Von und mit den Propheten lernen Was sind Propheten, von ... · PDF fileHoimar von Ditfurth...

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Neunter Leipziger Religionslehrertag am 19.11.2010 Friedrich Johannsen Von und mit den Propheten lernen Was sind Propheten, von und mit denen zu lernen ist? Zwei Prophetenbilder

Michelangelo: Jona (Sixtinische Kapelle)

Barlach, Ernst: Zorniger Prophet. Kohlezeichnung 1918/19. WVZ-Nr. 1318 Ernst und Hans Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg

Friedrich Johannsen: Von und mit den Propheten lernen

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Eine erste Annherung an das Thema sollen die beiden oben angefhrten Bilder bie-ten: Barlachs Prophetenzeichnung zeigt einen Mann in Drohgebrde, vorgebeugt zu seinen Zuhrern, mit erhobenen Fusten. Ganz anders Michelangelos Jona aus der Sixtinischen Kapelle in Rom: Die Krper-haltung des eher plump wirkenden Jnglings kann ambivalent gedeutet werden. Ei-nerseits wirkt die Gestalt wie von einer bermacht zurckgeworfen. Andererseits wirkt sie so, als wolle sie wie ein Athlet durch das Beugen nach hinten zu einem kraftvollen Wurf ausholen, das Ziel fest im Blick. Diese ambivalente, zweideutige Haltung beschreibt Jrgen Ebach folgendermaen: Michelangelos Jona ist ein leidenschaftlicher und leidender, ein niedergeworfener und aufsssiger Mensch (Ebach 1987, 137). Die nach rckwrts gewandten Hnde drcken den Gestus einer Streitrede aus. Die Zweideutigkeit spiegeln auch die weiteren Bildelemente wider: Der Fisch wirkt vorne wie ein gutmtiger Karpfen, hinten hat er die Attribute eines Seeungeheuers. Die Krbisranke ist noch grn, beginnt aber schon zu verdorren. Die beiden beige-fgten Kinderfiguren (Genien) drcken einerseits Erstaunen bzw. Erschrecken aus, andererseits Wehmut und Trost. Schrecken und Trost fallen bei Jona auseinander. Fr die Bewohner von Ninive wurde das Erschrecken zum Anlass der Umkehr, die zum Trost fhrte. Eine gngige traditionelle Aufteilung von Prophetenworten orientiert sich am Gegen-satz von Unheilsprophetie und Heilsprophetie. In Analogie dazu kennen wir moderne Sprachformen, die die sich diesem Gegensatz zuordnen lassen. Dazu im Folgenden drei Beispiele aus dem letzen Jahrhundert, die hier unter der Frage betrachtet werden sollen, ob es sich um prophetische Texte handelt:

(1) Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, dass wir noch einmal, und sei es um Haares-breite, davonkommen knnten, muss als khn bezeichnet werden. Wer sich die Mhe macht, die berall schon erkennbaren Symptome der beginnenden Katastrophe zur Kenntnis zu nehmen, kann sich der Einsicht nicht verschlieen, dass die Chancen unseres Geschlechts, die nchsten beiden Generationen heil zu berstehen, verzweifelt klein sind.

Das eigentmlichste an der Situation ist die Tatsache, dass fast niemand die Gefahr wahrha-ben will. Wir werden daher, aller Voraussicht nach, als die Generation in die Geschichte ein-gehen, die sich ber den Ernst der Lage htte im klaren sein mssen, in deren Hnden auch die Mglichkeit gelegen htte, das Blatt noch in letzter Minute zu wenden, und die vor dieser Aufgabe versagt hat.

Ich wei, dass man bei den meisten immer noch auf Unglubigkeit stt, wenn man versucht, sie aufmerksam zu machen auf das, was da mit scheinbar schicksalhafter Unabwendbarkeit auf uns zukommt. Dass man sich den Vorwurf einhandelt, man verbreite Angst und nehme insbesondere der jungen Generation jede Zukunftshoffnung

(Ditfurth 1985, 7)

(2) Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wah-ren Bedeutung ihres Credos gem leben wird: Wir halten diese Wahrheit fr selbstverstnd-lich: dass alle Menschen gleich erschaffen sind.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hgeln von Georgia die Shne frhe-rer Sklaven und die Shne frherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brderlichkeit sit-zen knnen.

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhht und jeder Hgel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglttet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die

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Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Das ist unsere Hoffnung.

(Auszug aus MARTIN LUTHER KINGs Rede am Lincoln Memorial in Washington vom 28.08.1968, in: ders. 1974, 124)

(3) Die Welt gleicht einer Titanic auf Kollisionskurs. Vor uns liegt ein Eisberg, dessen Spitze aus dem Wasser herausragt. Ich meine damit die Verschlechterung der Umwelt durch Roh-stoffverknappung, Umweltverschmutzung und als Folge dessen die Verschlechterung der Le-bensqualitt. Den groen unsichtbaren Teil des Eisbergs bilden die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen und die geistige Desorientierung ber den Sinn des Lebens. Nur ein Kurswechsel kann das Unheil verhten. Noch tanzt die politische und wirtschaftliche Fh-rung auf Deck, der Kurs aber bleibt unverndert.

(Auszug aus einer Rede von CH. BIRCH vor der Vollversammlung des kumenischen Rates in Nai-robi 1975, in: ders.1976, 12)

Wenn ich wsste, dass morgen die Welt unterginge, wrde ich doch heute ein Ap-felbumchen pflanzen. Dieser Ausspruch wird Martin Luther zugeschrieben. Der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth formuliert im Anschluss daran den Titel seines Buches, in dem er Material ausbreitet, das in erschreckender Weise den nahen Untergang der Erde entweder durch eine kologische oder durch eine atomare Katastrophe erkennen lsst: So lasst uns denn ein Apfelbumchen pflanzen. Es ist soweit! Kann man ein Werk in dieser Art als moderne prophetische Schrift bezeichnen? Aus den berlieferungen wissen wir, dass Propheten von ihren Zeitgenossen gerne mit dem Urteil Meschuga (verrckt) versehen wurden. Es mag zu denken geben, dass gerade diese zu ihrer Zeit als Verrckte qualifizierten spter in kanonischen Rang erhoben wurden. Worin liegt das Spezifische, das Besondere des Prophetischen? Das Phnomen alttestamentlicher Prophetie ist vielschichtig. Folgende thematische Aspekte spielen bei der Erforschung der Prophetie eine Rolle:

Geschichte, Epochen der Prophetie, die mit Beginn des Hellenismus beendet sind (Ps 74,9: Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der etwas wei.)

Berufungen (Jer 1, Jes 6) und Symbolhandlungen. Biographische Aspekte Die literarische Kompositionen der Prophetenbcher Formen der Prophetenrede Heils- und Unheilsprophetie Wahre und falsche Prophetie Echte und unechte Prophetenworten

Wenn wir bibeltheologisches Fachwissen vermitteln wollen, haben wir mit diesen Aspekten eine Aufzhlung mglicher Themen. Aber mein Thema lautet ja: Von und mit den Propheten lernen nicht etwas ber die Propheten lernen. Ganz lsst sich allerdings das eine vom anderen nicht trennen: Ein weitgehend durchgngiger Zug derjenigen Prophetie, die in der Hebrischen Bibel Aufnahme gefunden hat, ist eine kritische Haltung und ein engagiertes Auftreten gegen die je-weils herrschende politische, soziale und religise Praxis und die damit verbundene Mentalitt. Propheten beziehen sich auf ein an sie gerichtetes, nicht weiter ableitba-res Wort Gottes. Dieses Wort wird in produktiver Aufnahme und Auseinandersetzung mit der religisen Tradition argumentativ entfaltet. Obwohl beide Aspekte (Bezug auf

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ein Gotteswort und Entfaltung) miteinander verbunden sind, lassen sie sich doch analytisch trennen. Der Prophet versteht sich als Bote Gottes, der von seiner Aufgabe total erfllt ist und sie als unbedingten Anspruch Gottes versteht. Bernhard Lang hat gezeigt, dass diese tiefe Gotteserfahrung, die in der prophetischen Berufung zum Ausdruck kommt, sich keineswegs voraussetzungslos ereignet, sondern einen Lernprozess voraussetzt wie auch die Praxis des Prophetenamtes. Obwohl nicht unumstritten ist Langs Modell gerade fr die religionspdagogische Arbeit von besonderem Interes-se. Es geht von der Hypothese aus, dass die Erfahrung Gottes auf hinweisende Er-fahrungen angewiesen ist, die in Lernprozessen erworben werden knnen. Der Weg ins Prophetenamt beginnt nach Lang mit einer Phase der Wahrnehmung, in der der Kandidat das Phnomen Prophetie mit seinen verschiedenen Erschei-nungsbildern in sich aufnimmt. Es folgt eine Phase des Erlernens, in der die ent-scheidenden Informationen ber die Prophetenttigkeit vielleicht in der Rolle eines Prophetenschlers aufgenommen werden. So bereitet er sich auf die entscheiden-de Phase des Durchbruchs vor, in der er seine Berufung ins Prophetenamt erhlt, die so real erwartet wie erfahren wird. Auf das Berufungserlebnis folgt die Phase der prophetischen Aktivitt. Obwohl es zur Rolle des Propheten gehrt, als einzelner aufzutreten, bleibt er in Kontakt zu prophetischen Zeitgenossen. Im kreativen Um-gang mit der Tradition und symbolischen Handlungen zeigt er seine spezifische In-terpretation der Berufsrolle (vgl. Lang 1980, 42f). Im Denken der Hebrischen Bibel spielt der Tun-Ergehen-Zusammenhang eine entscheidende Rolle. Die Auswirkungen menschlichen Tuns, das sich, bewusst oder ahnungslos, gegen die lebenserhaltenden Grundlagen und Gaben Gottes wendet, fallen auf die Tter selbst zurck. Dieser Aspekt ist vor allem im Blick auf die vorexili-sche Prophetie von Bedeutung, in der Propheten den Grund fr bevorstehendes Un-heil aufdecken. Ein eindrucksvoller prophetischer Text, der diesen Zusammenhang aufzeigt ist Hosea 4,1-3: 1 Hrt das Wort des HERRN, ihr Shne Israel! Denn der HERR hat einen Rechtsstreit mit den Be-wohnern des Landes; denn keine Treue und keine Gnade und keine Erkenntnis Gottes ist im Land. 2 Verfluchen und Lgen, Morden, Stehlen und Ehebrechen haben sich ausgebreitet, und Bluttat reiht sich an Bluttat. 3 Darum vertrocknet das Land und welkt jeder, der darin wohnt, samt den Tieren des Feldes und