Von und mit den Propheten lernen Was sind Propheten, von ... · Hoimar von Ditfurth formuliert im...

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Neunter Leipziger Religionslehrertag am 19.11.2010 Friedrich Johannsen Von und mit den Propheten lernen Was sind Propheten, von und mit denen zu lernen ist? Zwei Prophetenbilder

Michelangelo: Jona (Sixtinische Kapelle)

Barlach, Ernst: Zorniger Prophet. Kohlezeichnung 1918/19. WVZ-Nr. 1318 Ernst und Hans Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg

Friedrich Johannsen: Von und mit den Propheten lernen

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Eine erste Annherung an das Thema sollen die beiden oben angefhrten Bilder bie-ten: Barlachs Prophetenzeichnung zeigt einen Mann in Drohgebrde, vorgebeugt zu seinen Zuhrern, mit erhobenen Fusten. Ganz anders Michelangelos Jona aus der Sixtinischen Kapelle in Rom: Die Krper-haltung des eher plump wirkenden Jnglings kann ambivalent gedeutet werden. Ei-nerseits wirkt die Gestalt wie von einer bermacht zurckgeworfen. Andererseits wirkt sie so, als wolle sie wie ein Athlet durch das Beugen nach hinten zu einem kraftvollen Wurf ausholen, das Ziel fest im Blick. Diese ambivalente, zweideutige Haltung beschreibt Jrgen Ebach folgendermaen: Michelangelos Jona ist ein leidenschaftlicher und leidender, ein niedergeworfener und aufsssiger Mensch (Ebach 1987, 137). Die nach rckwrts gewandten Hnde drcken den Gestus einer Streitrede aus. Die Zweideutigkeit spiegeln auch die weiteren Bildelemente wider: Der Fisch wirkt vorne wie ein gutmtiger Karpfen, hinten hat er die Attribute eines Seeungeheuers. Die Krbisranke ist noch grn, beginnt aber schon zu verdorren. Die beiden beige-fgten Kinderfiguren (Genien) drcken einerseits Erstaunen bzw. Erschrecken aus, andererseits Wehmut und Trost. Schrecken und Trost fallen bei Jona auseinander. Fr die Bewohner von Ninive wurde das Erschrecken zum Anlass der Umkehr, die zum Trost fhrte. Eine gngige traditionelle Aufteilung von Prophetenworten orientiert sich am Gegen-satz von Unheilsprophetie und Heilsprophetie. In Analogie dazu kennen wir moderne Sprachformen, die die sich diesem Gegensatz zuordnen lassen. Dazu im Folgenden drei Beispiele aus dem letzen Jahrhundert, die hier unter der Frage betrachtet werden sollen, ob es sich um prophetische Texte handelt:

(1) Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, dass wir noch einmal, und sei es um Haares-breite, davonkommen knnten, muss als khn bezeichnet werden. Wer sich die Mhe macht, die berall schon erkennbaren Symptome der beginnenden Katastrophe zur Kenntnis zu nehmen, kann sich der Einsicht nicht verschlieen, dass die Chancen unseres Geschlechts, die nchsten beiden Generationen heil zu berstehen, verzweifelt klein sind.

Das eigentmlichste an der Situation ist die Tatsache, dass fast niemand die Gefahr wahrha-ben will. Wir werden daher, aller Voraussicht nach, als die Generation in die Geschichte ein-gehen, die sich ber den Ernst der Lage htte im klaren sein mssen, in deren Hnden auch die Mglichkeit gelegen htte, das Blatt noch in letzter Minute zu wenden, und die vor dieser Aufgabe versagt hat.

Ich wei, dass man bei den meisten immer noch auf Unglubigkeit stt, wenn man versucht, sie aufmerksam zu machen auf das, was da mit scheinbar schicksalhafter Unabwendbarkeit auf uns zukommt. Dass man sich den Vorwurf einhandelt, man verbreite Angst und nehme insbesondere der jungen Generation jede Zukunftshoffnung

(Ditfurth 1985, 7)

(2) Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wah-ren Bedeutung ihres Credos gem leben wird: Wir halten diese Wahrheit fr selbstverstnd-lich: dass alle Menschen gleich erschaffen sind.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hgeln von Georgia die Shne frhe-rer Sklaven und die Shne frherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brderlichkeit sit-zen knnen.

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhht und jeder Hgel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglttet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die

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Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Das ist unsere Hoffnung.

(Auszug aus MARTIN LUTHER KINGs Rede am Lincoln Memorial in Washington vom 28.08.1968, in: ders. 1974, 124)

(3) Die Welt gleicht einer Titanic auf Kollisionskurs. Vor uns liegt ein Eisberg, dessen Spitze aus dem Wasser herausragt. Ich meine damit die Verschlechterung der Umwelt durch Roh-stoffverknappung, Umweltverschmutzung und als Folge dessen die Verschlechterung der Le-bensqualitt. Den groen unsichtbaren Teil des Eisbergs bilden die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen und die geistige Desorientierung ber den Sinn des Lebens. Nur ein Kurswechsel kann das Unheil verhten. Noch tanzt die politische und wirtschaftliche Fh-rung auf Deck, der Kurs aber bleibt unverndert.

(Auszug aus einer Rede von CH. BIRCH vor der Vollversammlung des kumenischen Rates in Nai-robi 1975, in: ders.1976, 12)

Wenn ich wsste, dass morgen die Welt unterginge, wrde ich doch heute ein Ap-felbumchen pflanzen. Dieser Ausspruch wird Martin Luther zugeschrieben. Der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth formuliert im Anschluss daran den Titel seines Buches, in dem er Material ausbreitet, das in erschreckender Weise den nahen Untergang der Erde entweder durch eine kologische oder durch eine atomare Katastrophe erkennen lsst: So lasst uns denn ein Apfelbumchen pflanzen. Es ist soweit! Kann man ein Werk in dieser Art als moderne prophetische Schrift bezeichnen? Aus den berlieferungen wissen wir, dass Propheten von ihren Zeitgenossen gerne mit dem Urteil Meschuga (verrckt) versehen wurden. Es mag zu denken geben, dass gerade diese zu ihrer Zeit als Verrckte qualifizierten spter in kanonischen Rang erhoben wurden. Worin liegt das Spezifische, das Besondere des Prophetischen? Das Phnomen alttestamentlicher Prophetie ist vielschichtig. Folgende thematische Aspekte spielen bei der Erforschung der Prophetie eine Rolle:

Geschichte, Epochen der Prophetie, die mit Beginn des Hellenismus beendet sind (Ps 74,9: Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der etwas wei.)

Berufungen (Jer 1, Jes 6) und Symbolhandlungen. Biographische Aspekte Die literarische Kompositionen der Prophetenbcher Formen der Prophetenrede Heils- und Unheilsprophetie Wahre und falsche Prophetie Echte und unechte Prophetenworten

Wenn wir bibeltheologisches Fachwissen vermitteln wollen, haben wir mit diesen Aspekten eine Aufzhlung mglicher Themen. Aber mein Thema lautet ja: Von und mit den Propheten lernen nicht etwas ber die Propheten lernen. Ganz lsst sich allerdings das eine vom anderen nicht trennen: Ein weitgehend durchgngiger Zug derjenigen Prophetie, die in der Hebrischen Bibel Aufnahme gefunden hat, ist eine kritische Haltung und ein engagiertes Auftreten gegen die je-weils herrschende politische, soziale und religise Praxis und die damit verbundene Mentalitt. Propheten beziehen sich auf ein an sie gerichtetes, nicht weiter ableitba-res Wort Gottes. Dieses Wort wird in produktiver Aufnahme und Auseinandersetzung mit der religisen Tradition argumentativ entfaltet. Obwohl beide Aspekte (Bezug auf

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ein Gotteswort und Entfaltung) miteinander verbunden sind, lassen sie sich doch analytisch trennen. Der Prophet versteht sich als Bote Gottes, der von seiner Aufgabe total erfllt ist und sie als unbedingten Anspruch Gottes versteht. Bernhard Lang hat gezeigt, dass diese tiefe Gotteserfahrung, die in der prophetischen Berufung zum Ausdruck kommt, sich keineswegs voraussetzungslos ereignet, sondern einen Lernprozess voraussetzt wie auch die Praxis des Prophetenamtes. Obwohl nicht unumstritten ist Langs Modell gerade fr die religionspdagogische Arbeit von besonderem Interes-se. Es geht von der Hypothese aus, dass die Erfahrung Gottes auf hinweisende Er-fahrungen angewiesen ist, die in Lernprozessen erworben werden knnen. Der Weg ins Prophetenamt beginnt nach Lang mit einer Phase der Wahrnehmung, in der der Kandidat das Phnomen Prophetie mit seinen verschiedenen Erschei-nungsbildern in sich aufnimmt. Es folgt eine Phase des Erlernens, in der die ent-scheidenden Informationen ber die Prophetenttigkeit vielleicht in der Rolle eines Prophetenschlers aufgenommen werden. So bereitet er sich auf die entscheiden-de Phase des Durchbruchs vor, in der er seine Berufung ins Prophetenamt erhlt, die so real erwartet wie erfahren wird. Auf das Berufungserlebnis folgt die Phase der prophetischen Aktivitt. Obwohl es zur Rolle des Propheten gehrt, als einzelner aufzutreten, bleibt er in Kontakt zu prophetischen Zeitgenossen. Im kreativen Um-gang mit der Tradition und symbolischen Handlungen zeigt er seine spezifische In-terpretation der Berufsrolle (vgl. Lang 1980, 42f). Im Denken der Hebrischen Bibel spielt der Tun-Ergehen-Zusammenhang eine entscheidende Rolle. Die Auswirkungen menschlichen Tuns, das sich, bewusst oder ahnungslos, gegen die lebenserhaltenden Grundlagen und Gaben Gottes wendet, fallen auf die Tter selbst zurck. Dieser Aspekt ist vor allem im Blick auf die vorexili-sche Prophetie von Bedeutung, in der Propheten den Grund fr bevorstehendes Un-heil aufdecken. Ein eindrucksvoller prophetischer Text, der diesen Zusammenhang aufzeigt ist Hosea 4,1-3: 1 Hrt das Wort des HERRN, ihr Shne Israel! Denn der HERR hat einen Rechtsstreit mit den Be-wohnern des Landes; denn keine Treue und keine Gnade und keine Erkenntnis Gottes ist im Land. 2 Verfluchen und Lgen, Morden, Stehlen und Ehebrechen haben sich ausgebreitet, und Bluttat reiht sich an Bluttat. 3 Darum vertrocknet das Land und welkt jeder, der darin wohnt, samt den Tieren des Feldes und den Vgeln des Himmels; selbst die Fische des Meeres werden dahingerafft. (ELB) Nun kann es beim Lernen von und mit den Propheten ja nicht um die Vorbereitung auf ein Prophetenamt gehen. Wohl aber um eine Analogie des Lernens im Sinne ei-ner Sensibilisierung und theologischen Urteilsbildung. Die Geschichte JHWHs mit Israel ist besonders durch Befreiung, Gabe der Weisung (der Tora) und Gabe des Landes, des Raumes zum Leben gekennzeichnet. Die in der prophetischen Literatur zu erkennende Auseinandersetzung mit der Ge-schichte wird besonders unter dem Gesichtspunkt der Missachtung der lebensfr-dernden Gaben JHWHs gefhrt. Was hat fr die Zukunft des Lebens negative Fol-gen, was hlt die Zukunft offen? Wahrnehmungsbereitschaft und Wahrnehmungsf-higkeit fr diese Fragen in der jeweiligen Gegenwart wird angeregt. Was ist lebensfrderlich, was lebensfeindlich? Das der prophetischen Tradition entsprechende didaktische Modell ist der Modus der Erinnerung, der Erinnerung an dasjenige, was Leben frdert und die Zukunft offen hlt, nmlich u.a.:

Erinnerung an Machtmissbrauch (1Sam 12 David und Nathan),

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Erinnerung an die Kritik eines Leben auf Kosten der Armen: Sie bedrngen den Gerech-ten, nehmen Bestechungsgeld und drngen im Tor den Armen zur Seite (Am 5,12b),

Erinnerung daran, dass es Weisungen fr ein gottgemes Leben gibt: Gott hat dir ge-sagt, Mensch, was gut ist und was Adonaj von dir fordert: nichts anderes, als Recht tun und Gte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott (Micha 6,8 nach der Bibel in gerechter Sprache).

JHWH allein gibt Leben!, halten die Propheten den angeblich lebensfrdernden Kulten und Ritualen des Baalismus, eines Naturkultes entgegen. JHWH allein befreit!, wird gegen die Angst bedrohender politischer Mchte gesetzt. JHWH allein setzt Recht!, und er ist auf der Seite der Schwachen, auf der Seite de-rer, denen das Recht vorenthalten wird (vgl. Baldermann 1983). Lernen von und mit den Propheten fordert gleichermaen Kritik und Gestaltung her-aus: Kritik lebt von der Erinnerung an Mastbe, Gestaltung von Hoffnungsbildern. Schwerter zu Pflugscharen Wirkungsgeschichtlich spielt im Bereich der Hoffnungsbilder das Beispiel Schwerter zu Pflugscharen eine bedeutende Rolle: Die aus Jes 2 bzw. Mi 4 entnommene Paro-le Schwerter zu Pflugscharen! wurde zunchst in der DDR, dann aber auch in der alten Bundesrepublik zu einem krftigen Impuls der christlichen Friedensbewegung. Micha 4:1-5 Und am Ende der Tage wird es geschehen, da wird der Berg des Hauses JHWHs feststehen als Haupt der Berge, und erhaben wird er sein ber die Hgel. Und Vlker werden zu ihm strmen, 2 und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg JHWHs und zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns aufgrund seiner Wege belehre! Und wir wollen auf seinen Pfaden gehen. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort JHWHs von Jerusalem. 3 Und er wird richten zwischen vielen Vlkern und Recht sprechen fr mchtige Nationen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nie mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden das Kriegfhren nicht mehr lernen. 4 Und sie werden sitzen, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und niemand wird sie aufschrecken. Denn der Mund JHWHs der Heerscharen hat geredet. - 5 Ja, alle Vlker leben, ein jedes im Namen seines Gottes. Wir aber leben im Namen JHWHs, unseres Gottes, fr immer und ewig. Jes 2, 2-5 2 Und es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses JHWHs feststehen als Haupt der Berge und erhaben sein ber die Hgel; und alle Nationen werden zu ihm strmen. 3 Und viele Vlker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg JHWHs, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns aufgrund seiner Wege belehre und wir auf seinen Pfaden ge-hen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort JHWHs von Jerusalem.4 Und er wird rich-ten zwischen den Nationen und fr viele Vlker Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. 5 Haus Jakob, kommt, lasst uns im Licht JHWHs leben! Die Konsequenz aus dieser Erinnerung fr die Gegenwart ist nicht unumstritten. So wird z.T. herausgestellt, dass solche prophetische Kritik am Vertrauen auf Rstung und militrische Strke nicht als Aufruf zu einseitiger Abrstung missverstanden wer-den darf. Der Alttestamentler Hans Walter Wolff hlt dem entgegen, dass die Pro-phetie und andere Texte der Hebrische Bibel in vielerlei Varianten dem Vertrauen auf Waffen jeglicher Art entgegentreten (vgl. Wolff 1984, 280-292). Es zeigt sich eine Spannung zwischen dem Glauben an den Gott Israels und dem Vertrauen auf milit-rische Macht (vgl. Jes 31,1ff; Hos 14,5; Ps 46,7ff). Der Ablehnung eines Vertrauens auf Rstung steht eine positive Wertung des Friedens gegenber. Besonders in allen messianischen Weissagungen ist Friede ein zentrales Thema. So verbindet sich in der Vision von Jes 11 sozialer Friede, kologischer Friede und Weltfriede. Wie in Jes

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2 und Mi 4 wird mit einer positiven Zukunft gerechnet. Sind solche Weissagungen nun nur eine Ausschau auf Zuknftiges, die die Gegenwart ausschlielich in einem schlechten Licht erscheinen lsst oder knnen aus diesem Gemlde der von JHWH erwarteten Zukunft konkrete Konsequenzen abgeleitet werden? Fr die Beantwor-tung dieser Fragen ist es entscheidend, dass bereits in biblischer Zeit in aktualisie-renden Anhngen die Gegenwartsbedeutung ausgesprochen wird: Haus Jakob! Kommt und lasst uns Schritte tun ins Licht JHWHs (Jes 2,5). Mit der Ermutigung zu ersten Schritten wird die Zukunftsvision fr Israel zu einer Gegenwartsorientierung, der es schon jetzt zu folgen gilt. Mit Mi 4,5 verhlt es sich hnlich. Hans Walter Wolff hat dafr im Anschluss an den hebrischen Text folgende sinngeme bertragung vorgeschlagen:

Wenn auch alle Vlker (noch ihren Weg) gehen jedes im Namen seines Gottes, so gehen wir doch (jetzt schon unseren Weg) im Namen JHWHs, unseres Gottes, auf immer und ewig (Wolff 1984).

Hierin liegt die Ermutigung und Selbstaufforderung der Gemeinde, schon jetzt den verheienen Weg zu gehen, obwohl andere Vlker noch den Kriegsgttern folgen. Einspruch um der Zukunft willen habe ich das Kapitel ber Prophetie in meinem Alttestamentlichen Arbeitsbuch berschrieben. In der prophetischen Kritik werden die freiheits- und lebenserffnenden Erinnerungen Israels um der Zukunft willen an die Gegenwart herangetragen. Sie wendet sich gegen die Umkehrung einer Befrei-ungsgeschichte zur Geschichte der Unterdrckung. [....] ihre Folge ist eine Gestal-tung der Gegenwart, die vom Primat der Zukunft bestimmt ist, die nach Entspre-chungen zur Verheiung Gottes in den Lebensverhltnissen der Gegenwart sucht und die Offenheit der Zukunft nicht versperrt (Huber 1984, 14). Zur Prophetie gehrt auch die Erinnerung an unabgegoltene und berschieende Verheiungen. Die Hebrische Bibel kennt verschiedene Bilder einer heilvollen Zu-kunft. Es finden sich Bilder relativer (vorstellbarer) und absoluter Utopie wie das vom Heu fressenden Lwen, der friedlich neben dem Lamm liegt. Beispiele solcher Ver-heiungen finden sich in folgenden prophetischen Texten: Jes 35, 1-10: Heilsweg zum Zion 35:1 Freuen werden sich die Wste und das drre Land, frohlocken wird die Steppe und aufblhen wie eine Narzisse. 2 Sie wird in voller Blte stehen und frohlocken, ja, frohlockend und jubelnd. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon: sehen werden sie die Herrlichkeit JHWHs, die Pracht unseres Gottes. [3Strkt die schlaffen Hnde und festigt die wanken-den Knie! 4 Sagt zu denen, die ein ngstliches Herz haben: Seid stark, frchtet euch nicht! Siehe, da ist euer Gott, Rache kommt, die Vergeltung Gottes!] Er selbst kommt und wird euch retten. 5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geffnet. 6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jauchzen wird die Zunge des Stummen. Denn in der Wste brechen Wasser hervor und Bche in der Steppe. 7 Und die Wstenglut wird zum Teich und das drre Land zu Wasserquellen. [An der Stelle, wo die Schakale lagerten, wird Gras sowie Rohr und Schilf sein. 8 Und dort wird eine Strae sein und ein Weg, und er wird der heilige Weg genannt werden. Kein Unreiner wird darber hinziehen, sondern er wird fr sie sein. Wer auf dem Weg geht selbst Einfltige werden nicht irregehen.] 9 Kein Lwe wird dort sein, und kein reiendes Tier [wird auf ihm hinaufgehen noch dort gefunden werden, sondern die Erlsten werden darauf gehen.] 10 Und die Befreiten JHWHs wer-den zurckkehren und nach Zion kommen mit Jubel, und ewige Freude wird ber ihrem Haupt sein. Sie werden Wonne und Freude erlangen, und Kummer und Seufzen werden entfliehen.

Jes 11,7: Khe und Bren werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und die Lwen werden Stroh fressen wie die Rinder.

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Beide Gestalten von Utopie gehren dialektisch zusammen: Wirklicher Friede (Scha-lom) ist nur denkbar, wenn kein Leben mehr auf Kosten von anderem lebt. Von und mit Propheten lernen Beispiel Jona Am Ende der prophetischen Epoche in Israel zu Beginn des Hellenismus spielt die kleine Jonanovelle die verschiedenen Facetten des Lernens von und mit der Prophe-tie durch. Gott selbst nimmt in dieser Geschichte die Rolle des Pdagogen ein. Die eindruckvolle Novelle zeigt, wie sehr Lernfhigkeit gefragt ist, wenn Gottes Zukunft offen bleiben soll. Ein Pastor erzhlte mir, dass er in den 1970er Jahren mit den Worten ber Jona ge-predigt htte: Dass Ninive gerettet wird, ist so unwahrscheinlich, wie dass der eiser-ne Vorhang fllt, so unwahrscheinlich wie die berwindung der Apartheid in Sdafri-ka, so unwahrscheinlich wie der Fall der Berliner Mauer. Die Jonaerzhlung eignet sich auf allen Jahrgangsstufen zur Thematisierung des Phnomens biblische Prophetie. Ich mchte sogar weiter gehen, sie eignet sich als Modell des religisen Lernens, weil in diese Noveller eine Flle relevanter theologi-scher Themen auf kleinstem Raum zur Sprache kommt und zugleich das Problem religisen Lernens selbst thematisiert wird. Lernen mit Jona1 In der Erzhlgestaltung des Jonabuches wird der spannungsvolle Gegensatz von Lehre und Leben ausgetragen. Sie verweist auf die Resistenz gegen eine neue Wahrnehmung aufgrund verfestigter Erfahrung. Kap. 1 und 2: Flucht vor JHWH Kap. 3 und 4: Ausfhrung des Auftrags 1,1-3 Gottes Auftrag (Es erging das Wort JHWHs an Jona) und Jonas Flucht

3,1-3a Erneuter Auftrag Gottes (Es erging das Wort JHWHs an Jona) und Aufbruch nach Ninive

1,4-16 Auf dem Boot:

der Seesturm das Bemhen der Heiden um Ret-

tung Jonas Passivitt

3,3b-4,5 In der Stadt Ninive:

Reue und Umkehr der Nineviten Jonas Rebellion gegen Gottes Gnade: Forde-

rung einer strafenden Gerechtigkeit

2,1-11 Im Bauch des Fisches: Jonas Gebet

4,6-11 Vor der Stadt Ninive: Gottes Lehrlektion fr Jona

(Johannsen, Friedrich u. Bettina Rosenhagen: Jona. Lesen und Deuten. Kopiervorlagen fr den Reli-gionsunterricht ab Klasse 10, Gttingen 2009, 13.) Die Erzhlung stammt vermutlich aus der Feder eines theologisch gebildeten Verfas-sers in der sptpersischen oder frhhellenistischen Zeit (2. Hlfte des 4. oder 1. Hlf-te des 3. Jahrhunderts. v. Chr.). Sie ist deutlich in zwei Teile (Kap.1-2 und 3-4) ge-gliedert, die jedes Mal mit Und das Wort JHWHs erging an Jona beginnen. Die Orts- und Zeitangaben bleiben unbestimmt. Der mit den berlieferungen vertraute Leser wird allerdings durch den Prophetennamen Jona (Taube) an den Heilsprophe-ten Jona ben Amittai des 8. Jahrhunderts erinnert (2Kn 14,25). Zu der Zeit war Nini-ve die Hauptstadt des assyrischen Weltreichs. Der Rckgriff auf Ninive erinnert eine vergangene Konstellation in der Israels Existenz durch eine feindliche Gromacht

1 Auszge aus: Johannsen, Friedrich: Lernen mit Jona, in: Bell, Desmond (Hg.): Menschen suchen Zugnge finden (Fs. Chr. Reents), Wuppertal 1999, 347-353.

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bedroht war. Mit dem Untergang Ninives verbindet sich fr den Leser zur Zeit der Abfassung der Erzhlung vermutlich ein Gefhl der Genugtuung, hatten die Assyrer doch durch die Eroberung Samarias den Untergang des Nordreiches Israel herbeige-fhrt und galten gleichsam als Inkarnation des Bsen. Der Erzhler setzt vor dem Hintergrund der weitgehend fremdenfeindlichen, nationalreligis geprgten Politik in der Tradition Esras und Nehemias diese Konstellation der Vergangenheit neu in Szene. Er greift auf die Geschichtskonstellation (Jona, Ninive) zurck, wie sie im 8. vorchristlichen Jahrhundert bestand, inszeniert sie jedoch als fiktive Rekonstruktion so, dass er die abgeschlossene Epoche probeweise neu ffnet, als sei der Gang der Geschichte noch nicht entschieden. Durch dieses Mittel lenkt er einen ungewohnten Blick auf die Situation der eigenen Zeit mit ihren nicht wahrgenommenen Mglichkei-ten. Die Darstellung dieser als Prophetenerzhlung komponierten Geschichte ist deutlich durch mrchenhaft-fiktive und typisierende Zge geprgt, die einen anderen Blick auf die Wirklichkeit evozieren. In einer Zeit fremdenfeindlicher Restauration mit der Tendenz, religise Identitt durch Ab- und Ausgrenzung zu bewahren, erzhlt der Verfasser des Jonabuches eine Geschichte, in der Fremde modellhaft handeln. Die Dramaturgie der Erzhlung zeichnet die Fremden so, dass ihnen das im Vorurteil enthaltene Bedrohliche fehlt. Die Fremden (sowohl auf dem Boot als auch in Ninive) handeln berraschend an-ders, als ein liebgewonnenes Feindbild ihnen zuschreiben mchte. Die mrchenhaf-ten Zge und realistische Erfahrungen transzendierende Momente dienen als Stilmit-tel, Wirklichkeit probeweise anders als gewohnt anzusehen. Der Dynamik des Kin-derspiels Ich sehe was, was du nicht siehst entsprechend wird der Leser angehal-ten, den Blick auf etwas zu richten, was er von sich aus nicht wahrgenommen htte. Das Stilmittel dient so der Erffnung der Mglichkeit, eine in Lehre gefangene religi-se Tradition fr neue Wahrnehmung von Zukunft zu ffnen, die der liebenden Zu-wendung Gottes entspricht. Die Verfremdung der Wahrnehmung lsst die Wirklichkeit in einem neuen Licht er-scheinen, gewohnte Vorstellungen und Denkmuster werden infrage gestellt. Die hilf-reiche Einteilung der Welt in Gut und Bse, der zwingende Zusammenhang von Tat und Vergeltung, die Lehre von Wahrheit und Gerechtigkeit kommen ins Wanken. Aufgemischt wird aber auch die berlieferte Lehre von der Rolle eines Propheten. Nach der in Dtn 18 formulierten Lehre kann man den wahren Propheten daran er-kennen, dass seine Ansage eintrifft. An der fiktiven prophetischen Gestalt des Jona wird das Dilemma solche Lehre vorgefhrt: Er soll gegen Ninive predigen und ihr den Untergang verkndigen. Ja, von Gott wird erwartet, dass er die Bsen bestraft. Da ist aber auch noch die Erinnerung an die Gte und Barmherzigkeit Gottes. Was be-deutet es fr die Glaubwrdigkeit des Propheten, wenn Gott sich durch eine Umkehr Ninives anrhren liee, die Stadt zu verschonen? Dass jemand sich einem propheti-schen Auftrag durch Flucht zu entziehen versucht, ist angesichts der prophetischen berlieferungen mit der Erinnerung an Konflikte und Leiden der prophetischen Ge-stalten bereits verstndlich. Die Erzhlkonstellation der Jonageschichte treibt den Rollenkonflikt des Propheten und die Frage nach der Wahrheit Gottes auf die Spitze (vgl. Ebach 1987). Der Erfolg seiner Predigt wrde ihm vor dem Hintergrund der in Dtn 18 formulierten Lehre das Attribut eines falschen Propheten einbringen. Ihm wird zugemutet, eine kritische Wahrheit auszusprechen, im Namen Gottes ein Unheil an-zukndigen, damit es vielleicht doch noch eine heilvolle Zukunft gibt (vgl. Ebach 1985, 27ff). Jona hat ein hinreichendes Motiv fr seine Flucht. Anders als die ungehrte Schicksalsansage der Kassandra der griechischen Trag-die zielt das Prophetenwort in der Jonaerzhlung auf das Aufbrechen des Tun-Ergehen-Zusammenhangs und das Unterbrechen schicksalhafter Entwicklung. An

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der unerwarteten Reaktion der Ninineviten macht die Erzhlung deutlich, dass die Geschichte nicht zwangslufig so verlaufen musste, wie sie verlaufen ist oder ver-mutlich immer wieder verlaufen wird. Die Mglichkeit der Umkehr kommt ins Spiel als Chance, den determinierten Zusammenhang von Schuld und Schuldfolge aufzubre-chen. Unter der Perspektive dieser Mglichkeit kommt nicht nur die klassische Lehre von der Wahrheit der Prophetie ins Wanken, sondern auch die Lehre von Snde, die nur durch Strafe und Vergeltung getilgt werden kann, verliert ihre Stimmigkeit. Kei-neswegs wird sie aber schlicht durch eine neue Lehre von der heilenden Kraft der Umkehr ersetzt. Das Buch ldt vielmehr ein, sich in eine Lernbewegung verwickeln zu lassen, die zu einer neuen Selbst- und Weltwahrnehmung fhrt, die dem Modell der Welt als Schpfung, der Welt, wie sie in den Augen Gottes gemeint ist, ent-spricht. Weder eine existentiale Hermeneutik, die den Skopus der Erzhlung in der Erfahrung der grenzenlose Liebe Gottes findet, noch die Forderung nach weltverbesserndem Handeln knnen beim pdagogischen Umgang mit der Erzhlung hilfreich sein, wenn es dabei um mehr als das uere Aneignen von Wissen gehen soll. Chancenreicher wre es, sich auf die Struktur und die Motive der ganzen Erzhlung einzulassen, ihre mrchenhaften, die Wirklichkeit tranzendierenden Bilder so neu zu entfalten, dass sie unsere Situation aufdecken und dazu anleiten, unsere Mglichkei-ten wahrzunehmen. Die Klage des Jona, ich wusste dass du barmherzig bist, ist hermeneutischer Schlssel fr das Verstehen seiner Flucht, seiner Regression und seines halbherzi-gen Engagements. Wie kann aber aus der Klage ein Lob werden, das anders als Jonas Lob im Bauch des Fisches seinen Ort nicht in regressiver Weltabgewandtheit, sondern in der Weltoffenheit, im staunenden Blick auf das vorausgehende Handeln Gottes hat? Es ist die Strke der Jonaerzhlung, dass sie nicht neue gegen alte Leh-re setzt, sondern eine fiktive Handlung inszeniert, die den Leser herausfordert, indem sie ihn in eine andere Wahrnehmungsperspektive versetzt. In Anknpfung an ein-schlgige Traditionen verwickelt die Erzhlung in eine Perspektive, in der Liebe und Gerechtigkeit sowie Wahrheit und Gerechtigkeit spannungsvoll zusammengehen. Auch Umkehr erneuert nicht automatisch eine verspielte Zukunftsperspektive, sie bindet sich an die Hoffnung des Vielleicht, das in den Worten des Knigs von Nini-ve anklingt (3,9). Die Erzhlung sperrt sich dagegen, aus Kritik der berkommenen Lehre eine neue Lehre zu kreieren: Im pdagogischen Handeln korrespondieren hier Hinweise zum Lernen, das Abschied nimmt vom Bescheidwissen und Aufmerksam-keit, die Leere aushlt (vgl. Rumpf 1985, 158-177). Die verstehende Aneignung hat nur eine Chance, wenn bei der Auseinandersetzung mit der Erzhlhandlung jede lehrhafte Attitde, jede projizierende Identifikation unter-bleibt bzw. berwunden wird. Der Hinweis auf Jona als Modell des verstockten Ju-den, des uneinsichtigen widerspenstigen Propheten und auf die Heiden als die bes-seren Juden in christlicher Auslegungsgeschichte mag hier gengen. Auch das tra-ditionelle (christlich)-theologische Urteil, bei Jona ginge es um die Wende von Exklu-sivitt des (jdischen) Gottesverhltnis zum Universalen trifft nicht: Jona bekennt nicht den Gott Israels, sondern den der Welt (vgl. Ebach 1985,28). Es gelingt ihm aber nicht, das Konkrete in dieser Universalitt wahrzunehmen, das ihm im Verhlt-nis zum und im Geschick des anderen zugemutet wird. In der Linie der Theologie Deuterojesajas verknpft der Dichter der Jonaerzhlung die Wahrnehmung Gottes als Schpfer unlsbar mit seinem Heilshandeln, das auf neue Wahrnehmung der Wirklichkeit und auf Lernen als schpferischem Akt bezogen ist. Jona wird zugemu-tet zu lernen, dass er den Schpfer nur preisen kann, wenn ihm die anderen Ge-schpfe nicht gleichgltig bleiben. Die heile Welt der Privatreligion scheitert an den

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anderen. Die anstehende religionspdagogische Aufgabe klingt in einer von Martin Buber berlieferten Erzhlung an: Als Levi Jizchak von seiner ersten Fahrt zu Rabbi Schmelke von Nikolsburg, die er gegen den Willen seines Schwiegervaters unternommen hatte, zu diesem heimkehrte, herrschte er ihn an: Nun, was hast du schon bei ihm erlernt?! Ich habe erlernt, antwortete Levi Jizchak, dass es einen Schpfer der Welt gibt. Der Alte rief einen Diener herbei und befragte den: Ist dir bekannt, dass es einen Schpfer der Welt gibt? Ja, sagte der Diener. Freilich, rief Levi Jizchak, alle sagen es, aber erler-nen sie es auch? (Buber 111990, 331f). Die in religionspdagogischer Praxis gern vollzogene Reduktion auf die Rettung Jo-nas aus dem Bauche des Fisches stellt die narrative Intention der Erzhlung auf den Kopf. Dass sich Jona im Bauch des Fisches gerettet und geborgen fhlt, ist in der Erzhlgestaltung ein Bild mit ironischen Zgen, kein Vorbild an Frmmigkeit. Die an-fngliche Flucht erreicht ihren Tiefpunkt in der im Bild vom Bauch des Fisches ge-zeichneten Regression. Hier, im weltabgewandten, geschtzten Raum lsst sich trefflich beten wer richtig betet, handelt noch lange nicht richtig. Der Bauch des Fisches verweist eher auf esoterische Muster und psychologische Intentionen, die auf das Mit-sich-ins-Reine kommen begrenzt bleiben. In der heilen Welt der Privatreligion kann von der Ambivalenz der Wirklichkeit und dem konkreten Geschick der anderen abgesehen werden. Ist nicht das Gebet des Jona im Bauch des Fisches ein Beispiel eines gregorianischen Gesangs ohne ein Schreien fr die Juden? Die Metapher von der Erinnerung im Augenblick der Gefahr kann die Ursprungssi-tuation des Jonabuches, kreative Erschlieung im Kontext gegenwrtiger Lebenswelt sowie Bedingungen und Ansatz religionspdagogischen Handelns erkenntnisleitend verknpfen. Im gleichen Boot mit den Fremden entzieht sich Jona der Begegnung mit ihnen durch einen Rckzug ins Innere bildhaft ins Innere des Bootes (1,5b). Im 3. Kapitel begegnet Jona erneut dem Fremden. Deutlich zeichnet der Verfasser den Gegensatz zwischen halbherzigem Mahnruf des Jona und entschlossener Reak-tion der Ninineviten. Die Reaktion findet ihre symbolische Verdichtung in dem Satz vom Knig, der von seinem Thron stieg. Im Bild des vom Thron herabsteigenden K-nigs bricht das Imaginre die Erfahrung der Realitt auf, dass kein Herrschender freiwillig von seiner Macht lsst. Realitt und Fiktionales geraten in ein spannungs-reiches Verhltnis. Die wenig reale Mglichkeit des Herabsteigens, des Machtverzichts als Gestalt der Umkehr kommt ins Spiel. Nicht als Rezept, wohl aber als Lebensperspektive, die vielleicht die einzig mgliche Chance bietet, die tdliche Dynamik der Macht zu un-terbrechen. Zilleen und Gerber geben ihrem Unterrichtskonzept religion elementar den Titel Und der Knig stieg herab von seinem Thron (Jona 3,6b). In diesem Satz verdichtet sich ihr programmatischer Ansatz (vgl. Zilleen/Gerber 1997). Ein Lernarrangement, das die Mglichkeit des Machtverzichts kreativ in Anspruch nimmt, ist weniger auf Verstehen als auf Einfhlung bezogen, indem Leerrume be-reitgestellt werden fr neue Gefhle. Dies bedeutet auch, Raum zu geben fr Be-fremdliches, Irritierendes, fr die Gefhle von Angst, Bedrohung und Ohnmacht dem Fremden gegenber (Zilleen/Gerber 1997, 30). Die Bedingung der Mglichkeit, dem bedrohlichen Fremden zu begegnen ohne angstbedingte Abwehr oder Tenden-zen zur Vereinnahmung durch Leugnung der Differenzen, sind reflektierte bungen neuer Wahrnehmung, nicht ethische Forderung. Raum der Wahrnehmung zu schaf-fen, wre ein erster Schritt gegen von pdagogischen Allmachtsphantasien gesteuer-te normative Appelle. Verantwortung ist nicht Produkt pdagogischer Anstrengungen,

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sie kann sich einstellen als Ereignis in dialogischen sozialen Prozessen (vgl. Zille-en/Gerber 1997, 30). Eine eschatologische Ethik, die sich von Bildern der Mglich-keit leiten lsst, hat keine imperativistische Dimension, sie fragt nach dem, was wir tun knnen, nicht was wir tun sollen (vgl. Zilleen/Gerber 1997, 34). Aber das, was mglich ist, ergibt sich nicht einfach aus unserer Erfahrung oder aus unseren heuti-gen Vorstellungen des Menschenmglichen, sondern aus Glauben daran, dass es zuknftige Mglichkeiten gibt, die wir noch nicht wahrnehmen oder nicht fr wahr hal-ten wollen (Zilleen/Gerber 1997, 34). Im Bild des vom Thron herabsteigenden K-nigs erinnert die Jonaerzhlung daran, dass der Mensch nicht der Macht des Schick-sals unterliegen muss. Wie auch andere Erzhlungen des Glaubens erinnert die Jonageschichte an dasje-nige, was heilsam fr unser Leben und unser verantwortliches Tun ist. Sie erffnet neue Sehweisen, Blickrichtungen auf das Leben, zeigt Wege fr Visionen und Ver-heiungen und Strukturen von Lebensordnungen, erschliet Bilder unserer (zuknf-tigen) Mglichkeiten. Eine der biblischen Erinnerung entsprechende Ermunterung zum Handeln korre-spondiert mit einer Ermunterung zum Glauben, dass der Handelnde schon vor sei-nem Tun akzeptiert ist (vgl. Zilleen/Gerber 1997, 34). An der im Jonabuch erzhlten Didaktik Gottes ist erkennbar, dass zwar Situationen arrangiert werden knnen, in der neue Einsichten mglich werden knnten. Wie bei Jona bleibt jedoch offen, ob sich eine neue Wahrnehmung in einem arrangierten Kommunikationsprozess wirklich ereignet. Ein Lernprozess in dieser Spur muss mit dem Widerstndigen rechnen, sich damit bescheiden, dass Planung nur begrenzt mglich ist. Religionspdagogische Arbeit im Kontext der Jonaerzhlung kann gerade dann Lernchancen erffnen, wenn der Erkenntnis gefolgt wird, dass biblische Texte nicht nur einen Sinn haben und ohne beliebig zu werden eine Vielfalt von Perspektiven und Wahrnehmungsimpulsen ins Spiel bringen. Alle Methoden der Bibelauslegung lassen bestimmte Aspekte des biblischen Zeug-nisses besonders hervortreten. Sie fhren zu unterschiedlichen Einsichten, die nicht selten in Spannung zueinander stehen (Arnoldsheimer Konferenz 1992,184). In der angedeuteten Spanne von Lehre und Leben, Lernen und Verlernen sowie Neu-Lernen kann die Jonageschichte eine Wahrnehmung der Welt als Schpfung im Sinne einer kologischen und multikulturellen Gemeinschaft ffnen, deren Zukunft damit beginnen kann, dass der Knig von seinem Thron steigt, dass die imperiale Geste entschlossen verlassen wird zugunsten einer Kommunikationsgemeinschaft, die in der liebenden Zuwendung Gottes grndet. Wichtig dabei ist eine Unterrichts-struktur und ein Miteinanderlernen, die dieser Wahrnehmung entsprechen. Jona geht zu dem fremden groen Knig der Weltmacht Babylon: der Fremde tut das Richtige, Jona das Falsche. Jona und der Knig der Ninineviten: zwei Haltungen zum Leben, zu sich selbst, zu Fremden; zwei Umgangsweisen mit der Angst, mit Be-drohung, mit Zukunft; zwei Bewegungen angesichts der Katastrophe (Zille-en/Gerber 1997, 34 mit Verweis auf Ebach und Heinrich). Die Dynamik der Geschichte und die Bilder der Erzhlung knnen einen Lernprozess anregen, der zu neuer Wahrnehmung der Wirklichkeit und zur Entdeckung neuer Bilder und Mglichkeiten anstiftet. Schlerinnen und Schler knnten in die berle-gung verwickelt werden, was Jona dazu bringen kann, sein Fluchtverhalten und sei-ne Zuschauerrolle aufzugeben. Im Buch Jona geht es um den Lernprozess eines Einzelnen, Subjektivitt ist nicht hintergehbar. Schlerinnen und Schler knnen ihre je ganz eigene Differenz und Nhe zur Gestalt des Jona erschlieen. Seine gelehrten theologischen Stze, ein-

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schlielich seiner Gebete (1,9; 2,3-11; 4,2), zeichnen Jona als einen in Glaubensfra-gen gebildeten Menschen, dem es nicht gelingt, das Allgemeine mit den Herausfor-derungen der konkreten Lebenswelt produktiv in Verbindung zu setzen. Er bekennt JHWH als Gott der Erde und des Meeres und versucht, ihm auf dem Meer zu entflie-hen. Seine Flucht ist auch Ausdruck dafr, dass er sich weigert, die Welt so zu sehen wie sie sein knnte. Die Tendenzen von Flchten oder Standhalten sind mit alltags-weltlichen Bezgen zu vermitteln:

Welche Herausforderung, welches Wort ruft mich zur Entscheidung?2 Auf welche Orte knnten Jaffa, Tharsis oder Ninive uns heute verweisen?

Eine weitere Lerndimension bezieht sich auf die Wahrnehmung des Fremden. Die Fremden auf dem Schiff (1,5ff) werden als eine multireligise Gesellschaft gezeich-net, die versucht, das anstehende Problem gemeinsam zu lsen und nicht leichtfertig mit dem Leben anderer umzugehen. Das Bild der multikulturellen Gemeinschaft in einem Boot mit seiner Bedrohung und ihren Rettungsperspektiven kann im Kontext der Gegenwartserfahrungen interpretiert werden (Leben und Lernen in multikulturellem/multireligisem Kontext angesichts einer drohenden Katastrophe). Damit verbindet sich die Perspektive kologischen Lernens angesichts einer bedrohten Zukunft. Die Erzhlung will mit Jona den Leser einladen, die Perspektive Gottes mit seinem Mitleiden und seiner Sorge ber die tdliche Bedrohung von Mensch und Vieh ein-zunehmen. Sie will einladen, ihm zuzustimmen. Literatur Arnoldsheimer Konferenz: Das Buch Gottes. Elf Zugnge zur Bibel. Ein Votum der Arnoldshainer

Konferenz, Neukirchen-Vluyn 1992. Baldermann, Ingo: Der Gott des Friedens und die Gtter der Macht. Biblische Alternativen, Neu-

kirchen-Vluyn 1983. Birch, Charles: Es ist an der Zeit zu zahlen. Schpfung, Technik und berleben der Menschheit,

in: LIK 1/1976. Buber, Martin: Die Erzhlungen der Chassidim, Zrich 111990. Ditfurth, Hoimar v.: So lat uns denn ein Apfelbumchen pflanzen. Es ist soweit, Hamburg/Zrich

1985. Ebach, Jrgen: Apokalypse. Zum Ursprung einer Stimmung, in: Marquardt, Friedrich-Wilhelm u.a.

(Hg.): Einwrfe, Mnchen 1985, 5-61. Ebach, Jrgen: Kassandra und Jona. Gegen die Macht des Schicksals, Frankfurt a.M. 1987. Huber, Wolfgang: Prophetische Kritik und demokratischer Konsens. Vortrag beim Europischen

Theologenkongress in Zrich am 27. Sept. 1984. Johannsen, Friedrich: Lernen mit Jona, in: Bell, Desmond (Hg.): Menschen suchen Zugnge

finden (Fs. Chr. Reents), Wuppertal 1999, 347-353. Johannsen, Friedrich u. Bettina Rosenhagen: Jona. Lesen und Deuten. Kopiervorlagen fr den

Religionsunterricht ab Klasse 10, Gttingen 2009. King, Martin Luther: Testament der Hoffnung: Letzte Reden, Aufstze und Predihgten von Martin

Luther King (bersetzt von Heinrich W. Grosse), Gtersloh 1974. Lang, Bernhard: Wie wird man Prophet in Israel, Dsseldorf 1980. Rumpf, Horst: Aufmerksamkeit, die Leere aushlt. Ein Versuch, sich von Simone Weil etwas sa-

gen zu lassen, in: Heimbrock, Hans-Gnther: Religionspdagogik und Phnomenologie. Von der empirischen Wendung zur Lebenswelt, Weinheim 1998, 158-177.

Wolff, Hans Walter: Schwerter zu Pflugscharen Mibrauch eines Prophetenwortes?, in: Evange-lische Theologie 44 (1984), H. 3, 280-292.

Zilleen, Dietrich u. Uwe Gerber: Und der Knig stieg herab von seinem Thron. Das Unterrichts-konzept religion elemementar, Frankfurt a.M. 1997.

2 Das Wort Gottes, das zur Entscheidung ruft, stand im Zentrum der Ev. Unterweisung. Die Jonage-schichte verweist auf einen pdagogischen Prozess, in den das Wort JHWHs verwickelt. Dieser Pro-zess wurde in der Konzeption der Ev. Unterweisung nicht hinreichend reflektiert.

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