Zeitung Welternährung - Ausgabe 4/2010

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Alles über die Welthungerhilfe, Reportagen, Auslandsberichte, Hintergründe und Interviews. Titelthema dieser Ausgabe ist der Klimagipfel in Cancún

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  • WWW.WELTHUNGERHILFE.DE 4. QUARTAL 2010 | 39. JAHRGANG D I E ZE I TUNG DER WELTHUNGERH ILFE

    PARTNER & PROJEKTEDas Nothilfeteam der Welthungerhilfe kann binnen 24 Stunden vor Ort sein.

    SEITE 3

    INTERVIEWSomalia brauche Vershnung, sagt der UN-Berater Professor Mohammad Jawari.

    SEITE 7

    DOSSIERWeltweit hungern rund 925 Millionen Menschen. Uli Post ber die schwierigeSuche nach Auswegen.

    SEITE 912

    WELTERNHRUNG

    WELTHUNGERHILFE AKTUELL

    ONLINE SPENDEN: www.welthungerhilfe.de

    reiig Milliarden US-Dollar haben die Industrielnder fr den Grnen Klimafonds

    auf kurze Sicht zugesagt. Damit sol-len die Auswirkungen des Klima-wandels abgefedert werden, wobei Anpassungsmanahmen fr beson-ders gefhrdete Lnder, wie zum Beispiel die Inselstaaten, Prioritt haben. Fr eine lngerfristige Finan-zierung sollen bis 2020 jhrlich 100 Milliarden US-Dollar bereitgestellt werden. Dies ermglicht aus Sicht der Welthungerhilfe erstmals, Kli-maschutz mit Armutsbekmpfung und engagiertem Kampf gegen den Hunger zu verbinden, so Prof. Klaus Tpfer, Vizeprsident der Welthun-gerhilfe.

    Bolivien sagte Nein

    Das Ergebnis von Cancn war nicht unbedingt abzusehen. Zu gro er-schienen die Differenzen zwischen Industriestaaten und Entwicklungs-lndern nach den gescheiterten An-strengungen 2009 in Kopenhagen. Nur Bolivien hat dem unverbindli-chen Verhandlungstext nicht zustim-men wollen, dem Land gingen die Vereinbarungen nicht weit genug.

    Japan hatte mit seiner anfnglichen Erklrung, auf keinen Fall einer zwei-ten Verpfl ichtungsperiode zuzustim-men, fr viel Unruhe gesorgt und dem Kyoto-Protokoll fast den Todessto versetzt. Untersttzung erhielt es von Russland und Kanada. In der Sache hatte Japan nicht unrecht, regelt das Protokoll doch nur einen geringen An-teil der CO2-Emissionen. Es sind aber erheblich hhere Reduktionsverpfl ich-tungen erforderlich, um eine Erwr-mung der Atmosphre um ber zwei Grad zu verhindern. Trotzdem ist das Kyoto-Protokoll wichtig, denn es ist fr bislang 37 Industriestaaten sowie die Europische Union verbindlich.

    Wenn auch die Landwirtschaft in vielen entwickelten Lndern von der Klimaerwrmung profi tieren knnte, sieht es nach Angaben der UN-Ernh-rungs- und Landwirtschaftsorganisa-tion insbesondere fr das Amazonas-gebiet, die Sahelzone, groe Teile Indiens und auch Nordchina schlimm aus. Der Klimawandel beeinfl usst be-reits die Landwirtschaft negativ: Dr-ren und berschwemmungen nehmen nicht nur an Zahl und Heftigkeit zu, sie zerstren die Lebensgrundlagen vieler Menschen und zwingen sie zur Migration. Und noch immer hungern rund 925 Millionen Menschen.

    Deshalb sollte im Zeitalter des Klimawandels die weltweite Hun-

    EXISTENZIELL: Viele unterentwickelte Lnder liegen in heien Klimazonen. Wasser und Nahrung zu fi nden, wird fr die Menschen immer schwieriger.

    Der Klimagipfel in Cancn bringt keine Vorgaben fr den Klimaschutz und die Lsung des Hungerproblems

    In letzter Minute endete der Klimagipfel in Cancn doch noch mit einem Kompromiss: Industriestaaten und Entwick-lungslnder erkennen erstmals freiwillige Emissionsziele an, die Grenze der Erwrmung wurde auf unter zwei Grad Celsius festgelegt, und ein Klimafonds wird geschaffen.

    Von Michael Khn

    Minimalziele erreichtger- und Armutsbekmpfung im Vordergrund stehen. Doch von der Rolle der Landwirtschaft und Ernh-rungssicherung war in Cancn nur am Rande die Rede. Ernhrungssi-cherheit und die Nachhaltigkeit von Produktionsstrukturen sind aber wichtig in einer Welt, die nicht nur unter den Folgen des Klimawandels leidet, sondern auch nach Progno-sen der Vereinten Nationen bis 2050 auf ber neun Milliarden Menschen wchst.

    Warten wird teuer

    Anpassung an diese vernderten Be-dingungen ist also das Gebot der Stunde, und je lnger die Weltge-meinschaft mit einer ernsthaften und effektiven Reduktion der Treibhaus-gase wartet, desto schwieriger und teurer wird dieser Prozess. Das Ergeb-nis von Cancn geht in die richtige Richtung wirklich effektiver und vor allem verbindlicher Klimaschutz sieht aber anders aus.

    Michael Khn ist Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Bonn.

    Wasserexperten helfen Menschen in NotBONN | Die Welthungerhilfe und die Deut-sche Vereinigung fr Wasserwirtschaft, Ab-wasser und Abfall (DWA) besiegelten Ende November eine strategische Partnerschaft. Ziel der dreijhrigen Vereinbarung ist es, Men-schen in Not durch eine verbesserte Versor-gung mit Wasser und Sanitranlagen zu un-tersttzen. Darber hinaus soll ein fachlicher Austausch stattfi nden. Insgesamt 2,5 Milliar-den Menschen und damit jeder zweite Bewoh-ner eines Entwicklungslandes lebt ohne sani-tre Grundversorgung. Fast 900 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Es ist ein Gebot der Mitmenschlich-keit, hier zu helfen. Die DWA kann sich bera-tend einbringen und wird ihre Mitglieder zu Spenden aufrufen, so DWA-Prsident Otto Schaaf. at

    Vorsitz-Wechsel bei der Alliance2015BERLIN | Vier Jahre lang war Vagn Berthel-sen Prsident der Alliance2015. Anlsslich ei-nes Treffens in Berlin Anfang Dezember dank-ten ihm die Gruppenmitglieder fr sein lang-jhriges Engagement. Mit groer Motivation hatte sich der Generalsekretr des dnischen Alliance2015-Partners IBIS fr die Weiterent-wicklung der Alliance2015 eingesetzt. Im Ja-nuar bernimmt Simon Panek, Direktor des Alliance2015-Mitglieds People in Need in Tschechien, den Vorsitz. kb

    Gefhrliche KrzungenBERLIN | Bei der humanitren Nothilfe, bei der Frderung der Menschenrechte und bei der Friedenserhaltung und Krisenprvention haben die Koalitionsparteien im Etat des Aus-wrtigen Amtes fr das Jahr 2011 krftig mit dem Rotstift gearbeitet. Die Titel werden um 14 Prozent, 43 Prozent beziehungsweise fast 30 Prozent gekrzt. Deutschland setzt damit ein gefhrliches Zeichen. Es darf nicht dort gespart werden, wo es um Menschen geht, die beispielsweise durch Naturkatastrophen in Le-bensgefahr geraten sind, wo Prvention von Konfl ikten und die Frderung der Menschen-rechte weltweit notwendig sind. sk

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    Weitere Informationen:

    www.welthungerhilfe.de/klima-spezial.html

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    SONDERSEITEN Am 12. Januar 2010 bebte die Erde in Haiti. Wie kommt der Wiederaufbau voran? Wo liegen Risiken und Mglichkeiten? SEITE IIV

    WWW.WELTHUNGERHILFE.DE 4. QUARTAL 2010 | 39. JAHRGANG WWW.WELTHUNGERHILFE.DE 4. QUARTAL 2010 | 39. JAHRGANG

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    Die Welternhrung wnscht allen Leserinnen und Lesern ein frohes

    Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr. Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr.

  • 2 W E LT E R N H R U N G

    SCHATTENBERICHT | Auf den ersten Blick stehen fr viele Lnder des S-dens nach den Krisenjahren 2008 und 2009 die Zeichen auf Aufschwung. Der Internationale Whrungsfonds schtzt fr 2010 das Wirtschafts-wachstum in den Entwicklungs- und Schwellenlndern auf 6,8 Prozent (ge-genber 2,5 Prozent 2009). Fr Chi-na prognostiziert der Fonds eine Wachstumsrate von 10,5 Prozent, aber auch die Lnder Subsahara-Afrikas knnen mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von fnf Pro-zent rechnen.

    Diese Zahlen sagen allerdings nichts ber die sozialen Folgen der Krise, ihre Auswirkungen fr die Staatshaushalte und damit auch die Konsequenzen fr die ffentliche Fi-nanzierung von Gesundheit, Bildung und sozialer Sicherung. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut le-ben, wird nach groben Schtzungen der Weltbank noch im Jahr 2015 mit etwa 1,132 Milliarden um 267 Milli-onen hher liegen, als dies ohne die Krise der Fall gewesen wre. Selbst im besten Fall eines rapiden weltweiten Wirtschaftsaufschwungs wre die Zahl der extrem Armen 2015 um 53 Milli-onen hher als ohne die Krise.

    Leichter Abschwung

    Die Zahl der Hungernden hatte infol-ge der Kombination aus globaler Wirt-schafts- und Ernhrungskrise im Jahr 2009 den historischen Hchststand von 1,02 Milliarden erreicht. Im Jahr 2010 wird sie nach Schtzungen der Welternhrungsorganisation (FAO) zwar auf 925 Millionen sinken, damit aber noch immer ber den Zahlen vor der Krise liegen. Zwei Drittel der Hun-gernden leben in nur sieben Lndern: Bangladesch, China, in der Demokra-

    ZAHLEN & FAKTEN

    4. Quartal 2010N AC H R I C H T E N

    Neue ForschungsstrategieBERLIN | Der Klimawandel ist eine der grten He-rausforderungen des 21. Jahrhunderts. Unter vern-derten klimatischen Bedingungen muss eine stetig wachsende Weltbevlkerung mit Nahrungsmitteln versorgt werden, zugleich sollen nachwachsende Rohstoffe besser genutzt werden. Deshalb investiert die Bundesregierung in die Forschung zur Nutzung biologischer Ressourcen. Zwei Milliarden Euro ste-hen in den nchsten sechs Jahren zur Verfgung. Die Forschungsstrategie Biokonomie 2039 zielt dar-auf ab, Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Als erste Manahme kndigte die Regierung eine Initiative zur weien Biotechnologie an: Durch den Einsatz von Mikroorganismen oder Enzymen in Produkti-onsprozessen knnen neuartige Produkte entstehen, etwa Ersatz fr Kunststoff, umweltvertrgliche Che-mikalien, Waschmittelenzyme oder Lebensmitteler-gnzungsstoffe aus natrlichen Quellen. cas

    Neues ASA-Programm BONN | Das ASA-Programm von InWEnt vergibt wieder 250 Stipendien. Das ASA-Programm richtet sich an Berufsttige mit einer abgeschlossenen Aus-bildung sowie an Studierende im Alter zwischen 21 und 30 Jahren, die sich gesellschaftspolitisch engagieren. Bewerbungen sind bis zum 10. Januar 2011 mglich. www.asa-programm.de cas

    Suchen und helfenREDWITZ-UNTERLANGENSTADT | Fr die Suche im Internet gibt es jetzt eine Alternative zu Google und Co mit Nutzen fr die Hilfsorganisationen: Die In-ternetsuchmaschine benefi nd fhrt den Erls nach Abzug von Technik-, Vertriebs- und Verwaltungs-kosten an Hilfsorganisationen ab. Einnahmen er-wirtschaftet benefi nd wie jede andere Suchmaschi-ne ber bezahlte Suchergebnisse, die vorn platziert werden. Der Nutzer entscheidet, wer die Erlse be-kommt. Beteiligt sind bis jetzt etwa ICJA, Kolping International, Malteser und die Welthun-gerhilfe. www.benefi nd.de cas

    Hunger-KonferenzBERLIN | Weltweit leiden rund 925 Millionen Menschen an Hunger. Dabei leben drei Viertel der Hungernden dort, wo Nahrung produziert wird: auf dem Land. Bei der Konferenz Entwicklung lndli-cher Rume debattierten 300 Experten Mitte November in Berlin die Mglichkeiten, die Ernh-rung armer Menschen auf dem Land zu verbessern. Das Bundesministerium fr wirtschaftliche Zusam-menarbeit und Entwicklung stellt von 2010 bis 2012 jhrlich 700 Millionen Euro fr lndliche Ent-wicklung, Landwirtschaft und Ernhrungssiche-rung bereit. cas

    1 Titel UN-Klimakonferenz

    2 Nachrichten

    3 Partner & Projekte Das Nothilfeteam der Welthungerhilfe ist schnell vor Ort

    4 Reportage Die Flutkatastrophe in Pakistan bietet auch Chancen

    5 Fotoreportage Besserer Start ins Leben

    6 Partner & Projekte berleben im Tiger-Schutzgebiet

    7 Interview Somalia braucht Vershnung

    8 Kontrovers Die Rohstoffkrise zeigt: Wer Entwicklung will, muss langfristig planen

    9 Dossier Handeln gegen den Hunger

    13 Hintergrund Senegal will die Spontansied-lungen rund um Dakar legalisieren

    14 Medien & Informationen

    16 Unterhaltung

    IIV Sonderseiten Haiti ein Jahr nach dem Beben

    INHALT

    KURZ NOTIERT Die Wirtschaft wchst, aber der Hunger bleibt

    Der Text stammt aus dem 18. Bericht zur Wirklichkeit der Entwicklungshil-fe. Er ist als Schattenbericht zu den offi ziellen Zahlen des Entwicklungs-ausschusses (Development Assistance Committee) der Organisation fr wirt-schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung konzipiert. Der Bericht untersucht Quantitt und Qualitt der deutschen und internationalen Ent-wicklungshilfe und wird jhrlich von Welthungerhilfe und terre des hommes herausgegeben. Der Bericht steht als Download bereit unter www.welthungerhilfe.de/18-bericht- entwicklungshilfe.html oder kann bestellt werden unter [email protected] hungerhilfe.de oder (0228) 22 88-134.

    Zum Weiterlesen

    ZAHLEN & FAKTEN

    Quellen: FAO, Deutsche Stiftung Weltbevlkerung

    Phnomen der Landnahme (Land Grab-bing) durch auslndische Investoren und einige fi nanzkrftige Schwellen-lnder mit hohem Ressourcenbedarf hat sich als Begleiterscheinung der glo-balen Wirtschafts- und Finanzkrise ver-schrft. Beispiele fi nden sich in afrika-nischen Lndern wie Kenia, aber auch in Kambodscha. Zum einen versuchen dort Regierungen durch die Landver-kufe ihre leeren Kassen aufzufllen, zum anderen sind institutionelle Inves-toren wie Hedgefonds nach den Tur-bulenzen auf den Finanzmrkten auf der Suche nach gleichermaen stabi-len wie profi tablen Anlagemglichkei-ten. Angesichts von Bevlkerungs-wachstum, Klimawandel und Nah-rungsmittelknappheit versprechen sie sich von Investitionen in Agrarland langfristig sichere Gewinne. Die ame-rikanische Organisation GRAIN zhlt ber 120 spezialisierte Investmentfi r-men und Fonds, die berwiegend in den vergangenen zwei Jahren auf die-sem Gebiet ttig wurden.

    tischen Republik Kongo, in thiopi-en, Indien, Indonesien und Pakistan. Nun rcht es sich, dass die lndliche Entwicklung sowohl von vielen Re-gierungen der betroffenen Lnder als auch den Gebern lange Zeit strfl ich vernachlssigt wurde. Eine substan-zielle Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht, denn die Ursachen der Krise sind nicht behoben im Gegenteil.

    Auch 2010 sind klimabedingte Ern-terckgnge zu verzeichnen, unter an-derem in den Lndern der Sahelzone (vor allem in Niger, Tschad, Mali und Mauretanien). Die Weltmarktpreise fr Nahrungsmittel sind zwar von ihrem Hchststand im Juni 2008 gesunken, seit Februar 2009 aber wieder deut-

    lich angestiegen. Im August 2010 lag der Nahrungsmittelpreisindex der FAO um 27 Prozent ber dem Februarwert des Vorjahres. Preistreibend wirkt nach wie vor die wachsende Nachfrage nach Agrotreibstoffen.

    Erste Hungerrevolte

    In Mosambik kam es im September 2010 wieder zu Hungerrevolten, nach-dem die Regierung die Erhhung der Brotpreise um 25 Prozent und der Strom- und Wasserpreise um 30 Pro-zent angekndigt hatte. Dass das Land von der Landnahme durch auslndi-sche Investoren besonders betroffen ist, verschrft die Ernhrungslage. Das

    Noch immer leiden zu viele Menschen Hunger

    Wachstum des globalen Brutto-inlandsproduktes in Prozent

    Der 18. Bericht zur Wirklichkeit der Entwicklungshilfe gibt keine Entwarnung

    Quelle: http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2010/update/02/

  • W E LT E R N H R U N G 34. Quartal 2010 PA R T N E R & P R O J E K T E

    Jeden Tag neue HerausforderungenErdbeben, Drre oder Flut die Katastrophenhilfe der Welthungerhilfe setzt mit ihrem Nothilfeteam auf schnelle und professionelle Hilfe

    2010 war das Jahr der groen Katastro-phen: erst das Erdbeben in Haiti, dann die Flut in Pakistan. Die Welthungerhilfe hat seit einigen Jahren ein Nothilfeteam, das im Idealfall innerhalb von 24 Stunden vor Ort sein kann, um die ersten Hilfsma-nahmen in die Wege zu leiten.

    s ist eine der ersten Verteilungen nach der gro-en Flut. Rund 200 Menschen stehen auf dem Dorfplatz von Kheshgi Payan in Pakistan, ei-

    nem keine 60 Kilometer von der afghanischen Gren-ze entfernten Dorf, und warten. Am Rande des Plat-zes steht Jrgen Mika vom Nothilfeteam der Welt-hungerhilfe und koordiniert die Verteilung von Decken und Hygieneartikeln. Die Region im Osten von Pakistan ist von der Monsunfl ut besonders be-troffen. Dort ist der Kabul ber die Ufer getreten und hat in wenigen Stunden Quadratkilometer Acker-land und Hunderte Drfer zerstrt. Gemeinsam mit einer italienischen Partnerorganisation leistet die Welthungerhilfe hier Nothilfe.

    Auch das Haus von Mohamad Sabis wurde ber-schwemmt. Es hat nur Minuten gedauert, und das Wasser stand bis unter das Dach, sagt er. Es ist der 24. August 2010. Seit 13 Tagen ist Jrgen Mika be-reits in Pakistan im Einsatz. Geschichten, wie die von Sabis hat Jrgen Mika in diesen Tagen schon viele gehrt.

    Akute Krisen schnell bewltigen

    Er hatte geahnt, dass die Flut heftiger wird als zu-nchst angenommen. Vorsorglich, sagt er, habe er bereits Anfang August ein Visum beantragt. Mika war gerade aus dem krisengeschttelten Kirgisis-tan zurckgekehrt und hatte sich eigentlich auf einen Heimaturlaub mit seiner Familie in Deutsch-land gefreut. Daraus wurde nichts, stattdessen hie es wieder: Koffer packen. Am 11. August landete er in Islamabad.

    Seit 2008 ist Jrgen Mika Mitglied des Nothil-feteams. Vorher hat er fr mehrere Organisationen hauptschlich in Simbabwe gearbeitet. Dort bin ich vor allem aus Abenteuerlust hingegangen, erzhlt er. Aus einem Urlaub mit sozialer Komponente wurde eine berufl iche Neuausrichtung: Der im Schwarzwald selbststndige Handwerksmeister hat damals umgesattelt auf Entwicklungs- und Nothil-

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    fe und ist fr Jahre in Simbabwe geblieben. Seit dem vergangenen Jahr lebt er wieder dort und reist von Harare aus in die Katastrophengebiete.

    Schnell professionelle Kapazitten fr den Not-fall bereitstellen, das, sagt Andrea Padberg, sei das Ziel des Nothilfeteams in akuten Krisensituationen. Andrea Padberg ist Referentin fr Nothilfe bei der Welthungerhilfe und selbst schon hufi g im Krisen- und Katastrophenfall vor Ort gewesen. Wir knnen mit einem solchen Team, das unmittelbar nach ei-ner Katastrophe vor Ort ist, sehr viel bewegen, sagt sie. Das Team analysiert den Bedarf, erkundet Hand-lungsmglichkeiten fr die Welthungerhilfe, stellt schon vor Ort gezielt Finanzierungsantrge und be-schafft selbst Hilfsgter fr erste Verteilungen, be-schreibt sie.

    Gegrndet wurde das Team im Jahr 2002, damals noch unter dem Namen Task Force. Das klingt heute zu militrisch, sagt Rdiger Ehrler. Er ist von Anfang an dabei. Der Kfz-Meister, Berufsschulleh-rer und Ethnologe war lange in der Entwicklungs-zusammenarbeit ttig, vor allem in Afrika. Dann kamen immer mehr Kurzzeiteinstze, insbesondere nach Katastrophen, zum Beispiel nach der Flut in Mosambik oder dem Erdbeben in Indien. Fr ihn

    Schnelles Einsatzteam

    Seit Oktober 2002 hat die Welthungerhilfe ein Nothilfe-team, das im Notfall inner-halb von 24 Stunden vor Ort sein kann, um fr die Opfer von Krisen, Katastro-phen und Konfl ikten schnel-le Hilfe zu organisieren. Das

    Nothilfeteam besteht momen-tan aus vier Mitgliedern. Vor Ort

    ermitteln die Nothelfer zuerst die Schden und den Hilfsbedarf und begin-

    nen dann umgehend die Zusammenarbeit mit lokalen Autoritten (Regierung, Gouverneuren, Brgermeistern etc.), Hilfsbedrftigen, rtli-chen Gruppen, Geberorganisationen und ande-ren Hilfsorganisationen zu koordinieren. Gleich-zeitig sind die Mitglieder des Nothilfeteams An-sprechpartner fr die Medien und informieren ber die Situation im Krisengebiet und die not-wendigen Hilfsmanahmen. Nach Mglichkeit kauft das Nothilfeteam einheimische Hilfsgter und bert lokale Partner der Welthungerhilfe bei ihren Hilfsprojekten.

    WISSENSWERTES

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    Von Gunnar Rechenburg

    tert Andrea Padberg. Dort wird dann entschieden, wie die Welthungerhilfe reagieren kann und wer vom Nothilfeteam wann rausgeht. Jeder im Team hat einen zweiten Pass, sodass von Bonn aus schnellstmglich die Einreiseformalitten geklrt werden knnen.

    Wer nicht gerade Urlaub hat, ist in Dauerbereit-schaft. Nach dem Anruf aus der Zentrale geht es dann fr die Mitglieder des Teams schnell. Was ich brauche, habe ich in ein, zwei Stunden zusam-mengepackt, sagt Rdiger Ehrler. Dann kann es losgehen. Wenn es gut luft, landet bereits 24 Stunden spter ein Mitglied des Teams im Katastrophen gebiet.

    Neben ihrer eigentlichen Arbeit mssen die Not-helfer zudem auch noch die Medien in den Katas-trophengebieten betreuen. Auch das gehrt zum Job, wei Mika, der in Pakistan immer wieder von deutschen Journalisten angefragt wurde. Auch bei der Verteilung in Kheshgi Payan war ein deutsches Fernsehteam dabei. Sie haben sich vom Opfer Mo-hamad Sabis die Geschichte der Flut erzhlen las-sen und Jrgen Mika interviewt.

    Eine Frage, sagt Mika, komme in fast jedem In-terview: Wie werden Sie mit dem Erlebten fertig? Und? Fr mich sind die eigentlichen Katastro-phenbilder meist schnell vergessen. Was bleibt sind Erinnerungen an Menschen, die man getroffen hat: Kollegen, einheimische Hilfskrfte, Betroffene. Am Ende berwiegen bei mir meistens diese positiven Erlebnisse.

    Gunnar Rechenburg ist freier Journalist in Bonn.

    BERSCHWEMMUNGEN IN

    PAKISTAN: Jrgen Mika, Projektleiter vom Nothilfe-team der Welthungerhilfe, ermittelte bei der Flut in Pakistan die Schden und den Hilfsbedarf vor Ort und koordinierte die Ver-teilung von Hilfsgtern.

    hat auch das Katastrophenjahr 2010 mit einem Erd-beben begonnen: Haiti.

    Das war, sagt er, fr mich das Eindrcklichs-te, was ich bisher an Katastrophen erlebt habe. Ei-nen Tag nach dem Beben waren er und seine Kolle-gin Birgit Zeitler bereits auf dem Weg nach Haiti. Die Lage dort war besonders schwierig, so Ehrler. Schon vor dem Beben seien die Zustnde chaotisch gewesen.

    Ob Erdbeben, Drre oder Flut die Katastrophen-hilfe luft immer hnlich ab. Zunchst versuchen wir einen berblick ber die Lage zu gewinnen, be-schreibt Ehrler das Vorgehen. Dazu gehrt auch, Kontakt zu Regierungsstellen, zu einheimischen Or-ganisationen und den Vereinten Nationen aufzuneh-men. Wir versuchen so, mglichst schnell heraus-zufi nden, was wo am dringendsten gebraucht wird. In den meisten Fllen sind das Nahrungsmittel, Trink-wasser und Zeltplanen.

    Innerhalb von 24 Stunden vor Ort

    Ehrler war nach dem Beben in der Karibik im afri-kanischen Niger. Nach lang anhaltenden Drren drohte in dem Wstenstaat eine Hungerkatastrophe. Dann ging es weiter nach Pakistan, um dort gemein-sam mit Jrgen Mika zu helfen.

    Im Falle einer Katastrophe fi ndet in der Bonner Zentrale der Welthungerhilfe umgehend eine Lage-besprechung statt. Daran nehmen Vertreter aller Abteilungen teil, die im Katastrophenfall involviert sind: die Kollegen aus den Regionalabteilungen, aus der Pressestelle, aber auch das Fundraising, erlu-

    Auch das Haus von Mohamad Sabis wurde ber-schwemmt. Es hat nur Minuten gedauert, und das Wasser stand bis unter das Dach, sagt er. Es ist der 24. August 2010. Seit 13 Tagen ist Jrgen Mika be-reits in Pakistan im Einsatz. Geschichten, wie die von Sabis hat Jrgen Mika in diesen Tagen schon

    Er hatte geahnt, dass die Flut heftiger wird als zu-nchst angenommen. Vorsorglich, sagt er, habe er bereits Anfang August ein Visum beantragt. Mika war gerade aus dem krisengeschttelten Kirgisis-tan zurckgekehrt und hatte sich eigentlich auf einen Heimaturlaub mit seiner Familie in Deutsch-land gefreut. Daraus wurde nichts, stattdessen hie es wieder: Koffer packen. Am 11. August landete er

    Seit 2008 ist Jrgen Mika Mitglied des Nothil-feteams. Vorher hat er fr mehrere Organisationen hauptschlich in Simbabwe gearbeitet. Dort bin ich vor allem aus Abenteuerlust hingegangen, erzhlt er. Aus einem Urlaub mit sozialer Komponente wurde eine berufl iche Neuausrichtung: Der im Schwarzwald selbststndige Handwerksmeister hat damals umgesattelt auf Entwicklungs- und Nothil-

    sam mit Jrgen Mika zu helfen.Im Falle einer Katastrophe fi ndet in der Bonner

    Zentrale der Welthungerhilfe umgehend eine Lage-besprechung statt. Daran nehmen Vertreter aller Abteilungen teil, die im Katastrophenfall involviert

    Schnelles Einsatzteam

    Seit Oktober 2002 hat die Welthungerhilfe ein Nothilfe-team, das im Notfall inner-halb von 24 Stunden vor Ort sein kann, um fr die Opfer von Krisen, Katastro-phen und Konfl ikten schnel-le Hilfe zu organisieren. Das

    Nothilfeteam besteht momen-tan aus vier Mitgliedern. Vor Ort

    ermitteln die Nothelfer zuerst die Schden und den Hilfsbedarf und begin-

    WISSENSWERTES

    sind: die Kollegen aus den Regionalabteilungen, aus der Pressestelle, aber auch das Fundraising, erlu-

    Schnelles Einsatzteam

    Nothilfeteam besteht momen-tan aus vier Mitgliedern. Vor Ort

    ermitteln die Nothelfer zuerst die Schden und den Hilfsbedarf und begin-

    WISSENSWERTES

    Im Falle einer Katastrophe fi ndet in der Bonner Zentrale der Welthungerhilfe umgehend eine Lage-besprechung statt. Daran nehmen Vertreter aller Abteilungen teil, die im Katastrophenfall involviert sind: die Kollegen aus den Regionalabteilungen, aus der Pressestelle, aber auch das Fundraising, erlu-

    ANPACKEN: Rdiger Ehrler verteilt als Mitglied des Nothilfeteams in Haiti Nahrungsmittel im Erd-beben gebiet.

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  • R e p o R tag e 4. Quartal 20104 W e lt e R n H R u n g

    Links: 800 000 Menschen leben in Kot Addu. Sie sind auf die Nahrungsmittel angewiesen, die die Welthungerhilfe verteilt.Oben: Die Stadt Kot Addu wurde von der Flut stark zerstrt.

    Was Pakistan aus der Flut gewinnen kann

    Noch immer ist die Lage vieler Menschen in Pakistan, die durch die verheerende Flut alles verloren haben, verzweifelt. Selbst wenn das Hauptaugenmerk weiter-hin auf der Versorgung der 20 Millionen Betroffenen und dem Wiederaufbau liegt, beginnt in Pakistan die Diskussion ber Ursachen und mgliche Konsequenzen der Katastrophe.

    Die berschwemmungskatastrophe bietet Chancen fr eine andere Landwirtschaft

    ie Ursachen mssen natrlich untersucht werden, aber wir machen im Moment nur reine Nothilfe, erklrt Mahsud Idrees,

    Direktor bei der National Disaster Management Authority in der pakistanischen Hauptstadt Islama-bad. Und so hat man sich in der Behrde auch mehr als ein Vierteljahr nach der Flut noch keine groen Gedanken ber Ursachen und Verantwortung fr das Ausma der Flutkatastrophe gemacht. Die Me-teorologen haben einen normalen Monsun voraus-gesagt, ein bisschen strker als letztes Jahr. Das, was passiert ist, hat niemand vorausgesehen, entschul-digt Idrees.

    Der Mensch hat Mitschuld

    Ein paar Kilometer weiter sdlich, in Rawalpindi, ist man da schon etwas weiter. Hier hat das Centre for Agricultural Bioscience International (CABI) seinen Sitz. Dr. Ashraf Powal, Regionaldirektor des CABI, erklrt die Folgen von Eingriffen des Menschen in die Natur auf den Verlauf des Hochwassers am Bei-spiel des Distrikts Muzaffargarh im Punjab, wo auch die Welthungerhilfe derzeit Nothilfe leistet. Muzaf-fargarh liegt in einem Dreieck, das der Indus und der Chenab vor ihrem Zusammenfluss im Sden des Distrikts bilden. Der Indus ist bei Hochwasser in Muzaffargarh noch nie so geflossen wie dieses Jahr, sagt Powal. Bei einem hnlich starken Hochwasser vor rund 25 Jahren ging die teilweise berflutung des Distrikts vom Chenab, vom Osten aus, erlutert er. Jetzt sieht man sehr deutlich die Auswirkungen von Staudmmen und Bewsserungskanlen fr die Landwirtschaft. Denn als Anfang August im Nord-

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    meisten Landarbeiter vllig abhngig von den Gro-grundbesitzern, ohne eigene cker, ohne eigenes Haus. Abgesehen von der an sich schon schwierigen sozialen Lage bringt dies auch fr Nothilfe und Wie-deraufbau Probleme mit sich. Was, wenn eine Hilfs-organisation oder die Regierung ein stabiles Haus fr Flutopfer baut und spter der Grundbesitzer dafr Miete verlangt, weil das Haus auf seinem Boden steht oder er das zumindest behauptet? Das lassen wir nicht zu!, versichert fest Tahir Khurshid, der District Coordination Officer (DCO) von Muzaffargarh. Die DCOs werden direkt von der Regierung eingesetzt, Khurshid ist bereits der dritte in diesem Jahr.

    Eigentumsverhltnisse klren

    Der DCO ist nicht unttig. Den Sitzungssaal hinter seinem Bro hat er in ein groes Lagezentrum ver-wandelt, ein Dutzend Studenten tippen die neues-ten Daten in Computer, berall hngen und liegen Fotos, Plne und Karten, die permanent aktualisiert werden. Alle relevanten Zahlen aus seinem Distrikt hat Khurshid tagesaktuell im Kopf. Wir versuchen gerade festzustellen, welches Land privat und wel-ches staatlich ist, sagt er eine Herkulesaufgabe. So soll verhindert werden, dass Privatpersonen staatliche Unterknfte spter fr sich beanspruchen. Zudem muss das Eigentum an verlorenem Gut nach-gewiesen werden, was allerdings gerade fr Bauern und kleine Landbesitzer schwierig ist, weil sie meist Urkunden und Personalausweis in den Fluten ver-loren haben. Wenn Hilfe kommt, will pltzlich je-der bedrftig sein, sagt der DCO. Das ist nur menschlich.

    Was jahrzehntelang vernachlssigt wurde, soll nun nachgeholt werden: Eigentumsrechte an Boden sollen geklrt, Baugenehmigungen kontrolliert, die Einhaltung von Bedingungen fr den Bau auf staat-lichem Land durchgesetzt werden. Wenn das tat-schlich gelingt, hat die Flut auch eine kleine Re-volution ber den agrarfeudalistisch geprgten Pun-jab gebracht.

    Florian Kaiser ist freier Journalist in Nrnberg.

    Von Florian Kaiser

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    westen des Distrikts der Indus einen Deich durch-brach, schoss das Wasser entlang eines groen Ka-nals rund 50 Kilometer nach Sdosten in Richtung des Chenab, schnitt den Distrikt nach Norden hin ab und flutete dann in sdlicher Richtung fast den ge-samten Landstrich. Die fr die Landwirtschaft so wichtige Bewsserung sei in den letzten Jahren ver-stndlicherweise massiv ausgebaut worden, habe aber an vielen Stellen die massiven berflutungen erst ermglicht, sagt Powal.

    Die regulren Hochwasser des Indus bersplen normalerweise nur die ufernahen Gebiete, die fast ausschlielich Grogrundbesitzern gehren. Diese Felder, auf denen Tausende Landarbeiter teils wie in Zeiten der Lehnswirtschaft arbeiten, ziehen ihre be-sonders hohe Fruchtbarkeit eben aus den jhrlichen kleineren berschwemmungen, die viele Nhrstof-fe mitbringen. So viel Leid die diesjhrige Flut auch ber die Menschen gebracht hat, den Bden im Pun-jab tut sie teilweise gut, erklrt CABI-Regionaldi-rektor Powal. Abhngig von der Fliegeschwindig-keit des Wassers in der ebenen Provinz seien die bersplten Flchen jetzt nhrstoffreicher. An man-chen Stellen habe sich zwar Sand abgelagert und an einer Stelle sei im Distrikt Muzaffargarh eine llei-tung gebrochen und habe nicht wenige cker ver-seucht. Zudem gebe es Bereiche, die von einer di-cken Schlammschicht bedeckt seien. Doch insge-samt habe der intensiv landwirtschaftlich genutzte Boden an Qualitt gewonnen.

    Es wre jetzt mglich, einige Kulturen ohne che-mische Dnger anzubauen, erklrt Powal. Zumin-dest theoretisch. Denn dazu mssten die angebau-ten Sorten den jeweiligen Bden angepasst werden. Doch eine solche Diversifizierung kann gerade jetzt nicht geleistet werden, wo es um die mglichst schnelle Sicherstellung einer grundlegenden Ernh-rung gehen muss. Also werden trotz verbesserter Bodenqualitt nach dem bisherigen Schema Weizen, Zuckerrohr und Gemse angebaut, und fr die ver-breiteten Sorten sind weiterhin chemische Dnge-stoffe ntig. Powal bedauert es sehr, dass diese Chance auf einen Wechsel in der Landwirtschaft un-genutzt bleiben muss, ist es doch Ziel von CABI, die Probleme von Wald- und Landwirtschaft zu verste-hen und danach berlegt zu lsen.

    Zu lsen wre im Nachgang der Flutkatastrophe auch ein anderes Problem das der Landrechte. Ge-rade im Punjab, der Kornkammer Pakistans, leben die

    Weitere informationen unter:

    www.welthungerhilfe.de/ pakistan-flutkatastrophe.html

    nhren und aufbauen

    Das erste Nothilfeteam der Welthungerhilfe traf Anfang August, direkt nach der Flut, in Pakistan ein. Seitdem wurden mehrere Zehn-tausend Familien, die im Landesdurch-schnitt aus sieben Personen bestehen, mit Nahrungsmitteln, Wasser, Zeltplanen, Werk-zeugen, Hausrat und Hygieneartikeln ver-sorgt. Dieses Projekt wurde durch das Aus-wrtige Amt untersttzt. Im Punjab bei-spielsweise verteilt die Welthungerhilfe mit finanzieller Untersttzung des Bundesminis-teriums fr wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit jeden Monat an 20 000 Fa-milien je 80 Kilo Weizenmehl, 15 Kilo Hl-senfrchte, vier Liter Speisel, dazu Salz und Zucker. Damit knnen rund 140 000 Menschen ernhrt werden. Da die Fluten nicht nur die letzte Ernte, sondern auch das Saatgut der Bauern weggesplt haben, wur-de Saatgut ausgegeben. So kann zumindest im kommenden Frhjahr geerntet werden. Auch der Wiederaufbau in den zerstrten Ge-bieten hat begonnen. Die Welthungerhilfe er-mglicht den Bau von Unterknften, die Rei-nigung verschlammter Brunnen oder, wo es ntig ist, neue Bohrungen. So entstehen der-zeit 1500 Trinkwasserstellen. Bei allen Ma-nahmen ist es ein wichtiges Prinzip, lokales Wissen und lokale Strukturen einzubeziehen und zu strken.

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    WeLthunger-index rang 52/122 Lndern19,1 (ernst)

    0 wenig hunger gravierend 40

    www.welthunger-index.de

    maximale Flut-ausweitung

    schwer betroffen

    moderat betroffen

  • F O T O R E P O R TAG E4. Quartal 2010 W E LT E R N H R U N G 5

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    Besserer Startins Leben

    eden Tag strmen frhmorgens viele Frauen in das Mutter-Kind-Gesund-heitszentrum des Stadtteils Boulmiougou in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Hintereinander legen sie Steine, Plastiktten oder ihre Mtterpsse in den

    roten Staub, so reservieren sie sich einen Platz in der endlos langen Schlange. Hier in der Geburten-station fi nden nicht nur zahlreiche Entbindungen

    Text und Fotos: Nathalie Bertramsund die entsprechenden Vor- und Nachuntersu-chungen statt. Madame Solange Zanr, die enga-gierte Leiterin dieser Maternit, veranstaltet auch regelmig Sensibilisierungs- und Bildungsma-nahmen zu Themen wie HIV-Vorbeugung und Fa-milienplanung, zeigt Aufklrungsvideos, fhrt Ein-zelgesprche. Auch Impfkampagnen fr Kinder und Erwachsene werden durchgefhrt.

    Jedes Jahr sterben in Burkina Faso ber 2000 Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, somit zhlt die Mttersterblichkeit in dem Sahelstaat zu den hchsten in der Welt. Burki-

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    1 Lange Wartezeiten sind die Regel im Mutter-Kind-Gesundheitszentrum in Ouagadougou. | 2 Eine Frau mit ihrem Neugeborenen. | 3 Ein Platz in der Warte-schlange: Die Frauen legen stellvertretend ihren Mutterpass, Steine oder eine Tte ab. | 4 Solange Zanr (links) leitet das Gesundheitszentrum, in dem ein Dutzend Geburtshelferinnen arbeiten. | 5 Frh-morgens kommen Frauen und ihre Kleinkinder zum Mutter-Kind-Gesundheitszentrum der Frauenklinik.

    200 Babys werden in dieser Maternit monatlich auf die Welt gebracht, in der letzten Nacht waren es sie-ben. Nur in Notfllen, bei schwierigen Geburten oder Komplikationen kann man auf die Hilfe der Ambulanz zurckgreifen, die die Frau zur Operati-on ins Krankenhaus bringen kann.

    na Fasos Behrden haben mithilfe der Geberlnder erhebliche Anstrengungen unternommen, die Mt-tersterblichkeit zu reduzieren, indem sie landesweit solche Maternits und medizinische Grundversor-gungszentren aufgebaut haben. Es mangelt aber nicht nur in den lndlichen Gebieten an ausgebil-detem Personal und grundlegender Ausstattung wie Blutdruckmessgerten oder Medikamenten.

    Als einzige ausgebildete Hebamme der Materni-t des Sektors 19 in Ouagadougou ist Madame Zan-r immer in Bereitschaft. Auer ihr arbeiten noch etwa zwlf Geburtshelferinnen in der Station. Etwa

    Weitere Informationen unter:

    www.welthungerhilfe.de/burkina-faso-hilfsprojekt-nahrun.html

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  • PA R T N E R & P R O J E K T E 4. Quartal 20106 W E LT E R N H R U N G

    berleben im Tiger-SchutzgebietDie Zukunft der Adivasi in Indien, Nachfahren der Ureinwohner, soll durch Ausbildung, Gesundheitsversorgung und hhere Ertrge gesichert werden

    An der Schnittstelle zwischen Umwelt-schutz und Entwicklungszusammenarbeit versucht die indische Organisation Sambandh der Adivasi-Bevlkerung in einem Tiger-Schutzreservat im Bundes-staat Orissa zu helfen. Die Lage dort ist dramatisch: Die Menschen in dem ent-legenen Biosphrenreservat leben weit unter der indischen Armutsgrenze.

    r. Gagan Bihari Sahoo lsst Zahlen spre-chen: 99 Prozent der Menschen in Gud-gudia haben keinen Zugang zu Sanitrein-

    richtungen. 38 Prozent der Kinder kommen mit zu geringem Gewicht zur Welt, ebenso viele Mtter in Gudgudia sterben whrend oder unmittelbar nach der Geburt und 82,2 Prozent der Menschen leiden an Unterernhrung. In ganz Indien sind es 40 Pro-zent. Was diese Zahlen bedeuten, kann Dr. Bihari Sahoo plastisch zeigen. Er hat alle Zahlen, Daten und Fakten seiner Arbeit in einer Prsentation zu-sammengetragen; eine Tafel ist berschrieben mit Sie haben wir zwischen 2007 und 2008 verloren. Darunter sind Bilder von zwlf Kindern zu sehen ausgemergelt, krank, keines lter als fnf Jahre. Alle Kinder sind in den Jahren 2007 oder 2008 gestorben.

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    Dr. Bihari Sahoo ist Vorsitzender der Organisati-on Sambandh in der indischen Stadt Orissa. Dort, so Dr. Bihari Sahoo, haben wir in Slumgebieten be-gonnen, den Armen Hilfe zu leisten. Die meisten von ihnen entstammen der Ethnie der Adivasi. In Indien steht die Volksgruppe sozial noch unter den niedrigsten Kasten.

    Symbiotische Beziehung zum Wald

    Der Name Sambandh bedeutet Beziehung, erklrt Dr. Bihari Sahoo, gemeint ist die Beziehung zwi-schen Mensch und Umwelt. Mittlerweile hat sich die Organisation an der Schnittstelle zwischen Umwelt-schutz und Entwicklungszusammenarbeit in Indien einen Namen gemacht. Seit 2000 ist Sambandh Partner der Welthungerhilfe. Das gemeinsame Ziel ist es, den Menschen im Similipal National Park, einem Tiger-Schutzgebiet im Bundesstaat Orissa, eine gesicherte Lebensgrundlage zu verschaffen eines der Drfer ist Gudgudia.

    Leicht ist das nicht: Immer wieder hat es Span-nungen zwischen der Regierung, Umweltschtzern und Menschenrechtlern gegeben. Mittlerweile al-lerdings sind die Streitigkeiten beendet, sagt Dr. Bihari Sahoo. Der Gesetzgeber hat entschieden und im sogenannten Tribal Rights Act wurde anerkannt, dass es eine symbiotische Beziehung zwischen Stammesbevlkerung und den Wldern gibt. Das bedeutet: Die Adivasi drfen auch weiterhin in Tei-len des Schutzgebietes leben. Die Frage ist jedoch, wie und wovon sie leben sollen.

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    Von Gunnar Rechenburg

    ist die hohe Mttersterblichkeit. Dafr, so Dr. Bihari Sahoo, gibt es mehrere Grnde: mangelnde Hygiene, Unterernhrung und Kindesheiraten. Die Mdchen sind noch gar nicht ausgewachsen und werden schon schwanger. Auch dagegen geht seine Organisation an. Wir haben Aufklrungsar-beit geleistet mit dem Ergebnis, dass die Vermh-lung von Minderjhrigen drastisch zurckgegan-gen ist.

    Als drittes Ziel so haben es Sambandh und die Welthungerhilfe festgelegt soll die landwirtschaft-liche Produktion verbessert und damit langfristig das berleben der Menschen im Nationalpark gesi-chert werden. Dabei geht es nicht nur um Nahrungs-mittel, sondern auch um Verkaufbares, das der Wald liefert. Zum Beispiel Heilkruter, ein Spezialgebiet von Dr. Bihari Sahoo. Er hat das traditionelle Wis-sen um die Heilkruter aufgeschrieben und weiter-gegeben. Jetzt will er mit seiner Organisation einen Markt fr die natrliche Medizin fi nden und sie bei der Gesundheitsversorgung der lokalen Bevlkerung gezielter einsetzen.

    Minimale Umweltbelastung

    Auch nicht medizinische Ressourcen des Waldes werden genutzt: Ein Bestandteil des Projektes ist die Herstellung von Einwegtellern, die aus Blttern hei-mischer Pfl anzen produziert werden. Die Maschinen fr die Herstellung hat die Regierung gestellt. Die Investition, so der Vorsitzende von Sambandh, ist gering, der Ertrag aber gut. Bei allen Aktivitten von Sambandh im Tiger-Schutzreservat steht eines immer im Vordergrund: die kologische Nachhal-tigkeit. Maximaler Ertrag bei minimaler Umweltbe-lastung das ist die Maxime der Arbeit von Dr. Bi-hari Sahoo und seinem Team.

    Trinkwasser- und Sanitrversorgung zu schaffen, auch fr die anderen Drfer in dem Gebiet, werden in Zukunft die dringendsten Aufgaben sein. Wich-tig ist auerdem die Beleuchtung mithilfe von So-larstrom. Wir haben bereits drei Drfer mit Solar-strom versorgt, das sind rund 80 Haushalte, erzhlt Dr. Bihari Sahoo. Um sechs ist es hier dunkel. Jetzt, mithilfe der Lampen, knnen die Menschen auch nach Einbruch der Dunkelheit weiterarbeiten.

    Gunnar Rechenburg ist freier Journalist in Bonn.

    VIELE ZIELE: Dr. Gagan Bihari Sahoo mchte vor allem die Kinder- und die Mttersterblich-keit senken.

    SAUBERES WASSER: Die Kindersterblichkeit ist hoch bei den Adivasi. Ein Grund: Nicht berall ist sauberes Trinkwasser verfgbar. LEBEN MIT DEM WALD: Die Adivasi drfen im Schutzgebiet bleiben.

    30 Prozent des Einkommens der lokalen Bevl-kerung besteht aus Produkten des Waldes. Pfl anzen werden gesammelt, Frchte geerntet, verkauft oder zu Produkten weiterverarbeitet, mit denen sich auf den Mrkten auerhalb der Schutzzone handeln lsst. Die landwirtschaftlich genutzten Flchen sind klein, die Bden schlecht. Viele Haushalte sind des-halb nicht in der Lage, ihre Grundbedrfnisse zu be-friedigen.

    Fakt ist: Anfang 2007 starben in der lndlichen Region von Orissa 34 Kinder an Unterernhrung. Wie ist so etwas in einem Land mglich, das wirt-schaftlich boomt wie kein zweites in Asien? Ganz

    Indien ist etwa so gro wie Westeuropa und Skandinavien zusammen. Hochgebirge, Ws-te und Steppe, Sumpf- und Regenwlder wechseln sich ab. Indien ist eines der arten-reichsten Lnder der Erde. Von den weltweit nur noch rund 3200 Tigern in freier Wildbahn leben laut WWF rund 1400 in Indien. Um-weltschtzer weisen darauf hin, dass nicht die Landwirtschaft, sondern der Bau von Straen, Staudmmen und Industriekomple-xen die Tiere bedroht. Kleinbauern und Fischer seien auf eine reiche Artenvielfalt an-gewiesen.

    Tierschutz hilft den Menschen

    LNDERINFORMATION

    Neu-Delhi

    INDIEN

    PAKISTAN

    SRI LANKA

    CHINA

    NEPAL BHUTAN

    BANGLA-DESCH

    IndischerOzean

    WELTHUNGER-INDEX Rang 67/122 Lndern24,1 (sehr ernst)

    0 wenig Hunger gravierend 40

    www.welthunger-index.de

    einfach, entgegnet Dr. Bihari Sahoo. Es ist eine Schutzregion, ein Biosphrenreservat. Kein Auto kommt hinein. Insbesondere whrend des Monsuns waren die Bewohner des Parks komplett von der Au-enwelt abgeschnitten. Niemand konnte helfen, auch nicht die Regierung. Die Menschen leiden dort vor allem unter der schlechten Wasserqualitt. Das wollen Sambandh und die Welthungerhilfe gemein-sam ndern. Uns geht es erstens um die Verbesse-rung der Wassersituation und dabei vor allem um die Einrichtung von Sanitranlagen. Zweitens da-ran gekoppelt um die Verbesserung der Gesund-heitsversorgung und drittens um die Sicherung der Ernhrung.

    Gemeinsam mit der Welthungerhilfe hat Sam-bandh drei Ziele formuliert, die im Laufe des Pro-jektes erreicht werden sollen. Ziel eins lautet: Die Betroffenen haben gelernt, sich selbst zu helfen. Auf dem Weg dorthin sollen vor allem die Frauen durch Ausbildungs- und Beratungsangebote gestrkt werden.

    Auch Ziel zwei hat vor allem Frauen im Blick: Die Ernhrungs- und Gesundheitssituation von chronisch unterernhrten Frauen, Kindern und Suglingen wird durch Gesundheitsvorsorge und Trainings in den Bereichen Hygiene und Ernhrung verbessert. Ein groes Problem hier in der Region

    Weitere Informationen unter:

    www.welthungerhilfe.de/hilfsprojekt-indien-tiger-reservat.html

  • I N T E R V I E W4. Quartal 2010 W E LT E R N H R U N G 7

    Somalia feiert 2010 den 50. Jahrestag seiner Unabhngigkeit. 20 Jahre hat das Land am Horn von Afrika ohne eine effek-tive Regierung verbracht. Seit der autorit-re Prsident Siad Barre im Januar 1991 fl oh, kmpfen Klanmilizen, Privatarmeen und seit einigen Jahren zunehmend isla-mistische Gruppen um die Macht im Land. Mehrere Millionen Somalis sind seitdem aus ihrem Heimatland gefl ohen. Die 2004 unter internationaler Vermitt-lung eingesetzte bergangsregierung kon-trolliert derzeit nur einen kleinen Teil der Hauptstadt Mogadischu. Im Sden regie-ren vor allem Islamisten, im nrdlichen Puntland Piraten. Der selbst erklrte Staat Somaliland im uersten Norden Somalias ist vergleichsweise stabil, international aber nicht anerkannt.

    Brgerkrieg

    LNDERINFORMATION

    Somalia braucht Vershnung50 Jahre ist Somalia unabhngig. Die humanitre Lage ist so gravierend wie in kaum einem anderen Land der Erde

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    SCHWIERIGE MISSION: Die Friedenstruppe der Afrikanischen Union versucht, im Brgerkriegs-land Somalia Ordnung zu schaffen. Bislang vergeblich.

    WELTERNHRUNG: Sie haben die Unabhngigkeit selbst miterlebt. Wie war damals, 1960, die Stimmung in Somalia?Mohammad Jawari: Die Zeit vor der Unabhngigkeit war einfach nur spannend. Jeder von uns hatte Hoff-nung, Erwartungen, einen Traum und ein Ziel: Wir wollten unsere geeinte, unabhngige Republik ent-stehen sehen. In meinem Heimatdorf haben wir mo-natelang ber nichts anderes gesprochen. Tag und Nacht haben wir BBC und die Voice of Kairo ge-hrt, um kein Detail zu verpassen. Das Leben war gut. Junge Leute wussten, was sie erreichen wollten. Es gab Licht am Ende des Tunnels. Das ist heute nicht der Fall: Heute gibt es nur noch groe Konfusion.

    Wie haben Sie den Unabhngigkeitstag erlebt?Je nher der 1. Juli kam, desto mehr haben wir ge-feiert. Am Abend vor der Unabhngigkeit haben wir gesungen und getanzt, so ausgelassen wie noch nie. Wir haben fi eberhaft gewartet, bis es Mitternacht war und das Feuerwerk begonnen hat. In der Nacht hat niemand geschlafen. Zum ersten Mal wehte unsere Flagge alleine ber dem Parlament, die italienische und die UN-Flagge waren eingezogen. Das Gefhl, als ich unsere Flagge dort oben gesehen habe, kann ich nicht beschreiben. Ich glaube, dafr gibt es keine Worte. Wenn ich mich heute erinnere, kommen mir immer noch die Trnen.

    Fnfzig Jahre nach der Unabhngigkeit liegt Soma-lia in Trmmern: Seit zwei Jahrzehnten wird am Horn von Afrika gekmpft. Dennoch glaubt der somalische Professor Mohammad Jawari (65), einst Minister und heute UN-Berater fr eine neue somalische Verfassung, dass Somalia das Zeug zu einer funktionierenden Demokratie hat solange die Welt das Land nicht vergisst.

    INTERVIEW

    Wie erinnern Sie die ersten Jahre im unabhngigen Somalia?Es war Somalias goldene Periode. Ich selbst war damals gerade Lehrer geworden. Wir hatten groe Ansprche an unsere Regierung. Wenn uns etwas nicht passte, sind wir auf die Strae gegangen. Es gab eine bemerkenswerte Zivilgesellschaft in So-malia, und starke Gewerkschaften. Dazu kam eine freie Presse und ein funktionierendes Rechtssys-tem. Wir haben uns nichts gefallen lassen, wir wollten die neue, demokratische Verfassung mit Leben fllen. Und das geschah auch. Unser erster Prsident wurde nach fnf Jahren nicht wiederge-whlt er machte den Weg frei fr seinen Nach-folger. Das gab es nirgends sonst in Afrika, wir wa-ren ein demokratisches Vorbild.

    Was ging schief?1969 wurde der regierende Prsident erschossen, und ei-ne Militrregierung ber-nahm die Macht. Ich erinnere mich noch, wie fassungslos ich war, als ich vom Tod von Prsident Sharmake gehrt habe. Bis dahin hatten wir ei-ne Regierung zum Anfassen gehabt. Damit war es auf einen Schlag vorbei. Aber die Militrregierung war zunchst gar nicht unbeliebt, was auch mit der so-malischen Mentalitt zu tun hat. Alles muss schnell gehen, niemand war bereit, der Regierung etwas mehr Zeit zu geben. Einige wenige Korruptionsflle reich-ten, um einen Putsch herbeizufhren. Richtig schlimm wurde es, als die Militrregierung Ende der 70er-Jah-re den Ogaden-Krieg im Osten thiopiens begann und verlor. Von da an ging es bergab Vetternwirt-schaft, Korruption und Klankonkurrenzen wurden die Regel. Rebellengruppen formierten sich, aber als Si-ad Barre Anfang 1991 fl oh, waren sie nicht in der La-ge, das Vakuum zu fllen, dass das Militr hinterlas-sen hatte. Die Folge war Chaos.

    Nach 20 Jahren Brgerkrieg ist die humanitre Lage in Somalia so schlimm wie kaum sonst irgendwo in der Welt. Kann es noch schlimmer werden?Ja, das knnte es. Es knnte allerdings auch viel besser sein, wenn nicht wir selbst wir Somalis

    Hilfe beinahe unmglich machen wrden. Dort, wo die Hilfsorganisationen auf Druck der Islamisten ab-ziehen mssen, sehen wir derzeit, wie Hunger, Krankheit, Durst und andere Probleme sich tglich verschrfen. Ohne Hilfe ist es den meisten Somalis nicht mehr mglich, auch nur die grundlegendsten Bedrfnisse zu befriedigen. Wir brauchen eine Ver-handlungslsung, die humanitre Hilfe wieder mg-lich macht, und diese Gesprche mssen Somalis selber herbeifhren.

    Warum hat sich Somalia nie erholt?Somalia hat nie genug Zeit gehabt zu entscheiden, was fr eine Nation es sein will. Am Anfang haben sich schlicht zu viele auslndische Mchte einge-mischt, es herrschte ja der Kalte Krieg. Dann kam

    die Anarchie. Jeder, der heu-te regieren will, muss erst einmal die grundlegenden staatlichen Institutionen wie-der aufbauen, die ber die vergangenen Jahrzehnte ver-loren gegangen sind. Mehr als die Hlfte der Bevlke-rung ist so jung, dass sie noch nie einen funktionie-

    renden Staat in Somalia erlebt hat. Wie knnten sie in der Lage sein, ein demokratisches Land mit auf-zubauen?

    Sie haben in den vergangenen Monaten eine Kom-mission beraten, die eine neue Verfassung fr Soma-lia erarbeitet hat. Welchen Sinn hat das?Es handelt sich um eine Diskussionsvorlage. Viele Dinge sind noch offen, etwa die Frage, ob Somalia eine parlamentarische oder eine Prsidialdemokra-tie sein soll. Wir htten wirklich gerne, dass alle Sei-ten darber mitdiskutieren, auch die Islamisten. Wir bekommen schon jetzt viele Rckmeldungen aus dem Volk, die auf Radioberichte oder unsere Web-seite reagieren. Nur die bewaffnete Opposition wei-gert sich noch, mit uns zu sprechen.

    Wie optimistisch sind Sie, dass sich die Lage in So-malia je grundstzlich ndern wird?Ich glaube, wenn Somalia jemals wieder ein Staat sein soll, braucht es Vershnung. Ich stelle mir ei-

    ne Art Vershnungskommission vor, in der alle an einem Tisch sitzen und friedlich die Prinzipien des neuen Somalia diskutieren. Dazu wollen wir bei-tragen.

    Manche sagen, die Welt hat Somalia vergessen. Stimmen Sie dem zu?Ja. Zunchst hat man noch versucht, die Krise ein-zudmmen, aber dann wurde das Land tatschlich vergessen. Erst wegen der Piraterie sieht das Aus-land auf einmal wieder hin und merkt, dass der so-malische Konfl ikt Auswirkungen weit ber unsere Grenzen hinaus hat. Und wenn nichts geschieht, dann wird es noch viel, viel schlimmer werden.

    Das Interview fhrte Marc Engelhardt, freier Journalist in Nairobi.

    [[Mehr als die Hlfte der Bevlkerung hat nie einen funktionierenden Staat erlebt.

  • K o n t r oV e r s 4. Quartal 20108 W e lt e r n H r u n g

    rareS gut: In Baotou, China, liegt eine der weltweit grten Fundsttten fr Seltene Erdmetalle. Unter anderem werden im Tagebau alle Elemente der Lanthanoide gefrdert.

    ie deutsche Industrie ruft um Hilfe. Beim Roh-stoffkongress Ende Oktober in Berlin auch Entwicklungsminister Niebel war dabei for-

    derte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine Rohstoffstrategie der Bundesregierung. Die Existenzfhigkeit einiger Unternehmen ist gefhrdet, erklrte BDI-Prsident Hans-Peter Keitel, das ist ei-ne Gefahr fr unser Industrieland. Wie kommt es zu der Panik, was ist geschehen? Anfang Oktober hatte die chinesische Regierung verkndet, dass sie den Ex-port von Seltenen Erdmetallen, den sie schon seit 2005 schrittweise reduziert hatte, weiter einschrnken werde; der Preis ist seit den 1990er-Jahren auf das Zehnfache gestiegen. Diese Rohstoffe sind von ent-scheidender Bedeutung fr die elektronische Indust-rie, sie werden gebraucht fr Computer, Handys, Elek-troautos, Solar- und Windanlagen. China hat prak-tisch ein Monopol, 97 Prozent dieser Metalle kommen aus Bergwerken in der Inneren Mongolei.

    Nun besorgt in dem kapitalistischen System, in dem wir leben, blicherweise die Industrie ihre Roh-stoffeinkufe selbst. Der Staat ist aufgefordert, sich da herauszuhalten, ebenso wie bei anderen Wirtschafts-angelegenheiten. Aber von Zeit zu Zeit, wenn sich die Wirtschaftschefs wieder einmal verkalkuliert haben, mchte man doch gern staatliche Hilfe. Eben noch war es das Problem des Fachkrftemangels. Es gibt in Deutschland zu wenige Ingenieure und andere gut ausgebildete Leute, der Staat soll seine Immigrations-politik ndern und die Einwanderung von Fachkrf-ten aus Entwicklungslndern frdern. Vergessen ist, dass jahrelang der Staat die Wirtschaft hnderingend bitten musste, mehr Ausbildungspltze zu schaffen, und das, weil ein Teil der Wirtschaft seine Steuern nicht zahlte, die Studienpltze nicht vermehrt werden konnten. Die, die gestern nicht ausgebildet wurden,

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    Reinold E. Thiel ist freier Journalist und Autor. Von 1971 bis 1989 arbeitete er fr Organisationen der Entwicklungs zusammenarbeit in Afrika und Nahost. Von 1992 bis 2003 war er Chefredakteur der Zeitschrift Entwicklung und Zusammen-arbeit. In der Welternhrung kommentiert er regelmig kontroverse Themen.

    MeInung

    fehlen heute am Arbeitsplatz. Und wie war das eigent-lich mit der Finanzmarktkrise, in der der Staat Hun-derte von Milliarden Euro bereitstellen musste, um ei-nen Zusammenbruch wegen schwerster Management-fehler zu verhindern?

    Im Rohstoffsektor ging es hnlich, in Deutschland wie in anderen Industriestaaten. Frher einmal gab es hierzulande Spezialfi rmen, etwa die Frankfurter Metallgesellschaft (MG) mit ihrem Ableger Lurgi, da-neben Preussag Metall und einige kleinere. Das Ge-schft warf keine hohe Ren-dite ab, die neoliberale Ma-nagementdoktrin verlangte, sich auf die Kernbereiche zu konzentrieren. Die Preussag verwandelte sich in einen Tourismuskonzern, die TUI, die MG (heute GEA) verkauf-te ihren Metallhandel ins Ausland. Die amerikanische Molycorp war einmal (mit einer Mine in Kalifornien) der weltgrte Produzent von Seltenen Erdmetallen, sie stellte 2002 die Produktion ein. Magnequench, ei-ne Tochter von General Motors, schloss 2003 die Wei-terverarbeitung von Neodym und verkaufte seine An-lagen nach ... na, wohin wohl? Nach China! Im Jahr 2009 belief sich die Weltproduktion von Seltenen Erdmetallen auf knapp 124 000 Tonnen, davon 97 Prozent in China, 2,2 Prozent in Indien, 0,5 Pro-zent in Brasilien, 0,3 Prozent in Malaysia.

    In einer Wirtschaft mit offenen Mrkten, so sug-gerierten die neoliberalen Theoretiker, kann man das, was man braucht, jederzeit auf dem Markt kaufen.

    Aber wenn alle so denken, bleibt keiner brig, der produziert. Diesem Irrtum war man schon vorher er-legen, die grassierende Stromknappheit in den USA zum Beispiel kommt daher, dass die Konzerne die In-vestitionen in neue Elektrizittswerke scheuen. Geld, das man nicht investiert, kann man als Profi t aus-schtten allerdings ist das kurzsichtig. Im Fall der Metalle blieb nur ein Land, das weiter produzierte, weil es langfristig plante: China. Aber hier braucht man die Seltenen Erdmetalle fr die eigene Indust-

    rie. Auch das ist marktge-rechtes Verhalten, und fr die, die nicht so weit gedacht haben, fhrt es zum Desaster. So werden unsere Wert-schpfungsketten brechen, sagt der BDI-Prsident, und er nennt den Mangel an wichtigen Rohstoffen poli-tisch verursacht. Halten zu

    Gnaden, das ist dreist. Die Knappheit entsteht, weil die deutschen und amerikanischen Firmen die Pro-duktion einstellen, und Herr Keitel beschimpft die weiter in die Zukunft denkenden Chinesen?

    Tatschlich sind die Seltenen Erdmetalle (17 an der Zahl, von den Chemikern Lanthaniden genannt) gar nicht so selten, wie der Name und die politische Auf-regung suggerieren. Auer in China und den USA gibt es Vorkommen in Grnland, Kanada, Brasilien, Indi-en, Malaysia, Vietnam und Australien. Selten werden sie dadurch, dass sie nur in kleinen, weit verstreuten Lagersttten vorkommen, und dadurch, dass der Me-tallanteil in den gefrderten Sanden oder Erden sehr

    gering, die Produktion also sehr teuer ist. Der logische Weg zu den Rohstoffen wre, dass man in die Pro-duktion investiert. Vertikale Integration nennt man das in der Wirtschaft. Aber das, so Hans-Peter Keitel, sei nicht die Schlssellsung. Dafr msste man nmlich grere Summen investieren, die Keitel wohl lieber als Gewinn verbuchen mchte. Stattdessen msse die Politik helfen, den Zugang zu den Mrkten zu erhalten, so referiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung seinen Vortrag. Das heit: Druck auf China ausben. Dass China dem lchelnd widerstehen wird, knnten Chinakenner dem BDI-Prsidenten schon jetzt erklren.

    Aber die Bundesregierung ist schon ttig gewor-den. Bereits im Juni dieses Jahres, also noch vor der Konferenz, hat das Wirtschaftsministerium die Grn-dung der Deutschen Rohstoffagentur angekndigt, als Tochter der Bundesanstalt fr Geowissenschaften. Die Agentur soll rohstoffwirtschaftliche Marktanalysen bereitstellen. Im Oktober wurde die neue Roh-stoffstrategie vom Kabinett abgesegnet. Und Anfang November forderte Minister Brderle die deutsche Wirtschaft auf, sich an der Erschlieung von Vorkom-men zu beteiligen, am besten durch Grndung einer Deutschen Rohstoff AG. (Dass die schon 2006, mit Kapital der BASF, gegrndet wurde, hatten ihm seine Mitarbeiter wohl unterschlagen.)

    Das Wichtige daran: Das Ministerium will bei der Finanzierung helfen, und die deutsche Entwicklungs-hilfe soll dazu beitragen, dass die deutsche Nachfra-ge nach Rohstoffen bevorzugt bedient wird war da nicht eben noch von offenen Mrkten die Rede?

    Aber eigentlich folgt Brderle nur dem Modell, das den asiatischen Tigerstaaten zur Entwicklung verholfen hat, Japan, Korea und den anderen. Ein Planungsministerium sagt der Wirtschaft, welche Branchen gute Aussichten bieten, und frdert diese durch gnstige Kredite, Marktanalysen und wissen-schaftliche Forschung. Jahrzehntelang war das von Verfechtern des sogenannten freien Marktes fr un-zulssig erklrt worden. Jetzt, da Minister Brderle den asiatischen Weg zum deutschen erklrt, kann man nur den Entwicklungslndern raten, seinem Vorbild zu folgen. Wer Entwicklung will, muss lang-fristig planen.

    [[Knappheit entsteht, weil die deutschen und amerikanischen firmen die produktion einstellen.

    die politik lst probleme, die die Wirtschaft verursacht hatDie Rohstoffkrise zeigt: Wer Entwicklung will, muss langfristig planen

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    Leider hat sich in der Ausgabe 3/2010 auf Seite 7 ein Fehler in der zweiten Spalte eingeschlichen. Richtig htte es heien mssen: ... Franklin Delano Roosevelt, 25 Jahre spter, hatte hnliches im Sinn, aber Josef Stalin und Winston Churchill, durch gleichlu ge Interessen verbndet, sorgten dafr, dass dies nicht Vlkerrecht wurde ....

    Korrektur

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  • 4. Quartal 2010 D o s s i e r W e lt e r n H r u n g 9

    as grte Versprechen wurde beim UNO-Weltgipfel in New York 2000 mit dem Mil-lenniumsziel Nummer 1 gegeben: weltweit

    den Anteil der Menschen, die in Armut und Hunger leben, bis 2015 zu halbieren. Seitdem haben jedes Jahr Gip-feltreffen der Staatschefs statt-gefunden, um neue Verspre-chungen auszutauschen. Und was hat sich seitdem gendert? Zugegeben: In einzelnen Staa-ten hat sich die Lage verbes-sert, zum Beispiel in Bolivien, Vietnam, Ghana. Aber insge-samt fllt die Bilanz bitter aus: Weltweit gesehen hungern mehr Menschen als im Jahr 2000, insgesamt rund 925 Millionen. Jeder Sechste von den heute fast sie-ben Milliarden auf der Erde lebenden Menschen geht hungrig zu Bett. Zwei Milliarden sind chro-nisch unterernhrt. Da stellt sich die Frage: Waren die Ziele falsch formuliert, vielleicht zu hoch ange-setzt? Haben die Instrumente versagt? Haben sich die Akteure falsch verhalten?

    Eins steht fest: Oberste Prioritt muss die Frde-rung der Landwirtschaft und der lndlichen Ent-wicklung haben. Doch gerade diese Sektoren wur-

    Die Frderung der Landwirtschaft ist eine der wichtigsten Manahmen zur weltwei-ten Hungerbekmpfung. Doch das allein reicht nicht aus. Wenn der weltweite Hun-ger wirklich bekmpft werden soll, muss ein Paradigmenwechsel stattfinden.

    Es bleiben nur fnf Jahre, um das Millenniumsziel zu erreichen: weniger Hunger in der Welt

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    Worte machen nicht satt

    den sowohl in Entwicklungslndern als auch in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit ber vie-le Jahre hinweg vernachlssigt.

    hnlich erging es der Ernhrungssicherung und der Frderung entsprechender Programme, die national wie international eine geringe Prioritt hat-ten und nicht ausreichend finanziert wurden, obwohl es klare Anhaltspunkte dafr gibt, welche Folgen Mangel- und Fehlernhrung in der Bevlkerung nach sich ziehen. So bleiben Ernhrungsfragen in der Um-setzung der Entwicklungsziele hufig so lange unbe-achtet, bis sie wirklich schwere Formen annehmen.

    In vielen Lndern gibt es zudem keine Instituti-on, die fr Ernhrung zustndig ist. Als multisekto-rale Aufgabe fllt sie oft in den Verantwortungsbe-

    reich von Landwirtschafts- und Gesundheitsminis-terien sowie einer Reihe anderer Organisationen. Das erschwert Planung und Koordination. Politiker und Geberorganisationen investieren auch deshalb hufig in andere Sektoren, weil bei der Ernhrungs-sicherung in vielen Fllen keine schnellen Erfolge zu erwarten sind.

    Sptestens mit der Nahrungsmittelpreiskrise hat sich diese Situation entscheidend verndert: Viele Organisationen nationale und internationale, staat-liche und nicht staatliche, bi- und multilaterale

    Noch immer hungern nach aktuellsten Erkenntnissen der UN-Ernhrungs- und Landwirtschaftsorganisation rund 925 Millionen Menschen rund um den Globus. Und das, obwohl weltweit mehr Nahrungsmittel produziert als verzehrt werden. Wie ist das mglich? Die Bilanz der Ernhrungssituation ist auch eine Bilanz des politischen Scheiterns. Umso dringender ist es nun zu handeln.

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    hoffnung: Sichere Ernten fr Eigenbedarf und Handel sind ein wichtiger Pfeiler im Kampf gegen Hunger. Das Foto zeigt eine Reispflanzerin in Sarwan, Indien.

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    Von Angela Tamke

    haben neue Initiativen zur Nahrungs- und Ernh-rungssicherung gestartet. Die Notwendigkeit kon-zertierter Aktionen wurde erkannt. Zudem wchst der Konsens darber, wie Programme gestaltet wer-den mssen, damit sie effizient sind. Eine der wich-tigsten Erkenntnisse ist auerdem, dass Landwirt-schaft, Ernhrung, Gesundheit und Bildung in wech-selseitiger Abhngigkeit stehen und in diesen Sektoren besser kooperiert werden muss, um globa-le Entwicklungsziele zu erreichen. Klar ist: Entwick-lungspolitik allein kann das Problem nicht lsen.

    Ein Paradigmenwechsel ist dringend angesagt: Viele Politikbereiche mssen ineinanderspielen, um die gesetzten Ziele wenigstens im Ansatz zu errei-chen. Wirtschaft, Handel, Politik, Finanzen, Land-

    wirtschaft, Klimaschutz, Sozial-politik, Bildung und Forschung sind gefragt. Die Zeit drngt. Noch bleiben fnf Jahre, um die Versprechungen einzulsen. Je-der muss sich die Frage stellen: Was kann die Weltgemeinschaft, was knnen die Staaten, was kann jeder Einzelne tun, um den Hunger in der Welt zu be-seitigen und Ernhrungssicher-heit fr alle zu schaffen?

    Fest steht: Es gibt Lsungen, und jeder kann sei-nen Teil dazu beitragen, den Hunger in der Welt zu beseitigen. Packen wirs an. Handeln wir jetzt!

    Angela Tamke ist Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in Bonn.

    Weitere Informationen unter:

    www.welthungerhilfe.de/ hunger_spezial.html

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    Kofi annan auf dem Welternhrungsgipfel in rom 2002Hunger ist eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwrde. In einer Welt des berflusses liegt die Beendigung des Hungers in unseren Hnden. Dieses Ziel nicht erreicht zu haben, sollte uns alle beschmen. Die Zeit der Versprechungen ist vorbei. Es ist Zeit zu handeln. Es ist Zeit umzusetzen, was wir seit Langem versprochen haben: Den Hunger aus der Welt zu schaffen.

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    Von Kanada ber Deutschland bis zum Schwarzen Meer brachen im Sommer 2010 die Ernten ein. In Russland brannte der Wald, die Wei-zenpreise explo-

    dierten. Erinnerungen an die Nahrungs-mittelkrise von 2008 wurden wach, die in mehreren Lndern zu Aufstnden ge-fhrt hatte. Das Handbuch Welternh-rung informiert, gesttzt auf aktuelle Erhebungen, faktenreich ber den Kampf gegen den Hunger. Die Autorinnen ent-werfen eine Agenda fr die Entwick-lungszusammenarbeit, die internationa-le Gemeinschaft und die Konsumenten. Das Buch sammelt Erfolgsbeispiele und lsst Menschen aus den Entwicklungs-lndern sprechen, die zeigen: Der Kampf gegen den Hunger ist zehnmal billiger als die Kosten, die er verursacht.

    handbuch Welternhrung lioba Weingrtner, claudia trentmann, herausgeber: deutsche Welthungerhilfe e. V., mit einem Vorwort von prof. dr. Klaus tpfer, 16,90 euro. ISbn 9783593393544

    handbuch Welternhrung

  • D o s s i e r 4. Quartal 201010 W e lt e r n H r u n g

    Auch sieben Jahre nach Beendi-gung des 14 Jahre dauernden Brgerkriegs werden in Liberia nicht gengend Nahrungsmittel fr alle produziert. Die Welthun-gerhilfe hat in der Hauptstadt Monrovia ein Projekt gestartet, das durch die landwirtschaftliche Nutzung brachliegender Flchen und die Errichtung von Hausgr-ten einen wesentlichen Beitrag zur Nahrungsmittelversorgung der Menschen leistet.

    In Liberias kriegsgeschundener Hauptstadt Monrovia zeigt ein Landwirtschaftsprojekt gute Erfolge

    n diesem Morgen erstrahlt der Himmel ber Monrovia in makellosem Blau. Schnell ver-wandelt sich die Hauptstadt Liberias aller-

    dings in eine schwl-heie Waschkche, selten nur schafft ein Windhauch Erleichterung. Das Ende der Regenzeit, verkndet Victoria Sirleaf dennoch zu-versichtlich. Sie lebt in einem volkstmlichen Vier-tel, von wo aus man in wenigen Minuten mit dem Auto das Zentrum der 1,3 Millionen Einwohner zh-lenden Hauptstadt erreicht.

    Auf einem wackeligen Holzbrett berwindet sie einen Wasserkanal und betritt ihr kleines Garten-reich: Stolz zeigt Victoria Sirleaf ihren Kopfsalat, Blattkohl, Auberginen und Frhlingszwiebeln, die in Plastikschsseln sitzen. Auch eine ausrangierte Badewanne hat sie mit Erde gefllt, um Gemse an-zupflanzen. Die mobilen Gemsebeete ruhen auf hlzernen Gestellen. Aus gutem Grund: Whrend der Regenzeit, die in Afrikas regenreichster und ver-mutlich feuchtester Hauptstadt normalerweise von April bis Oktober dauert, gehren berschwemmun-gen zur Tagesordnung. Wer sein Gemse in norma-

    Alen Beeten zieht, kann die Ernte gleich vergessen, meint die 50-Jhrige.

    Einst Besitzerin eines Lokals mit Bckerei, hatte Victoria Sirleaf ihren Betrieb aus gesundheitlichen Grnden aufgeben mssen. Jetzt widmet sie sich dem Gemseanbau, auch ein kleines Reisfeld in ei-nem Sumpfabschnitt gehrt dazu. Wenige Meter da-neben erheben sich Wohnhuser. Victoria Sirleaf ist Grtnerin mit Herz und Seele. Gartenarbeit ist gut gegen Stress, berichtet sie und spricht damit ver-mutlich europischen Schrebergrtnern aus dem Herzen. Anfangs htten die Nachbarn ihre Ttigkeit mit leichtem Spott kommentiert, seit Victoria Sirleaf damit jedoch richtig Geld verdient, bringe man ihr Respekt entgegen. Besonders begehrt ist ihr ansehnlicher Kopfsalat. Durch die Vermarktung, die von der Welthungerhilfe untersttzt wird, gelangt er neuerdings in Supermrkte und Restaurants.

    Das Potenzial ist gro

    Wie im Einzugsbereich einer afrikanischen Gro-stadt die Landwirtschaft entfaltet werden kann, zeigt ein Ansatz, den die Welthungerhilfe mit finan-ziellem Beistand der Europischen Union und in Zu-sammenarbeit mit der US-amerikanischen Nichtre-gierungsorganisation CARE sowie der niederlndi-schen Stiftung RUAF umsetzt. Seit 2009 bereitet man das Terrain fr eine planmige Ausweitung der agrarischen Ttigkeiten, wozu neben Obst- und Gemsekulturen auch Kleintierhaltung und Fisch-zucht zhlen.

    In der Anfangsphase war es gelungen, Grtnern und Kleinbauern, die ber knapp 1000 Hektar Kul-turflche verfgen, die Teilnahme schmackhaft zu machen. Das Potenzial ist wesentlich grer, da die Landwirtschaft im Groraum Monrovia jetzt auch von der Regierung als vorrangig eingestuft und untersttzt wird, bekrftigt Projektleiter Andr Stelder. Kleinbauern winkt sogar Steuerbefreiung.

    Eine solide Grundlage ist vorhanden. Seit Lan-gem nutzen Bewohner der Hauptstadt Flchen, um fr den Eigenbedarf Kulturen anzulegen. Whrend des 14-jhrigen Brgerkriegs, der 2003 ein Ende fand, waren Hunderttausende Liberianer nach Mon-rovia geflohen. Gut ein Drittel der 3,5 Millionen Einwohner lebt heute in der Hauptstadt, fast alle hatten sich vorher als Bauern ber Wasser gehalten. Monrovia verfgt ber ein groes und weitgehend brachliegendes Arbeitskrftereservoir, das die Land-

    Ackern in der Grostadt

    UnAbhnGiG: Die Kleinbauern in Monrovia ernten fr den eigenen Bedarf. Was brig bleibt, verkaufen sie.

    wirtschaft zum Aufblhen bringen knnte. Mehr Autarkie bei landwirtschaftlichen Produkten ist in der Tat Gebot der Stunde. Seit Jahren leidet vor allem die Hauptstadt unter chronischem Nahrungs-mittelmangel. Rund ein Drittel der schnell wachsen-den Bevlkerung des Landes gilt nach UN-Scht-zungen als unterernhrt. Kinder sind die Haupt-leidtragenden. Preiserhhungen haben die Lage drastisch verschrft.

    Wohl besitzt Liberia, das 1840 von befreiten Sklaven aus den USA gegrndet wurde, fruchtbare Landstriche. Mit den Erzeugnissen liee sich das ge-samte Land bestens versorgen. Weil die unterentwi-ckelte, im Krieg zudem ldierte Verkehrsinfrastruk-tur einen zeitnahen und gnstigen Transport der verderblichen Nahrungsmittel nach Monrovia nicht erlaubt, werden die meisten Waren, darunter Reis und Maniok, aus den Nachbarlndern oder aus bersee eingefhrt. Nichts liegt daher nher, als Obst und Gemse an geeigneten Standorten in der fast 9000 Hektar groen Stadtflche zu ziehen und an Ort und Stelle zu vermarkten.

    Was brig bleibt, wird verkauft

    Auch Madabah Kpinkpin an der Dixville Road ist auf den Geschmack gekommen. Als Mutter von sechs Kindern hatte sie frher Gemse kaufen ms-sen, jetzt baut sie es selbst an. Was wir nicht selbst brauchen, setze ich auf dem Markt nebenan ab, er-zhlt sie. Als Angehrige einer Gruppe von Klein-bauern hat die 50-Jhrige Saatgut sowie Werkzeu-ge erhalten. Wir betrachten das als Starthilfe. Sp-ter sollen die Gruppen, darunter auch Schulen und Kinderheime, einen Teil des Verkaufserlses aus der Ernte zurcklegen und selbst Saatgut und Werkzeu-ge kaufen, erlutert Andr Stelder.

    Zu den schwierigen Aufgaben zhlte die anfangs ntige Ausweisung geeigneter Nutzflchen, da de-taillierte und aktuelle Karten sowie Stadtplne nicht verfgbar waren. ber GoogleMaps konnte diese Lcke geschlossen werden. Inzwischen sind die Zo-nen zwar relativ klar umrissen, allerdings gibt es ber die jeweiligen Besitzverhltnisse der Grundst-cke manchmal Unstimmigkeiten. Davon ist vor allem Privatland betroffen. Grundeigentmer, von denen viele im Ausland leben, mssen dem Gesetz nach zuvor ihr Einverstndnis geben, um rechtliche Konflikte zu vermeiden.

    Monrovia besteht aus mehreren selbststndigen Gemeinden, mit denen schon im Vorfeld das ge-meinsame Vorgehen besprochen werden muss, gibt Stelder zu bedenken. Die Initiatoren grndeten Fo-ren, damit sich die Interessenvertreter regelmig absprechen knnen. Auf diese Weise entstehe all-mhlich ein allgemein akzeptierter Landnutzungs-plan, fgt er hinzu.

    Unterdessen hat die Fortbildung der stdtischen Farmer an Profil gewonnen. Mit der Universitt ha-ben sich die Verantwortlichen auf die Anlage eines landwirtschaftlichen Demonstrationsfeldes verstn-digt. Dort gibt es Pflanzschulen, zudem werden die Bauern mit Kompostiertechniken vertraut gemacht. Monokulturen sind verpnt, man rt den Farmern und Grtnern, den Boden mit unverrottetem orga-nischem Material zu bedecken und ihn nur minimal zu bearbeiten. Zudem lernen sie, wie man unter an-derem Ingwer, den Meerrettichbaum und Ginseng kultiviert. Geschulte Bauern sollen dafr sorgen, dass dieses Wissen weitergegeben wird.

    Ein Groteil des organischen Abfalls, der gut 80 Prozent des Stadtmlls ausmacht, kann knftig fr die Landwirtschaft genutzt werden. Schon jetzt steht fest, dass Monrovias Stadtbauern biologische Landwirtschaft betreiben und das aus einem ein-fachen Grund: Kunstdnger und chemische Pestizi-de sind schlicht unerschwinglich.

    Thomas Veser ist freier Journalist in Sankt Gallen, Schweiz.

    beweGlicher GArten: Victoria Sirleaf kann ihre Setzlinge schnell vor dem Regen retten.

    Von Thomas Veser

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    weitere informationen unter:

    www.welthungerhilfe.de/ liberia-hilfsprojekt-wiederaufbau.html

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  • 4. Quartal 2010 D o s s i e r W e lt e r n H r u n g 11

    PFlAnZZeit: Im Gangesdelta setzen Bauern Reisp anzen.

    nOtlAGe: Flchtlinge brauchen Nahrung und Perspek-tiven. Hier: ein Foto aus dem Distrikt Khagari.

    KrAFteinSAtZ: Eine Frau in Sonankuppam mahlt Reis zu Reismehl.

    welternhrUnG: wie ist die Situation fr die Um-setzung des rechts auf nahrung?Sanjay rai: Die Regierung hat ein Beratungsgremi-um, das National Advisory Council, kurz: NAC, ins Leben gerufen, das aus Vertretern der Zivilgesell-schaft besteht. Das NAC wird die Regierung beraten und Empfehlungen aussprechen. Optimistisch ge-rechnet, knnen wir jedoch frhestens in sechs Mo-naten mit einer Verabschiedung rechnen.

    wie sicher ist es, dass das Gesetz verabschiedet wird?Sonia Gandhi, die Koalitionsvorsitzende, hat den Pro-zess persnlich eingeleitet und koordiniert. Wir hof-fen, dass sie zu ihrem Wort steht. Bis zur Verabschie-dung des Gesetzes kann die Zivilgesellschaft weiter fr Themen wie soziale Sicherheit, Ernhrung und Landrechte werben. Denn auch diese Aspekte sollten bercksichtigt werden. Wir werden darauf bestehen, dass das Recht auf Nahrung ber die Verteilung von Nahrungsmitteln hinausgeht. Diese Forderung wur-de auch vom Obersten Gerichtshof untersttzt, der verordnet hat, das Recht auf Nahrung als ein Recht auf ein menschenwrdiges Leben zu interpretieren, das neben dem Zugang zu Nahrungsmitteln auch an-dere Grundbedrfnisse bercksichtigen soll.

    warum hat indien das recht auf nahrung bislang noch nicht umgesetzt? Es gibt in Indien eine breite Zustimmung fr die Verabschiedung des Gesetzes an sich, Streitpunkte gibt es bei den Inhalten. Lange Zeit drehte sich die Diskussion lediglich um die vorgesehene Verteilung von Nahrungsmitteln. Die Regierung sieht vor, je-dem Haushalt, dessen Einkommen unterhalb der in-dischen Armutsgrenze liegt, monatlich 25 Kilo-gramm Reis zu einem subventionierten Preis von drei Rupien (Anmerkung der Redaktion: Dies ent-spricht rund fnf Eurocent.) pro Kilogramm anzu-bieten. Fr Haushalte die knapp ber der Armuts-grenze liegen, ist der Preis etwas hher.

    nicht alle sind mit diesem Vorgehen einverstanden.Ja, es kam zu Diskussionen, in denen Fragen aufge-worfen wurden wie: Wie bemisst man die Armuts-grenze? Wie fl exibel ist die Kategorisierung, wenn sich die Lebensumstnde zum Beispiel durch eine Naturkatastrophe oder eine Missernte verschlech-tern? Andere dachten mehr in konomischen Di-mensionen. Bei einem Marktpreis von 20 Rupien pro Kilogramm Reis betrgt der subventionierte Betrag 17 Rupien, das macht bei 25 Kilogramm pro Haus-halt 425 Rupien (Anmerkung der Redaktion: rund sieben Euro) im Monat. Hochgerechnet fr alle an-spruchsberechtigten Haushalte wren schnell die staatlichen Grenzen erreicht. Besonders bei den Re-gierungen der Bundesstaaten gibt es eine starke Zu-rckhaltung gegen ein Gesetz, das hauptschlich von der Zentralregierung verabschiedet, ihnen je-doch zur Teilfi nanzierung und Durchfhrung ber-lassen wird.

    Gibt es beispiele fr eine erfolgreiche Umsetzung? Ja, die gibt es. Mindestens zehn Bundesstaaten haben eigene Ernhrungssicherungsprogramme aufgesetzt, die weit ber die Manahmen in dem Gesetzentwurf zum Recht auf Nahrung hinausgehen. In Tamil Nadu,

    Chhattisgarh, Andhra Pradesh, Kerala und Gujarat gibt es eine Vielzahl an guten Beispielen. Tamil Nadu hat bereits vor 40 Jahren mit der Verteilung von Nahrungs-mitteln begonnen, und das Schulspeisungsprogramm bercksichtigt auch ernhrungsrelevante Aspekte.

    was bedeutet das?An vielen Orten kann man zum Beispiel beobach-ten, dass sich die Schulspeisungen auf Reis und Lin-sen konzentrieren. In Tamil Nadu und Westbenga-len ist das anders, da sind Eier oder Blattgemse Teil der Schulspeisung. Auffllig ist, dass von den indi-schen Bundesstaaten, die recht weit fortgeschritten sind, was die Nahrungsmittelversorgung angeht, der geringste Widerspruch gegen das Recht auf Nahrung kommt. Diese Staaten haben bereits vor langer Zeit selbst nach Wegen gesucht, die Probleme von Un-terernhrung und Hunger zu lsen.

    was bedeutet das recht auf nahrung fr die Men-schen? Das Gesetz gibt den Armen das Recht, Ansprche zu erheben und diese zu realisieren. In einer Kom-bination mit anderen bereits verabschiedeten Geset-zen, wie dem Recht auf Information, das jedem Staatsbrger das Recht verleiht, die Offenlegung von Verfahren oder die Verwendung der Mittel auf jeder administrativen Ebene zu beantragen, ist das Recht auf Nahrung ein Instrument, das die Men-schen strkt. Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass das Recht auf ein menschenwrdiges Leben festge-schrieben und anerkannt wird.

    welche erwartungen an Organisationen wie die welt-hungerhilfe gibt es? Die Arbeit privater Organisationen ist wichtig, denn nur so kann sich die Situation der Armen verbes-sern. Die Welthungerhilfe leistet zum Beispiel auf der regionalen Ebene einen wichtigen Beitrag, um die Ursachen von Hunger und Unterernhrung zu bekmpfen. In ihrem Mutter-Kind-Projekt in West-bengalen setzt sie da an, wo es am ntigsten und nachhaltigsten fr die Prvention von Mangeler-nhrung bei Kindern ist: bei der Ernhrung und Ge-sundheit der Mtter. Vielleicht kann in Zukunft die Kooperation zwischen Organisationen, die auf der regionalen Ebene arbeiten, und Organisationen, die auf politischer Ebene arbeiten, verstrkt werden.

    was msste dafr getan werden?Ein gemeinsames Fortbildungsprogramm zu den Ge-setzen und staatlichen Programmen kann ein An-fang sein. Es ist ganz wichtig, dass die Menschen ber ihre Rechte aufgeklrt werden und Wege ken-nen, um ihre Rechtsansprche geltend zu machen. Es ist zu begren, dass die Welthungerhilfe in ih-ren Projekten diesen Punkt vermehrt aufnimmt und sich fr die Strkung der Landrechte von Frauen und indigenen Gruppen einsetzt.

    was sind die erwartungen an die Vereinten nationen politisch wie auch praktisch? Die Vereinten Nationen haben immer eine wichtige Rolle dabei gespielt, Denkanste fr nationale und internationale ernhrungsrelevante Prozesse zu lie-fern. Es darf beispielsweise nicht vergessen werden, dass es die Ernhrungs- und Landwirtschaftsorga-nisation der Vereinten Nationen, die FAO, war, die zuerst auf die Bedeutung von Ernhrung aufmerk-sam gemacht hat. Die Vereinten Nationen sollen ih-re Arbeit fortfhren, weil sie nationale Regierungen unter Druck setzt, breiter und weiter zu denken.

    Sind Sie zufrieden mit den bisherigen ergebnissen?Wenn man bercksichtigt, dass wir uns erst seit zehn Jahren ernsthaft mit der Thematik auseinan-dersetzen, haben wir sehr viel erreicht. Die Medien berichten konstant darber, und es gibt in der Be-vlkerung einen breiten Konsens darber, dass Pro-bleme wie Hunger und Unterernhrung angegangen werden mssen. Wir sind auf dem Weg.

    Das Interview fhrten Wendy Zavala Escobar, Saraswathi Rao und Lata Raman, Mitarbeiterinnen

    der Welthungerhilfe in Indien.

    2011 knnte die indische Regierung endlich das Recht auf Nahrung verabschieden. Im ersten Ge-setzentwurf wird mit der Anerkennung des Rechts auf Nahrung fr alle Inder ein hoher Mastab ge-setzt. Kritiker bezweifeln allerdings die Umsetzbar-keit. Sanjay Rai, Programmvorstand von FIAN India und langjhriges Mitglied der Right to Food Cam-paign, zu Chancen und Problemen.

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    wir sind auf dem wegIndien knnte 2011 das Recht auf Nahrung einfhren. Organisationen wollen, dass daraus mehr wird als das Verteilen von Nahrungsmitteln

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  • 12 W E LT E R N H R U N G D O S S I E R 4. Quartal 2010

    Revolution war hufi g viel zu hoch. Die meisten Staaten etwa Afrikas sind durchaus in der Lage, ge-nug zu produzieren, um sich selbst zu ernhren. Oder aber sie knnten zumindest gengend Devisen erwirtschaften, um eine ausreichende Menge an Nahrungsmitteln fr die eigene Bevlkerung zu im-portieren. In fragilen Staaten oder Staaten mit ge-waltsamen Konfl ikten wre hufi g beides mglich, doch die Rahmenbedingungen verhindern dies.

    Schwierig ist es fr solche Lnder, deren natur-rumliche Gegebenheiten sich nicht fr die land-wirtschaftliche Produktion eignen und die auch nicht ber exportfhige Bodenschtze oder andere Produkte verfgen, oder fr Lnder, die regelmig von schlimmen Drren heimgesucht werden. Aber selbst in den wenigen nor-malen afrikanischen Ln-dern gelingt es nicht, die Produktionspotenziale aus-zuschpfen. Das hat viele Ur-sachen, zum Beispiel einen fehlenden oder eingeschrnk-ten Zugang zu Mrkten, un-attraktive Marktbedingun-gen, Desinteresse von Regie-rungen an der Gesamtentwicklung eines Landes oder einfach auch eine fehlende Nachfrage.

    In vielen Entwicklungslndern haben die Regie-rungen es verschlafen oder nicht gewollt, eine wett-bewerbsfhige Landwirtschaft aufzubauen. Afrikas Anteil am internationalen Agrarhandel ist in den letzten vier Jahrzehnten von acht Prozent auf zwei Prozent gefallen. Wenn subventionierte Agrarexpor-te (oder mitunter auch Nahrungsmittelhilfe) aus den Industrielndern zustzlich die Mrkte von Entwick-lungslndern berschwemmen, dann sind die Bau-ern oft nicht einmal auf ihren Heimatmrkten konkurrenzfhig. Und bei den Entwicklungshilfe-gebern war das Thema Landwirtschaft ganz weit un-ten auf der Agenda, auch bei der Bundesregierung. Der Internationale Whrungsfonds und die Welt-bank trugen zum Niedergang einheimischer Land-

    wirtschaften in der Vergangenheit bei, weil sie rigo-rosen Druck ausbten, um die Entwicklungslnder zur Marktffnung zu zwingen.

    Seit dem jhen Anstieg der Nahrungsmittelprei-se und der Zahl der Hungernden vor zwei Jahren sind nun aber lndliche Entwicklung und Landwirt-schaft ein groes Thema. G8-Gipfel, Vereinte Nati-onen, nationale Regierungen bekennen sich zu einer falschen Schwerpunktsetzung in der Vergan-genheit und geloben Besserung, stellen gar Milliar-denuntersttzung in Aussicht. Was davon zu halten ist, werden wir in den nchsten Jahren beobachten knnen.

    Zwar sind die Nahrungsmittelpreise nicht mehr so hoch wie vor zwei Jahren, aber deutlich ber dem

    Niveau vor der Krise. Und al-le Prognosen deuten darauf hin, dass sie weiter anziehen werden. Das ist eine schlech-te Nachricht fr die Verbrau-cher vor allem in Entwick-lungslndern, knnte aber eine Chance fr die Bauern sein wenn sie denn fl exibel genug sind, auf die neuen

    Marktbedingungen zu reagieren, und wenn natio-nale Regierungen und Geber tatschlich in Land-wirtschaft und lndliche Entwicklung investieren. Passiert das nicht, dann werden internationale Un-ternehmen und auslndische Investoren ihre Chan-ce am Schopf ergreifen und die Potenziale, die in vielen Lndern vorhanden sind, nutzen. Ob dann Mitnahmeeffekte solcher Investitionen einen nen-nenswerten Beitrag zur Hunger- und Armutsbe-kmpfung leisten knnen, ist zumindest fraglich.

    Noch ist das Gefhl des Auswegs da und dass er mglich ist. Aber Regierungen und Hilfsorgani-sationen mssen die Bauern nun schleunigst dabei untersttzen, neue Mglichkeiten am Markt auch zu nutzen. Sonst werden die Bauern bald Diener im eigenen Land sein auf den Farmen des Agro-business.

    re der tgliche Bissen so sicher wie die Luft, dann gbe es kein Elend, schrieb der groe Philosoph Ernst Bloch in den

    60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. So aber wchst nur im Traum das Brot wie Laub auf den Bumen. Vorhanden ist nichts dergleichen, das Leben ist hart, und trotzdem war stets ein Gefhl des Auswegs da und dass er mglich sei.

    Leider sind fast eine Milliarde Menschen immer noch auf das Gefhl des Auswegs und dass er mglich sei angewiesen. Und die Prognosen sind angesichts des Bevlkerungswachstums und des Kli-mawandels alles andere als positiv. Die Produktion von Grundnahrungsmitteln muss gesteigert werden, wird aber nach Berechnungen des International Food Policy Research Institute (IFPRI) ausgerechnet in Afrika und Asien besonders negativ vom Klima-wandel betroffen sein. Fr Afrika sagt IFPRI einen Rckgang der Weizenproduktion um 22 Prozent und der Reisproduktion um 14 Prozent voraus, fr Asi-en einen Ertragsrckgang um 50 Prozent bei Wei-zen und um 17 Prozent bei Reis.

    Viele sind auf der Suche nach Auswegen, nicht nur die hungernden Menschen selbst internationa-le Organisationen, Unternehmen der Agrarwirtschaft, Regierungen, Hilfsorganisationen, einheimische Bau-ernverbnde, Wissenschaftler und viele andere mehr. Angesichts des Ausmaes und der Dramatik des ge-genwrtigen und zuknftigen Hungers in der Welt ist es nur allzu verstndlich, dass man auf der Suche nach Auswegen auch schon mal etwas kurz springt.

    Die Errungenschaften der ersten Grnen Revolu-tion in Asien beispielsweise befl geln die Fantasien so manchen Wissenschaftlers, so manchen Unterneh-mens und so manchen Politikers. Aber Vorsicht ist geboten vor allzu groen Hoffnungen bezglich ei-ner zweiten Grnen Revolution: Verbesserte Produk-

    tionstechniken sind eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung fr landwirtschaft-

    liche Entwicklung. Und: Der soziale und kologische Preis fr eine Steigerung

    der Produktion durch die Grne

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    Das Brot wchst nicht auf BumenEine Grne Revolution wird den Hunger in Afrika und Asien nicht stillen Preisanstieg ist eine Chance fr die Bauern

    STANDPUNKT

    Uli Post ist Leiter des Bereiches Politik und Auenbeziehungen. Er studierte Politische Wissenschaften und Volkswirt-schaftslehre in Berlin und Hamburg. Nach berufl ichen Stationen in der Forschung, bei Medien und Nichtregierungsorganisati-onen sowie einem mehrjhrigen Aufenthalt in Lesotho kam er 1996 zur Welthunger-hilfe. Seit Ende 2009 ist Uli Post neben seiner Ttigkeit bei der Welthunger-hilfe Vorstandsvorsitzender des Verbands Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregie-rungsorganisationen.

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    ZUFRIEDEN: Dieser ecuadorianische Bauer bringt seine Ernte ein.

    [[Die Regierungen haben es verschlafen, eine wettbewerbsfhige Land-wirtschaft aufzubauen.

    Industrielndern zustzlich die Mrkte von Entwick-lungslndern berschwemmen, dann sind die Bau-ern oft nicht einmal auf ihren Heimatmrkten konkurrenzfhig. Und bei den Entwicklungshilfe-gebern war das Thema Landwirtschaft ganz weit un-ten auf der Agenda, auch bei der Bundesregierung. Der Internationale Whrungsfonds und die Welt-bank trugen zum Niedergang einheimischer Land-

    kmpfung leisten knnen, ist zumindest fraglich.Noch ist das Gefhl des Auswegs da und dass

    er mglich ist. Aber Regierungen und Hilfsorgani-sationen mssen die Bauern nun schleunigst dabei untersttzen, neue Mglichkeiten am Markt auch zu nutzen. Sonst werden die Bauern bald Diener im eigenen Land sein auf den Farmen des Agro-business.

    mens und so manchen Politikers. Aber Vorsicht ist geboten vor allzu groen Hoffnungen bezglich ei-ner zweiten Grnen Revolution: Verbesserte Produk-

    tionstechniken sind eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung fr landwirtschaft-

    liche Entwicklung. Und: Der soziale und kologische Preis fr eine Steigerung

    der Produktion durch die Grne

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