Zukunft des Publizierens - bpb.de · APuZ Aus Politik und Zeitgeschichte 62. Jahrgang ·...

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  • APuZAus Politik und Zeitgeschichte

    62. Jahrgang 4142/2012 8. Oktober 2012

    Zukunft des PublizierensPetra van Cronenburg

    In der dunklen Hhle. Zur Zukunft des Buches

    Michael Roesler-GraichenDigitales Publizieren: Stand und Perspektiven

    Jeff GomezGeschichten erzhlen im digitalen Zeitalter

    Dominique PleimlingSocial Reading Lesen im digitalen Zeitalter

    Thomas Carl SchwoererDas Urheberrecht und die Zukunft des Verlegens

    Anne Lauber-RnsbergRaubkopierer und Content-Mafia: Die Debatte um das Urheberrecht

    Jeanette Hofmann Christian Katzenbach Merlin MnchKulturgtermrkte im Schatten des Urheberrechts

  • EditorialWie konnte es so weit kommen? Das fragten sich nicht weni-ge Literaturkritiker, als ein Buch von recht bescheidener litera-rischer Qualitt einer bis dato unbekannten Autorin in diesem Jahr weltweit die Bestsellerlisten sprengte. Von den Diskussio-nen um Thema und Botschaft des Buches abgesehen, zeigt der Weg, den Fifty Shades of Grey bei seiner Verbreitung be-schritten hat von der Fan-Fiction ber ein E-Book im Selbst-verlag bis hin zum Verkauf der Rechte an groe Verlage , wel-che Chancen das digitale Publizieren abseits der klassischen Vertriebs- und Verwertungswege ber einen Verlag bieten kann. Der Erfolg der Trilogie ist neben wenigen anderen Beispielen noch eine Ausnahme, doch wirft self publishing je nach Blick-winkel sein Licht oder seinen Schatten auf die knftigen Ent-wicklungen im Verlagsgeschft.

    Whrend es technisch immer einfacher wird, Texte (auch) als E-Book zu verffentlichen, haben sich auch gestalterisch neue Wege erffnet. Mit Animationen und Videos, Audiospuren und interaktiven Funktionen lassen sich E-Books multimedial anreichern oder als App umsetzen. Ob sie sich wirtschaftlich rechnen werden, bleibt abzuwarten. Nachgedacht und experi-mentiert wird lngst ber das meist nachtrgliche enhancement hinaus: Wie knnen die technischen Mglichkeiten genutzt werden, um originre Formen des digitalen Erzhlens zu schaf-fen noch unmittelbarer, transmedialer, nicht-linearer und auf Kommunikation und Partizipation angelegt?

    Die fortschreitende Digitalisierung von Inhalten und das ille-gale Herunterladen oder Teilen (sharing) von Textpassagen oder ganzen Bchern haben eine intensive Debatte um das Urheber-recht neu befeuert, die nach der Film- und Musikbranche nun auch die Buchbranche erfasst hat. Es gilt, die legitimen Interes-sen der Autorinnen und Autoren und ihrer Verlage zu schtzen, aber auch vernderte Nutzungsgewohnheiten zu bercksichti-gen, etwa beim gemeinsamen Lesen (social reading) oder beim kreativen Weiterbearbeiten eines Werkes. Lohnenswert knnte hierbei ein Blick auf andere Kulturgtermrkte und ihre Rege-lungsarrangements sein.

    Anne Seibring

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    Petra van Cronenburg

    In der dunklenHhle. Zur Zu-

    kunft des BuchesEssay

    Petra van Cronenburg Studium der Theologie und

    Judaistik; lebt als freie Journalistin und Buchautorin in

    Frankreich; zuletzt erschienen ist Faszination Nijinsky.

    www.cronenburg.net

    Wenn eine Schriftstellerin einen Essay ber die Zukunft des Buches verfasst, msste sie sich theoretisch nur zurckleh-

    nen, an einem Futu-rologischen Kongress der Literatur in ih-rem Kopf teilnehmen und alles aufschrei-ben. Dort laufen wo-mglich austauschba-re Projektionsflchen von Autoren-Avata-

    ren herum, direkt vernetzt mit Social-chip-Implantaten im Hirn ihrer Leserinnen und Leser. Buchhandlungen sind zu riesigen mul-timedialen Vergngungszentren geworden. Ein paar Feuilleton-Bots erscheinen in Maske und schauen irgendeiner sexy gestylten Ho-lografie zu, die als interaktiv quatschendes und werkelndes Sterne-Kochbuch in Kchen gebeamt wird und selbststndig den Online-Einkaufszettel im Khlschrank umprogram-miert. Oder htte sich das gute alte Buch wie ein Steampunk-Objekt irgendwann auf-grund einer globalen Stromknappheit wieder durchgesetzt?

    Etwas kopflos tappen wir derzeit wie in ei-ner dunklen Hhle zwischen E-Books und Papierbchern umher und streiten, wo Ge-schichten stattfinden sollen: drauen zum Anfassen oder als flchtige Projektion auf der Hhlenwand. So viele Wege gabeln sich in dieser Hhle welcher wird der vielver-sprechendste sein? Befinden wir uns wo-mglich auf einem Weg zurck in die Zu-kunft, hin zu den Ursprngen des Erzhlens, hin zum Erzhlmenschen, fr den das her-kmmlich gedachte Buchkonzept gar keine Rolle spielt?

    Der groe UmbruchDie gesamte Buchbranche befindet sich welt-weit in einer Umbruchsituation: Schpfe-rinnen und Schpfer, Verlage, Distributo-ren, Handel, Leserinnen und Leser proben ein neues Rollenverstndnis und Zusam-menspiel. Whrend dieser Essay getippt wur-de, erffnete Amazon seinen Kindle-Shop in Indien und fhrte in den USA das Abon-nement von Kindle Serials zum Pauschal-preis ein. Amazons E-Book-Verkufe ber-holten erstmals auch in Europa die Verkufe an gedruckten Bchern. 1 In Deutschland hat sich der E-Book-Markt nach sechs Monaten zum Vorjahr insgesamt verdoppelt. 2 Kobo wird mit seiner Self-publishing-Plattform nun auch in Europa zum Konkurrenten von Amazon und Apple. Whrend in der New York Times die absolut gleichberechtigt be-handelten self publisher die Best seller listen strmen, kommt auch die deutsche Fach-presse langsam nicht mehr um die Bestsel-lerautorinnen und -autoren im self publishing herum, obwohl diese in den offiziellen Best-sellerlisten weiterhin nicht eingerechnet wer-den. Sieben deutschsprachige Self-publishing-Titel halten sich im Sommer in den Kindle Top Ten, 49 in den Top 100. 3

    Im englischsprachigen Raum mischt Pen-guin Books die Vorstellung von einem Ver-lag auf: Ohne Berhrungsngste wurde fr 116 Millionen Dollar die Vanity-Firma Au-thor Solutions gekauft, um eine Self-publish-ing-Plattform zu kreieren. Letzteres machen zwar Holtzbrinck mit Epubli und Droemer Knaur mit Neobooks in Deutschland schon lnger, aber noch nie zuvor hat sich ein eta-blierter seriser Verlag derart offen mit ei-nem Bezahlverlag verknpft. Die Leserschaft fragt lngst nicht mehr nach hoheitlichen De-finitionen von Bchern: Kurze Handyroma-

    1 Vgl. Virginia Kirst, Grobritannien: Amazon ver-kauft mehr eBooks als gedruckte Bcher, 7. 8. 2012, online: www.computerbild.de/artikel/cb-News-PC-Hard ware-Grossbritannien-Amazon-verkauft-mehr-eBooks-als-gedruckte-Buecher-7675167.html (11. 9. 2012).2 Vgl. Media Control, Deutscher E-Book-Markt mit groen Zuwchsen, 11. 9. 2012, online: www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zu-waechsen.html (11. 9. 2012).3 Vgl. Serienmorde und Holunderksschen, 25. 7. 2012, online: www.buchreport.de/nachrichten/ online/online_nachricht/datum/ 2012/ 07/ 25/serienmorde-und-holunderkuesschen.htm (6. 9. 2012).

    http://www.cronenburg.nethttp://www.computerbild.de/artikel/cb-News-PC-Hardware-Grossbritannien-Amazon-verkauft-mehr-eBooks-als-gedruckte-Buecher-7675167.htmlhttp://www.computerbild.de/artikel/cb-News-PC-Hardware-Grossbritannien-Amazon-verkauft-mehr-eBooks-als-gedruckte-Buecher-7675167.htmlhttp://www.computerbild.de/artikel/cb-News-PC-Hardware-Grossbritannien-Amazon-verkauft-mehr-eBooks-als-gedruckte-Buecher-7675167.htmlhttp://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.htmlhttp://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.htmlhttp://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.htmlhttp://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2012/07/25/serienmorde-und-holunderkuesschen.htmhttp://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2012/07/25/serienmorde-und-holunderkuesschen.htmhttp://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2012/07/25/serienmorde-und-holunderkuesschen.htm
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    ne aus Asien werden genauso als Buch wahr-genommen wie ein in Deutschland verkaufter 1000-Seiten-Klotz aus Papier. Wer ein Smart-phone oder ein Tablet besitzt, kommt lngst in den Genuss von Apps, die das Buch mul-timedial aufbrechen und mit Elementen aus der Spielewelt, dem Film oder mit praktischen Anwendungen durchsetzen. Es erscheint so-gar eine zum Deutschen Buchpreis.

    Die Stimmung bleibt dennoch gespalten. Da sind die einen, die das herkmmliche Buch wie eine bedrohte Art betrachten und zu seinem Schutz gegen jede Vernderung anrennen. Sie frchten vor allem drei Fakto-ren: den Durchbruch digitaler Technologie, die Gleichberechtigung von self publishing mit herkmmlichen Verlags- und Handels-wegen sowie eine mgliche Verlagerung des stationren Buchhandels in die Hnde we-niger groer Internetkonzerne. Und da sind die anderen, die sich vor allem auf die Chan-cen und nicht immer unproblematischen He-rausforderungen einer knftigen Vielfalt konzentrieren: neue technische wie literari-sche Formen, aber auch eine Vernderung der Verffentlichungswege und Durchdringung unterschiedlicher Gerte mit Inhalten un-terschiedlicher Medien. Auch wenn das Pa-pierbuch, wie wir es kennen und lieben, wo-mglich nie untergehen wird es hat bereits Geschwister bekommen, die nicht weniger liebenswert sind.

    Das E-Book setzt sich durch

    Seit E-Books zwischen 2004 und 2006 mit der Verbreitung erschwinglicher Leseger-te zunchst in den USA zu einem ernstzu-nehmenden Branchenfaktor geworden sind, spricht man von der grten Revolution in der Buchwelt seit Gutenberg. Dabei ist das E-Book erstaunlich alt. Seine Geschich-te, 4 die man bis ins Jahr 1949 zurckverfol-gen kann, ist eng mit der Entwicklung der Computertechnologie und den frhen Be-mhungen um Hypertext-Konzepte des world wide web verknpft. Erste Vorfor-men von E-Books wurden deshalb nicht von der Buchbranche, sondern in wissenschaft-

    4 Vgl. die Artikel E-Book und Ebook in der deutsch- und englischsprachigen Wikipedia, on-line: http://de.wikipedia.org/wiki/E-Book (6. 9. 2012); http://en.wikipedia.org/wiki/Ebook (6. 9. 2012).

    lichen Instituten und unter Beteiligung der amerikanischen Navy entwickelt, die drin-gend elektronische Handbcher brauchte. Schon in den 1960er und 1970er Jahren ma-nifestierten sich Ideen, wie wir sie heute von Apps kennen. Das sogenannte FRESS-Hy-pertext-System, das Professor Andries van Dam an der Brown University in Providence auf IBM-Umgebung entwickelte, war fr die Lehre konzipiert: Es ging darum, Inhalte so dynamisch zu formatieren, dass unterschied-liche Nutzer sie mit unterschiedlicher Hard- und Software anschauen konnten und nicht nur Zugang zu automatischen Verzeichnissen hatten, sondern auch zu Grafiken und reich-haltigen externen Vernetzungen durch Links.

    1971 tippte Michael S. Hart im Rechenzen-trum der Universitt von Illinois den Text der amerikanischen Unabhngigkeitserklrung als elektronisches Dokument ein. Der Test war ein Meilenstein: Hart grndete in den USA das Projekt Gutenberg, um rechtefreie Literatur zu digitalisieren und damit weltweit und kostenlos verfgbar zu machen. Bereits 1988 verffentlichte William Gibson das ers-te kufliche elektronische Buch seinen Ro-man Mona Lisa Overdrive. In den 1990er Jahren herrschte mit der zunehmenden Ver-breitung des Internets in normale Haushalte eine ungeheure Aufbruchstimmung und In-vestierfreudigkeit vor allem in der englisch-sprachigen Welt. Als 1992 Charles Stacks mit seinem Book Stacks Unlimited die erste In-ternetbuchhandlung der Welt grndete, wur-den dort ebenso ausschlielich physische, ge-druckte Bcher gehandelt wie bei Amazon, das drei Jahre spter den Nerv der Zeit traf. Gedruckte Bcher boomten durch die neue Handelsmethode und die Verbreitung des In-ternets wie nie zuvor.

    Der erste Hype um das E-Book platzte al-lerdings ebenso schnell wie die New-Econo-my-Blase. Lesegerte wie Rocketbook oder Softbook waren fr das normale Publikum viel zu teuer und unhandlich. In Europa fehl-te es vllig an mit den USA vergleichbaren Strukturen: vom E-Book-Verlag ber den spezialisierten Buchhandel bis hin zu siche-ren Bezahlsystemen. Das E-Book erreichte seine Kundinnen und Kunden nicht die ein-zigen nachhaltig funktionierenden Systeme jener Zeit sind tatschlich die Tauschbrsen gewesen. 1997 endlich wurde die Firma ge-grndet, die ein Jahrzehnt spter das elektro-

    http://de.wikipedia.org/wiki/E-Bookhttp://en.wikipedia.org/wiki/Ebook
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    nische Lesen revolutionieren sollte: die E Ink Corporation. Die Idee, eines Tages so etwas wie virtuelle Tinte auf papierhnlichem Untergrund zu erfinden, klang noch nach echter Science Fiction. Anfang des 21. Jahr-hunderts setzte dann der ersehnte techno-logische Innovationsschub ein: 2004 brachte Sony den Reader Librie Ebr-1000ep auf den japanischen Markt, 2006 folgen die ersten E-Ink-Reader auf dem Weltmarkt, im Jahr darauf Amazons erster Kindle. Der Siegeszug des E-Books ist seither nicht mehr aufzuhal-ten. Denn jetzt ist die Hardware erschwing-lich, das Lesen durch adaptierbare Schriften sogar noch augenfreundlicher als auf Papier, der Download kinderleicht und allen Inter-net-Nutzern zugnglich. Die Gerte verbes-sern sich rasend schnell, nur ein einheitliches Format fehlt noch.

    Self Publishing: Der Markt ffnet sich

    Publizieren speziell fr E-Reader macht Ar-beitsschritte wie Buchsatz und Buchdruck, aufwndige Logistik und Lagerung ber-flssig. Dadurch wird das Verffentlichen fr Menschen, die Verlage umgehen wollen, bezahlbar, einfach und vor allem schnell. Druckkostenzuschussverlage und Vanity Press braucht keiner mehr, also knnen bluti-ge Laien ihre Texte in die gleichen virtuellen Regale einstellen wie Verlage. Es gibt unter self publishers aber genauso Buchprofis oder auch Verlagsautoren, die ihre Backlist selbst neu auflegen wollen, die ihre E-Book-Rech-te lieber selbst verwerten, oder die sich auf-grund der Struktur des neuen Markts allein einen gezielteren Abverkauf und aktuellere Verffentlichungen ausrechnen. Literarische Experimente und verlegerische Wagnisse las-sen sich auf diesem Wege austesten.

    Die groen Online-Hndler haben die Chance erfasst: Self publishing ist ein wichti-ger Markt geworden. Whrend sich das deut-sche Feuilleton noch grmt, dass die Kul-tur des Abendlandes dadurch gefhrdet sein knnte, weil nun wirklich jeder fehlerhafte und schlechte Bcher in die gleichen Lden stellen drfe wie Verlage, hat sich das self pu-blishing in anderen Lndern lngst professio-nalisiert. Es liee sich aus umgekehrter Per-spektive also durchaus fragen, ob wir nicht vor einer neuen Bildungswelle stehen. So wie einst durch Gutenbergs Buchdruck das einfa-

    che Volk und die Frauen zum Lesen fanden, weil Bcher verweltlicht und verbilligt wur-den, knnte die Verbreitung einfacher Do-it-yourself-Ware in den Charts dafr spre-chen, dass bisher buchferne Internet-Nutzer pltzlich zu Bchern finden. Es bliebe zu untersuchen, ob hier nicht bisher vom ge-druckten Buch und vom offiziellen Litera-turbetrieb ausgeschlossene Bildungsschich-ten das E-Book fr ihre Interessen lesend wie schreibend erobern.

    Neue Formen: Das Buch ffnet sich

    Auf der Leipziger Buchmesse 2011 erschien das EinBuch des sterreichischen Knst-lerkollektivs um Miba Eisbraun alias Mi-chael Braunsteiner und Barbara Eisner in sei-ner transmedialen Bndelung von Literatur und bildender, darstellender wie angewand-ter Kunst noch wie ein Science-Fiction-Ob-jekt. 5 Es lsst sich nicht aufblttern: Dieses Buch nebst Fortsetzungen wird inszeniert, fotografiert, aufgefhrt, gefilmt, hergestellt, es ist eine kunstvoll demontierbare Installa-tion ebenso wie ein sich verndernder Daten-strom im Internet. Die Skulptur Buch in Einerauflage, bedruckt mit einem Cover und einer einzigen Seite, enthlt eine exklusive DVD und wird als Preziose verkauft wh-rend der Text und die zu einem Trailer ver-krzte Performance kostenlos millionenfach im Internet abrufbar und teilbar sind. Ein wenig ist hier die Zukunft des Buches schon zu spren: Neben der Durchdringung unter-schiedlicher Medien und Knste wird sich die Vorstellung von Autorenschaft und Ver-legerschaft verndern und sicher ungewhn-liche neue Bezahlformen fr die Schpfer er-fordern, von denen die Idee des crowdfunding erst der Anfang sein drfte.

    Ein Jahr spter wird sichtbar, dass sich berall dort kreativ Neues entwickelt, wo die Schpfer Print und Digital, physisches Buch und Virtualitt, linearen Text und trans media nicht mehr getrennt voneinander wahrneh-men. Groe Verlage experimentieren mit so-genannten enhanced E-Books, die oft noch daran kranken, dass sie nicht eigens fr ein

    5 Vgl. Petra van Cronenburg, Ein Buch mit ei-genem Kopf, 17. 3. 2011, online: http://cronen-burg.blogspot.fr/ 2011/ 03/ein-buch-mit-eigenem-kopf.html (11. 9. 2012).

    http://cronenburg.blogspot.fr/2011/03/ein-buch-mit-eigenem-kopf.htmlhttp://cronenburg.blogspot.fr/2011/03/ein-buch-mit-eigenem-kopf.htmlhttp://cronenburg.blogspot.fr/2011/03/ein-buch-mit-eigenem-kopf.html
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    neues Medium konzipierte Geschichten er-zhlen, sondern mit recht konventionellen Mitteln Lesestoff lediglich mit Multimedia-Inhalten aufpeppen. Es ist nicht so, dass herkmmliche Romane oder lineares Lesen durch die neuen technischen Entwicklungen obsolet wrden, lediglich die Vielfalt von Er-zhlmglichkeiten nimmt zu.

    Natrlich befruchtet moderner Medienge-brauch auch umgekehrt die Literatur in ge-druckten Bchern. Der polnischen Schrift-stellerin Olga Tokarczuk gelang bereits 2007 mit Unrast (dt.: 2009) eine sehr eigene, col-lagenhafte literarische Erzhltechnik, die an die assoziationshafte Logik des Internetsur-fens erinnert. Als in Japan die Handyroma-ne boomten, entwickelte sich eine vllig neue Form von rasanten, kurzen, im Ton sehr jun-gen Serials. Was man eigentlich nur im Netz vermutet, wird kurioserweise auch gedruckt und zwischen zwei Pappdeckeln verkauft: Mit Mailromanzen (Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind) und Blogromanen (Rai-nald Goetz: Abfall fr alle) fing es an, es folgten SMS-Bcher und die Twitteratur. Twitteraten klopfen online in maximal 140 Zeichen zhlenden Tweets Sprche oder tweeten fortlaufende Geschichten in Echt-zeit. Sie berfhren die Texte in E-Books und gedruckte Bcher und veranstalten Twitter-lesungen, die zum Event mit anderen Knst-lern werden (zum Beispiel Jan-Uwe Fitz, Ute Weber, Florian Meimberg, Anousch Mller). Andersherum verffentlichte die Literatur-nobelpreistrgerin Elfriede Jellinek bereits 2007 bis 2008 ihren Privatroman Neid ka-pitelweise kostenlos und ausschlielich auf ihrer eigenen Webseite.

    Echte transmediale Projekte entstehen der-zeit eher von unten in eigens dafr gegrn-deten Kooperationen. Das Wilde Dutzend in Berlin vereinigt eine Luxusmanufaktur so-wie E-Book und Non-Book mit Events und der Beteiligung von Fans zu echtem trans-media storytelling. Neben interaktiven Akti-onen, Ausstellungen, Vorfhrungen und ei-nem Blog betreibt eine fiktive literarische Detektivin einen realen Salon. Das Expe-riment The Gates in Zusammenarbeit mit Flickr und dem Institute for the Future of the Book entfernt sich noch weiter vom Textme-dium und versucht, ber visual literacy das kollektive Gedchtnis zu erforschen. Fo-tos werden von Teilnehmern unter dem Tag

    gatesmemory bei Flickr gesammelt und mit dem Bookmarkdienst Delicious und einem Blog vernetzt. So sollen virtuelle Archive und Rume geschaffen werden, die durch Ttig-keiten wie Aktualisieren, Bewerten und Er-innern Inhalte in Bewegung bringen sollen. In Ruhephasen wird das Projekt berarbei-tet, bevor es wieder neu wachsen kann.

    In diesen Beispielen wird deutlich, dass sich Autorenschaft neu definiert. Transmedia sto-rytelling ist von einer Einzelperson nicht nur kaum zu bewltigen, es lebt vor allem durch die Einbindung des frher nur passiv konsu-mierenden Publikums. Was beim Schreiben im Elfenbeinturm nur hinderlich wre, ist hier ausdrcklich erwnscht: Teilhabe, Inspi-ration und Wissenstransfer von auen, Fort-entwickeln einer Geschichte oder eines The-mas, Kopie und bertragung, Variation und Abwandlung. Weil das gltige Urheberrecht solche offenen kollaborativen Formen eher erschwert, werden die meisten dieser Projek-te unter Creative-Commons-Lizenz gestellt. Die Diskussion um ein modernes Urheber-recht wird in Zukunft also nicht mehr nur aus einem Angstansatz gefhrt werden dr-fen, wie er die Diskussionen um geistigen Diebstahl beherrscht, sondern vor allem im Sinne einer fortschrittlichen Knstlerschaft. Diese sucht verlssliche und vor allem Kunst nicht behindernde Wege, wenn sie Kollabo-ration und den Teilungsgedanken von social media in ihre Arbeit integrieren will, und sich das statische Werk immer weiter zum offenen Prozess entwickelt.

    Aber auch Herausgeberschaft und das Verlegen verndern sich hin zu multi-medialen Produktionsfirmen, zu losen Ko-operationen fr jeweils ein Projekt, zu Ar-beitsgemeinschaften von Dienstleistern, die auf Augenhhe offen sind frs Publikum. Mit wachsender Teilnahme solcher Zuliefe-rer und Laien kommt eine neue Aufgabe ins Spiel: das Kuratieren von Inhalten. Kurato-ren, die all die unterschiedlichen Beteiligten, Medien und Inhalte zu einem erfolgreichen Projekt zusammenfhren knnen, drften in Zukunft zu einem neuen Berufsbild werden.

    Vor allem im englischsprachigen Bereich von Forschung und Lehre sind diese neu-en offenen Buchprojekte beliebt. Sie ver-einen kollaboratives Lesen und Schreiben mit einem Prinzip, das der OReilly Ver-

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    lag 2006 mit seinen rough cuts vorgedacht hat: Scheibchenweise werden sehr aktuel-le, bahnbrechende Inhalte vorverffentlicht. Beim Networked Book des Professors fr Kommunikation Noah Wardrip-Fruin bei-spielsweise werden neben der Federfhrung des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) handverlesene akade-mische Peers mit der Online-Community Grand Text Auto vernetzt, einem popul-ren Multiautorenblog, dem auch nichtakade-mische Spezialisten zum Thema angehren. Es geht darin um digitale Fiktion, Compu-terspiele und Software-Studien. 6 Man setzt vor allem auf den interdisziplinren Dialog im Blog, wo Forschungskonzepte und Ergeb-nisse oder Informationen zwischen Indus-trie, Wissenschaft, Kunst und Allgemeinheit geteilt werden knnen, die so nie in etablier-te Konferenzen finden wrden. Das in Echt-zeit fortgeschriebene interaktive Buch, bei dem sich Autoren- und Leserschaft in ihren Eigenschaften berschneiden, wird damit zu einem wichtigen Think Tank und Zukunfts-motor. Zwar fungiert die MIT Press noch als gatekeeper, doch gehen die Inhalte und der Arbeitsweg frei von marketing orientiertem Zielgruppendenken aller Beteiligten aus.

    Alles nur schn bunt?

    Die alte Kernfrage, ob Digitales Print tten wird, ist bereits berholt. Neben der billigen E-Volksausgabe ist die limitierte Luxusaus-gabe im Print sogar wahrscheinlich. Die in die Zukunft weisende Frage muss ganz an-ders lauten: Wie gehen wir mit einer weltweit extrem auseinanderdriftenden Zweiklassen-gesellschaft um: den Menschen mit digitalem Anschluss und denen ohne? Wer wird knf-tig Zugang zu Informationen und Inhalten haben und wer oder was wird diesen Zugang verteilen, filtern oder gar zensieren? Pres-se hat einen Auftrag, Literatur ist ein Kul-turgut: Wie stellen wir sicher, dass alle Men-schen gleiche Chancen haben?

    Neben Fragen, wie sich Daten sichern und auf neue Systeme konvertieren lassen, stehen wir auch vor dem Problem, dass sich digitale

    6 Vgl. Ben Vershbow, Expressive processing: an ex-periment in blog-based peer review, 22. 1. 2008, on-line: www.futureofthebook.org/blog/archives/ 2008/ 01/expressive_processing_an_exper.html (7. 9. 2012).

    Inhalte sehr viel unaufflliger zensieren und willkrlich verndern lassen als das bemerk-barere Verbot eines gedruckten Buches. Als Amazon vor drei Jahren ohne Vorankndi-gung ausgerechnet George Orwells Roman 1984 seinen Lesern vom Kindle lschte, war ein Przedenzfall geschaffen. Was aber passiert, wenn wir eines Tages unsere Biblio-theken nicht mehr in der eigenen Wohnung oder in kommunalen und wissenschaftlichen Einrichtungen sichern wrden, sondern in einer cloud, die potenziell allen mglichen Manipulationen zugnglich wre? Sind wir knftig wirklich die unberwachten, freien Besitzer unserer Inhalte?

    Wie lsen wir knftig die Ressourcen- und Energiefrage? Noch schieben wir beim Ge-brauch unserer Smartphones Themen wie Kinderarbeit, kologisch und menschlich de-sastrse Verhltnisse bei der Rohstoffgewin-nung und das Mllproblem in die Dritte Welt ab. Wann wird der erste Reader, der sich 2011 wie ein Science-Fiction-Gert anfhlte, Mll sein? Und wohin in Zukunft mit all dem Da-tenmll? Noch haben wir das Web nicht ge-lehrt, zu vergessen. Wird es so kommen, wie manche prophezeien, dass sich das Internet womglich verlangsamen knnte, oder dass wir ernsthafte Probleme mit der Stromver-sorgung bekommen knnten? Die Geschichte von Texten ist immer auch eine Geschichte des Vergessens und berlieferns. Frher erhofften sich Autoren durch ihre Werke Unsterblich-keit. Knnte der Wunsch der Zukunft genau das Gegenteil sein: der Traum von der Depub-likation, das Verlangen nach Vergessen?

    In unserer dunklen Hhle sind wir sind im Moment dabei, ein multimediales Lascaux 7 zu erschaffen. Was derzeit mit der ffnung von Autoren- und Leserschaft und der Ver-bindung unterschiedlicher medialer Aus-drucksformen geschieht, nhert sich an den Urkern des Erzhlens an, wie es schon die Urmenschen gekannt haben mssen: Eine Geschichte will weitergegeben werden. Aber sie wird nicht zwingend nur in Sprache mit-geteilt. Wie bei den Skulpturen und Malerei-en steinzeitlicher Hhlen erzhlen auch wir wieder zustzlich in Bildern, binden Grafik, darstellende Knste und Film ein. Wir spie-

    7 In der Hhle von Lascaux, Frankreich, wurden ei-nige der ltesten Hhlenmalereien der Menschheits-geschichte entdeckt (Anm. d. Red.).

    http://www.futureofthebook.org/blog/archives/2008/01/expressive_processing_an_exper.htmlhttp://www.futureofthebook.org/blog/archives/2008/01/expressive_processing_an_exper.html
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    len Theater, werden zu Dramaturgen. Wie einst die Schamanen berschreiten wir eine Grenze zwischen realem und fiktivem Raum, zwischen unserer realen Persnlichkeit als Autoren und unserer Selbstinszenierung im Internet und bei Auftritten. Wir laden Ge-genstnde im Sinne unserer Geschichten auf, lassen andere mitspielen, kommentieren, wei-tergeben. Unsere Rituale in den social me-dia wirken archaisch: Wir teilen keine Beu-te, aber Bilder, wir trommeln uns nicht mehr an die Brust, klappern aber laut mit Eigen-werbung. Wir lsen Emotionen nicht mehr nur mit Fiktionen aus, sondern mit unserer gesamten Kommunikation rund ums Buch. Fiktion und Realitt lassen sich nicht mehr wirklich voneinander trennen, sie haben sich ineinander verflochten in dem Moment, in dem fiktive Romanfiguren bei Facebook zu Ansprechpartnern werden oder Verlage Au-toren und bersetzerinnen erfinden. Zwi-schen Fiktion und virtueller Inszenierung entstehen Traumpfade wie von Ureinwoh-nern gespeist aus dem Buch.

    Etwas hat sich allerdings grundlegend ge-ndert: Beim herkmmlichen Bcherschrei-ben sind die storyteller noch Schpfergott-heiten in einem elfenbeinernen Olymp, die allmchtig Menschen in ihre Fantasiewelten hineinsaugen. Die storyteller von heute stei-gen vom Olymp herab, um gemeinsam mit den Sterblichen am Lagerfeuer Geschichten zu ersinnen und zu erleben. Wenn wir ein und dieselbe Geschichte lesen, hren, sehen, spie-len, trumen und erleben wollen, dann ist das eine Herausforderung so gro wie das Ph-nomen von Lascaux. In Lascaux wurde Blei-bendes geschaffen, weil die darin erzhlten Geschichten und die knstlerische Leistung des Erzhlens den Menschen ber Zeiten hin-weg etwas zu sagen haben, weil sie Menschen tief in ihrem Inneren berhren. Diese Essenz wird auch in Zukunft ausmachen, was vom Buch in jedweder Form bleiben knnte. Wohin sich das Buch entwickeln wird, hngt also in starkem Mae davon ab, wie eine Ge-sellschaft die Kreativen und Knstler achtet, behandelt und frdert. Und es hngt davon ab, wie frei, ungehindert und einfach das Er-zhlen bleiben wird.

    Michael Roesler-Graichen

    Digitales Publi-zieren: Stand und Perspektiven

    Michael Roesler-Graichen Dr. phil., geb. 1958; Literaturwissenschaftler und Journalist; Redakteur beim Brsenblatt. Wochenmagazin fr den deutschen Buchhandel, Braubachstrae 16, 60311 Frankfurt am Main. [email protected] mvbonline.de

    Nicht mehr nur eine Minderheit der Deutschen interessiert sich fr das elek-tronische Buch; dies kann man zumin-dest in Grostdten schon im Alltag er-kennen. Whrend ein elektronisches Lese-gert, ein sogenann-ter E-Reader, vor ei-nem Jahr noch ein vergleichsweise selte-ner Anblick war, hat er heute in ffentli-chen Verkehrsmit teln, auf Bahnhfen und Flughfen eine gewisse Selbstverstndlich-keit erlangt neben Smartphones, Handys und MP3-Playern. Die Verbreitung der Lese-gerte hat, vor allem seitdem die Markttreiber Amazon und Apple auch in Deutschland ihre Reader und Tablets verkaufen, stark zuge-nommen. Nach Angaben des Hightech-Ver-bandes Bitkom werden in diesem Jahr voraus-sichtlich 2,2 Millionen Tablets in Deutsch-land verkauft.

    Deutscher E-Book-Markt

    Das E-Book ist entsprechend lngst im deut-schen Buchmarkt angekommen. Fr 2011 er-mittelte die Gesellschaft fr Konsum- und Absatzforschung (GfK) im Auftrag des Br-senvereins einen Marktanteil von elektro-nischen Bchern im Publikumsmarkt (Ein-zelkufer) in Hhe von einem Prozent. 1 Branchenbeobachter rechnen fr das Gesamt-jahr 2012 mit einem wesentlich hheren Pro-zentsatz: Die Schtzungen schwanken zwi-schen 1,5 und fnf Prozent. Fr das erste Halbjahr 2012 hat das Baden-Badener Markt-forschungsinstitut Media Control fr E-Books einen Buchmarktanteil von zwei Prozent er-mittelt. In den ersten sechs Monaten des Jah-res seien rund 4,59 Millionen kostenpflichtige

    mailto:[email protected]:[email protected]
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    E-Books heruntergeladen worden. Der durch-schnittliche E-Book-Preis sei von 9,56 Euro im Jahr 2011 auf 8,64 Euro 2012 gesunken. 2

    Von den bisherigen Studien nicht erfasst ist das Grokundengeschft im Fachinforma-tions- und Wissenschaftsbereich. Hier wird bereits seit Jahren ein groer Teil der Zeit-schriften und Bcher elektronisch vertrieben. Kunden sind vor allem Bibliotheken, For-schungsinstitute, Grokanzleien und Unter-nehmen, etwa in der pharmazeutischen und der metallverarbeitenden Industrie. Verla-ge wie Springer Science + Business Media, De Gruyter, Wolters Kluwer oder Wiley-VCH setzen 50 Prozent und mehr ihrer Ti-tel als E-Books um. In wenigen Jahren wird dort das elektronische Buch das bevorzug-te Ausgabeformat sein, gedruckte Versionen werden dann nur noch auf Verlangen (on de-mand) produziert und ausgeliefert. Die Per-spektiven im E-Book-Markt sind fr die Sparten recht unterschiedlich: Whrend vor allem Verlage und der Zwischenbuchhandel von der Entwicklung profitieren, verluft die Entwicklung im Buchhandel uneinheitlich. Da E-Books in der Regel ber das Internet erworben werden, hat der Online-Buchhan-del hier deutlich die Nase vorn. Dort liegt der Anteil verkaufter E-Books in vielen Fllen bei zehn und mehr Prozent, beispielsweise bei den Webshops von Weltbild und Hugen dubel.

    Wesentlich niedriger ist der Prozentsatz verkaufter E-Books im stationren Sorti-ment, zumindest wenn man den gesamten Buchumsatz zugrunde legt. Viele Buchhnd-ler verkaufen nur in geringer Zahl E-Reader und hoffen, anschlieend vom Erwerb der E-Books zu profitieren. Das ist meist dann der Fall, wenn auf dem verkauften Lesegert der Webshop des Hndlers oder eines Barsor-timents integriert ist. Stationre Buchhnd-ler, die im Sinne der Multichannel-Strategie auch das Internet fr den Verkauf nutzen, machen zunehmend positive Erfahrungen. So wird beispielsweise ber den Online-Shop der Pustet-Buchhandlungen inzwischen un-

    1 Vgl. Armin Oldendorf/Bianca Corcoran-Schlie-mann/Julia Hofmann (Hrsg.), Markt mit Perspekti-ven. Das E-Book in Deutschland 2011, Frankfurt/M. 2012.2 Vgl. Media Control, Pressemitteilung vom 11. 9. 2012, online: http://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.html (12. 9. 2012).

    gefhr jedes elfte Buch in digitaler Form ver-kauft. Und ein mittelstndischer Filialist wie Osiander verdient immerhin monatlich hohe vierstellige Eurobetrge mit E-Books.

    Spitzenreiter im Markt fr E-Books drf-te allerdings nach Brancheninforma tionen Amazon sein. Der deutsche Ableger des US-Internetkonzerns verkauft wenige Monate nach der Erffnung des deutschen Kindle-Shops etwa jedes zweite E-Book in Deutsch-land. Grund fr den Erfolg ist, wie in den USA, dass Amazon einerseits ber attrak-tive Lesegerte verfgt (den Kindle gibt es jetzt in der fnften Generation), andererseits ber das grte Angebot an E-Books. Die ge-wnschten Titel lassen sich zudem mit weni-gen Mausklicks herunterladen, bei Gerten mit UMTS-Schnittstelle auch mobil aus dem Netz. Die Kunden knnen allerdings, und das ist der dritte Erfolgsfaktor, nur E-Books im MOBI-Format lesen. E-Books von ande-ren Anbietern, die in der Regel als PDF oder als sogenanntes EPUB angeboten werden, sind hingegen auf dem Kindle nicht zu lesen. Mit Hilfe einer von Amazon entwickelten App knnen Kindle-E-Books auch auf ande-ren Gerten verfgbar gemacht werden.

    Die Marktentwicklung in Deutschland hngt auch vom E-Book-Angebot der Verla-ge ab. 2011 hatte erst die Hlfte aller Verlage E-Books im Programm, dieser Anteil wird in den kommenden Jahren laut der E-Book-Stu-die des Brsenvereins deutlich steigen auf mehr als 85 Prozent. 3 Der Anteil der Novi-tten, die parallel als E-Book erscheinen, lag bei den Verlagen, die E-Books anbieten, 2011 bei 42 Prozent; der Anteil der digitalisierten Backlist-Titel erreichte 30 Prozent. Rechnet man diese Anteile auf alle Verlage hoch, er-schien 2011 also nur jedes fnfte Buch gleich-zeitig als E-Book. 2012 wird sich die Situati-on deutlich verbessern, zumal auch eine groe Zahl mittlerer und kleinerer Verlage ins digita-le Buchgeschft eingestiegen ist oder noch ein-steigt beispielsweise der Reclam Verlag, der eine wachsende Zahl an Titeln aus seiner Uni-versalbibliothek als E-Book herausbringt.

    Die im Handel angebotenen digitalen Ti-tel reprsentieren inzwischen in wesentli-chen Teilen die Print-Programme der Verla-

    3 Vgl. A. Oldendorf/B. Corcoran-Schliemann/J. Hof-mann (Anm. 1).

    http://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.htmlhttp://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.html
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    ge. Vor allem Spitzentitel aus der Belletristik, dem Sachbuch und dem Ratgeberbereich sind in der Regel gleichzeitig oder manchmal so-gar vor der gedruckten Version als E-Book erhltlich. Das Marktforschungsinstitut Me-dia Control GfK international erstellt daher E-Book-Bestsellerlisten fr Belletristik und Sachbuch, 4 die dem Handel und den Verlagen inzwischen als Orientierung dienen knnen.

    Auch auf Handelsseite wird das Engage-ment bei E-Books knftig verstrkt. Der 2011 im stationren Sortimentsbuchhandel erziel-te Umsatzanteil lag zwar bei nur 0,5 Prozent, knnte aber, wie die oben genannten Beispiele zeigen, in diesem Jahr deutlich hher liegen. Die in der E-Book-Studie des Brsenvereins befragten Sortimenter rechnen mit einem An-teil am Gesamtumsatz in Hhe von 1,2 Pro-zent. Unterdessen steigt auch der Anteil der Buchhndler, die E-Books oder E-Reader ver-kaufen. Waren dies im Jahr 2011 nur 32 Pro-zent, betrgt der Anteil 2012 bereits 65 Pro-zent. Von den verbleibenden 35 Prozent, die bisher weder E-Reader noch E-Books anbie-ten, will zumindest jeder fnfte knftig auch E-Books offerieren. Bei etwa 20 Prozent der Buchhandlungen wird es auch in Zukunft kei-ne E-Books geben, einige Sortimenter haben sich allerdings noch nicht festgelegt.

    Das Wachstumspotenzial des E-Book-Markts wird von Buchhndlern und Verle-gern sehr unterschiedlich eingeschtzt: Wh-rend die in der E-Book-Studie befragten Verleger damit rechnen, 2015 etwa 17 Pro-zent ihres Gesamtumsatzes mit elektroni-schen Bchern zu machen, erwarten die Sor-timentsbuchhndler nur etwa 3,5 Prozent. 5

    Internationaler Markt

    Die Marktentwicklung in Deutschland ver-luft deutlich verhaltener als etwa im Leit-markt USA oder in Japan. So sollen sich die Ausgaben fr E-Books im US-Markt von 2011 bis 2016 verfnffachen, prognosti-ziert das Beratungsunternehmen Pricewater-houseCoopers in seinem aktuellen Ausblick Global Entertainment and Media Outlook

    4 Vgl. online: www.boersenblatt.net/template/bb_tpl_bestseller_ebook/ (11. 9. 2012).5 Vgl. A. Oldendorf/B. Corcoran-Schlie mann/ J. Hof-mann (Anm. 1)

    fr 2012. 6 In Japan knnte sich dieser Anteil verdoppeln, in Grobritannien und anderen europischen Staaten hingegen wird der Aus-gabenanstieg und damit das Umsatzwachs-tum vermutlich erheblich flacher sein.

    In den USA dem Land, das den Takt der E-Book-Entwicklung mageblich vorgibt, und in dem die groen Player Amazon, Apple und Google ihren Hauptsitz haben hat sich das Wachstum bei E-Books rasant beschleu-nigt. Nach Angaben der amerikanischen Ver-legervereinigung AAP und der Book Industry Study Group (BISG) wurden 2011 im Buch-markt mehr als zwei Milliarden Dollar (rund 1,6 Milliarden Euro) mit E-Books umge-setzt 2010 waren es erst 869 Millionen Dol-lar. 7 Der Absatz nach Stckzahlen schnellte um 210 Prozent nach oben: auf 388 Millio-nen E-Books. Im Schnitt hat im vergangenen Jahr also mehr als jeder zweite US-Brger ein E-Book gekauft. Der Marktanteil von E-Books am gesamten Buchhandel lag 2011 bei 15 Prozent (2010: sechs Prozent). In die-sem und in den kommenden Jahren wird sich die Steigerungsrate aller Voraussicht nach ab-schwchen. Aktuelle Ergebnisse der vergan-genen Monate zeigen, dass der E-Book-Um-satz nicht mehr exponentiell wchst, sondern in zweistelligen Prozentschritten (etwa zwi-schen 40 und 60 Prozent) zulegt.

    Fr 2012 erwartet die amerikanische Buch-branche einen Anstieg des E-Books-Markt-anteils auf 20 bis 25 Prozent, in den Jahren da-rauf drfte die Wachstumskurve dann flacher werden ein Indiz fr eine gewisse Markt-sttigung und fr die Tatsache, dass gedruck-te Bcher nicht komplett durch elektronische Ausgaben ersetzt werden. Vor allem Hardco-ver und Softcover mit Klappenbroschur wer-den knftig von den Kunden nachgefragt, whrend der Anteil der sogenannten mass market paperbacks Taschenbcher mit einer weichen Kartondecke und geringwertigem Papier stark zurckgehen wird.

    6 Vgl. PricewaterhouseCoopers (Hrsg.), Global En-tertainment and Media Outlook: 20122016, Juni 2012; Pressemitteilung vom 12. 7. 2012, online: www.pwc.de/de/pressemitteilungen/ 2012/alles-digital-im-mer-online-medienumsatz-steigt.jhtml (10. 9. 2012).7 Vgl. AAP/BISG (eds.), BookStats 2012. An annual comprehensive study of the U. S. publishing industry, New York 2012; Pressemitteilung vom 18. 7. 2012, on-line: http://bookstats.org/bookstats-2012.php (10. 9. 2012).

    http://www.boersenblatt.net/template/bb_tpl_bestseller_ebook/http://www.boersenblatt.net/template/bb_tpl_bestseller_ebook/http://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2012/alles-digital-immer-online-medienumsatz-steigt.jhtmlhttp://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2012/alles-digital-immer-online-medienumsatz-steigt.jhtmlhttp://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2012/alles-digital-immer-online-medienumsatz-steigt.jhtmlhttp://bookstats.org/bookstats-2012.php
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    Interessant ist das Lese- und Kaufverhalten, das die BISG bei US-Verbrauchern im Rahmen ihrer auf mehrere Jahre angelegten Untersu-chung Consumer Attitudes Toward E-Book Reading festgestellt hat: 8 Demnach fhrt die digitale Migration von Lesern, die bisher ge-druckte Bcher bevorzugt haben, zu einem ge-mischten Kauf- und Nutzungsverhalten. An-ders als die early adopters, die sich in einer sehr frhen Marktphase (und hufig ohne traditio-nellen Buchhintergrund) ein Lesegert zuge-legt und elektronische Bcher gelesen haben, machen es viele Konsumenten vom Inhalt eines Buches oder der gewnschten Nutzungssitua-tion abhngig, ob sie ein Buch in digitaler oder gedruckter Form kaufen. Das E-Book ist dann ein Inhaltsformat, das sie neben dem gedruck-ten Buch oder auch dem Hrbuch verwenden. Ebenso wenig wie das gedruckte Buch voll-stndig durch das E-Book substituiert wird, findet also bei den Verbrauchern eine unum-kehrbare Konversion zum E-Book statt.

    Auch im weltweiten Mastab wird das E-Book an Bedeutung zunehmen. Vor allem China, aber auch die anderen Wirtschafts-mchte von morgen Brasilien, Indien, Sd-korea stellen ihre Buchproduktion zu-nehmend auf digitale Publikationen um. PricewaterhouseCoopers rechnet in seinem Ausblick damit, dass im Jahr 2016 E-Books bereits 18 Prozent des Gesamtumsatzes im globalen Buchmarkt ausmachen; 2011 waren es weltweit fnf Prozent. Einen guten ber-blick ber die weltweite Marktentwicklung gibt der Report The Global eBook Market: Current Conditions & Future Projections. 9

    Das hohe Tempo der Digitalisierung in den USA im Vergleich zu Deutschland (und Eu-ropa) und die unterschiedlichen Marktent-wicklungen haben mehrere Grnde:

    US-amerikanische Verlage und vor allem Online-Hndler wie Amazon sind etwa

    8 Vgl. BISG (ed.), Consumer Attitudes Toward E-Book Reading, Volume 3, Report 3 of 4 July 2012; Pressemit-teilung vom 31. 7. 2012, online: www.bisg.org/ news-5-779-press-releasee-book-consumers-diversifying-their-format-preferences-says-new-bisg-study.php (10. 9. 2012).9 Vgl. Rdiger Wischenbart, The Global eBook Market: Current Conditions & Future Projections 2011, online: www.publishersweekly.com/binary-data/ARTICLE_ATTACHMENT/file/ 000/ 000/ 522-1.pdf (10. 9. 2012).

    ein bis zwei Jahre frher als europische Marktteilnehmer in das Geschft mit elek-tronischen Bchern eingestiegen.

    Die schnelle Verbreitung von Lesegerten begnstigt durch die lchrige Buchhan-delsinfrastruktur in den USA sowie das von vornherein groe Angebot an digita-len Titeln hat in kurzer Zeit zu erheblichen Abstzen und Umstzen gefhrt.

    Die gesetzliche Preisbindung in Deutsch-land, die auch fr E-Books gilt, hat einer-seits den Preisverfall verhindert, anderer-seits aber auch das Wachstum im Vergleich zu den USA verlangsamt.

    Der Anteil der Novitten, die gleichzeitig als E-Book erscheinen, ist in Deutschland immer noch erheblich niedriger.

    Streit um das Agentur-Modell

    Das immense Wachstum des E-Book-Markts geht, zumindest in der Anfangsphase, vor al-lem auf das Konto von Amazon, das mit sei-nem im November 2007 prsentierten Kindle das erste massentaugliche Lesegert auf den Markt brachte, das zudem eine groe Zahl an elektronischen Buchtiteln verfgbar machte. Amazon verfolgte beim Verkauf seiner B-cher allerdings eine Niedrigpreispolitik, die den Verlagen zunehmend missfiel, weil sie das Preisgefge im Buchmarkt vollkommen durcheinander zu bringen drohte. Spitzen-titel, die auf der Bestsellerliste der New York Times standen, waren bei Amazon als E-Book zu einem Preis erhltlich, der den Hardcoverpreis um mehr als 50 Prozent un-terbot (9,99 US-Dollar, etwa 8 Euro).

    Als im April 2010 das erste iPad von Apple auf den Markt kam und zugleich der iBook-store gestartet wurde, ergriffen mehrere gro-e Verlagsgruppen die Chance, mit Apple so-genannte Agency-Vertrge abzuschlieen. Bei diesem Modell (agency model) tritt Apple nicht als Hndler auf, sondern als Verkufer im Auf-trag der Verlage. Den Endverkaufspreis fr die ber den iBook store vertriebenen Bcher le-gen dabei die Verlage fest in einem Spektrum von 12,99 bis 14,99 Dollar, also deutlich hher als in Amazons Kindle Store.

    Amazon bte zwar in der Folge einige Marktanteile ein (von ehemals 90 Prozent

    http://www.bisg.org/news-5-779-press-releasee-book-consumers-diversifying-their-format-preferences-says-new-bisg-study.phphttp://www.bisg.org/news-5-779-press-releasee-book-consumers-diversifying-their-format-preferences-says-new-bisg-study.phphttp://www.bisg.org/news-5-779-press-releasee-book-consumers-diversifying-their-format-preferences-says-new-bisg-study.phphttp://www.publishersweekly.com/binary-data/ARTICLE_ATTACHMENT/file/000/000/522-1.pdfhttp://www.publishersweekly.com/binary-data/ARTICLE_ATTACHMENT/file/000/000/522-1.pdfhttp://www.publishersweekly.com/binary-data/ARTICLE_ATTACHMENT/file/000/000/522-1.pdf
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    sank der Anteil auf rund 65 Prozent), die durch die Agency-Vertrge erzielte De-fac-to-Preisbindung fr E-Books rief allerdings die amerikanischen Kartellwchter auf den Plan, die darin einen Versto gegen das Wett-bewerbsrecht witterten, zumal der US-Buch-markt im Gegensatz zum deutschen Markt keine (gesetzliche) Preisbindung kennt.

    Im April 2012 reichte die Antitrust Divisi-on des Department of Justice eine Klage ge-gen Apple und fnf groe Verlagsgruppen in den USA ein. Fr drei Verlage (Hachette Book Group, HarperCollins, Simon & Schus-ter) endete das Verfahren vorzeitig durch ei-nen Vergleich (settlement), den das zustndi-ge Gericht Anfang September 2012 gebilligt hat. Apple sowie die beiden Verlagsgruppen Penguin und Macmillan (die dem deutschen Holtzbrinck-Konzern gehrt) warten dage-gen den Prozess ab.

    Der Vergleich sieht unter anderem vor, dass die betroffenen Verlage innerhalb einer Wo-che ihre Agency-Vertrge mit Apple beenden mssen. Zudem mssen alle Vertrge mit an-deren Hndlern aufgelst werden, die eine sogenannte Meistbegnstigungsklausel ent-halten und den Hndler dazu verpflichten, E-Books nicht gnstiger als die Mitbewerber anzubieten. In den kommenden fnf Jahren, so das Gericht weiter, drfen auerdem kei-ne entsprechenden Neuvertrge abgeschlos-sen werden. Branchenbeobachter wie Mike Shatzkin (Grnder und Geschftsfhrer von The Idea Logical Company) rechnen nun da-mit, dass eine neue Runde im E-Book-Preis-kampf eingelutet wird. Ich denke, dass jeder, der im E-Book-Markt mit Amazon konkurriert, sich besser anschnallen sollte, sagte Shatzkin der New York Times. 10

    Amazon the book industry in the box

    Amazon ist nicht nur im E-Book-Geschft eine Hegemonialmacht, sondern verfolgt auch den Kurs, in allen anderen Bereichen

    10 Zit. nach: Jolie Bosman, Judge Approves E-Book Pricing Settlement Between Government and Pub-lishers, 6. 9. 2012, online: http://mediadecoder.blogs.nytimes.com/ 2012/ 09/ 06/judge-approves-e-book-pricing-settlement-between-government-and-pub-lishers/ (12. 9. 2012).

    des Buchmarkts eine dominante Position zu erobern. Neben den zahlreichen Services, die das Unternehmen bereits bietet, etwa die Self-publishing-Plattform Kindle Direct Pu-blishing, ist Amazon inzwischen mit Ama-zon Publishing ins Verlagsgeschft eingestie-gen. Unter der Leitung von Larry Kirshbaum soll ein Programm entstehen, das vor allem mit Bestseller-Autoren glnzen soll. Eini-ge Stars im US-Buchgeschft wurden bereits abgeworben, die ersten Titel werden dem-nchst auf den Markt kommen. Und wenn es nach Amazon geht, sollten diese Titel auch im stationren Buchhandel, dessen Marktan-teile es durch seine Online-Aktivitten zu-nehmend auffrisst, vertrieben werden. Das Signal der unabhngigen Buchhndler und groer Wettbewerber wie Barnes & Noble ist allerdings eindeutig: Keine Amazon-Bcher in unseren Regalen.

    Die Aktivitten Amazons lsen deshalb in den USA und mglicherweise bald auch in Deutschland Beunruhigung aus, weil sie nicht nur auf die Kontrolle bestimmter Marktsegmente zielen, sondern auch darauf, ein geschlossenes Buch-kosystem zu schaf-fen, das vom Autor ber den Verlag ber das Buch bis zum Vertrieb (als physisches oder elektronisches Buch) keine Partner mehr braucht. Beobachter in den USA sprechen da-her in Bezug auf Amazon von der book in-dustry in the box.

    Frage der Endgerte

    Fr die Entwicklung des digitalen Publizie-rens in den kommenden Jahren ist die Frage entscheidend, auf welchen Gerten die Kun-den lesen: Werden es berwiegend klassische E-Reader sein, die zumeist eine Technolo-gie auf der Basis digitaler Tinte (zum Beispiel E-Ink) einsetzen, oder werden sich Tablets wie das iPad oder der Kindle Fire durchsetzen?

    Die GfK hat zwar in einer Gertestudie fr das erste Halbjahr 2012 in Westeuropa einen strkeren Anstieg der Umstze bei Ta-blets gegenber E-Readern gemessen (plus 142 Prozent gegenber plus 93,3 Prozent) 11 daraus den Schluss zu ziehen, E-Reader wr-

    11 Vgl. Gfk, Pressemitteilung vom 30. 8. 2012, on-line: www.gfk.com/group/press_information/press_releases/ 010230/index.de.html (12. 9. 2012).

    http://mediadecoder.blogs.nytimes.com/2012/09/06/judge-approves-e-book-pricing-settlement-between-government-and-publishers/http://mediadecoder.blogs.nytimes.com/2012/09/06/judge-approves-e-book-pricing-settlement-between-government-and-publishers/http://mediadecoder.blogs.nytimes.com/2012/09/06/judge-approves-e-book-pricing-settlement-between-government-and-publishers/http://mediadecoder.blogs.nytimes.com/2012/09/06/judge-approves-e-book-pricing-settlement-between-government-and-publishers/http://www.gfk.com/group/press_information/press_releases/010230/index.de.htmlhttp://www.gfk.com/group/press_information/press_releases/010230/index.de.html
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    den knftig beim elektronischen Lesen eine geringere Rolle spielen, wre aber verfehlt. Denn Tablet-Kufer sind nicht immer an den Lesefunktionen und am Zugang zu E-Book-Shops interessiert. Im Gegensatz dazu steht bei Kufern von E-Readern der Kauf und das Lesen von E-Books im Vordergrund. E-Rea-der sind vor allem fr Vielleser das Gert der Wahl, whrend Gelegenheitsleser hufig auch das Tablet nutzen.

    In Deutschland wird inzwischen eine gro-e Zahl an Lesegerten angeboten in al-len Preisklassen von rund 60 bis mehr als 500 Euro. Etwa 20 verschiedene E-Reader gehren zu den meistgekauften Gerten da-runter der Amazon Kindle, der Sony Rea-der PRS-T2, die Reader von Pocketbook, das Cybook Odyssey von Bookeen, der Liro Ink von der MVB und der Kobo Glo Comfort-light vom kanadischen E-Book-Spezialisten Kobo. 12

    Bei den multifunktionalen Tablets mit far-bigem LCD- oder TFT-Display dominiert eindeutig Apple mit seiner iPad-Produktrei-he den Weltmarkt. Im zweiten Quartal 2012 lag der globale Marktanteil laut einer Studie des Marktforschungsinstituts IHS iSuppli bei rund 70 Prozent. 13 Weitere Gerte, die nicht mit dem Apple-eigenen Betriebssystem iOS, sondern mit dem von Google entwickel-ten Android arbeiten, sind unter anderen das Samsung Galaxy, das Nexus 7 von Google, das Tablet S von Sony sowie die seit Kurzem auch in Deutschland erhltlichen Amazon-Tablets Kindle Fire und Kindle Fire HD.

    Enhanced E-Books und Apps

    Auf welchem Endgert gelesen wird, ist dann nicht gleichgltig, wenn es sich um Bcher mit farbigen Illustrationen, Fotos, multimedialen Anreicherungen (Podcasts, Videos und hn-lichem) sowie interaktiven Funktionen han-delt sogenannten enhanced E-Books (auch enriched E-Books). Sie knnen nicht auf her-

    12 Eine bersicht ber aktuelle Lesegerte ist zu fin-den unter www.boersenblatt.net/549138 sowie auf den Webseiten www.cme.at und www.lesen.net (24. 9. 2012).13 Vgl. Top 5 makers of tablets, led by Apple, 6. 9. 2012, online: www.cbsnews.com/ 8301-505250_ 162-57507761/top-5-makers-of-tablets-led-by-apple-amazon-3rd/ (12. 9. 2012).

    kmmlichen E-Readern dargestellt werden, weil diese nur ber ein Graustufen-Display verfgen und wegen ihrer zu geringen Ka-pazitt fr die Wiedergabe von Animationen oder Videos ungeeignet sind. Die entspre-chenden Titel sind daher meist fr das iPad optimiert, auch Android-Versionen sind teil-weise verfgbar.

    Mehrere Publikumsverlage haben be-reits multimedial angereicherte E-Books im Programm: Rowohlt in der Reihe Digital-buch Plus, Kiepenheuer & Witsch mit der Programmlinie Kiwi eBook Extra, Lbbe mit seinen digital novels, die in verschiede-nen Versionen (auch als reines E-Book) an-geboten werden. Auch bei Random House und Hoffmann und Campe (zum Beispiel der historische Roman Cagot von Tom Knox) sind bereits angereicherte E-Books im Programm.

    Ob sich enhanced E-Books auf Dauer durchsetzen, ist allerdings fraglich. Sie kos-ten in der Regel mehr als die einfache Version und verfhren den Leser dazu, die Lektre zu unterbrechen, um sich beispielsweise ein Ex-perteninterview, eine Wochenschauaufnah-me von Albert Einstein oder animierte phy-sikalische Experimente anzuschauen. Setzt man die Abstze angereicherter E-Books in Relation zu den verkauften Downloads fr konventionelle Bcher, dann sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache. So hat bei-spielsweise Kiepenheuer & Witsch von al-len seinen Extra-Titeln bisher rund 3000 Downloads verkauft, whrend einzelne Spit-zentitel aus dem Belletristik- oder Sachbuch-programm fnfstellige Downloads erzielen also das Hundertfache.

    Die App, die mittlerweile von zahlreichen Verlagen in groer Zahl produziert wird, er-freut sich inzwischen grerer Beliebtheit als das enhanced E-Book, das in gewisser Weise ein Hybrid zwischen einem Buch und einer multimedialen Umgebung ist, wie man sie frher beispielsweise von CD-ROMs kannte. Bei der App hat der Kunde auch eine andere Erwartung: Er wnscht nicht das klassische Leseerlebnis, sondern will die unterschiedli-chen Funktionen nutzen, um sich beispiels-weise ein Kochrezept per Video erklren und anschlieend die Mengenangaben in der Zu-tatenliste auf die gewnschte Personenzahl herunterzurechnen. Die lineare Erzhlstruk-

    http://www.boersenblatt.net/549138http://www.cme.athttp://www.lesen.nethttp://www.cbsnews.com/8301-505250_162-57507761/top-5-makers-of-tablets-led-by-apple-amazon-3rd/http://www.cbsnews.com/8301-505250_162-57507761/top-5-makers-of-tablets-led-by-apple-amazon-3rd/http://www.cbsnews.com/8301-505250_162-57507761/top-5-makers-of-tablets-led-by-apple-amazon-3rd/
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    tur eines Buches wird dabei aufgebrochen und der Inhalt auf vielfltige, multimedial er-weiterte Anwendungen verteilt.

    Nicht nur bei Kochbchern, Gesundheits-ratgebern oder Reisefhrern bietet sich die Produktion von Apps an, sondern auch bei Kinderbchern, die beispielsweise um Spiele, Quizfunktionen oder eingespielte Begriffser-klrungen erweitert werden knnen. Ein ak-tuelles Beispiel ist die Hotzenplotz-App aus dem Thienemann Verlag, die aus animier-ten Buchszenen (eingesprochen von Armin Rohde) und acht kleinen Spielen besteht. Ver-trieben werden die Apps meistens ber den App Store von Apple, doch mit der Einfh-rung der Kindle-Tablets von Amazon und der zeitgleichen Erffnung des Amazon App-Shops werden die Anbieter dazu bergehen, ihre Apps auch den Nutzern der Kindle-Fire-Tablets zugnglich zu machen.

    Eine speziell fr den Lesenachwuchs kon-zipierte Vertriebsplattform, die im Herbst 2011 erstmals von den Initiatoren Oetinger und Tigerfish Media vorgestellt wurde, ist der digitale Kinderbuchladen Tigerbooks. Es handelt sich dabei um eine Vertriebs-App fr elektronische Kinder- und Jugendbcher, die kostenlos im App Store von Apple herunter-geladen werden kann und ber die Kinder ge-zielt nach klassischen und interaktiven Titeln stbern knnen. Dabei werden ihnen Lese-proben, Audiovorschauen oder auch vorgele-sene Szenen geboten.

    Neue Mglichkeiten des Verlegens

    Mit der digitalen Publikation von Inhalten verndern sich nicht nur die Formate, son-dern auch die Verfahren. Das Internet ermg-licht einer wachsenden Zahl von Autoren, Texte ohne die Untersttzung eines klassi-schen Verlags zu verffentlichen. In den USA erscheinen jhrlich inzwischen ungefhr zehn Mal so viele E-Books im self publishing wie in den klassischen Verlagen. Fr deutsche Selbstverleger bieten sich ebenfalls eine Rei-he von Plattformen an, beispielsweise Epubli, Bookrix oder Kindle Direct Publishing.

    Daneben gibt es eine Reihe von Verlagen, die das Internet selbst als Medium zur Aus-wahl von Manuskripten nutzen. Dabei wer-den Texte online eingereicht und von einem

    Lektoren-Team oder auch der Autoren-Com-munity bewertet. In einem Voting-Verfahren werden dann die Texte ausgewhlt, die als E-Book verlegt werden sollen. Beispiele fr diese internetbasierte Verlagsarbeit sind die Plattformen Epidu und Neobooks (Droemer Knaur).

    Auch wenn self publishing von E-Books den Weg in die ffentlichkeit erleichtern kann eine Erfolgsgarantie ist es nicht. Nur wenigen Autoren wie etwa Amanda Ho-cking oder E. L. James (Shades of Grey) ist so der groe Durchbruch gelungen. Und ist dieser Punkt einmal erreicht, unterschrei-ben die meisten dieser erfolgreichen self pu-blisher einen Vertrag mit einem klassischen Verlagshaus.

    E-First, E-Only und reine E-Book-Verlage

    Verkrzte Produktionszeiten bei E-Books haben im klassischen Verlagsgeschft bereits dazu gefhrt, dass Spitzentitel wie Shades of Grey (Goldmann) bereits Tage vor der Auslieferung der gedruckten Buch exem plare als E-Book verfgbar sind. Auch andere Ver-lage bringen bestsellerverdchtige Titel gern vorab als E-Book in den Handel. Inzwischen publizieren einige Verlage, unter ihnen Droe-mer Knaur, DuMont und Kiepenheuer & Witsch bestimmte Titel exklusiv als E-Book so etwa in der Reihe Kiwi ebook extra Nick Hornbys Fuballbuch Pray. Meine Premier-League-Saison 2011/12.

    Die Verlagsszene wird aber auch von neuen, reinen E-Book-Unternehmen berei-chert. So grndet beispielsweise das Ham-burger Medienhaus Edel unter dem Namen Edel Ebooks einen ausschlielich digitalen Buchverlag. Weitere Digitalverlage, die gera-de ihren Betrieb aufgenommen haben oder in Krze an den Start gehen, sind Frohmann in Berlin (eine Neugrndung von Eriginals Ber-lin), Sobooks von Sascha Lobo und Chris-toph Kappes, Dotbooks von Beate Kuckertz und E-lectra in Wiesbaden. Die neuen Digi-talverlage versuchen, auch im rein digitalen Publizieren die klassischen Verlagstugen-den zu bewahren. Dazu gehren unbedingt Qualittskontrolle und der Anspruch, auch sthetisch anspruchsvolle Publikationen he-rauszubringen mit dem Unterschied, dass

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    diese im Internet teilweise anderen Gesetzen gehorchen mssen, etwa bei der Covergestal-tung. Besonderes Augenmerk wird auch der Innengestaltung, dem Layout und der Ty-pografie gewidmet werden mssen, denn es mssen E-Books entstehen, die auf allen be-kannten Lesegerten funktionieren vom einfachsten E-Reader bis zum iPad 3 mit Re-tina Display.

    Fazit: Die neue Welt des Verlegens

    Digitalisierung, E-Book, E-Reader und die Mglichkeiten des mobilen Internets schaf-fen eine vollkommen neue Umgebung fr das Verlegen und den Vertrieb von Bchern, die sich strukturell sehr stark von der klassischen Verlagspraxis unterscheidet. Die bekann-ten Wertschpfungsstufen im traditionellen Verlagsmodell vom Autor ber den Verlag ber den Zwischenbuchhandel und die Aus-lieferung zum Buchhndler fallen entweder weg oder werden verkrzt, an ihre Stelle tre-ten andere Verfahren der Manuskriptbewer-tung und -selektion, der digitalen Ausliefe-rung und des Marketings (Online-Marketing ber Youtube, soziale Netzwerke wie Face-book oder Twitter). Immer mehr Buchinte-ressenten, die elektronisch lesen, werden so direkt im Netz auf Neuerscheinungen auf-merksam gemacht, knnen unmittelbar neue Titel herunterladen und wenige Klicks spter bereits lesen. Das Buch-Geschft, oder bes-ser: E-Book-Business, wird damit auf eine Weise beschleunigt, die im klassischen Ver-lag und im stationren Sortimentsbuchhan-del nicht vorstellbar ist.

    Dennoch ist nicht damit zu rechnen, das in absehbarer Zeit alle Leser zu E-Readern werden. Es wird, das zeigen auch die Er-kenntnisse aus den USA, eine klassische und eine digitale Verlagswelt geben, die paral-lel existieren, sich aber in vielen Fllen auch berschneiden werden. Noch kann niemand ernsthaft behaupten, dass in 50 Jahren nur noch digitale Bcher existieren. Die Retro-Bewegung bei Tontrgern zurck von CD und MP3-Datei zum Vinyl zeigt, dass nicht jede Medienrevolution unumkehrbar ist.

    Jeff Gomez

    Die erzhlerische Singularitt: Geschichten erzhlen im digitalen ZeitalterEssay

    bersetzung aus dem Englischen von Dr. Daniel Kiecol, Kln.

    Jeff Gomez Geb. 1970; Roman und Sachbuchautor; sein aktuelles Projekt Beside Myself ist eine interaktive Erzhlung fr das iPad; 55 West 90th Street #2, New York, NY 10024/USA. [email protected] www.besidemyself.com

    Nach meinen Begriffen war das musi-kalische Genie der 1960er Jahre Pete Towns hend. Andere mgen, auf ihre Wei-se, die besseren Sn-ger, Songwriter, Mu-siker oder Produzen-ten gewesen sein, aber Towns hend war der, der alles konnte. Er war ein Allroundge-nie: ein unglaubli-cher Performer und ein kraftvoller Gitar-rist; er konnte wun-dervolle Songs schreiben und diese im Stu-dio produzieren.

    In den spten 1960er Jahren erlangte seine Band The Who weltweiten Ruhm mit ihrer Rock oper Tommy. Aber Townshend woll-te sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Das nchste Projekt der Band, das ehrgeizige Lifehouse, war ein Science-Fiction-Spekta-kel, vor dem selbst die schon reichlich kom-plizierte Story von Tommy verblasste. Zu dieser Zeit war es Townshends Anliegen, sein Publikum zu einem Teil seiner Musik wer-den zu lassen. Neben der futuristischen Ge-schichte, in der es um die dystopische Vision einer Gesellschaft ging, in der Rock n Roll nicht lnger existiert, sollten einzelne Zu-hrer in spezielle Outfits gesteckt werden, Lifesuits, die, der Geschichte nach, die Men-schen mit allem Ntigen versorgen sollten. Am Ende, so der Plan, sollten sich sowohl die Band als auch ihre Fans in der Erfahrung ei-nes universellen Akkords vereint finden.

    mailto:[email protected]://www.besidemyself.com
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    Es war starker Tobak, und das selbst fr die damalige Zeit. Und whrend Townshend da-rum kmpfte, alles am Laufen zu halten, ver-loren die anderen Bandmitglieder vllig den berblick. Niemand wie es schien, auch er selbst nicht verstand, was in Petes Kopf vor-ging und wie das ganze Konzept umgesetzt werden sollte.

    Eine der grten Hrden dabei stellte die Technik dar. Stndig sah Townshend sich von den technischen Begrenzungen jener Zeit ausgebremst. Der Klang und die Bilder, die er im Kopf hatte, waren damals technisch ein-fach nicht zu realisieren. Nachdem sie mona-telang um das Projekt gekmpft hatten, ga-ben Townshend und die Band schlielich auf. Anstatt Lifehouse fertigzustellen, wurden lediglich einige der vorgesehenen Songs ein-gespielt und zusammen mit einigen anderen Tracks, die nichts mit dem Projekt zu tun hatten, in ihr nchstes Album integriert, das Whos Next betitelt wurde.

    Nahezu ein Jahrzehnt spter, auf der 1978 erschienenen Platte Who are you, fand sich Townshends Song Music Must Change. Die erste Zeile des Songtextes knnte gut als Kommentar zu Lifehouse gesehen werden, der Vision, die er niemals imstande war, aus-zudrcken oder umzusetzen: Deep in the back of my mind is an unrealized sound. Selbst Allroundgenies stoen ab und zu an ihre Grenzen.

    Geschichten mssen sich ndern

    Heute sehen sich Autoren, im Unterschied zu Townshend vor 40 Jahren, kaum noch tech-nologischen Hindernissen gegenber, die ihre Vorstellungskraft einschrnken knnten. Mit unglaublich leistungsstarken und zugleich leichten Computern sowie Gerten, die ber hoch auflsende Bildschirme verfgen, mit atemberaubender Geschwindigkeit arbeiten und nicht nur Audiotracks, sondern auch Vi-deos in hchster Qualitt abspielen knnen, wren Autoren imstande, Geschichten zu er-zhlen, welche die Kluft zwischen den unter-schiedlichen Kunstformen berbrcken und den Weg in Richtung einer neuen Leseerfah-rung weisen knnten, in der alle Medien zu einem Zweck miteinander verschmelzen: um eine groartige Geschichte zu erzhlen. Doch dies geschieht nicht. Stattdessen sind die di-

    gitalen Versionen von Bchern nichts weiter als elektronische Faksimiles ihrer Vorgnger, und die Teile eines Romans werden noch im-mer in den Begriffen ihrer physischen Gestalt gedacht: Seite, Umschlag, Buch.

    Fr seinen klassischen Roman Fahrenheit 451 erdachte Ray Bradbury eine landesweit ausgestrahlte Seifenoper, die von der Frau des Protagonisten auf einem riesigen, eine gan-ze Wand ihres Appartements einnehmen-den Bildschirm gesehen wurde. Doch dieser war zugleich eine Art durchlssiger Einweg-spiegel; genau wie in George Orwells 1984 sah man nicht nur in den Bildschirm, sondern der Bildschirm schaute zurck. In Fahren-heit 451 wurden normale Brger willkrlich aus der Menge gegriffen, und man gab ihnen ein paar Stze zu sprechen. So wurden sie, fr kurze Zeit, zu Stars in der Show. Das war eine groartige Idee, aber selbst heute, 60 Jahre spter, ist es nur Fantasie. In einem digitalen Roman aber liee sich etwas ganz hnliches machen. Wenn der Leser einer literarischen App Zugangsrecht zu seinem Facebook-Kon-to einrumte, knnte ihm eine auf ihn zuge-schnittene Story angeboten werden, in die sei-ne Frau, seine Freunde, sein Arbeitsplatz und seine nhere Wohnumgebung verwoben w-ren. (Und das personalisiert bis hin zum Wet-ter: Die erste Zeile der Geschichte wrde nur dann Es war eine dunkle und strmische Nacht lauten, wenn es auch tatschlich eine solche war.) Eine Software knnte die Fotos des Lesers scannen, analysieren und auf die-ser Grundlage eine Beschreibung nicht nur von ihm, sondern auch der ihm nahestehen-den Personen anfertigen, die im Text auftau-chen wrden. Der Leser wrde im Wortsinne zum Star des Romans.

    Dabei ginge es nicht um die sogenannte augmented reality, die erweiterte Realitt; es wre die Realitt, zum Roman gemacht. Deine Realitt. Die jahrhundertealte Tradi-tion des Realismus wrde dem Du-ismus weichen. Und warum auch nicht? Eine gan-ze Generation ist dabei, sich vom klassischen Fernsehen zu verabschieden, denn schlie-lich, wie es schon The Smiths sangen: It says nothing to me about my life. Und wie knn-te es auch? Es wei ja nichts ber dich. Wa-rum sollte man eine Fernsehsendung ber das Leben eines anderen schauen, wenn das St-bern in Facebook doch erlaubt, sich zum Star seiner eigenen Lebensgeschichte zu machen

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    (mit den Freunden als Nebendarstellern und dem Internet als Ort)?

    Durch die gesamte Evolution der Sprache hindurch hat sich das geschriebene Wort ver-ndert und sich dabei allen neuen Formaten angepasst, die erfunden wurden, um es zu beherbergen. Tontafeln wichen Schriftrol-len, Schriftrollen wurden durch mit Holz-deckeln zu Codices gebndelte Seiten er-setzt, und whrend dieses ganzen Prozesses wurden immer wieder neue literarische For-men geboren. Und nun, Jahrzehnte nachdem tragbare Lesegerte eingefhrt wurden, sind Bildschirme noch immer blo digitale Seiten.

    Was wir brauchen, ist eine wirkliche erzhle-rische Singularitt. 1 Zur Zeit sind Geschichten auf Bildschirmen nichts weiter als genau das; wir haben ein flaches, rechteckiges Trgerme-dium gegen ein anderes getauscht. Was ich mir fr den Bildschirm wnsche, ist, dass er zum Teil der Geschichte wird; und fr die Techno-logie und die Geschichte wnsche ich mir, dass sie miteinander verschmelzen. Townshend sang vor 30 Jahren, dass sich die Musik ndern msse. Das Gleiche gilt fr die Geschichten.

    Ergreifen wir die Mglichkeiten der digitalen ra

    In meinem 2007 verffentlichten Buch Print is Dead: Books in Our Digital Age drngte ich Autoren, Leser und Verleger, sich den di-gitalen Inhalten zu ffnen und das Web als Vertriebsmechanismus zu sehen und nicht als elektronische Nemesis. 2 In den folgenden Jah-ren ist meine Begeisterung fr digitale Innova-tionen und fr die Nutzung des Internets, um Leser zu erreichen, nur noch mehr gewachsen.

    Mein neuestes Projekt Beside Myself ist ein interaktiver Roman fr das iPad, der sich durch mehrere Versionen eines Erzhlers aus-zeichnet, der in wechselnden Realitten exis-tiert. 3 Die Leser knnen selbst bestimmen, in welcher Reihenfolge sie die einzelnen Tei-

    1 Mit der erzhlerischen Singularitt wird auf die technologische Singularitt angespielt, eine The-orie, die auf den Zeitpunkt verweist, an dem sich Technologien aus sich selbst heraus weiterentwickeln knnten.2 Vgl. Jeff Gomez, Print is Dead: Books in Our Digi-tal Age, New York 2007.3 Vgl. online: www.besidemyself.com (12. 9.2012).

    le des Romans lesen wollen, sie knnen dem Erzhlstrang eines einzelnen Erzhlers eben-so folgen wie alternativen Schlssen, knnen Charakteren (und auch mir) E-Mails direkt aus der Anwendung schicken oder knnen da die gesamte Handlung des Romans zur gleichen Zeit abluft das iPad drehen und die drei Handlungsstrnge parallel verfolgen. Doch so aufschlussreich und bahnbrechend mir all dies noch vor einigen Jahren erschien, als ich den Roman schrieb, so stelle ich heute, nachdem ich die App weiterentwickelt habe, fest, wie viel mehr noch getan werden kann.

    So wollte ich zum Beispiel eine Reihe von Ostereiern in den Roman einbauen, einen aus Videospielen bekannten Terminus, mit dem ein Inhalts- oder Handlungselement ge-meint ist, das im Spiel versteckt ist und vom Spieler eine bestimmte Aktion verlangt, um es freizuschalten. Fr Beside Myself dachte ich daran, den Lesern die Mglichkeit zu ge-ben, durch die Drehung des Covers der App in einer bestimmten Weise Zugang zu mei-nem Tagebuch zu bekommen, das ich wh-rend des Schreibens der Geschichte fhrte; so wrden sie meine Skizzen lesen knnen, die Beschreibungen der Charaktere, nicht ver-wendetes Material und anderes mehr.

    Eine andere Idee war, in die App ein sozia-les Netzwerk zu integrieren, so dass man als Leser die Mglichkeit htte, in Echtzeit Kom-mentare mit anderen Lesern auszutauschen, um derart eine Art weltweiten book club zu schaffen. Inspiration hierfr war die iPhone-App Ocarina, mit der es mglich ist, Musik zu erzeugen und die Grafik eines Globus so he-rumzuwirbeln, dass man sehen kann, wo auf der Welt andere Menschen mit der App spie-len und auch zu hren, was sie gerade spielen. Ich dachte auch darber nach, Soundeffek-te ins Buch zu integrieren, und auch visuel-le Elemente wie einen sich bei einer nchtli-chen Szene verdunkelnden Bildschirm. Man knnte eine Story schreiben, deren Handlung sich ber einen Abend hinzieht und bei der sich der Bildschirm wie der Hintergrund in Hitchcocks Cocktail fr eine Leiche lang-sam vom Tageslicht ber die Dmmerung bis zur nchtlichen Dunkelheit verndert.

    Letztlich verzichtete ich darauf, diese Opti-onen weiterzuverfolgen, weil ich den Roman dann doch mehr oder weniger als geradlini-ge Story konzipierte, innerhalb der die Nut-

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    zer aber die Ordnung einzelner Abschnitte nach ihren Wnschen ndern konnten. Mit einer App lassen sich diese bergnge nahe-zu nahtlos bewerkstelligen, weshalb ich mit einem iPad-Entwickler arbeitete. Je tiefer ich aber in den Entwicklungsprozess einstieg, desto deutlicher erkannte ich, wie unglaub-lich gro das Potenzial ist, dass die Nutzung moderner Technologie fr die Weiterentwick-lung des Geschichtenerzhlens bietet.

    Denken wir ber die Backlist hinaus

    Warum aber hat es die von mir beschriebenen Innovationen bisher noch nicht gegeben? Tat-schlich wurden bereits eine Reihe sehr inte-ressanter Apps herausgebracht, die auf litera-risch interessierte Leser zielen. So war etwa die von Faber verffentlichte App zu T. S. Eliots The Waste Land (dt.: Das wste Land) nicht nur ein Erfolg beim Publikum, sondern rechnete sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch zu Shakespeares Sonetten hat Faber jngst eine App produziert. Und wenn es sich dabei auch durchaus um bemerkens-werte Applikationen handelt, mit einer sehr guten Benutzeroberflche und tollen Funkti-onen, so knnen wir uns nicht damit begn-gen, die Backlist zu plndern. Alte Werke neu-en Formaten anzupassen ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch kann darin nicht die Zukunft liegen. Es muss Originalstoff erdacht werden, von Autoren, die sich der Mglichkei-ten des Digitalen bewusst sind und das be-reits, bevor sie mit dem Schreiben beginnen; sonst bleiben wir auf Verleger angewiesen, die sich erst danach Gedanken dazu machen. Und nicht zuletzt sollten sich die Autoren all dieser Mglichkeiten auch zu bedienen wissen.

    Etwas anderes, das bisher die digitale Inno-vation behinderte, ist die Verwechslung der Rollen. Wer soll was tun? Wenn ein Schreiber schreibt und ein Verleger verlegt, lsst dies eine Menge Lcken, die noch auszufllen sind. In ei-nem Blogeintrag bei Nosy Crow, einem erfolg-reichen britischen App-Entwickler fr Kinder, wird das Kreieren von Apps als hchst kol-laborativer Prozess beschrieben, als techni-scher Prozess und schlielich als neuer Pro-zess. 4 Wir haben hier Neuland betreten, mit

    4 Writing Childrens Apps, Nosy Crow Blog, 9. 7. 2012, online: http://nosycrow.com/blog/writing-childrens-apps (11. 9. 2012).

    dazugehrigen Fhigkeiten, die ber das ganze Spektrum hinweg noch Mangelware sind: Nie-mand wei wirklich, was er tut.

    Hinzu kommen so profan klingende Dinge wie die Preisgestaltung, digitales Rechtema-nagement, Rechtsfragen und Unsicherheiten hinsichtlich der neuen Formate; all dies sorgt fr eine weitere Verschleppung der Entwick-lung. Und doch denke ich, dass diese Pro-bleme durchaus zu bewltigen sind.

    Es braucht einen neuen Namen

    Ein weiteres Problem besteht ironischerwei-se in der Sprache. Wie nennen wir diese neu-en Formen? Ist eine App, die ein Roman ist, ein Buch? Das kann nicht sein, da es ja kein gedrucktes Artefakt ist. Auch diesen Roman eine App zu nennen, ist kaum hilfreich, da es selbst wenn es technisch korrekt sein mag Millionen anderer Apps gibt, bei denen es sich nicht um einen Roman handelt (dass wir eine digitale Edition von Krieg und Frieden mit dem gleichen Terminus belegen wie das Spiel Angry Birds, zeigt, dass beide unter einem falschen Begriff firmieren).

    Ich glaube, dass selbst das Wort E-Book ein irrefhrender Begriff ist. Ein Buch ist et-was mit einer physischen, greifbaren Form und E-Books sind virtuell, eine Reihe von Nullen und Einsen. Musik wurde ja auch nicht das Label E-CD oder E-Schallplat-te aufgedrckt. Doch gibt es hier einen Un-terschied in den Kunstformen selbst. Musik wird nach dem benannt, was es aus sich selbst heraus darstellt, whrend das Wort fr Bcher immer mit seiner physischen Form verbunden war. Als es deshalb darum ging, einen Namen fr die jeweiligen digitalen Versionen zu fin-den, ging fr die Musik bei der bersetzung nichts verloren (an digitaler Musik klingt nichts seltsam), whrend dies beim Buch an-ders aussah (die Idee eines digitalen Buches ergibt wenig Sinn). Nicht, dass irgendjemand direkt Schuld hieran trge: Verleger, Agen-ten, Technologieunternehmen, wir alle haben an der Geschichte mitgewirkt. Doch nun, ein Dutzend Jahre spter, befinden wir uns in ei-ner Situation, in welcher der Name, den wir dem Kind gaben, immer weniger Sinn ergibt.

    Einen hnlichen Moment gab es vor 100 Jah-ren, als Autos als pferdelose Wagen betitelt

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    wurden. Wren sie weiterhin so genannt wor-den, htte jeder, immer wenn der Name ge-fallen wre, an ein Pferd gedacht und es wohl auch vermisst. Dies ist genau das Problem mit dem E-Book: Der Name selbst ldt dazu ein, es mit einem Format zu vergleichen, dessen Ent-wicklungsvorsprung um die 500 Jahre betrgt.

    Inkle Studio ist ein Start-up-Unternehmen aus Grobritannien, das nicht-lineares Er-zhlen zum Teil des Mainstreams machen will. 5 Zu diesem Plan gehrt es, dass sie eine groartige App fr den Frankenstein von Dave Morris produzierten, eine digitale Um-rstung des Klassikers von Mary Shelley. Ein Problem hatten sie jedoch dabei: Wie sollten sie es nennen? Selbst Inkle, die Firma, die es produziert hatte, wusste keinen Rat: Inter-aktive Fiktion? Kollaborative Adaption? Oder einfach gutes, altes Buch? 6 (Die Ironie hieran besteht natrlich darin, dass auch das Monster in Frankenstein keinen Namen hatte.)

    In seinem Buch Die Information: Ge-schichte, Theorie, Flut listet James Gleick eine Reihe bahnbrechender und wichtiger neuer Ideen auf, vom Telegrafen bis zum Quantencomputer. Bei der Beschreibung der DNA erzhlt Gleick die Geschichte des d-nischen Botanikers Wilhelm Johannsen, der im Jahr 1910 das Wort Gen erfand. 7 Der Grund dafr war, dass es schlicht kein an-deres Wort gab, das gepasst htte. Johannsen und seine Kollegen mussten eine vllig neue Terminologie erfinden, die ihre neuen Kon-zepte angemessen wiedergab. Der Versuch, ein existierendes Wort zu neuer Bedeutung zurechtzubiegen, wrde den Sachverhalt ver-komplizieren. Johannsen schrieb: Old terms are mostly compromised by their application in antiquated or erroneous theories and sys-tems, from which they carry splinters of in-adequate ideas, not always harmless to the developing insight. 8

    5 Online: www.inklestudios.com/about-us (11. 9. 2012).6 Whats in a Game, Inkle Studios Blog, 31. 8. 2012, online: www.inklestudios.com/archives/ 948 (11. 9. 2012).7 Vgl. James Gleick, Die Information: Geschichte, Theorie, Flut, Mnchen 2011, S. 287 f. (engl.: The In-formation: A History, a Theory, a Flood, New York 2011).8 Wilhelm Johannsen, The Genotype Conception of Heredity, in: The American Naturalist, 45 (1911) 531, S. 132.

    Von solchen old terms, von alten Begriffen, ist zur Zeit auch das Publizieren belastet. Ro-mane etwa stecken, was ihre Lnge angeht, in einer Booleschen Sackgasse: Entweder es sind Romane oder es sind Erzhlungen (wo aber genau der Unterschied anzusetzen ist, bleibt unklar). Wann aber hat sich diese erstaunli-che Kunstform eine, der es gelingt, Leser in die entferntesten Orte zu entfhren und ihre Vorstellungskraft grundlegend zu transfor-mieren zu einem Entweder-Oder-Szena-rio gewandelt? Warum werden Autoren im Glauben gelassen, dass ihr Werk nur das eine oder andere sein kann? Die einzige Grenze in einem Roman sollte die Vision des Autoren sein, nicht die Seiten und das Cover. Irgend-wo auf dem Weg hierher wurde um einen Satz des Schriftstellers Samuel Butler zu um-schreiben der Autor zu einem bloen Mit-tel des Buches, ein anderes Buch zu machen.

    Kehrseiten der digitalen Welt?

    Knnte es Kehrseiten der weiteren Entwick-lung elektronischer Texte geben und gar der erzhlerischen Singularitt, fr ich pldiere? Wird das Begriffsvermgen der Leser abneh-men, wenn sie sich in Bcher auf ihren elektro-nischen Gerten vertiefen? Einige Leute sind davon sicher berzeugt, und es handelt sich ja auch um ein Argument, das gebraucht wird, seitdem es das E-Book gibt. In Wer bin ich, wenn ich online bin und was macht mein Gehirn solange? beschreibt Nicholas Carr die Hoffnung in den 1980er Jahren, also zur Zeit, als die ersten PCs in unser Leben einzogen, dass der Unterricht einmal mit digitalem Ma-terial statt mit Papier vonstattenginge: Viele Lehrer waren berzeugt, dass es das Lernen erleichtern wrde, wenn man auf Bildschir-men dargestellte Texte mit Hyperlinks versah. Der Hypertext, so argumentierten sie, werde das kritische Denken der Schler strken, da er es ihnen ermgliche, zwischen verschiede-nen Ansichten hin und her zu wechseln.9

    Im darauffolgenden Jahrzehnt aber zeigte eine Studie nach der anderen, dass das digitale Lesen eher zu einer Verminderung denn zu ei-

    9 Nicholas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin und was macht mein Gehirn solange? Wie das Inter-net unser Denken verndert, Mnchen 2010, S. 199 (engl.: The Shallows: What the Internet is Doing to Our Brains, New York 2010).

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    ner Strkung des Verstndnisses fhrte. Wh-rend sie am Computer lasen, waren die Schler unkonzentriert, behielten weniger Informati-onen als diejenigen, die das gleiche Material in gedruckter Form lasen, und sie brauchten lnger, um es zu lesen. Forscher, die dachten, dass diese frhen Fehlversuche lediglich Aus-druck einer gewissen Lernkurve waren und dass die Schler (ganz zu schweigen von der restlichen Bevlkerung) schon bald eine Hy-pertext-Kompetenz entwickeln wrden, und damit solche Herausforderungen und Defizi-te berwinden wrden, wurden eines Besse-ren belehrt. Und heute, weit in der Internet-ra, zeigt eine Studie nach der anderen, dass die Nutzer dem Computer mehr Aufmerk-samkeit schenken als dem Text. Oder, wie es Carr ausdrckt: Das Medium, das zur Dar-stellung der Worte verwendet wurde, lie de-ren Bedeutung in den Hintergrund treten. 10

    Auch wenn ich den Wert dieser Studien nicht per se in Abrede stellen will, so finde ich sie dennoch nicht berzeugend genug, um ei-nem Verzicht auf eine breit angelegte Nutzung elektronischer Texte das Wort zu reden. Und dies vor allem deshalb, weil, auch wenn das Lesen auf Papier besser sein mag als das auf dem Bildschirm (wenn es um das Verstndnis des Textes geht), es sich dabei nicht um eine Wahl handelt, die Menschen immer haben.

    Ich lese an jedem Tag ein Dutzend Zeitungs-artikel, Reportagen, Interviews und Rezensi-onen. Ermglicht wird dies durch das Internet und meine verschiedenen elektronischen Ge-rte, die mit ihm verbunden sind; mit der Aus-nahme der New York Times und ein oder zwei Magazinen, die ebenfalls New York im Titel tragen, nutze ich Publikationen, zu de-nen ich keinen Zugang htte, wrde ich sie als physisch greifbare Exemplare abonnieren wol-len. Das Lesen digitaler Inhalte macht meine Welt unendlich viel grer, als wenn ich da-rauf beschrnkt wre, alles nur in der Druck-fassung lesen zu knnen und dies gilt, denke ich, fr die meisten Menschen. Und wenn ich hierbei ein paar Prozent meines Verstndnis-ses einben sollte, weil ich es auf dem Bild-schirm und nicht in gedruckter Form lese, soll es mir recht sein. Wenn ich schlielich nur die Wahl habe, etwas elektronisch oder gar nicht zu lesen, entschiede ich mich immer fr das elektronische Lesen.

    10 Ebd., S. 202.

    Und diese Abwgung gibt es bei allen Me-dien. Ja, Musik klingt besser auf Vinyl als per MP3, doch habe ich online so viel einfacheren Zugang zur Musik, als wenn ich es per Post bestelle und manchmal Wochen auf die Lie-ferung warten muss. Und man darf nicht ver-gessen, dass ja Vinyl selbst auch schon einen Kompromiss darstellt; vor 200 Jahren konn-ten die Menschen Musik nur hren, wenn sie direkt live vor ihnen gespielt wurde. Ich bin sicher, dass das aufregend war, habe aber kei-nen Platz fr einen Flgel in meinem Wohn-zimmer.

    Das Gleiche gilt fr Filme. Ich wrde gern jeden Film in einem groen Kino sehen, mit dem vollen Sound, aber das ist unmg-lich. Deshalb begnge ich mich mit DVDs auf meinem Flachbildschirm und bin, wenn ich auf einem Langstreckenflug bin, zufrie-den mit dem Mini-Bildschirm auf der Rck-seite des Sitzes meines Vordermannes. ber-all gehen wir Kompromisse ein. Und auch wenn ich zgere zu sagen, dass ich lieber eine wichtige aktuelle Nachricht falsch ver-stehe, als sie komplett zu versumen, denke ich, dass, wenn es um Geschichten geht, wir dieses Risiko nicht eingehen knnen. Es geht nicht nur darum, ob wir die Buchseite dem Bildschirm vorziehen; fr Millionen wrde es bedeuten, gar nichts mehr zu erhalten an-statt etwas.

    Ist es schon zu spt?

    In seinem Buch Gadget: Warum die Zu-kunft uns noch braucht spricht Jaron Lanier ausfhrlich ber das Phnomen des Lock-in-Effekts von Software. Damit meint er den Effekt, dass Nutzer sich so daran ge-whnen, dass ihre Software in einer ganz be-stimmten Weise funktioniert selbst wenn sie mit neuen Funktionalitten viel besser arbeiten knnte und sie damit in der Zeit steckenbleibt. Lanier schreibt: Der Pro-zess des Lock-in gleicht einer Welle, die un-ablssig ber das Regelwerk des Lebens hin-wegstreicht und die Vieldeutigkeit flexiblen Denkens abschleift, whrend immer mehr Denkstrukturen sich zu einer dauerhaften Realitt verfestigen. 11

    11 Jaron Lanier, Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht, Berlin 2010, S. 21 (engl.: You Are Not a Gadget. A manifesto, New York 2010).

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    Ich frage mich, ob es nicht genau das ist, was auch mit der Literatur geschieht. Ist es schon zu spt? Ist der Lock-in-Effekt nicht auch bei der Vorstellung darber, was ein Buch oder ein Roman ist, in den Kpfen der Leser zu erkennen? Und ist es so nicht eine vergebliche Hoffnung, sie dazu zu bringen, sich etwas Neuem zu ffnen? Falls ja, wre es sehr schade, denn die Geschichte des Ro-mans ist eine der Innovation und des Wan-dels. Vom Briefroman bis zum Bewusstseins-strom hat sich die Form des Romans ber Hunderte von Jahren entwickelt. Ist es so abwegig, sich zu wnschen, dass sie sich ein weiteres Mal verndert? Oder ist es, wie ich es bereits andeutete, letztlich nur eine Frage der Terminologie, und wir brauchen lediglich einen neuen Namen fr den digitalen Ro-man-Hybrid, den ich anrege?

    Oder sind tatschlich wir es, die stecken-geblieben sind? Wir lehnen es ab, unser Denken zu ndern oder uns die Literatur als etwas anderes vorzustellen, als das, was wir kennengelernt haben. Sollte dies wirklich der Fall sein, wre es nicht nur eine Schande, son-dern auch ein Versagen unserer kollektiven Vorstellungskraft.

    Was Werke wie die Odyssee, Alice im Wunderland und Gullivers Reisen so wun-dervoll macht (und was sie ber all die Jahre in unserem kollektiven Bewusstsein verbleiben lie), ist, dass sie uns einladen, unsere Vorstel-lungskraft zu nutzen. Es sind Werke, in denen wir selbst unseren Platz finden. Egal, wie viele auf der Grundlage von Lewis Carrolls Klas-siker basierende Real- oder Animationsfil-me gedreht werden, existiert Alice erst dann, wenn wir selbst sie in unseren Kpfen erschaf-fen, und nur dann wird ihre Reise in den Ka-ninchenbau auch zu unserer eigenen Reise.

    Was wir jetzt brauchen, ist ein weiterer, und vielleicht letzter Schub fr unsere Vor-stellungskraft. Wir brauchen Autoren, wel-che die sich heute bietenden digitalen Mg-lichkeiten nutzen, um das Erzhlen neu zu erfinden; und wir brauchen Leser, die diese Erfahrungen annehmen und sich zu eigen machen. Die Alternative wre eine Zukunft des unrealized sound, eine Welt, in der die Geschichten von Morgen tatschlich die Ge-schichten von Gestern sind.

    Dominique Pleimling

    Social Reading Lesen im digitalen Zeitalter

    Dominique Pleimling M. A., geb. 1981; wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut fr Buchwissenschaft, Johannes GutenbergUni versitt, 55099 Mainz. [email protected] http://twitter.com/d_pleimling www.buchwissenschaft. unimainz.de

    Das Lesen von Bchern ist eine einsame Beschftigung. Es erfordert Mue, Ruhe und Zeit, was sich auch an den Metaphern zeigt, die gemeinhin mit Lesen in Verbin-dung gebracht wer-den: Ich kann in ei-nem Buch versinken, mich darin vertie-fen, in die Geschich-te eintauchen. Doch der solitre Lesevor-gang wird zunehmend durch Mglichkeiten der Interaktion und Kommunikation aufgebrochen, wie sie das Internet bereitstellt.

    Zwei Entwicklungen, die nicht nur die Buchbranche, sondern alle Medienunter-nehmen erfasst haben, kulminieren bei die-sem Vorgang des vernetzten Lesens: die Di-gitalisierung von Medieninhalten, in diesem Fall Bcher, und die Entstehung des social web, das es allen Internet-Nutzerinnen und -Nutzern ermglicht, content zu schaffen und diesen mit anderen zu teilen, zusammen-zuarbeiten und in Netzwerken zu kommuni-zieren. Digitale Texte knnen ffentlich gele-sen, kommentiert und diskutiert werden; das Lesen von Bchern wird zu einem sozialen Prozess, fr den sich mittlerweile der Begriff social reading durchgesetzt hat. Unter social reading wird im Folgenden verstanden: Ein online gefhrter, intensiver und dauerhafter Austausch ber Texte. Diese knappe Defini-tion ermglicht es, den Begriff von hnlich gelagerten Phnomenen abzugrenzen, wh-rend er fr zuknftige technische Innovati-onen offen bleibt. 1

    1 Vgl. Bob Stein, A Taxonomy of Social Reading: a proposal, online: http://futureofthebook.org/social-reading (6. 9. 2012).

    http://futureofthebook.org/social-readinghttp://futureofthebook.org/social-readingmailto:[email protected]://twitter.com/d_pleimlinghttp://www.buchwissenschaft.uni-mainz.dehttp://www.buchwissenschaft.uni-mainz.de
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    Social reading in seiner heutigen Ausge-staltung hat verschiedene analoge und digi-tale Verwandte: Die zwei wichtigsten sind book clubs und Online-Communities. Ganz ohne Internet und unter Ausschluss einer breiten ffentlichkeit wird Literatur in Le-sekreisen verhandelt vor allem in den USA haben diese book clubs eine nicht zu unter-schtzende Wirkung fr die Rezeption von Texten. Hier trifft sich eine bestimmte Grup-pe von Menschen, um ber ein Buch, das im besten Fall alle Teilnehmer gelesen haben, zu diskutieren. 2 Diese Gesprche werden in den seltensten Fllen dokumentiert und wei-terverbreitet, sie werden ebenso wenig wie die beilufigen Gesprche ber Bcher beim Abendessen, auf einer Zugfahrt und in un-zhligen weiteren Alltagssituationen nicht Teil eines breiteren Diskurses.

    Im Internet finden Gesprche ber Bcher berall dort statt, wo Menschen miteinander in Kontakt treten: in Foren, Blogs, Sozialen Netzwerken und hnlichem. Der Austausch ist hier zumeist unstrukturierter als in Lese-kreisen und geht selten ber ein bloes Be-werten des Gelesenen hinaus. Er steht aber im Gegensatz zu diesen meistens einer breiteren Gruppe von Menschen offen, die zudem ohne Rcksicht auf Raum (also lokal ungebunden) und Zeit (es gibt keine konkreten Termine und Treffen) kommunizieren knnen. Auch bleiben die uerungen der Beteiligten er-halten, sie werden sozusagen im Netz gespei-chert wobei die mangelnde Struktur diese theoretische Dauerhaftigkeit beziehungswei-se Persistenz wieder weitestgehend negiert.

    Lesen in der virtuellen Gemeinschaft

    Social reading in der oben genannten Defi-nition findet vielmehr in thematisch fokus-sierten Foren und Com