Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid (PDF) · PDF fileLeitfaden zur...

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  • Leitfaden zur Berichterstattung ber Suizid Kriseninterventionszentrum

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    Leitfaden zur Berichterstattung

    ber Suizid

    Mag. Gerald Tomandl

    em. o. Univ.-Prof. Dr. Gernot Sonneck

    Dr. Claudius Stein

    Assoz.-Prof. Dr. Thomas Niederkrotenthaler

    Mai 2017

  • Leitfaden zur Berichterstattung ber Suizid Kriseninterventionszentrum

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    INHALT

    Leitfaden zur Berichterstattung ber Suizid Kurzfassung ................................................. 3

    Medienberichterstattung ber Suizid kurz gefasst ....................................................................................... 6

    Leitfaden zur Berichterstattung ber Suizid Langfassung ................................................ 8

    Medien und Suizid: Die Bedeutung der Medienarbeit im Feld der Suizidprvention .................................... 8

    Der Imitationseffekt ................................................................................................................................... 10

    Die prsuizidale Entwicklung: Die Zeit vor dem Suizid auch eine Zeit der Chancen .................................. 11

    Modell und Imitation: Die Vulnerabilitt des Lesers/der Leserin ............................................................... 12

    Persnliche Betroffenheit als Journalist/in ................................................................................................ 13

    Zum Verfassen eines Berichts ber Suizid .................................................................................................. 15

    Wie also sollte berichtet werden ............................................................................................................... 19

    Ausgewhlte Literatur .................................................................................................... 23

  • Leitfaden zur Berichterstattung ber Suizid Kriseninterventionszentrum

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    LEITFADEN ZUR BERICHTERSTATTUNG BER SUIZID KURZFASSUNG

    Jhrlich nehmen sich in sterreich mehr als doppelt so viele Menschen das Leben als durch

    Verkehrunflle verunglcken. Obwohl die Suizidraten in sterreich seit dem Jahre 1987

    deutlich gesunken sind, ist Suizid nach wie vor ein Thema von hoher gesellschaftlicher und

    gesundheitspolitischer Bedeutung (Bundesministerium fr Gesundheit, 2011 und 2014;

    World Health Organisation, 2001).

    Medienberichte ber Suizid spielen eine wichtige Rolle in der gesellschaftlichen Aufklrung

    und der Prvention (World Health Organisation, 2008). Ziel dieses Leitfadens ist es eine

    sorgsame Berichterstattung ber Suizid anzuregen, die frei von Vorurteilen und Mythen ber

    Suizidalitt ist und auch das Thema Suizid nicht tabuisiert. Aktuelle Daten zu Suiziden in

    sterreich sind unter www.suizidforschung.at und im Basisbericht 2013 Suizid und

    Suizidprvention in sterreich Suizidprvention Austria (SUPRA) des Bundesministeriums

    fr Gesundheit abrufbar (siehe Literaturverzeichnis).

    Klinische Erfahrungen zeigen, dass vielen suizidalen Handlungen eine besondere

    Entwicklung vorausgehen kann, die von dem Psychiater Erwin Ringel als Prsuizidales

    Syndrom beschrieben wurde (Sonneck et al., 2012). Whrend der Zeit vor einem

    Suizidversuch oder Suizid erwgen viele Menschen einen Suizid vorerst oft nur als eine

    gedankliche Mglichkeit. Sie sind jedoch in ihren Gefhlen einer hohen inneren Anspannung

    und Ambivalenz zwischen Lebens- und Todesimpulsen ausgesetzt. Diese Phase einer

    ausweglos erscheinenden Lebenssituation ist oft auch von einer qulenden

    Orientierungslosigkeit geprgt. Daher kommt auf der Suche nach Lsungsmodellen in

    Lebenskrisen auch den Reaktionen und Botschaften der Umwelt, inklusive den

    Medienberichten, eine besondere Bedeutung zu.

    Journalisten und Journalistinnen reflektieren und beeinflussen durch die Art und Weise einer

    Reportage ber Suizid auch die gesellschaftlichen Informationen und Einstellungen zum

    Suizid. Aufgrund der vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen ist es mittlerweile

    erwiesen, dass eine sensationstrchtige mediale Berichterstattung ber Suizide weitere

    Suizide auslsen kann. Dieser Effekt wurde ursprnglich auch als Werther Effekt

    bezeichnet, da nach dem Erscheinen von J. W. Goethes Die Leiden des jungen Werther

    http://www.suizidforschung.at/

  • Leitfaden zur Berichterstattung ber Suizid Kriseninterventionszentrum

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    eine Hufung von Suiziden unter jungen Mnnern aufgetreten sein soll (Phillips, 1974). Es

    gibt mittlerweile eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen aus sterreich, aber

    auch anderen Teilen Europas, Amerikas sowie aus Asien, die diesen Effekt belegen (siehe z.B.

    Etzersdorfer et al., 2001; Schmidtke und Hfner, 1988; Fu et Yip, 2009; Niederkrotenthaler et

    al., 2010).

    Nicht alle Medienberichte zum Thema Suizidalitt bewirken einen derartigen negativen

    Effekt von Nachahmungssuiziden. In den vergangenen Jahren zeigte sich deutlich, dass

    Medienberichte ber Suizid, die ohne sensationstrchtige Merkmale gestaltet wurden,

    keinen negativen Imitationseffekt zur Folge hatten.

    Darber hinaus konnte auch belegt werden, dass Medienberichterstattung, die auch ber

    konstruktive Bewltigungsmglichkeiten in einer suizidalen Krise aufklrt, zu einem

    Rckgang der Suizide fhrte (Niederkrotenthaler et al., 2010). In Anlehnung an Wolfgang

    Amadeus Mozart wurde dieser suizidprotektive Effekt von Medienberichten auch Papageno

    Effekt benannt.

    In Mozarts Oper Die Zauberflte gert Papageno in eine suizidale Krise, da er den Verlust

    von Papagena befrchtet. Mit Hilfe der Drei Knaben, die ihn an Alternativen zum Suizid

    erinnern, also alternative Lsungsmglichkeiten aufzeigen, gelingt es Papageno jedoch, seine

    suizidale Krise zu berwinden. Der Papageno Effekt steht somit fr ein suizidprventives

    Potential entsprechender Medienberichte.

    Sensationstrchtige Medienberichte ber Suizide knnen weitere Suizide auslsen

    (Werther Effekt)

    Berichte ber die Bewltigung einer suizidalen Krise knnen Suizide verhten helfen

    (Papageno Effekt)

    Journalistinnen und Journalisten knnen somit einen wertvollen Beitrag zur

    Suizidprvention leisten

    Das Kriseninterventionszentrum Wien hat in Kooperation mit dem Zentrum fr Public Health

    der Medizinischen Universitt Wien und der Wiener Werksttte fr Suizidforschung

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    (www.suizidforschung.at) die vorliegenden Empfehlungen zur Berichterstattung ber Suizide

    fr Journalisten und Journalistinnen erstellt, da diese Berufsgruppe einen wesentlichen

    Beitrag zur Suizidprvention leisten kann, indem die spezifischen Aspekte von

    Imitationsverhalten und Krisenbewltigung beachtet werden.

    http://www.suizidforschung.at/

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    MEDIENBERICHTERSTATTUNG BER SUIZID KURZ GEFASST

    Ein einseitiger Bericht kann Nachahmungssuizide auslsen (Werther Effekt). Ein ausgewogener Bericht, insbesondere ber bewltigte Krisen, kann konstruktive Wege aus der

    Krise aufzeigen (Papageno Effekt).

    VERMEIDEN SIE DAHER BITTE: SCHREIBEN SIE BITTE:

    Groe oder sensationstrchtige berschriften und Platzierungen auf der

    Titelseite Informieren Sie die LeserInnen im Blattinneren. Bieten Sie dabei womglich hilfreiche Informationen fr Menschen in hnlichen Lebenskrisen. Formulierungen wie Selbstmord als letzter Ausweg,

    Das ist der Selbstmrder Anstelle des diskriminierenden Wortes Selbstmord verwenden Sie bitte Suizid

    oder Selbstttung bzw. starb durch Suizid oder nahm sich das Leben

    Selbstmordwelle bei Jugendlichen, Selbstmordserie in XY Verwenden Sie besser Begriffe wie Anstieg oder Zunahme und informieren Sie

    sich ber aktuelle Suizidzahlen z.B. unter

    www.kriseninterventionszentrum.at/suizidverhuetung.htm

    Erfolgreicher, nicht erfolgreicher oder missglckter Selbstmord

    Starb durch Suizid oder Ttete sich

    Details zur Person (Foto, Name, Lebensumstnde) sowie Details zur

    Suizidhandlung (Methode, Ort), z.B. Herr XY hinterlie diesen

    Abschiedsbrief Hier sprang er in den Tod Sorgfltiger Umgang mit persnlichen Daten. Schreiben Sie ausgewogen ber die

    Problematik im Allgemeinen. Informieren Sie die LeserInnen dabei konkret ber

    Behandlungsmglichkeiten und Hilfsangebote.

    http://www.kriseninterventionszentrum.at/suizidverhuetung.htm

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    VERMEIDEN SIE DAHER BITTE: SCHREIBEN SIE BITTE:

    Vereinfachende Erklrung fr den Suizid Wegen Scheidung Selbstmord

    begangen Bercksichtigen Sie, dass eine Vielzahl von Faktoren zum Suizid gefhrt hat.

    Heroisierung der Person, Romantisierung des Suizids (z.B. Selbstmord aus

    Liebe) Aufzeigen von alternativen Lsungsanstzen zur Bewltigung einer Krise.

    Berichten Sie von Menschen, die ihre suizidale Krise positiv bewltigen konnten

    (Interviews mit Betroffenen)

    Beschreibung des Suizids als unverstndlich oder ohne erkennbare

    Vorzeichen (z.B. wo er/sie doch alles hatte, zuletzt war er/sie doch so

    frhlich)

    Die meisten Menschen deuten oder kndigen ihre Suizidabsicht an. Wenn

    mglich, fassen Sie solche Hinweise zusammen (siehe z.B.

    www.kriseninterventionszentrum.at/suizidverhuetung.htm)

    Interviews mit trauernden Angehrigen, Zitate der Polizei und