Die Klangstruktur der Bruckner-Symphonie - Fritz- .D 15 Die Klangstruktur der Bruckner-Symphonie

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    Die Klangstruktur der Bruckner-Symphonie

    Eine Studie zur Frage der Originalfassungen

    Von

    Dr. phil. Fritz Oeser

    Mit 24 Notenbeispielen

    MUSIKWISSENSCHAFTLICHER VERLAG G. M. B. H.LEIPZIG 1939

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    Alle Rechte vorbehalten. Printed in Germany.

    Copyright 1939 by Musikwissenschaftlicher Verlag G. m. b. H. Leipzig

    Druck: M. Dittert & Co., Dresden

    Stich: Oscar Brandstetter, Leipzig

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    Meiner Mutter und dem Andenken meines Vaters

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    Inhalt

    Vorwort ..................................................................... 5

    Einleitung:

    I. Zur Situation der Brucknerdeutung....................... 9II. Zum Strukturbegriff ........................................... 14

    1. Teil: Elementarerscheinungen der Klangmaterie

    I. Klang und Klangtrger ........................................ 20II. Tonartikulation .................................................. 26III. Grundprinzipe der Dynamik ............................. 33IV. Hhepunktsgestaltung ...................................... 38

    2. Teil: Die Klangfarbenordnung und ihre strukturellen Auswirkungen

    I. Klangfarbenkern ................................................. 46II. Klangfarbenbndelung ...................................... 53III. Gruppengliederung ........................................... 61IV. Raumgestaltung ................................................ 64

    Literatur .................................................................. 72

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    VorwortDie vorliegende Arbeit stellt einen Ausschnitt aus einem gr-

    er geplanten Werke ber Bruckners Symphonik im ganzen dar, das die Struktur, den Gehalt und die Entwicklung seines Perso-nalstils behandeln soll. Angesichts der Ausmae, die eine grnd-liche Untersuchung dieses Gesamtthemas erfordert htte, erschien es geraten, die Darlegungen zunchst auf das vorliegende Teil-thema einzuschrnken. Die Abgrenzung des Aufgabengebietes wird insofern fruchtbar wirken knnen, als damit ein Fragen-kreis zur Errterung gelangt, der in steigendem Mae die Musik-wissenschaft beschftigt, nmlich die Frage des Klangideals und der Klangstruktur. Nachdem die Problematik der stilkritischen Methode und der rein formalen Analyse sich immer unverhllter geoffenbart hat, ist die Auffindung personalstilistischer Strukturelemente, die nicht mehr auf eine stilgeschichtliche Adaption zu rckzufhren sind, immer vordringlicher geworden. Speziell dem Phnomen Bruckner sind die erwhnten Methoden so wenig ge recht geworden, da die Notwendigkeit, zunchst einmal die ele mentarsten Erscheinungen seines symphonischen Stiles klar zu beschreiben, auf der Hand liegt. Es steht zu hoffen, da die Ana lyse des spezifischen BrucknerKlanges gengend Perspektiven auf die Gesamterscheinung Bruckners erffnet, um in ihrer Son derbehandlung gerechtfertigt zu sein.

    Mehr als sonst blich ist, greifen diese Ausfhrungen, wenn auch unbeabsichtigt, in ein aktuelles Problem ein, das ber das Musikleben hinaus die Meinungen beschftigt: in die Frage nach Original und Bearbeitung in den Brucknersymphonien. Die an sich selbstverstndliche Verpflichtung des Wissenschaftlers, sich ein einwandfreies materiales Fundament durch die Zugrunde-legung des Urtextes zu sichern, hat in ihren Folgen die Blick-richtung der Arbeit geradezu einschneidend verndert. Ursprng-lich auf eine Erforschung der Brucknerschen Formenwelt ange-legt, stellt sie nun den Versuch dar, das Verhltnis der Hand-schriften zu den Erstdrucken ohne nheres Eingehen auf die rein philologisch-biographische Textkritik, die der Gesamtausgabe

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    vorbehalten bleibt von innen heraus nach der klanglichen Hinsicht zu klren. So empfngt sie Ziel und Sinn von dem Be-streben, den personalen Klangstil Bruckners in seiner Eigen-struktur sowie in seiner spteren Verdeckung aufzuzeigen, ein Versuch freilich, der schon infolge empfindlicher Lcken in der musikwissenschaftlichen Kategorienreihe naturgem mit vielen Unzulnglichkeiten behaftet sein mu.

    Angesichts der unendlich fruchtbaren Einsichten, die der Ein-blick in den wirklichen Bruckner bot, ist die Danksagung an alle, die die ueren Hindernisse (deren es zu der Zeit, als die jetzt allgemein zugnglichen Originalfassungen noch nicht erschienen waren, viele gab) beseitigen halfen, eine angenehme Pflicht. Da dieser Arbeit ein gesicherter, philologisch einwandfreier Notentext zugrundeliegt, ist zu allererst dem Direktor der Musik-abteilung der Nationalbibliothek in Wien, Herrn Universitts-professor Dr. Robert Haas, zuzuschreiben, dem ich fr diese seine groe Liebenswrdigkeit und Hilfsbereitschaft herzlichst danke. Ferner hat die Gte des Herrn Professor Dr. Johannes Wolf, der zu dieser Zeit die Musikabteilung der Preuischen Staatsbibliothek in Berlin leitete, sowie die Freundlichkeit seines Nachfolgers, des Herrn Prof. Dr. Georg Schnemann, mir ermglicht, die dort befindlichen, bisher noch unverffentlichten Skizzen und Partiturbruchstcke in die Arbeit einzubeziehen; auch ihnen gilt mein besonderer Dank. Weiterhin gestatteten freund lichst Einsicht in ihre Bruckner-Autographe folgende Institute: das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (Dr. Hedwig Kraus); der Akademische Richard Wagner-Verein in Wien (Hofrat Max Millenkovich-Morold); das Archiv des Stif tes St. Florian (Prof. Dr. Nicolussi); das Musikarchiv des Stiftes Kremsmnster (Prof. P. Benno Feyrer). Ebenso stellten ihre Handschriften zur Verfgung: Herr Prof. Max Auer in Vcklabruck; Herr Karl Aigner in St. Florian. Ihnen allen mchte ich fr ihr Entgegenkommen meine aufrichtige Dankbar-keit ausdrcken.

    Auerdem wurde die Arbeit wesentlich gefrdert durch die

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    freundliche Bereitwilligkeit, mit der der Verlag Gustav Bosse in Regensburg vorzeitigen Einblick in die letzten Bnde der Gllerich-Auer-Biographie und der Musikwissenschaftliche Verlag zu Leipzig in die vorbereiteten Bnde der Gesamtaus-gabe gewhrten.

    Sichtung und Verarbeitung dieses in so reichem Mae zur Verfgung gestellten Materials lieen stark ins Bewutsein treten, da ich noch ber den Umkreis dieser Dissertation hinaus Schuld ner bleibe: gegenber meinem geschtzten Theorielehrer am Lan deskonservatorium zu Leipzig, Herrn Dr. Fritz Reuter, auf den das musiktheoretische Rstzeug zurckgeht, und im besondern gegenber meinem verehrten Universittslehrer, Herrn Prof. Dr. Helmut Schultz, dem ich ber die Frderung dieser Ar beit hinaus alle musikwissenschaftlichen Grundlagen verdanke.

    Leipzig, im Dezember 1939 Fritz Oeser

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    Einleitung

    I. Zur Situation der Brucknerdeutung

    Die Erstverffentlichung der Brucknerschen Autographe hat der schon geraume Zeit vorhandenen Skepsis gegenber den Er gebnissen der musikhistorischen Bemhung um Bruckner neue und krftige Nahrung gegeben. Es ist kein Zweifel, da die ge schichtliche Stellung Bruckners noch immer im Dunkel liegt und zwischen der bisher vorgenommenen historischen Ein-reihung und dem unmittelbaren Erlebnis dieser Musik ein spr-barer Ri klafft. Vierzig Jahre sind seit Bruckners Tod vergan-gen, fr eine durch und durch historisierte Wissenschaft eine betrchtliche Zeitspanne, bedeutsamer als durch ihre Ausdehnung noch dadurch, da sie in sich eine Krisis und eine Wandlung be-schliet, die alles jenseits der Grenzscheide Liegende in eine noch viel fremdere Ferne gerckt hat, als die wachsenden Jahre ge ruhiger Zeiten vermocht htten. Whrend einer jngeren Genera tion das weitaus Bedeutsamste, das noch zu Beginn des Jahr hunderts lebendigste Gegenwart war, sich unaufhaltsam mit der Patina der Geschichte berzieht, tritt Bruckner neu ins Bewut sein. Die chaotische Moderne der Nachkriegsjahre hat ihn nicht entthront, wie sie Beethoven zu entthronen wenigstens versuchte, die Jugendmusikbewegung, die allzu stark die Rangordnung innerhalb des verfehmten 19. Jahrhunderts vernachlssigt hat, aber doch von einem echten Wertgefhl fr innere Haltung beses sen war, hat von ihrer radikalen Verdammung dieses Jahrhun derts allein Bruckner, ausgerechnet den angeblichen Wagner der Symphonie, ausgenommen. Auch die Erweiterung des musik historischen Blickraums hat seine Gestalt nicht verkleinern kn nen, und gegenwrtig scheint es sogar, als beginne er auch die Grenzen des Deutschtums zu berschreiten.1) Nun rckt mit dem Bekanntwerden der

    1) Fr dankenswerte Hinweise ist der Verfasser Herrn Dr. phil. Kurt Otto Weise, derzeit Lektor an der Universitt Bordeaux, ver pflichtet.

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    Handschrift-Fassungen die Geschichte Bruckners in ihr zweites, entscheidendes Stadium. Eine Klrung ist ein getreten: gewisse Zwiespltigkeiten im Werk selbst, die den Aus deuter verwirren konnten, sind verschwunden. Dagegen stellt nun wieder die Tatsache der Bearbeitung ein wichtiges historisches Problem dar. Der genaue Vergleich der Bearbeitungen, die an smtlichen Symphonien in mehr oder weniger groem Mae vor genommen worden sind, ergibt zunchst, da sie alle, obwohl vier oder fnf der Schler und Berater Bruckners sie gettigt haben, auf ein gleiches Grundprinzip hinweisen. Aus den Argu menten, ber die die biographische Forschung berichtet, sowie aus jeder Einzelanalyse geht mit Evidenz hervor, da der Um formung ein bestimmtes, allen Bearbeitern gemeinsames und von ihnen angestrebtes Klangideal zugrunde liegt. Es ist hier also eine konsequente stilistische Umdeutung erfolgt, die mit allen Randproblemen zu umreien eine wichtige Auf gabe ist.

    Was bedeutet dieses einzigartige Faktum fr die geschicht-liche Einordnung Bruckners? Es bietet den Schlssel zur Lsung der Frage, warum Bruckner als innerer Besitz in eine Zeit ein-geht, die in ihren wesentlichen und zuknftigen Trgern die Epoche, der er entstammt, einer strengen Prfung unterzogen hat. Zwischen ihm aber und seiner Mitwelt bestand eine Kluft, die durch die Umdeutung seines Werkes berbrckt werd