4. Propositionaler Ausbau von Konstituenten 5. Parataktische vs. hypotaktische Integration: Finitheitsskala 6. Nichtverbale Nebenprädikationen 7. Taxis

    7.1. Informationsstruktur 7.2. Subjektwahl 7.3. Temporale Taxis

    III. Morphologische Struktur des nuklearen Prädikats

    1. maximale Morphemstruktur 2. Markierung von Abhängigkeit (Skala morphologischer Finitheit) 3. synthetische vs. analytische Prädikate (die Struktur komplexer Prädikate)

    3.1. verbal artikulierte komplexe Prädikate 4. Formdifferenz abhängiger Prädikate als Nebenprädikate im komplexen Satz vs. Mum

    im komplexen Prädikat. IV. Finitheitsprofil

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    3. Strukturskizze: DEUTSCH Dargestellt ist die kodifizierte Variante des Neuhochdeutschen, die mit geringen Abweichungen im deutschsprachigen Raum (also einschließlich Österreichs und der [deutschsprachigen] Schweiz sowie bei Minderheiten in anderen Ländern) als Schriftsprache genutzt und vor allem auch in den Schulen unterrichtet wird. Sprechsprachliche Variationen mit einer unterschiedlichen regionalen Ausprägung werden gelegentlich angeführt. 0. Das Deutsche ist i.S. von (1.4.) oben eine weitgehend harmonische Sprache, die die Grammatisierung der Finitheitskategorien in großem Maße (aber nicht ausschließlich) als Markierungen am syntaktischen Kopf, also dem Prädikat vornimmt, entsprechend einer sortalen Zerlegung des Lexikons mit einer dafür spezialisierten Wortart Verb. I: semantische Finitheit

    1. Satzmodalität (grammatisierte Äußerungstypen), 1.1. Paradigmatische Oppositionen Bei den Äußerungstypen sind drei Formen des Prädikats paradigmatisch differenziert: Indikativ, Potential, Imperativ. Als Beispiel die Formen der 2.Sg. Präsens: Indikativ (du) geh-st Potential (du) geh-est (ging-est) Imperativ geh_ In Hinblick auf das relativ wenig differenzierte Paradigma ist der Indikativ der unmarkierte Term, der nur in entsprechenden Kontexten einen Geltungsanspruch artikuliert, den der Sprecher auch zu verantworten hat. Die gleiche Form wird auch mit anderen Äußerungs“illokutionen“ benutzt (Wiedergabe von Drittäußerungen, Reproduktion von stereotypen Texten u.dgl.). Potential meint hier den explizit suspendierten Geltungsanspruch des Indikativs, etwa bei Vermutungen, Wünschen („Optativ“) u.dgl. Jetzt könnte Hans schon unterwegs sein. Wäre ich doch nur schon zuhause. Wie auch bei diesen Beispielen wird beim Potential i.d.R. der markierte (zweite) Stamm genutzt: Die verbreitete Schwa-Synkope / Apokope neutralisiert sonst den Unterschied zum Indikativ. Die Möglichkeiten, einen Potential bzw. einen eingeschränkten Geltungsanspruch zu artikulieren, werden erheblich erweitert durch den "insubordinierten" (N.Evans) Gebrauch von formal hypotaktischen Propositionen ohne Matrix (zu den Markierungen s. II.4): Ob ich mal zum Arzt gehe? Wenn Sie sich vielleicht die Hände waschen möchten? Solche Äußerungen lassen sich zwar mit einer entsprechenden Matrixkonstruktion "vervollständigen" ( ob ..., Wenn ... , daß ...), aber diese Ergänzungen sind nicht eindeutig, insofern handelt es sich im strengen Sinne nicht um Ellipsen. Sie sind sie in erheblichem Maße konventionalisiert als markierte (evaluative) Alternativen zu indikativischen Aussageformen, mit denen der Sprecher sich nicht (weniger) bindet: Daß du immer noch Witze machen kannst! � daß...

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    So vor allem auch in Gesprächssituationen als Bestätigung des Gegenüber und Einladung zur Fortsetzung einer Darstellung: Daß du dich da nicht wohl gefühlt hast. � daß ... Imperative artikulieren Aufforderungen, die an den Angesprochenen gerichtet sind. Wo das auschließlich der Fall ist, wird das zumeist nur durch den reinen Verbalstamm artikuliert, der die Interpretation als Imperativ Sg. erhält. Die Interpretation als 2. Person läßt sich mit der Kontrolle des reflexiven Pronomens begründen, die vom Subjekt kontrolliert wird: Wasch dich gründlich ! NICHT *Wasch sich gründlich ! Bei Verben mit Vokalunterschieden im Präsensstamm wird die Form des Stamms genommen, die auch in der 2.S fungiert: nimm! wie (du) nimm-st, nicht *nehm! (aber substandard helf ! neben hilf !). Bei nicht-exklusiver Referenz tritt die gleiche Pluralmarkierung wie im Indikativ an: schreib_ ! (IPT.S) – schreib-t ! (IPT.P) Die kontextuelle Eindeutigkeit der Aufforderungssituation erlaubt es auch, Infinitive als Konkurrenzformen zu Imperativen zu nutzen: los, rennen! für rennt!. Das Spektrum der paradigmatischen (grammatisierten) Kontraste kann mit lexikalischen Prädikaten erweitert werden. Diese können adverbial adjungiert werden (i) oder auch als Matrixprädikat über der Proposition (als ihrem Subjekt) prädiziert werden (ii): (i) Hans kommt vielleicht (ii) Daß Hans kommt, ist möglich ~ Es ist möglich, daß Hans kommt 1.2. Syntaktische Struktur Mit der Ausnahme von Imperativen sind alle Satztypen syntaktisch zweigliedrig, mit der Struktur von Subjekt – Prädikatsverband. Diese zweigliedrige Struktur operiert als formaler Filter, der ggf. ein expletives Subjekt verlangt, wenn das Prädikat kein Argument mit einer semantischen Rolle im Szenario aufweist: es regnet Dabei ist die indikativische Form der Äußerung (Aussage) durch die Schaffung eines grammatisierten Thema- (Topik-) Feldes markiert, entsprechend der Zweit-Position des finiten Verbs, s. (I.4). Diese Struktur fehlt bei den markierten Äußerungstypen. Aufforderungen erlauben nur als (höfliche) Form der Abschwächung die Adjunktion eines Subjektpronomens: Hol du (doch) die Zeitung ! Hortative nutzen diese Struktur mit der Adjunktion eines inkongruenten Pronomens: Laßt uns (doch) ins Kino gehen ! (vgl. Geht ihr doch ins Kino!) Falls in Aussagesätzen kein Topik artikuliert werden soll (in sog. thetischen Sätzen) kann das Verb auch initial stehen (i) bzw. das Vorfeld expletiv gefüllt werden (ii – vor allem in literarischen Formen): (i) Kommt Hans neulich in die Kneipe und .... (ii) Es war einmal ein König, der ...

    2. Fundierende Kategorien: 2.1. Zeitbezug

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    Grammatisiert ist der Zeitbezug bei Aussage- und Fragesätzen (bei den letzteren in Hinblick auf die präsupponierte Aussage). Die anderen markierten Äußerungstypen haben eine nur implizierte zeitliche Interpretation (unmittelbare Zukunft bei Imperativen u.ä.). Die Grundstruktur zeigt sich bei den synthetischen Formen: Präteritum (ich) kauf-te / (ich) ging Nicht-Präteritum (ich) kauf-e / (ich) geh-e Das Nicht-Präteritum ist die unmarkierte Form mit einem großen Spektrum von (formal unbestimmten) Interpretationen: Die Erde dreht sich um die Sonne Im Jahre 44 überschreitet Caesar den Rubicon u.a. Dazu gehört insbesondere auch eine zukünftige Interpretation, die durch adjungierte lexikalische Elemente verdeutlicht werden kann: Kommst du morgen zum Abendessen? – Ich komme ganz bestimmt. Daneben besteht die Möglichkeit einer analytischen Futurperiphrase aus finiten Formen von werden + Infinitiv: Ich werde morgen zum Abendessen kommen. Bei den Vergangenheitsmarkierungen erschließen Periphrasen mit dem (resultativen) Partizip (gebildet mit dem Präfix ge-) weitere Differenzierungen, in den Grammatiken als Perfektformen bezeichnet. Dabei erlaubt die Flexion des Auxiliars (abhängig vom Verbalcharakter des modifizierten Verbs haben oder sein) relative Tempusabstufungen: Perfekt er hat getanzt er ist gekommen Plusquamperfekt er hatte getanzt er war gekommen Diese relative Differenzierung kann auch die Futurperiphrase artikulieren (futurum exactum): Hans wird zu Abend gegessen haben, wenn er morgen auf Besuch kommt. Das modifizierte Verb strukturiert dabei in der Regel das Szenario mit seiner Valenz, während das modifizierende Verb darauf keinen Einfluß hat, unabhängig auch von seiner eventuellen Valenzstruktur beim Gebrauch als eigenständiges Prädikat, vgl. das transitive haben im Deutschen (i) als Koverb in einem intransitiven Prädikat (ii) vs. transitiven Prädikat (iii): (i) Hans hat einen Hund. (ii) Hans hat getanzt (iii) Hans hat seinen Hund gefüttert Umgangssprachlich ist die Differenz von Perfekt und Präteritum neutralisiert. Vor allem im süddeutschen Raum werden die Perfektformen als Defaultartikulation des Präteritums genutzt (die synthetischen Formen sind dann auf finite Formen in komplexen Prädikaten beschränkt, s. III.3.1) 2.2. Referentenidentifizierung Die Referentenidentifizierung erfolgt in Hinblick auf die Pole der Sprechsituation, traditionell als die verschiedenen „Personen“ bezeichnet: Sprechsituationsbeteiligt SPRECHER (1) HÖRER (2) - nicht beteiligt „DRITTE PERSON“ (3)

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    Die Artikulation dieser Pole erfolgt durch pronominale Formen, beim Hauptaktanten (Subjekt) auch in der Flexion des finiten Verbs im Prädikat (s. II.5). Deskriptive Prädikate können mit der Markierung der dritten Person fusionieren: artikuliert in nominalen Konstituenten, mit einem substantivischen Kopf und ggf. adjektivischen Attributen: Er kommt ~ der alte Mann kommt Bei der 1. und 2. Personen können deskriptive Prädikate nur adjungiert werden: ich Idiot habe ihm auch noch Geld geliehen Grammatisch isoliert sind bei den deskriptiven Attributen: Numerus: Singular und Plural (bei der ersten und 2. Person zu interpretieren als: nicht nur einzeln) Genus als formale Klassenmarkierung, die nur bei referenziellem Bezug auf belebte Referenten als Sexus interpretiert wird: Maskulin, Feminin und Neutrum Am verbalen Kopf wird nur die Numerusdifferenzierung (für das Subjekt) artikuliert. 2.3. Respektmarkierungen Respektmarkierungen sind nur für den Bezug auf den Angesprochenen am verbalen Kopf grammatisiert: Sie werden indirekt artikuliert, durch den pronominalen Bezug und die entsprechende Personalmarkierung am finiten Verb in der 3. Person Plural: + Respekt Kommen Sie morgen zum Abendessen ? - Respekt Kommst Du morgen zum Abendessen ? Weitere Respektdifferenzierungen werden lexikalisch (durch die Wahl der deskriptiven Prädikate) artikuliert.

    3. Informationsstruktur Die Informationsstruktur wird im Aussagesatz durch die grammatisierte Nutzung der Thema / Rhema-Struktur artikuliert. Korrelativ zur Zweit-Stellung des finiten Prädikats (-teils) wird ein Topik artikuliert: (Was war gestern los?) – Gestern waren wir im Kino (Wer bringt den Abfall runter?) – Den Abfall soll Egon runterbringen. Zur thetischen Suspendierung dieser Thema-/ Rhema-Struktur s. 1.2. Der Fokus liegt im Rhema-Feld und wird dort durch den Satzakzent markiert: Hans hat im Supermarkt einen Kasten BIER gekauft Prosodische Markierungen (kontrastive Akzente) können diese Stellungsstruktur überschreiben. Als zusätzliche Markierungen können Fokuspartikel genutzt werden, die dem fokussierten Element vorausgehen: Hans hat im Supermarkt sogar BIER gekauft Diese thematische Ausrichtung kann unabhängig auch mehrfach in einem komplexen Satz erfolgen, mit einer parataktischen Integration mehrer Propositionen: (i) Hans kommt heute nicht, weil er ist immer noch krank (ii) Hans kommt heute nicht, weil er immer noch krank ist

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    Bei (i) wird die reguläre Topik-Position vor dem finiten Pädikat durch das Pronomen er belegt, während die hypotaktische Konstruktion bei (ii) ein solches thematisches Feld nur in der Matrix aufweist, s. 7.1. Die markierten Äußerungstypen grammatisieren die satzinitiale Position für die Fokusartikulation: Bei Fragesätzen mit satzmodalem Skopus (durch die Polarität artikuliert), ebenso wie bei Aufforderungssätzen und bei markierten Wunschsätzen steht das finite Prädikat initial: Kommt Hans heute ? Komm mit nach Osnabrück! Käme Hans doch jetzt schon ! Bei Fragesätzen mit einer Ergänzung im Skopus steht das entsprechende Fragewort (Q-Element) initial: Wann kommt Hans?

    4. Perspektivierung / Diathese Eine Perspektivierung der Artikulation der Proposition ist durch die Auswahl eines Hauptaktanten als Subjekt des Satzes grammatisiert. Die Auswahl dieses Aktanten im Szenario der Proposition ist eine Funktion der Diathese-Option, die über zwei Verbargumenten operiert: Dem Argument mit der stärksten Kontrolle über das Szenario auf der einen Seite, und der von der Verbsemantik geforderten Ergänzung, dem Verbgegenstand, auf der der anderen Seite (meist „thematisches Objekt“ genannt). Im Defaultfall, in der aktiven Diathese, werden diese als Subjekt und direktes Objekt artikuliert (i), im markierten Fall, der Passiv-Diathese, die durch ein periphrastisches Prädikat mit dem resultativen Partizip gebildet wird, wird der Verbgegenstand Subjekt und das kontrollierende Argument fakultativ als periphere Ergänzung artikuliert (als Objekt einer Präposition), vgl. (ii): (i) Emma schenkte Hans einen schnellen Wagen zum Geburtstag (ii) Der schnelle Wagen wurde Hans (von Emma) zum Geburtstag geschenkt Die Funktion der Diathesevariation ist eine Verschiebung des Vordergrund- / Hintergrundverhältnisses im Satz. Sie überschneidet sich mit den weiteren Optionen der Informationsstruktur. Im Aussagesatz ist die Passivstruktur daher markiert und weitgehend der förmlichen Schriftsprache vorbehalten. Anstelle von (ii) findet sich daher meist eher (iii): (iii) Den schnellen Wagen schenkte Emma Hans zum Geburtstag

    5. Polarität Polarität wird im Defaultfall durch eine Partikel nicht artikuliert, die „adverbial“ das Prädikat modifiziert: Hans kommt heute nicht. Die Artikulation von Polarität ist mit der Informationsstruktur amalgamiert: Die Negationspartikel kann einen engen Skopus haben und steht dann vor der entsprechenden Konstituenten: weiter Skopus Hans kauft das Auto nicht enger Skopus Hans kauft nicht das Auto (sondern das Fahrrad) Bei engem Skopus kann die Negation mit dem determinierenden Element der NP fusionieren (morphologisch analysierbar als k- + eine flektierte Form von ein-): Hans kauft kein Auto

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    II. Propositionaler Aufbau

    1. verbale Ausrichtung der prädikativen Struktur Propositionale Strukturen werden durch ein nukleares (syntaktisches) Prädikat gebildet, dessen semantischer Kopf ein Verb ist. Dieses Verb (bei komplexen Prädikaten: eine Verbform im Prädikat, s. III.3.1.) bindet im Prädikat den funktionalen Kopf des Satzes: die Markierung der satzmodalen Spezifizierungen von I.1. und I.2. Diese verbale Formatierung der nuklearen Prädikation ist im Deutschen eine Wohlgeformtheitsbedingung, der auch Äußerungen unterliegen, die im Verb kein semantisches Prädikat artikulieren: Kopula bei nominalen Prädikaten Hans ist alt Possessive Verben Hans hat ein Auto Präsentative Verben Es gibt dort einen alten Baum. Nicht-verbale Prädikationen finden sich nur marginal, beschränkt auf bestimmte Kontexte, in der Regel dann auch mit besonderen prosodischen Markierungen: (i) Ich und Bier trinken ? (ii) Jeden morgen dasselbe: schnell frühstücken und dann raus an den Strand Dabei lassen sich Quasi-Prädikate ausmachen: und in binomischen Ausdrücken wie (i), Infinitive und Verbalpartikel (vgl. rauslaufen) wie in (ii). Abgesehen von idiomatisch festen Ausdrücken verlangt ein Satz (mindestens) ein maximal finites nukleares Prädikat (eine entsprechende Verbform), s. I.1. Ausdrücke (Sätze) wie (iii) können nicht produktiv gebildet werden: (iii) Mitgefangen, mitgehangen.

    2. Aktantenmarkierung Ein maximal finites Verb ist für den Hauptaktanten, das Subjekt, und nur für dieses markiert. Die Szenario-Optionen sind lexikalisiert. Nur marginal (lexikalisch beschränkt) bestehen Wortbildungsmöglichkeiten, die Familien von Szenarien bündeln: Kausative Bildungen intransitiv: die Bäume fallen / transitiv: Du fällst die Bäume Applikative Bildungen unmarkiert: er lädt Heu auf den Wagen / applikativ: er belädt den

    Wagen mit Heu Die meisten dieser Bildungen sind nicht transparent und nur noch etymologisch als solche definierbar (sitzen ~ setzen u.dgl.). Als kausative Bildungen mit einem komplexen Prädikat können aber Konstruktionen mit lassen angesehen werden (mit einem nicht erweiterten Infinitiv als Mum, s. III.4): Hans läßt Emma warten Umgangssprachlich findet sich die Klitisierung von Objektpronomina, regulär so bei der Artikulation des Verbgegenstands (es), dem sogar die Orthographie Rechnung trägt: Er gibt’s mir morgen zurück.

    3. Grammatische Isolierung weiterer Szenariofaktoren Verlaufsqualitäten des propositional artikulierten Szenarios werden am Prädikat durch Partikel artikuliert , die in vielen Fällen trennbar sind und dadurch an den Rahmenbildungen

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    komplexer Prädikate partizipieren. In den meisten Fällen ist mit diesen Partikeln ein perfektiver Verbalcharakter verbunden: imperfektiv er jagt einen Hasen (� er hat den Hasen nicht) perfektiv er erjagt einen Hasen (� er hat den Hasen) Zur Trennbarkeit (Tmesis) vgl. Das Auto wird gleich anfahren ~ das Auto fährt gleich an Im Gegensatz zu solchen lexikalisierten Artikulationen (Aktionsarten) sind Aspektoppositionen nur regional grammatisiert: - vor allem im norddeutschen Raum ein Perfekt, gebildet in einem komplexen Prädikat mit

    dem resultativen Partizip, s. I.2.: Hans hat den Wagen geputzt (� der Wagen ist sauber) ≠ Hans putzte den Wagen (NICHT NOTWENDIG � der Wagen ist sauber)

    - im Substandard vor allem der norddeutschen Umgangssprache ein Progressiv / Durativ in einem komplexen Prädikat mit der durch die Partikel am augmentierten Form des Infinitivs, s. III.1.:

    Hans ist den Wagen am=putzen Die Auxiliare in diesen aspektuellen Periphrasen sind temporal modifizierbar: Hans war den Wagen am=putzen, Hans wird den Wagen am=putzen sein ...

    4. Propositionaler Ausbau von Konstituenten Jede nominale Ergänzung einer Proposition kann ihrerseits propositional ausgebaut werden: valenzgebundene Komplemente (a,b), Adjunkte (c,d) und Attribute in NPs (e,f). Beispiele für den Ausbau:

    (a) Subjekt (a1) finit Daß Hans zu Besuch kommt, freut mich (a2) infinit ?Morgen in Urlaub zu fahren, freut mich

    Komplement

    (b) Objekt (b1) finit Ich hoffe, daß Hans zu Besuch kommt (b2) infinit Ich hoffe, morgen in Urlaub zu fahren

    (c) (finit) Wenn Hans zu Besuch kommt, machen wir ein großes Essen Adjunkt (d) (infinit) Von der Arbeit zurück(gekommen) setzte sich Hans vor den

    Fernseher (e) (finit) Hans, der von der Arbeit erschöpft war, setzte sich vor den

    Fernseher Attribut

    (f) (infinit) Der von der Arbeit erschöpfte Hans setzte sich vor den Fernseher

    Propositional ausgebaute Konstituenten haben als Nebenprädikationen keine unabhängige satzmodale Spezifizierung. Sie haben keine unabhängige Informationsstruktur und sind durch eine besondere Konstituentenfolge grammatisch definiert: ein finiter Prädikatsausdruck steht bei ihnen final (a, b, c, e), s. auch die parataktische Integration mit einer homonymen Markierung in I.3. Hinzu kommen besondere Markierungen für die abhängigen Prädikate (s. II.5).

    5. Parataktische vs. hypotaktische Integration: Finitheitsskala Der Ausbau eines Satzes durch mehre Prädikationen geschieht auf einer Finitheitsskala, die über den Nebenprädikationen in den folgenden Beispielen definiert ist, die durch das

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    (deskriptive) Prädikat BERGSTEIGEN artikuliert sind, mit einer Ordnungsrelation (a < b < ... < f): (a) das Bergsteigen (b) das Besteigen des Berges (c) das den Berg Besteigen (d) [er fuhr los] um den Berg zu besteigen (e) [er war zufrieden] als er den Berg bestiegen hatte (f) [jetzt war er zufrieden] denn er hatte den Berg bestiegen Die extremen Möglichkeiten sind bei (a) und (f) geben. Bei (f) ist die Grenze der Nebenprädikation überschritten: Hier handelt es sich um eine parataktische Integration von Sätzen, nicht um eine hypotaktische Integration von Propositionen: entsprechend erlauben beide Propositionen hier eine unabhängige satzmodale Situierung, und beide sind durch die („Hauptsatz“-) Wortstellung artikuliert (Verb-zweit), die eigene Topikalisierungsmöglichkeiten eröffnet. (d) und (e) zeigen eine hypotaktische Integration einer Nebenprädiaktion. Bei (e) wird mit der finiten Verbform nur noch die Taxis artikuliert (hier: vorzeitig zur Hauptprädikation, s. (5)), aber keine eigene Situierung. (e) erlaubt mit dem finiten Neben-Prädikat eine unabhängige Artikulation des Hauptaktanten, während dieser bei (d) mit einem infiniten Neben-Prädikat elliptisch „eingespart“ ist und über eine Kontrollbeziehung durch das Szenario der Hauptprädikation festliegt. (c) ist der Grenzfall einer propositionalen Artikulation: das Verbalnomen (Bergsteigen) hat noch ein explizit artikuliertes Szenario, festgemacht an der adverbalen Kasusmarkierung seiner Argumente (hier: Akkusativ bei den Berg); demgegenüber zeigen (b) und (a) nicht die syntaktische Form einer Prädikation sondern eines nominalen Komplements zu einem syntaktischen Prädikat: das semantische Komplement (der Verbgegenstand von STEIGEN) ist bei (b) nominal adjungiert (mit dem adnominalen Kasus Genitiv), bei (a) ist es inkorporiert (in einem Nominalkompositum). Eine weitere Möglichkeit zur infiniten Artikulation einer Nebenprädikation besteht im Deutschen durch gerundiale (konverbale) wie zurückgekommen in (4.d) und partizipiale (attributive) Bildungen wie erschöpft in (4.f.). Sie gehören allerdings von einigen idomatisierten Wendungen abgesehen weitgehend nur dem schriftsprachlichen Register an, wie es auch für die verbale Rektion bei einem Verbalnomen oben in (c) gilt. In der gesprochenen Sprache sind außer Infinitivkonstruktionen wie bei (d) nur finite Nebenprädikationen üblich. S. aber auch I.1 zum "insubordinierten" (N.Evans) Gebrauch von formal hypotaktischen Propositionen.

    6. Nichtverbale Nebenprädikationen Während die Artikulation eines Hauptprädikats strikt verbal ausgerichtet ist (II.1) können Nebenprädikationen nominal artikuliert werden, ohne daß eine (verbale) Kopula die Prädikation markiert: sog. prädikative Ergänzungen als Adjunkte mit einem Aktantenbezug (Depiktive), die in das verbal artikulierte Szenario nur eingebunden sind, nicht aber das Verb modifizieren (wie adverbiale Adjunkte) Hans kam froh nachhause � Hans war froh Hans trinkt den Kaffee schwarz � der Kaffee ist schwanz

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    Die Grammatisierung dieser depiktiven Ergänzungen macht auf der Formseite keinen Unterschied zu adverbialen Modifikationen: weder in der Konstituentenfolge (im Defaultfall im Nachfeld des finiten Verbs) noch in der invariablen morphologischen Form, die sie von attributiven Adjunkten unterscheidet, vgl. Der frohe Hans kam nachhause Hans trinkt den schwarzen Kaffee

    7. Taxis Dem Grad der Integration der Nebenprädikationen auf der Finitheitsskala entsprechen grammatisierte Partizipationen an den Spezifizierungen der Matrix des Satzes bzw. des Hauptprädikats. 7.1. Informationsstruktur Die Informationsstruktur artikuliert den gesamten Satz. Ein Topik-Feld ist nur durch die Verb-Zweit-Stellung des Hauptprädikats (also im Matrixsatz) definiert. In den markierten Fälle mit anderer Verbstellung ist die informationsstrukturelle Gliederung neutralisiert: Das gilt sowohl für die Verb-erst-Stellung in Frage- und Aufforderungssätzen, bei denen die initiale Fokusposition fest belegt ist (bei Fragesätzen alternativ mit dem Q-Element); das gleiche gilt für abhängigen Propositionen, bei denen im Defaultfall das Prädikat die Verb-letzt-Stellung einnimmt; und auch für den markierten Fall des Konditionals mit Verb-erst-Stellung: Kommt Hans heute zum Abendessen, gibt es Reibekuchen In solchen Fällen können informationsstrukturelle Markierungen nur mit nicht grammatikalisierten Mitteln artikuliert werden, durch Fokuspartikel und kontrastive prosodische Markierungen). In der gesprochenen Sprache sind ohnehin auch Frage- und Aufforderungssätze mit der Konstituentenstruktur von Aussagesätzen üblich, bei denen die illokutionäre Markierung prosodisch erfolgt. Dadurch daß informationsstrukturelle Markierungen über der gesamten Satzdomäne operieren, können sie auch Elemente integrierter Propositionen erfassen (θ: Thema, ρ: Rhema, F: Fokus, T: Topik, KON: Kontrast): [Das Bier]θ [ist im KühlschrankF]ρ [Im Kühlschrank]θ [ist BierF]ρ [Im KÜHLschrankF.KON]θ [ist BierF]ρ [[Wenn noch BierT da ist,]θ [ist es im KühlschrankF]ρ Von der normativen Grammatik nicht gebilligt sind „syntaktische Finitisierungen“ integrierter Propositionen durch die Verb-zweit-Stellung bei „nicht-lizenzierten“ Konjunktionen wie weil (s. I.3.): (i) [Hans kann heute nicht kommen] weil er krank ist (ii) [Hans kann heute nicht kommen] weil er ist krank

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    Der weil-Satz in (i) ist indikativisch, also semantisch-(maximal) -finit , während er bei (i) nur eine adverbiale Spezifizierung der Hauptprädikation artikuliert (bei (i) behauptet der Sprecher auch die integrierte Proposition er ist krank). Insofern ist (ii) parataktisch. 7.2. Subjektwahl Die (unabhängige) Spezifizierung des Subjekts einer (Neben-)Prädikation ist an die finite Artikulation ihres Prädikats (mit der personalen „Registrierung“ des Subjekts in der Verbform) gebunden. Ein infinites (Neben-) Prädikat erlaubt im Deutschen i.d.R. keinen Subjektsausdruck (vgl. 5. [d]). Dadurch kommt es bei Prädikaten, die sowohl die Option der Referenzidentität wie der Referenzverschiedenheit der Subjekte beim Matrix- wie beim abhängigen Prädikat haben, zu einer konstruktionellen Desambiguierung: abhängiger Infinitiv abhängiges finites Prädikat gleiches Subjekt ich will kommen ? ich will, daß ich komme verschiedenes Subjekt *ich will er (ihn) kommen ich will, daß er kommt Konstruktionen wie in Ich will, daß ich komme sind allenfalls zur kontrastiven Fokussierung möglich. In lexikalisch eingeschränkten Fällen kann ein unabhängiger Hauptaktant auch bei einer Infinitivkonstruktion artikuliert werden; er steht dann allerdings nicht im Nominativ („Subjektskasus“), sondern im Akkusativ (sog. AcI-Konstruktion), vgl. (NPr = Nebenprädikation): Emma sieht [ihren Mann auf den Berg steigen]NPr 7.3. Temporale Taxis Die temporale Markierung einer integrierten Nebenprädikation partizipiert an der Situierung des Satzes durch das Hauptprädikat und artikuliert nur noch eine relative zeitliche Einordnung (Taxis): - Simultanität durch eine kongruierende Markierung - Vorzeitigkeit durch eine komplexes Prädikat mit einem resultativen Partizip - Nachzeitigkeit durch ein komplexes Prädikat mit einer Futurperiphrase (i.d.R. mit einer

    Potentialis-Form: würde). simultan [er war zufrieden] als er den Berg bestieg vorzeitig [er war zufrieden] als er den Berg bestiegen hatte nachzeitig [er war zufrieden] daß er den Berg besteigen würde Die ältere Schulgrammatik verlangte nach dem Muster der lateinischen consecutio temporum eine differente temporale Markierung des Prädikats im abhängigen Satz vor allem auch bei der indirekten Rede: Hans sagt, daß Emma heute zu Besuch komme Hans sagte, daß Emma heute zu Besuch käme Im heutigen Sprachgebrauch (auch schriftsprachlich) wird dieser Unterschied nicht gemacht – zugunsten einer neutralisierten Artikulation: - entweder mit der markierten Form des abhängigen Prädikats (s.I.1.), u. U. auch in der

    noch stärker markierten analytischen Form: Hans sagt, daß Emma heute zu Besuch käme Hans sagt, daß Emma heute zu Besuch kommen würde

    - oder durch die Neutralisierung des Kontrastes bei der unmarkierten (Indikativ-) Form: Hans sagt, daß Emma heute zu Besuch kommt

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    III. Morphologische Struktur des nuklearen Prädikats

    1. maximale Morphemstruktur Das Paradigma der prädikativen Verbformen wird durch komplexe Prädikatsbildungen erweitert, s. (3). Die Bildung der synthetischen Formen geschieht durch Suffigierung, die durch Fusionierungen z.T. intransparent ist. Die produktiven Bildungen sind allerdings weitgehend transparent (mit der Angabe der Funktion der Affixe):

    VERBSTAMM (V) + TEMPUS (T) + MODUS (M) + PERSON (P) Der Verbstamm "projiziert" das Szenario der Proposition. Die paradigmatischen Kontraste sind z.T. minimalistisch artikuliert: nur die markierten Formen haben offene Affixe, die mit unmarkierten Formen kontrastieren, die in einer transparenten Modellierung durch entsprechende ∅-Elemente repräsentiert werden können (Beispiele der 2. Ps. Sg. (du ___)):

    V T M P Präs.Indikativ kauf- -∅- -∅- -st Präs.Subjunktiv kauf- -∅- -e- -st Prät. Ind. ~ Subj. kauf- -te- -∅- -st

    Der Verbalstamm kann morphologisch komplex sein, sowohl durch semantisch opake Formative wie semantisch funktionale Affigierungen. Suffixerweiterungen sind in Hinblick auf die Finitheitsartikulation opak, - sowohl da, wo sie die syntaktische Funktion markieren wie bei denominalen

    Bildungselementen, z.B. –ier- in [haus+ier-]V : sie hausieren, - wie da, wo sie Aktionsarten-Markierungen bilden, wie bei dem diminutiven –(e)l- in

    [tropf+el (+PAL)-]V : sie tröpfeln. Präfixerweiterungen artikulieren dagegen aspektuelle Differenzierungen, s.o. (II.3.) zu den trennbaren Verbalpartikeln. Dazu gehört insbesondere auch das resultative Präfix ge- bei den infiniten (partizipialen) Bildungen (ge+kauf+t) wie das Augment am= des Infinitivs in der Progressiv-Paraphrase (ich bin am=laufen). Die Bildungen einer nicht mehr produktiven Klasse von Verben (die „starken Verben“ der Grammatik) bilden ihre Kontraste durch intern variierte Tempusstämme („Ablaute“, markiert durch V*), vgl.

    V T M P Präs.Indikativ ruf- -∅- -∅- -st Präs.Subjunktiv ruf- -∅- -e- -st Prät. Ind. rief- V* -∅- -st Prät. Subj. rief- V* -e- -st

    Dieses formal stärker differenzierte Paradigma wird i.d.R. auch für die koverbalen Köpfe (Auxilare, Modalverben, Funktionsverben) in komplexen Prädikaten genutzt, s. III.3. In der gesprochenen Sprache ist zumindest der Subjunktiv Präsens ungebräuchlich (der bei dem weitgehenden Schwa-Schwund in diesen Formen ohnehin in den meisten Fällen nur in der 3.Sg. von den indikativischen Formen verschieden ist: er geht 3.Sg. Ind. vs. er gehe 3.Sg. Subj., aber ich gehe 1.Sg. Ind. ~ Subj.). Da wo der Subjunktiv markiert wird (vor allem in den Potentialis-Funktionen, s. I.1.), wird er zunehmend durch die würde-Periphrase ersetzt.

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    2. Markierung von Abhängigkeit (Skala morphologischer Finitheit)

    Auch bei abhängigen Prädikaten besteht die Option einer temporalen Markierung (als Taxis) – im Gegensatz zu unabhängigen Prädikaten aber nicht zur zeitlichen Situierung der Äußerung. Eine weitere Schwelle besteht bei der personalen (und z.T. damit fusioniert) der illokutiven Markierung. Setzt man propositionale Abhängigkeit mit semantischer Infinitheit gleich und nimmt man den Subjunktiv zu der Finitheitskala von II.5 hinzu, ergibt sich die folgende Abstufung:

    morpholog. finit semant. finit T M P

    verbal

    (a) das Bergsteigen - - (b) das Besteigen des Berges - - (c) das den Berg Besteigen - + (d) um den Berg zu besteigen - - - - + (e) daß er den Berg besteige - + (Taxis) - + + (f) als er den Berg bestiegen hatte - + (Taxis) - + + (g) denn er hatte den Berg bestiegen + + + + +

    Die semantische Finitheit ist grundsätzlich unabhängig von der morphologischen: (e) – (f) sind morphologisch finit, aber semantisch infinit. Bei (a) – (c) blockiert die nominale Artikulation des deskriptiven Prädikats STEIGEN die Möglichkeit morphologischer Finitheit – insofern sind dort auch keine entsprechenden Werte eingetragen. Abgesehen von dem weitgehend obsolet gewordenen Subjunktiv (e) ist der eindeutige Fall morphologisch markierter Abhängigkeit (d) mit einem Infinitiv, dessen Form im Kontrast zur Morphemstruktur finiter Verbformen wie folgt dargestellt werden kann: finites Verb als Prädikat ∅- + TEMPUS + MODUS + PERSON Infinitiv als Prädikat zu=

    VERBSTAMM + en

    Der Infinitiv ist eine invariante Form, insofern einer Partikel gleichzusetzen – allerdings intern in seiner Bildung durch das Suffix –en transparent. Zu dem prädikativen Augment zu s. III.4.

    3. synthetische vs. analytische Prädikate (die Struktur komplexer Prädikate) 3.1. verbal artikulierte komplexe Prädikate Die Erweiterung des prädikativen Paradigmas erfolgt durch periphrastische Konstruktionen, in denen nur der funktionale Kopf (das Mans) morphologisch finit ist, während das modifizierte Element (das Mum) morphologisch infinit ist. Das nukleare Prädikat, das das Szenario der Proposition bestimmt (als Verbstamm die Valenzstruktur der propositionalen Ergänzungen), wird als Mum artikuliert. Die Struktur des komplexen Prädikats (KPr) ist also

    [Vfin (= Mans) + Vinf (= Mum)]KPr Die koverbalen Modifkationen können ihrerseits wieder komplex artikuliert werden, wobei der gleiche Finitheitsfilter operiert: Nur der oberste Kopf dieser Koverben ist finit, die anderen werden infinit „abgestuft“. In morphologischer Hinsicht kann ein komplexes Prädikat

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    also die unbegrenzte Folge annehmen (* ist der Kleene-Stern, der die beliebige Iteration eines Elementes markiert):

    [Vfin (= Mans) + Vinf * (= Mum)]Mans + Vinf (= Mum)] KPr Komplexe Prädikate mit mehr als zwei koverbalen Modifikatoren sind allerdings selten, vgl.

    Hans wird singen Hans wird singen wollen Hans wird singen gewollt haben ...

    Die semantischen Funktionen liegen in - der Erweiterung der Tempusmarkierung (s.o. I.2.1. zu Futur und Perfekt) - illokutionären Modifikationen wie z.B. beim „epistemischen“ können (morgen kann es

    regnen) - in dispositiven Modifikationen des Szenarios wie z.B. beim deontischen müssen (Hans

    muß arbeiten) u.a. In der syntaktischen Struktur artikulieren diese komplexen Prädikate die Differenz zwischen unabhängigen und abhängigen Propositionen. In unabhängigen Propositionen bilden sie einen syntaktischen Rahmen für die Ergänzungen zum Prädikat, in abhängigen Propositionen bilden sie eine finale Kette, in spiegelverkehrter Abfolge zur hierarchischen Ordnung. Im Aussagesatz steht der finite Prädikatsteil in Zweitposition und eröffnet damit das Topikfeld:

    V-zweit Hans wird bei der Geburtstagsfeier singen gewollt haben unabhängig V-erst Wird Hans bei der Geburtstagsfeier singen gewollt haben

    abhängig V-letzt (...) weil Hans bei der Geburtstagsfeier singen gewollt haben wird Die gleiche syntaktische Struktur artikuliert auch die Partikelverben, vgl. Hans singt bei der Geburtstagsfeier vor Singt Hans singt bei der Geburtstagsfeier vor ? (...) weil Hans bei der Geburtstagsfeier vorsingt Abhängig von Funktion des komplexen Prädikats (und der Wahl des Koverbs) wird beim Mum als infinite Form der Infinitiv oder das mit ge- gebildete (resultative) Partizip genutzt. Entsprechend dem Abbau der Perfekt- / Präteritumsdifferenzierung wird bei „überkomplexen“ Prädikaten zunehmend auch der Infinitiv anstelle des zu erwartenden Partizips II gebracht (der in den Grammatiken des Deutschen sog. Ersatzinfinitiv), vgl. Ich habe gehen müssen (*gemußt) Hans, den niemand hat kommen sehen aber mit anderer Wortstellung: Hans, den niemand kommen gesehen hat Der Sprachgebrauch ist hier z.T. schwankend, mit deutlich regional unterschiedlichen Präferenzen1, sodaß (i) neben (ii) vorkommt: (i) Er hat das Lied singen können (ii) Er hat das Lied singen gekonnt.

    1 W.Thümmel weist mich auf eine ebenfalls zu findende andere Wortstellung hin, die auf eine syntaktische „Reanalyse“ verweisen könnte: Er hat das Lied können singen.

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    In den Dialekten ist die Neutralisierung beim Infinitiv vor allem im süddeutschen Raum verbreitet, während im norddeutschen (niederdt.) Raum partizipiale Formen erhalten bleiben (s. dazu Götz 1995). Ähnliches gilt für die passivischen Formen, vgl. Der Schrank ist beim Schreiner gemacht worden Hans hat den Schrank beim Schreiner machen (*gemacht werden) lassen 3.2. Verbal / nominal artikulierte komplexe Prädikate Eine weitere Erweiterung der Prädikatsbildung nutzt nominale Elemente zur semantischen Modifikation. Das Spektrum reicht hier von lexikalischen Erweiterungen, die auf die nur sehr restriktive Möglichkeit zur verbalen Komposition reagieren (bzw. auf die nicht lizenzierte Inkorporation nominaler Elemente in verbale Formen)2:

    Hans fährt auto ~ Hans will autofahren (also ebenfalls mit der Tmesis bzw. Rahmenstellung wie bei 3.1.). Die nominalen Erweiterungen haben hier nicht die Möglichkeit einer referenziellen Spezifizierung und auch nicht der Attribuierung. Modifiziert werden sie adverbial, vgl. (exkorporierte) Verb-Semantik Hans fährt schnell_ auto referenzielles Objekt Hans fährt ein schnelles Auto Einen Schritt weiter geht die „Exkorporation“ deskriptiver Elemente des prädikativen Verbs mit einem inneren Objekt, das als nominales Dummy den Kopf einer attributiven Erweiterung bildet. Diese Konstruktion bildet (lexikalisch eingeschränkt) ein stärker fokussierendes Äquivalent zu einer adverbialen Modifikation, vgl. Er starb einen schlimmen Tod ~ er starb schlimm Paronomasien wie z.B. Er träumte einen schönen Traum ~ er träumte schön Er lebte ein gutes Leben ~ er lebte gut sind dabei eher Ausnahmen (derartige Bildungen werden von der normativen Stilistik traditionell mißbilligt). Eine produktive Erweiterung der paradigmatischen Möglichkeiten des Prädikats bilden dagegen Reihenbildungen aus einem Funktionsverb („leichtem Verb“) und einer nominalen Ergänzung (meist einer PräpP). Die Funktionsverben artikulieren dabei aspektuelle Spezifizierungen, die für die entsprechenden einfachen Prädikate nicht grammatisiert sind, vgl. zur Aufführung kommen / gelangen / bringen ... aufführen zum Abschluß kommen / gelangen / bringen ... abschließen Mitteilung machen / geben mitteilen Hier zeigt sich eine Tendenz zur Generalisierung des analytischen Baus der Prädikate. In der regionalen Umgangssprache ist dieser Umbau z.T. schon sehr weit fortgeschritten, vgl. etwa rheinisch: Sie tut gut kochen Während solche Formen als „unmarkierte“ Ausdrucksweise hochsprachlich nicht zulässig sind, finden sie sich dort sehr wohl auch zur Fokussierung des Prädikatsinhaltes, vgl.

    2 Die Orthographie sieht bei diesen Formen wenig konsistente Regelungen vor, die ich hier ignoriere.

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    Kochen tut sie gut

    4. Formdifferenz abhängiger Prädikate als Nebenprädikate im komplexen Satz vs. Mum im komplexen Prädikat.

    Da in komplexen Prädikaten nur ein verbaler Prädikatsteil finit sein kann, ist eine strukturelle Ambiguität nur in den Fällen möglich, in denen auch abhängige Propositionen durch infinite Prädikate artikuliert werden. Konstruktionen mit Gerundien und Partizipien sind unproblematisch: Gerundien sind als konverbale Adjunkte im Deutschen nicht üblich (in der Umgangssprache kommen sie nicht vor); Partizipien kommen nur attributiv häufig vor, was sowohl durch die Wortstellung wie die morphologische Form eine Interpretation als Prädikatsteil ausschließt, vgl. er hat ein Auto gemietet vs. er hat ein gemietetes Auto Kritisch sind allein Infinitive, die häufig sowohl als Prädikate in Infinitivkonstruktionen ( s. III.2. [d]) wie als Mum im komplexen Prädikat vorkommen. Das in III.2 schon angesprochene prädikative Augment zu leistet hier die Desambiguierung: Infinitiv als Prädikat zu= Infinitiv als Prädikatsteil ∅-

    VERBSTAMM (V) + en

    Durch diese morphologische Markierung entstehen allerdings Probleme bei Konstruktionen, die nicht den Erwartungen an komplexe Prädikate entsprechen (keine transparente paradigmatische Position einnehmen), deren Status in der einschlägigen Diskussion auch strittig ist: Hans läßt Emma das Auto (*zu) waschen Hans geht (*zu) einkaufen u.a. S. auch oben II.7 zu solchen Konstruktionen mit nicht-augmentierten Infinitiven. IV. Finitheitsprofil des Deutschen • die semantische Finitheit wird im Deutschen arbeitsteilig durch syntaktische

    (Konstitutenfolge) und morphologische Mittel artikuliert. • die finite Artikulation ist maximal verbal ausgerichtet: Der syntaktische Kopf ist verbal. • nukleare Prädikate (s. II.1) tendieren zu einer analytischen Artikulation, bei der ein

    Prädikatsteil (morphologisch) finit ist, die anderen infinit. • abhängige Propositionen werden durch spezialisierte morphosyntaktische Ausdrucksmittel

    markiert.