Zweig Angst - Reclam Verlag .Zweig Angst. Reclam XL Text und Kontext. Stefan Zweig Angst Novelle

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  • Zweig Angst

  • Reclam XL Text und Kontext

  • Stefan ZweigAngstNovelle

    Herausgegeben von Florian Grfe

    Reclam

  • Der Text dieser Ausgabe ist seiten- und zeilengleich mit der Aus-gabe der Universal-Bibliothek Nr. 19049. Er wurde auf Grundlageder gltigen amtlichen Rechtschreibregeln orthographisch behut-sam modernisiert.

    Zu Zweigs Angst gibt es bei Reclam eine Interpretation in: Erzhlungen des 20. Jahrhunderts I

    in der Reihe Interpretationen (Nr. 9462)

    E-Book-Ausgaben finden Sie auf unserer Websiteunter www.reclam.de/e-book

    Reclam XL Text und Kontext Nr. 19371Alle Rechte vorbehalten 2016 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, StuttgartGestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich ForssmanSatz: pagina GmbH, TbingenDruck und Bindung: Reclam, Ditzingen. Printed in Germany 2016reclam ist eine eingetragene Markeder Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgartisbn 978-3-15-019371-6

    Auch als E-Book erhltlich

    www.reclam.de

    Die Texte von Reclam XL sind seiten- und zeilengleichmit den Texten der Universal-Bibliothek.Die Reihe bietet neben dem Text Worterluterungenin Form von Funoten und Sacherluterungen in Formvon Anmerkungen im Anhang, auf die am Randmit Pfeilen () verwiesen wird.

    Die Texte von Reclam XL sind seiten- und zeilengleichmit den Texten der Universal-Bibliothek.Die Reihe bietet neben dem Text Worterluterungenin Form von Funoten und Sacherluterungen in Formvon Anmerkungen im Anhang, auf die am Randmit Pfeilen () verwiesen wird.

  • Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Gelieb- ten hinabstieg, packte sie mit einem Male wieder jenesinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte pltzlich vorihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, undhastig musste sie sich am Gelnder festhalten, um nicht5jhlings nach vorne zu fallen. Es war nicht das erste Mal,dass sie den gefahrvollen Besuch wagte, dieser jhe Schau-er ihr keineswegs fremd, immer unterlag sie trotz aller in-nerlichen Gegenwehr bei jeder Heimkehr solchen grund-losen Anfllen unsinniger und lcherlicher Angst. Der10Weg zum Rendezvous war unbedenklich leichter. Da liesie den Wagen an der Straenecke halten, lief hastig undohne aufzuschauen die wenigen Schritte bis zum Haustorund dann die Stufen eilend empor, und diese erste Angst,in der doch auch Ungeduld brannte, zerfloss hei in einer15grenden Umarmung. Aber dann, wenn sie heim wollte,stieg es frstelnd auf, dies andere geheimnisvolle Grauen,nun wirr gemengt mit dem Schauer der Schuld und jenemtrichten Wahn, jeder fremde Blick auf der Strae ver-mchte ihr abzulesen, woher sie kme, und mit frechem20Lcheln ihre Verwirrung erwidern. Noch die letzten Minu-ten in seiner Nhe waren schon vergiftet von der steigen-den Unruhe dieses Vorgefhls; im Fortwollen zittertenihre Hnde vor nervser Eile, zerstreut fing sie seine Wor-te auf und wehrte hastig den Nachzglern seiner Leiden-25schaft, fort, nur fort wollte dann immer schon alles in ihr,aus seiner Wohnung, seinem Haus, aus dem Abenteuer inihre ruhige brgerliche Welt zurck. Dann kamen noch je-ne letzten, vergeblich beruhigenden Worte, die sie vor

    6 jhlings: pltzlich 7 jhe: pltzliche 19 Wahn: Vorstellung

  • 6 Aufregung kaum hrte und jene horchende Sekunde hin-ter der bergenden Tr, ob niemand die Treppe hinauf oderhinab ginge. Drauen aber stand schon die Angst, unge-duldig sie anzufassen, und hemmte ihr so herrisch denHerzschlag, dass sie immer schon atemlos die wenigen 5Stufen niederstieg.

    Eine Minute stand sie so mit geschlossenen Augen undatmete die dmmerige Khle des Treppenhauses gierig ein.Da fiel von einem oberen Stockwerk eine Tr ins Schloss,erschreckt raffte sie sich zusammen und hastete, indes ihre 10Hnde unwillkrlich den dichten Schleier noch fester zu-sammenrafften, die Stufen hinab. Jetzt drohte noch jenerletzte furchtbarste Moment, das Grauen aus fremdemHaustor auf die Strae zu treten; sie senkte den Kopf wieein Springer beim Anlauf und eilte mit jhem Entschluss 15gegen das halb offene Tor.

    Da stie sie hart mit einer Frauensperson zusammen,die offenbar eben eintreten wollte. Pardon, sagte sie ver-legen und mhte sich, rasch an ihr vorbeizukommen. Aberdie Person sperrte ihr breit die Tr und starrte sie zornig 20und zugleich mit unverstelltem Hohn an. Dass ich Sie nureinmal erwische, schrie sie ganz unbekmmert mit einerderben Stimme. Natrlich, eine anstndige Frau, eine so-genannte! Das hat nicht genug an einem Mann und demvielen Geld und an allem, das muss noch einem armen M- 25del ihren Geliebten abspenstig machen

    Um Gottes willen was haben Sie Sie irren sich ,stammelte Frau Irene und machte einen linkischen Versuchdurchzuwischen, aber die Person pfropfte ihren massigenKrper breit in die Tr und keifte ihr grell entgegen: Nein, 30ich irre mich nicht ich kenne Sie Sie kommen von

    2 bergenden: schtzenden 10 indes: whrend 28 linkischen: unge-schickten

  • 7Eduard, meinem Freund Jetzt habe ich Sie endlich ein-mal erwischt, jetzt wei ich, warum er so wenig Zeit frmich in der letzten Zeit hat Wegen Ihnen also Sie ge-meine !

    Um Gottes willen, unterbrach sie Frau Irene mit erl-5schender Stimme, schreien Sie doch nicht so, und tratunwillkrlich in den Hausflur wieder zurck. Die Frau sahsie hhnisch an. Diese schlotternde Angst, diese sichtlicheHilflosigkeit schien ihr irgendwie wohlzutun, denn mit ei-nem selbstbewussten und spttisch zufriedenen Lcheln10musterte sie jetzt ihr Opfer. Ihre Stimme wurde vor gemei-nem Wohlbehagen ganz breit und beinahe behbig.

    So sehen sie also aus, diese verheirateten Damen, dienobeln, vornehmen Damen, wenn sie einem die Mnnerstehlen gehen. Verschleiert, natrlich verschleiert, damit15man nachher berall die anstndige Frau spielen kann

    Was was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sieja gar nicht Ich muss fort

    Fort , ja natrlich zum Herrn Gemahl in diewarme Stube, die vornehme Dame spielen und sich aus-20kleiden lassen von den Dienstboten Aber was unser-einer treibt, ob das krepiert vor Hunger, das schert ja soeine vornehme Dame nicht So einer stehlen sie auch dasLetzte, diese anstndigen Frauen

    Irene gab sich einen Ruck und griff, einer vagen Einge-25bung gehorchend, in ihr Portemonnaie und fasste, was ihrgerade an Banknoten in die Hand kam. Da da habenSie , aber lassen Sie mich jetzt Ich komme nie mehr her ich schwre es Ihnen.

    Mit einem bsen Blick nahm die Person das Geld. Lu-30der, murmelte sie dabei. Frau Irene zuckte unter dem Wort

  • 8 zusammen, aber sie sah, dass die andere ihr die Tr freigabund strzte hinaus, dumpf und atemlos, wie ein Selbst-mrder vom Turm. Sie sprte Gesichter als verzerrte Frat-zen vorbeigleiten, wie sie vorwrts lief und rang sich mh-sam mit schon verdunkeltem Blick durch bis zu einem Au- 5tomobil, das an der Ecke stand. Wie eine Masse warf sieihren Krper in die Kissen, dann wurde alles in ihr starrund regungslos, und als der Chauffeur endlich verwundertden sonderbaren Fahrgast fragte, wohin der Weg ginge,starrte sie ihn einen Augenblick ganz leer an, bis ihr be- 10nommenes Gehirn seine Worte schlielich erfasste. ZumSdbahnhof, stie sie dann hastig heraus und pltzlichvom Gedanken erfasst, die Person knnte ihr folgen,rasch, rasch, fahren Sie schnell!

    In der Fahrt erst sprte sie, wie sehr diese Begegnung sie 15ins Herz getroffen hatte. Sie tastete ihre Hnde an, die er-starrt und kalt wie abgestorbene Dinge an ihrem Krperniederhingen und begann mit einem Male so zu zittern,dass es sie schttelte. In der Kehle klomm etwas Bitteresempor, sie sprte Brechreiz und zugleich eine sinnlose, 20dumpfe Wut, die wie ein Krampf das Innere ihrer Brustherauswhlen wollte. Am liebsten htte sie geschrien odermit den Fusten getobt, sich freizumachen von dem Grau-en dieser Erinnerung, die fest wie ein Angelhaken in ihremGehirn sa, dieses wste Gesicht mit seinem hhnischen 25Lachen, dieser Dunst von Gemeinheit, der aufstieg vomschlechten Atem der Proletarierin, dieser wste Mund, dervoll Hass ihr hart bis ins Gesicht die niedrigen Worte ge-spien, und die gehobene rote Faust, mit der sie ihr gedrohthatte. Immer strker wurde das belkeitsgefhl, immer 30hher klomm es in die Kehle, dazu schleuderte der rasch

    3 f. Fratzen: Grimassen 19 klomm: (von klimmen) kletterte

  • 9rollende Wagen hin und her und eben wollte sie demChauffeur bedeuten, langsamer zu fahren, als ihr nochrechtzeitig einfiel, sie htte vielleicht nicht mehr genugGeld bei sich, ihn zu bezahlen, da sie doch alle Banknotenan diese Erpresserin gegeben. Hastig gab sie das Signal zum5Halten und stieg zu neuerlicher Verwunderung des Chauf-feurs pltzlich aus. Glcklicherweise reichte der Rest ihresGeldes. Aber dann fand sie sich in einem fremden Bezirkverschlagen, in einem Geschiebe geschftiger Menschen,die ihr physisch weh taten mit jedem Wort und jedem10Blick. Dabei waren ihre Knie wie aufgeweicht von derAngst und trugen unwillig die Schritte vorwrts, aber siemusste heim, und alle Energie zusammenraffend, stie siesich von Gasse zu Gasse fort mit einer bermenschlichenAnstrengung, als ob sie durch einen Morast watete oder15knietiefen Schnee. Endlich kam sie zu ihrem Hause undstrzte mit einer nervsen Hast, die sie aber sofort wiedermigte, um nicht durch ihre Unruhe aufzufallen, dieTreppe hinauf.

    Jetzt erst, da ihr das Dienstmdchen den Mantel ab-20nahm, sie nebenan ihren kleinen Knaben mit der jngerenSchwester laut spielen hrte und der beruhigte Blick ber-all Eigenes fasste, Eigentum und Geborgenheit, gewann siewieder einen ueren Schein von der Gefasstheit zurck,indes unterirdisch die Woge der Erregung noch schmerz-25 haft die gespannte Brust durchrollte. Sie nahm den Schleierab, glttete mit dem starken Willen, arglos zu scheinen, ihrGesicht und trat in das Speisezimmer, wo ihr Mann beidem abendlich gedeckten Tisch die Zeitung las.

    Spt, spt, liebe Irene, grte er mit sanftem Vorwurf,30stand auf und ksste sie auf die Wange, was ihr