Diana Johne: Die Dopplinge

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Taschenbuch, 304 Seiten13,90 Euro: Die elfjährige Melosine erfährt in einem Traum von ihren Hexenfähigkeiten und von ihrem Doppling namens Cairissia. Der schreckliche Alasdair sprach elf Jahre zuvor einen Fluch aus, der es allen Magierfamilien unmöglich machte, weitere Dopplinge zu gebären. Nur die Kraft des einen Dopplingpaares würde Alasdair noch um seine Macht bringen können! Um die letzten Dopplinge zu schützen, entschieden sich ihre Eltern, das Paar getrennt voneinander aufwachsen zu lassen und gaben ihre Tochter Cairissia in die Obhut des Zauberers Rigobert Norwiniok in die Magische Welt. Dann reist Melosine mit ihrer Mutter zum Flur der Welten, von dem aus man die in die verschiedenen Magischen Welten gelangt, wo sie auf ihren Doppling trifft. An der Hexenschule erlernen die Dopplinge gemeinsam die Hexereiund bereiten sich darauf vor, dem bösen Alasdair gegenüberzutreten ... 

Transcript of Diana Johne: Die Dopplinge

  • 1Papierfresserchens MTM-Verlag

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    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deut-schen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    Titelbild: Serena SchwingeLektorat: Sandy PennerSatz: Alexandra Oswald

    1. Auflage 2011ISBN: 978-3-86196-069-0

    Das Werk einschlielich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschtzt.

    Copyright () 2011 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Heimholzer Strae 2, 88138 Sigmarszell, Deutschland

    www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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    Fr mich,meine Tochter Linda,meine Omaund meine Freunde

  • 5Kalte Nebelschwaden pfiffen durch die hohen Wiesen und zwi-schen den mit dunkler Baumrinde umhllten Bumen hindurch. Der volle Mond zeigte freundlich sein leuchtend rundes Gesicht und die Sterne ringsherum spickten den schwarzen Nachthimmel wie Nelken eine Orange in der Weihnachtszeit.

    Es war Ende August. Melosine rannte. Sie rannte ber die her-untergefallenen ste, durch das schwere feuchte Laub und sprang ber Efeuranken, die von den Bumen herunter auf den Waldboden wucherten und hin und wieder kleine Hrden darstellten. Keuchend rannte sie, whrend sie sich immer wieder umdrehte, als folgte ihr et-was, das Gefahr bedeutete.

    Ein viel zu weiter, weier Schlafanzug mit kleinen blauen Meer-jungfrauen, den sie zum letzten Geburtstag von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte, kleidete sie. Melosine war ohne Schuhe unterwegs, nicht einmal Socken hatte sie an ihren zierlichen Fen, die trotz des Matsches sauber waren. Der unebene Boden machte ihr nichts aus. Es fhlte sich an, als renne sie durch den Wald, ohne den Boden ber-haupt zu berhren. Sie sprte rein gar nichts. Je weiter sie lief, umso lichter wurde der Nebel.

    Den Wald hatte sie nun hinter sich gelassen, doch sie rannte noch immer und blickte erneut mit weit aufgerissenen Augen hinter sich. Dann wurde sie langsamer. Ihre Schritte wurden kleiner und nach Luft japsend beugte sie sich etwas nach vorn und legte sich ihre Hnde auf die Knie, um richtig durchatmen zu knnen. Sie hob den Kopf und keuchte. Vor ihr lag ein groer See. Sie wusste, dass sie die Stelle dort unten erreichen musste. Die Stelle, die sie schon so oft zu erreichen

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    versucht hatte. Also lief sie weiter. Dass die Zeit drngte, war ihr be-wusst, obwohl sie keine Uhr bei sich trug und auch nicht die leises-te Ahnung hatte, wie spt es gerade war. Ihre Schritte wurden wieder schneller und grer und sie sprte, wie ihre Wangen vor Anstrengung glhten. Ihr Herz klopfte so schnell und laut, dass sie glaubte, es wrde das Rufen der nachtaktiven Kauze und die gegeneinander schlagenden ste bertnen.

    Hoffentlich schaffe ich es heute, murmelte sie trotz ihres schwe-ren Atems leise vor sich hin, als wollte sie sich selbst motivieren, weiter zu laufen. Pltzlich sah Melosine die Stelle am Wasser, die sie zu er-reichen versuchte. Bis hierhin war sie schon fter gekommen. Weiter! Ich muss nher herankommen, dachte sie. Jetzt sah sie wieder die kleine Holzhtte mit dem Steg, der in das Gewsser ragte und inmitten des dort so dichten Nebels endete. Im nchsten Moment bemerkte sie auch die beiden Gestalten, die immer dort waren, wenn sie auf den See zulief.

    Die eine Gestalt, ein hochgewachsener Mann, trug einen langen dunklen Umhang, der bis zum Boden reichte und die Grashalme knick-te, wenn er ber den Wiesenboden glitt. Er hatte einen dichten, zum Zopf geflochtenen, weien Bart und langes, grauweies Haar, jedoch nicht so lang wie sein Bart, der ihm bestimmt bis zum Bauchnabel rei-chen musste.

    Die zweite Gestalt konnte Melosine nur von hinten sehen. Es war ein Mdchen, etwa in ihrem Alter. Das Mdchen hatte wie Melosine glattes rtliches Haar, welches ihr bis auf die Schultern fiel, und sie trug ebenfalls einen langen, dunklen Umhang mit einer kleinen Kapuze.

    Melosine rannte weiter und ihre Augen hafteten auf den beiden Gestalten, die sie schon oft zusammen an dieser Stelle gesehen hatte, aber noch nie zuvor so nahe. Heute war sie ihnen nher denn je. Eine Windbe trug die gesprochenen Worte der beiden zu Melosine. Ruck-artig blieb sie stehen und zum ersten Mal hrte sie sie sprechen.

    ... muss es erfahren. Jeder hat ein Recht darauf. Du kannst mir ver-trauen. Es ist eine Gabe, die nicht vielen gegeben wird, und ihr msst lernen, sie sinnvoll zu nutzen! Ich werde dich ... Pltzlich schwenkte der Wind um und Melosine konnten ihren Worten nicht weiter folgen. Der Mann sprach mit vertrauenerweckender Stimme zu dem Md-chen. Melosine war neugierig und wollte noch nher heran, wollte

  • 7wissen, was dort vor sich ging. Anscheinend war sie fr die beiden dort unten am See unsichtbar, denn keiner beachtete die kleine barfige Person, die ihnen immer nher rckte.

    Es muss einen Grund geben, warum ich immer wieder an diese Stelle gelange, dachte sie. Heute hatte sie vielleicht endlich die Chan-ce, ganz hinunter an den Steg zu gelangen und zu sehen, wer das Md-chen war.

    Ihr fiel auf, dass jetzt, wo sie die beruhigende Stimme des brtigen Umhangtrgers gehrt hatte, ihre Angst verschwunden war. Und was war mit dem Etwas, das ihr immer auf ihrem Weg hierhin zu folgen schien? Sie hatte sich seit lngerer Zeit nicht mehr umgeschaut und vergewissert, dass sie alleine war. Langsam drehte sie den Kopf nach links, um hinter sich zu schauen. Im nchsten Moment wurde alles ganz hell, als wrde sie von einem Flutlicht geblendet. Sie sah weder hinter noch vor sich etwas. Ihr Herz pochte. Sie sprte, wie ihre Ober-arme fest umklammert wurden und eine gewaltige Macht ihren Krper gegen ihren Willen durchschttelte. Sie wehrte sich, doch sie konnte dem starken Halt nicht entkommen. Ihr lauter Schrei hallte durch die Nacht. Pltzlich wurde es still.

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    Melosine erwachte vllig desorientiert aus ihrem Traum und sah ihren kleinen Bruder Casi vor sich, der lustig gackernd ihre Arme fest-hielt und sie wachrttelte.

    Siiiine, aufsteehn! Du musst zur Schule. Ich geh ab heute in den Kindergarten!, plapperte Casi ganz aufgeregt. Als er bemerkte, dass seine Schwester ihre Augen geffnet hatte, raste er die knarrende Treppe hinunter in die Kche zu seiner Mutter Sidonie.

    Melosine starrte an ihre Zimmerdecke und grinste erleichtert. Der Traum war vorbei. Es war Montag. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und schaute sich um. Das Blenden in ihrem Traum musste der zurckgezo-gene Vorhang gewesen sein, der die Sonne direkt auf ihr Kissen schei-nen lie. Von der Wand gegenber blickte Zakk sie an. Zakk war der gut aussehende Gitarrist ihrer Lieblingsband Wahwah. Melosine papp-te jedes Poster, das sie von ihm in die Finger bekam, an ihre Wand. Ihre Sammlung hatte mittlerweile fast alle Wnde in ihrem Zimmer verein-nahmt.

    Ferienende!, seufzte sie und schaute auf ihren blauen Wecker, dessen Stundenzeiger den Spitzhut einer Hexe darstellte, und der Mi-nutenzeiger ihren Besen. Oh mein Gott! Schon Viertel nach sieben!, rgerte sie sich laut. Jetzt wo Casi den Kindergarten besuchte, musste sie ihn auf ihrem Schulweg zuerst dort vorbeibringen. Das hie, dass sie frher als sonst losgehen und demzufolge auch eher aufstehen musste.

    Sie setzte sich auf ihre Bettkante und zog die roten Socken, die sie schon am Vortag getragen hatte, unter ihrem Bett hervor und stlp-te sie ber ihre Fe. Die restliche Kleidung zum Start in die sechste

  • 9Klasse hatte sie sich schon am Vorabend herausgesucht. Sie ging ber den Flur in das kleine Bad, welches ihrem Zimmer gegenberlag. Ihre Eltern hatten es nach der Geburt ihres Bruders vor viereinhalb Jahren ausgebaut und jetzt teilten es sich die beiden Kinder.

    Der Duft von frisch gerstetem Weibrot und dem Morgenkaffee ihres Vaters verteilte sich im Haus und irgendwie freute Melosine sich nun doch darauf, ihre Freundinnen gleich wiederzusehen. Doch am meisten freute sie sich auf Lilly. Nach dem Zhneputzen schlurfte sie langsam die knarrende Holztreppe hinunter zum Frhstckstisch.

    Ihr Vater knickte mit seinem Zeigefinger die Morgenzeitung um, als er sie hereinkommen hrte. Guten Morgen Sine! Na, schon auf-geregt? Mit einem raschen Blick auf seine Uhr und ohne ihre Antwort abzuwarten, stand ihr Vater auf und trank seinen letzten Schluck Kaf-fee aus der Papa-Tasse. Diese hatte Melosine ihm whrend ihrer Kin-dergartentage bunt verziert und zum Vatertag geschenkt.

    Melosine setzte sich an den Tisch zu ihrem Bruder, der vor lau-ter Aufregung mit dem Po auf seinem Stuhl wibbelte und mit seinem Lffel in seiner Msli-Schale matschte. Melosine rollte die Augen und fllte einige Cornflakes in eine Schssel. Sie mochte lautes Geklapper am frhen Morgen nicht. Ihre Mutter goss ihr die kalte Milch hinzu, drckte ihr schmatzend einen Kuss auf die Stirn und fragte: Kennst du die Erfindung, die sich Brste nennt, mein Kind? Dabei wuschelte sie ihr mit der anderen Hand durch das ungekmmte Zottelhaar.

    Ja, ich gehe sofort wieder nach oben, antwortete sie flapsig. Ihr Vater grinste, zog sich sein Jackett ber und drckte seinen bei-

    den Kindern ebenfalls einen Kuss auf die Stirn. Viel Spa euch beiden! Und dir einen erfolgreichen ersten Kindergartentag, mein Junge! Zeigs denen!, sagte er spaeshalber, ballte seine Faust und stie Casi sport-lich gegen seine kleine linke Jungenschulter. Er verabschiedete seine Frau mit einem Kuss auf die Wange und den blichen Worten: Adios, meine Schne! Dann fiel die Haustr zu und nur Sekunden spter er-tnte die Zndung des Wagens.

    Kann Papa mich vom Kindergarten abholen?, fragte Casi. Nein!, raunzte Melosine ihn an. Kann er nicht. Er geht lnger

    arbeiten, als du in den Kindergarten gehst. Mama, muss ich Casi nach der Schule abholen?, wandte sie sich nun ihrer Mutter zu.

    Nein Schatz, ich hole deinen Brud