WPK Quarterly 2012-2

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Journal of Germanys association of science journalists - the Wissenschafts-Pressekonferenz WPK. second issue of 2012: Waffen ins Ressort! So titeln wir absichtsvoll provokativ. Es ist als Anregung zu verstehen, einmal ausgetretene Pfade der Wissenschaftsbeobachtung zu verlassen. Martin Schneider stellt die 10 Millionen schwere Vermittlungsoffensive der Klaus-Tschira-Stiftung vor, die das neue „Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation“ großzügig ausgestattet hat. Und: Der „Faktencheck“, ein ambitioniertes neues online-Format, das Leser einbindet in die Recherche. Außerdem: Wir loten die „Untiefen der Popularisierung“ am Beispiel der Paläoanthropologie aus.

Transcript of WPK Quarterly 2012-2

  • Zukunft

    DAS MAGAZIN DER WISSENSCHAFTS-PRESSEKONFERENZ e.V.

    Ausgabe II / 2012Waffen ins RessortDie Wissenschaftsjournalisten

    Ein Himmel voller Drohnen?

    Die Instrumentalisierung der Menschheitsgeschichte

    Das ambitionierte Online-Format Faktencheck

    Vergangenheit

    Gegenwart

    Ein PldoyerWaffen ins Ressort!

  • WPK-Quarterly 2II / 2012

    EDITORIAL

    10 Millionen Euro fr verstndliche Wissenschaft

    In aller Unbescheidenheit steigt das Nationale Institut fr Wissenschafts-kommunikation (NaWik) in den Ring, um der Unverstndlichkeit der Wissen-schaft zu Leibe zu rcken. Wie hufig in den zurckliegenden 35 Jahren, wenn eine neue Initiative dieser Art startete, ist von der Bringschuld der Wissen-schaft die Rede und es wird der Hoff-nung Ausdruck verliehen, dadurch knne man einen positiven Beitrag zur breiten gesellschaftlichen Akzeptanz der Wissenschaft leisten. Erstaunlich ist die Kontinuitt, mit der diese berzeu-gung in den zurckliegenden 35 Jahren immer wieder ins Licht tritt. Und das, obwohl es den Sozialwissenschaften auch in vier Jahrzehnten weder the-oretisch noch empirisch gelungen ist, einen plausiblen Zusammenhang etwa zwischen verstndlicher Vermittlung und gesellschaftlicher Akzeptanz her-zustellen. Entsprechend sind die ers-ten Reaktionen auf diese Initiative von Skepsis geprgt.

    Es ist allerdings zu frh, um ber das NaWik zu urteilen. Es hat uns einige Diskussionen gekostet, um zu entschei-den, ob dieses neue Institut fr den

    Wissenschaftsjournalismus relevant sein knnte. Unser Ergebnis: Vorder-grndig wohl nicht. Dass es trotzdem der Erwhnung wert ist, liegt zunchst an der Ausstattung dieses Instituts. Zehn Millionen Euro stehen bereit, um die Wissenschaftler dieser Republik in den nchsten fnf Jahren mit Medi-en-, Sprech- und Vortragstrainings zu versorgen. Dabei wird es sicher nicht bleiben. Denn es bedrfte schon eines immensen logistischen und organisato-rischen Aufwandes, um in fnf Jahren Tausende von Wissenschaftlern fr solche Trainings zu gewinnen. So viele mssten es schon werden, um 10 Milli-onen unter die Leute zu bringen. Es ist deshalb zu erwarten, dass von diesem Institut weitere Impulse ausgehen fr die Wissenschaftskommunikation. Wel-che das sein knnten, umreit Martin Schneider in seinem Beitrag, der dieses Institut ausfhrlich vorstellt.

    Waffen ins Ressort! So titeln wir in dieser Ausgabe absichtsvoll provoka-tiv. Es ist als Anregung zu verstehen, einmal ausgetretene Pfade der Wis-senschaftsbeobachtung zu verlassen und den Blick zu richten auf das, was

    jenseits von dem liegt, was durch re-nommierte Wissenschaftsjournals Wo-che fr Woche verlautbart wird. Mit Markus Becker, Chef der Wissenschaft bei SPIEGEL ONLINE, haben wir einen Autoren gewonnen, der in den zurck-liegenden Jahren immer wieder Mili-trisches ffentlich verhandelt hat. Er zeigt, dass die Beobachtung von dem, was gemeinhin als geheim und ffent-lich unzugnglich gilt, durch Blogs und spezialisierte Quellen mglich ist.

    Klar in die Zukunft gerichtet ist der Blick von Markus Bsch, der uns das n-her bringt, was derzeit unter dem Stich-wort Drohnen-Journalismus in ein-zelnen Fachmagazinen diskutiert wird. Bsch geht davon aus, dass unbemann-te Fluggerte nicht lediglich ein Thema fr Militrs sind, sondern lngst auch ins Visier von Journalisten geraten sind, die nach neuen Wegen der Informationsbe-schaffung suchen. Seine Prognose: Die-se Maschinen stehen auf der Schwelle zu ihrem weltweiten Siegeszug! Ob sie auch fr den Wissenschaftsjournalismus oder den Datenjournalismus nutzbrin-gend und profitabel einsetzbar sind, das diskutiert er in seinem Beitrag.

  • WPK-Quarterly 3II / 2012

    Markus Lehmkuhl

    ist wissenschaft-licher Mitarbeiter

    an der FU Berlin und am FZ Jlich.

    Er leitet die WPK-Quarterly

    Redaktion.

    Editorial

    Waffen ins Ressort! Ein Pldoyer

    Drohnen und ihr Einsatz im Journalismus.Ein Ausblick

    Die zehn Millionen schwere Vermittlungsoffensive.Das neue NaWik

    Faktencheck fr Kontroversen:Ein ambitioniertes Online-Format

    Neue Wege im Wissenschaftjournalismus? Ein Interview

    Die Untiefen der Popularisierung. Atapuerca und der Nationalismus

    Ad-hoc-Recherche-Stipendien.Eine Evaluation

    Impressum

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    Ebenfalls eher in die Zukunft ge-richtet ist ein Projekt namens Fakten-check, das sein Initiator Ralf Grtker vorstellt. Der Faktencheck steht fr das Experiment, Leser online-basiert in die Recherche von Hintergrundinformatio-nen einzubinden. Anders als zum Bei-spiel englischen Faktenchecks, geht es Grtker nicht darum, Kontroversen zu entscheiden. Er will stattdessen Einblick gewhren in die Faktenbasis von Positionen und Meinungen. Erste Erfahrungen mit dem Faktencheck, der unter anderem bei faz.net luft, schil-dert er am Beispiel der Debatte um das Fr und Wider der Beschneidung aus religisen Grnden.

    Weit zurck in die Vergangenheit fhrt uns Oliver Hochadel. Es geht nach Atapuerca, einem Ort in Spanien, der hnlich vielleicht dem Neandertal zu einem Synonym fr den Anfang der europischen Menschheitsgeschichte geworden ist. Dieser bedeutende Fund-ort menschlicher Fossilien ist zugleich Angelpunkt nationaler (vielleicht auch nationalistischer) Identittsbildung in Spanien, was durch eine unkritische Wissenschaftsberichterstattung von Journalisten nach Krften untersttzt wird. Was Hochadel schildert, gewhrt deshalb Einblicke in die Untiefen der Popularisierung, die zu studieren nicht allein Sache der spanischen Kollegen bleiben sollte, wie wir finden.

    Das WPK-Quarterly versteht sich als Forum, das Diskussionen anregen so-wie Entwicklungen im Wissenschafts-journalismus beschreiben und reflektie-ren will. Wir hoffen wie immer, dass uns das auch mit dieser Ausgabe gelungen ist und dass wir Anregungen und Einbli-cke geben, die fr das praktische Tun von Wert sein knnen.

    Markus Lehmkuhl

    Inhalt

    }

  • WPK-Quarterly 4II / 2012

    Ein Pldoyer fr eine grere Beachtung des Militrischen in der Wissenschaft.

    Von Markus Becker

    Waffen ins Ressort!

    Da war er wieder, der ungehaltene Leserbriefschreiber. Als Mathematiker und Pazifist finde er es schrecklich, dass ein Artikel mit einem solchen Thema in der Wissenschaft landet. Das Thema war in diesem Fall Iran und seine vollmundigen Behauptun-gen ber angeblich neue Waffen. Ttungsgert habe mit Forschung nichts zu tun, meinte der Leser: Der-gleichen gehre ins Politikressort.

    Mit Stzen dieser Art wird man als Journalist, der regelmig ber Militr-technologie berichtet, hufig konfron-tiert, auch von uerst gebildeten Ge-sprchspartnern. Das macht die Sache umso erstaunlicher. Denn dass Waffen und Wissenschaft nichts miteinander zu tun haben, ist so offensichtlich falsch wie weltfremd. Und dass Journalisten sich kritisch mit militrischer Forschung auseinandersetzen, sollte eigentlich im Interesse gerade von Pazifisten liegen.

    Die anregende und erfreulich sach-liche Korrespondenz mit dem Leser war beendet, als ich ihn bat, mir die Berufe folgender Mnner zu nennen: Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Edward Teller, Werner Heisenberg, Ab-dul Qadir Khan, Alfred Nobel, Kanatjan Alibekow alias Ken Alibek, Willy Mes-serschmitt, Wernher von Braun, Wil-helm Lommel und Wilhelm Steinkopf.

    Die meisten Namen auf dieser Lis-te bedrfen vermutlich keiner weiteren Erluterung abgesehen vielleicht von Ken Alibek, der bis zu seinem berlaufen einer der fhrenden sowje-tischen Biowaffen-Entwickler war, und den Chemikern Lommel und Stein-kopf, die Senfgas zur Waffe machten (das deshalb auch Lost genannt wird, zusammengesetzt aus den An-fangsbuchstaben beider Namen).

    Gemein ist diesen Mnnern, dass sie allesamt brillante Vertreter ihrer F-cher sind oder waren und sich aus

    den unterschiedlichsten Motiven in den Dienst der Waffenentwicklung gestellt haben. Die Liste liee sich beliebig er-weitern um viele Tausend unbekannte Wissenschaftler und Ingenieure in aller Welt, die in diesem Moment an Waf-fen oder Dual-Use-Technologien for-schen, die sowohl zu zivilen als auch zu kriegerischen Zwecken eingesetzt werden knnen. Ihnen gegenber stehen zahlreiche Wissenschaftler, die gegen die Verbreitung von Mas-senvernichtungswaffen ankmpfen etwa bei Institutionen wie der Uno-Atombehrde IAEA, dem Institut fr Transurane in Karlsruhe oder der Ge-meinsamen Forschungsstelle der EU.

    ber Waffentechnologie regelmig zu berichten, ist mglich und geboten

    Die Erfindung neuer Waffen hat die Entwicklung der Menschheit seit jeher entscheidend mitbestimmt, mindes-tens ebenso sehr wie politische Ent-scheidungen. Wahrscheinlich sogar in grerem Mae, da technologische Neuerungen den politisch-gesell-schaftlichen Entscheidungs- und Kon-trollprozessen prinzipiell vorauseilen. Das gilt insbesondere fr wirklich re-volutionre Erfindungen: Ein Politiker kann schwerlich die Erfindung von etwas nie Dagewesenem in Auftrag geben. Vielmehr sorgen Forscher fr neue Mglichkeiten, die dann von den Entscheidungstrgern genutzt wer-den. Darauf, dass sie das tun, war bisher immer Verlass insbesondere wenn es um neuartige Waffen ging, die schon aufgrund ihrer Neuartig-keit einen Vorteil gegenber dem je-weils aktuellen Gegner versprechen.

    Ein cleverer Steinzeitbewohner wird irgendwann darauf gekommen sein, einen Ast zu biegen und eine Sehne zwischen die Enden zu spannen voil, der Bogen war erfunden. Sein Chef wird dessen Nutzen erkannt und mehr davon verlangt haben. Schon hatte der Nachbarclan ein Problem. Ein paar Jahrtausende spter ver-schmolzen Tftler Kupfer und Zinn, das Resultat waren die ersten bronzenen Schwerter. In den Jahrhunderten da-nach ermglichte die Metallurgie im-mer schrfere und hrtere Klingen. Die Chemie fhrte zu Feuerwaffen, Biolo-gen verwandelten Mikroben zu Waffen, Physiker ersan