DAS PROBLEM ETHISCHER ENTSCHEIDUNGEN · PDF file 2018. 1. 30. · DAS PROBLEM...

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  • DAS PROBLEM ETHISCHER ENTSCHEIDUNGEN

    In der medizinischen Ethik geht es um Entscheidungen, die allemal schwierig sind.

    Die existentialistischen Philosophen haben uns auf die Schwierigkeit aufmerksam gemacht.

    die mit dem Akt der Entscheidung an sich verbunden ist in Anbetracht der Wirkung, die

    Entscheidungen auf die Konstituierung des Selbst haben. Ärzte und Ethikexperten sind sich

    dieser Schwierigkeit bewusst, zumindest in dem Sinne, dass jede echte Entscheidung einen

    dazu zwingt, auf wichtige Möglichkeiten zu verzichten und sich und seine „Ressourcen“ dann

    voll für eine bestimmte Option einzusetzen.

    Entscheidungen in der Klinik können deshalb schwierig sein, weil wir als Menschen

    vielleicht die Neigung haben, etwas zu tun, was nach unserem Verstande und Wissen

    moralisch falsch ist. Die Versuchung macht nicht vor dem Krankenhaus halt, vielmehr ist sie

    dort manchmal stärker und häufiger als im normalen Leben.

    Mehr als im gewöhnlichen Umfeld wartet die Klinik mit Optionen und Alternativen

    auf, die es besonders schwer machen, richtig zu entscheiden. Viele Fälle sind insofern

    tragisch. als jegliche Alternative falsch zu sein scheint, und trotzdem etwas getan werden

    muss. Oft steht viel auf dem Spiel. und oft sind die Konsequenzen schwer abzuschätzen und

    auch schwer zu akzeptieren.

    Eine weitere, für Entscheidungen in der Klinik typische Schwierigkeit liegt darin, dass

    jeder Fall anders isst, und dass immer ad hoc entschieden werden muss. In jeder klinischen

    Situation ist von neuem eine sorgfältige Analyse der relevanten Daten erforderlich.

    DER RELATIVISMUS DER MEDIZINETHIK

    Die moderne Medizin ist mit der mächtigen modernen Technik verschwistert. Das

    eröffnet ständig neue Möglichkeiten und wirft dementsprechend eine Unmenge von ständig

    neuen moralischen Problemen auf. Diese rasante Entwicklung hat gerade in dem Moment

    eingesetzt. als eine ältere moralische Ordnung, aufgebaut auf allgemein anerkannten

    Glaubensregeln. ins Wanken geraten war. Nicht nur, dass die laufenden Fortschritte in der

    Medizin neue moralische Optionen mit sich bringen, sondern zudem muss jetzt die

    Entscheidung jeweils in einem pluralistischen Klima getroffen werden.

    Diese komplizierte Lage lässt manche an der Ethik verzweifeln. Nach ihrer Meinung

    kann im moralischen Klima von heute nie Einigkeit über Richtig und Falsch erzielt werden.

    Subjektivität und Relativität der Urteile wird als von vornherein gegeben erachtet. Aber dieser

    Pessimismus erscheint mir übertrieben. Selbst wenn der Meinungsunterschied auf

    vermeintlich unvereinbaren Weltanschauungen beruht, lässt sich ein Kompromiss finden.

  • Unterschiedliche Weltanschauungen können durchaus zu identischen Prinzipien führen, und

    Menschen guten Willens können zu einer Einigung kommen über das, was richtig ist zu tun,

    selbst wenn sie unterschiedlicher Meinung sind über den letzten Sinn oder das philosophische

    Fundament der Ethik. Der Utilitarismus eines John Stuart Mill ist von der Ethik eines Jesus

    von Nazareth weit entfernt, und doch zog Mill den Schluss, dass seine Ethik im Grunde mit

    der goldenen Richtschnur des Christentums identisch ist. ,,In der goldenen Richtschnur, die

    Jesus von Nazareth gegeben hat, tritt uns der Geist der utilitarischen Moral voll und ganz

    entgegen. Thue so, wie Du willst, daß Andere dir thun und: Liebe Deinen Nächsten wie dich

    selbst; - diese Forderungen sprechen nur das Ideal der utilitarischen Moral aus. (Mill JS,

    1987) In der Tat lässt die Beobachtung, dass die unterschiedlichen theoretischen Systeme

    generell doch im gleichen Ensemble ethischer Werte auslaufen (Wahrheit, Unantastbarkeit

    des Lebens, Treue, Selbstbestimmung, Wohltätigkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Achtung des

    anderen, Vernünftigkeit usw.), den Pessimismus hinsichtlich der Überwindbarkeit des

    Relativismus ungerechtfertigt erscheinen.

    Menschen guten Willens, also auch die verantwortungsbewussten Mediziner in der

    Klinik, können in den meisten Situationen zu einer Einigung kommen. Wenn eine, gewiss

    unabdingbare, Selbstverpflichtung besteht, das Richtige zu tun, und eine weitgehende

    Übereinstimmung der leitenden ethischen Prinzipien gegeben ist, bleibt als kritische Aufgabe

    nur noch kompetente Gedankenführung. bestehend in gewissen intellektuellen Schritten. bis

    man zur Entscheidung gelangt.

    METHODEN UND URTEIL IN DER ETHIK

    Wenn Liebe ohne „Strategie“ wenig mehr als ein flüchtiges Gefühl ist, gilt dies auch

    für die Moral. Der Übergang von moralischen Gefühlen zur handfesten Ethik besteht in einer

    Strategie für moralische Güterabwägung. Zwar werden nicht in jedem Fall die

    verantwortungsbewussten Ärzte zum gleichen Ergebnis kommen. aber sie werden die

    schlimmsten moralischen Fehler vermeiden und eher zu vertretbaren und achtbaren

    Entscheidungen kommen. wenn sie bei ihren moralischen Überlegungen in angemessener

    Weise vorgehen. Selbst bei breiter allgemeiner Übereinstimmung über moralische Grundslitze

    ist es eine schwierige und heikle Aufgabe. die Prinzipien auf einen konkreten Fall

    anzuwenden. geschweige denn zu wissen, welches von zwei sich widersprechenden

    anzuwenden ist. ,,Medizinische Ethik“ ist ein komplexes Gebiet. aber vor allem geht es um

    eine Strategie oder Methode.

  • Ähnlich einer Naturwissenschaft muss die Medizinethik die empirischen Daten in

    ihrem Zusammenhang sichten. abschätzen, analysieren und studieren. Im Unterschied zu

    vielen Schulen philosophischer Ethik gründet die angewandte Philosophie in Form der

    medizinischen Ethik auf konkreten Lebenssituationen. dort. wo die Menschen leben und

    sterben. Demzufolge muss der mit ethischen Problemen konfrontierte Arzt genauso wie der

    Naturwissenschaftler in erster Linie Fakten sammeln und dann. wieder vergleichbar dem

    Naturwissenschaftler. sich systematisch bis zur analytischen Fragestellung vorarbeiten. Ein

    kompetenter Medizinethiker ist sich der Annahmen und Voraussetzungen bewusst, die schon

    beim Faktensammeln untergründig wirksam sind. Wertfreiheit ist in der Medizinethik zwar

    ein Ziel, aber mehr eine wissende, als eine unbefangene Wertfreiheit, eine, die die subjektiven

    Dimensionen selbst in der Beobachtung und Beschreibung einrechnet.

    Und keine Strategie oder Methode kann eine moralische Unterentwicklung oder

    charakterliche Defizienz beim Entscheidungsträger kompensieren. Affektbestimmte

    Menschen, nicht sozial eingestellte oder narzisstische Persönlichkeiten können nicht genug

    Abstand nehmen von ihren eigenen Interessen, um objektive Bewertungen vorzunehmen,

    geschweige denn, um Maßnahmen zum Besten des Patienten zu ergreifen. Der Verantwort-

    liche in einer kritischen klinischen Situation muss zumindest das Stadium der charakterlichen

    Reife erreicht haben, das ihm erlaubt, auf Prinzipien und Ideale zu reagieren. Von Ärzten

    erwartet man gemeinhin dass sie auf einem prinzipienfesten Entwicklungsniveau stehen und

    handeln, aber es gibt unzählige Menschen, die einen hohen professionellen Status ohne die

    entsprechende moralische Reifung erreicht haben.

    Viel häufiger ist das moralische Urteil aber blockiert durch die gewohnheitsmäßige

    Praxis, Entscheidungen ohne angemessene Methode zu treffen. Hier ist es dann mehr die

    Sicherheit und Klarheit über die Entscheidung, die fehlen, als die charakterliche Kompetenz.

    Manche Mediziner, die sich mit Recht für anständige und aufrechte Menschen halten, treffen

    mehr oder minder zufällig und beiläufig Entscheidungen von großer Tragweite. Andere, die

    eben auch keine systematische Strategie oder Reflexionsmethode haben, entscheiden mehr

    pragmatisch. Einige verlassen sich auf eine Autorität in ihrer moralischen Orientierung,

    während andere darauf vertrauen, selbst intuitiv den richtigen Blick zu haben dafür. was

    richtig ist. Oft werden die Entscheidungen auch nach den Erwartungen der jeweiligen Gruppe

    getroffen. Eine Ethik der Medizin kann aber nicht auf solchen unreflektierten Fundamenten

    aufgebaut sein, vielmehr verlangt eine professionelle medizinische Ethik eine Methode, die

    sowohl zu moralischem Urteilsvermögen als auch zu widerspruchsfrei richtigen

    Entscheidungen führt.

  • Die Methode liefert den Rahmen für die Entscheidungsfindung, der sicherstellt, dass

    alle relevanten Daten berücksichtigt werden. Sie klärt die Rechte und Pflichten ab und gibt

    einer Gesellschaft, die argwöhnisch das ,,Treiben“ der Ärzte beobachtet, die beruhigende

    Gewissheit, dass die für die Patienten und ihre Familien wichtigen Entscheidungen mit dem

    notwendigen Ernst und nach reiflicher Überlegung getroffen werden. Ein Garant für

    Unfehlbarkeit ist die Methode natürlich nicht: die Entscheidung wird nicht immer die richtige

    sein. Jedoch lassen sich die schlimmsten Fehler konsequent vermeiden, und das ist schon viel.

    Die Anerkennung einer Methode steht und fällt mit ihrer Bewährung in der Praxis. Manchmal

    wird man das geltende Recht heranziehen müssen, bevor man zu einer moralischen

    Entscheidung kommt, aber meist ist dem Gesetz Genüge