Psychiatrie im â€‍Dritten Reich“ in .Die Anstaltspsychiatrie im...

download Psychiatrie im â€‍Dritten Reich“ in .Die Anstaltspsychiatrie im â€‍Dritten Reich“ in Niedersachsen

of 22

  • date post

    14-Jan-2019
  • Category

    Documents

  • view

    218
  • download

    0

Embed Size (px)

Transcript of Psychiatrie im â€‍Dritten Reich“ in .Die Anstaltspsychiatrie im...

Ausschnitt aus einer Patientenzeichnung

Die Wanderausstellung Psychiatrie im DrittenReich in Niedersachsen ist das Ergebnis einesForschungsprojekts, das von 1991 bis Mitte der90er Jahre im Rahmen der Ttigkeit der His-torischen Kommission fr Niedersachsen undBremen durchgefhrt wurde.

Untersttzt und finanziert wurde dieses Projektvom Niederschsischen Ministerium fr Wissen-schaft und Kultur, dem Niederschsischen Lan-desamt fr Zentrale Soziale Aufgaben und demNiederschsischen Hauptstaatsarchiv Hannover.Grundlage der Ausstellung sind die Verffent-lichung Psychiatrie im Dritten Reich in Nieder-sachsen (Raimond Reiter, Hannover 1997) undviele bisher unverffentlichte Fotos und andereAbbildungen aus verschiedenen Quellen: Patienten-akten in Staatsarchiven und Landeskrankenhusern,Akten der Gesundheitsmter und private Foto-sammlungen. Hinzu kommen Reproduktionen ausInformatiosbroschren der Anstalten und Verffent-lichungen zu Heil- und Pflegeanstalten vor 1945.

Die Ausstellung will nicht nur wichtige Er-scheinungen der Psychiatrie im Dritten Reich

dokumentieren, sondern auch dazu beitragen, dieOpfer der menschenverachtenden Ideologie desNationalsozialismus dem Vergessen zu entreien.

Gezeigt wird neben den Opfern der Psychiatrieim Dritten Reich auch die Verstrickung derAnstalten in das stattlich organisierte Massen-tten, die Lage des Personals, sowie der verhal-tene oder offene Widerspruch gegen die Schlech-terstellung und Ttung von Patientinnen undPatienten.rzte, Staatsbeamte, Schwestern und Pflegersollten im Nationalsozialismus einem anti-christlichen und antihumanistischen Menschen-bild verpflichtet werden. Ziel dieser so genann-ten Rassenhygiene war entweder die Heilungoder andererseits die Ttung von Patientinnenund Patienten. Aber nicht alle Verantwortlichenwurden zu willigen Ttern oder Helfern derVerbrechen unter der nationalsozialistischenHerrschaft.

NS-Verbrechen werden durch die Fotos nicht un-mittelbar dargestellt, was dem verfgbaren histo-rischen Material zu Niedersachsen geschuldet ist.

Autor und Gesamtgestaltung der Ausstellung:Dr. Raimond Reiter (Politologe, Universitt Hannover)

Gefrdert durch dasNiederschsische Ministerium fr Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit

Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen

Die Anstaltspsychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen istdurch eine Reihe von wissenschaftlichen Verffentlichungen insLicht der ffentlichkeit gerckt worden (Anmerkung 1). Einigetypische Erscheinungen werden in dieser Ausstellung hervor-gehoben und durch historische Fotos, Zeichnungen und Diagrammeanschaulich gemacht.

Wer die Psychiatrie und die Behandlung der geistig und krperlichKranken im Dritten Reich nachvollziehen will, muss dasMenschenbild der Nationalsozialisten bercksichtigen. Es war eineMischung aus einer rassistischen Idealisierung, einer Zerstrungaller christlichen und humanistischen Werte und einer in die Praxisgesetzten Menschenverachtung. In ihr wurde auch das Leben derPatientinnen und Patienten nach konomischen Kriterien beurteilt.

Erschreckend war nicht nur das nihilistische Neuheidentum derNationalsozialisten, sondern aus heutiger Sicht auch, dass vieleBeamte, Staatsmnner, Anstaltsdirektoren und rzte mittaten ander Errichtung und dem Ausbau einer totalitren Diktatur, in der eskein Mitleid, keine Nchstenliebe und keine Frsorge mehr fr diePersonen geben sollte, die krank und arbeitsunfhig waren. Eineder dazugehrigen Opfergruppen, die Patienten in psychiatrischenAnstalten in Niedersachsen, wird hier nher dargestellt. Gezeigtwird ihre Umgebung und die Menschen, die sie gepflegt haben, diesie vor einer Ttung gerettet haben, und andererseits Personen, dieihre Patienten den Mrdern auslieferten oder gar selber zu Tternwurden.

Allerdings war die Lage der psychiatrischen Anstalten ab 1933durch unterschiedliche Entwicklungen gekennzeichnet. Sie stelltesich auch in Niedersachsen fr die privaten Einrichtungen teilweiseanders dar, als fr die Landes- Heil- und Pflegeanstalten der Pro-vinzialverwaltung Hannover.

(1) Raimond Reiter, Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen. Hannover 1997. Diese Verffentlichungenthlt neben einer Bibliografie zum Thema ausfhrliche Informationen zu Quellen und Dokumenten, diein der Ausstellung und im Begleitmaterial verwendet werden. Hinweise zur Ausstellung finden sich imInternet unter der Adresse: http://www.r-reiter.de

(2) bersicht nach: Statistische Vierteljahresberichte des Statistischen Amtes der Stadt Hannover, 1931-1938.

Zwangsbehandelte (Anstaltseinweisung) in HannoverSteigende Zahl psychiatrisierter Personen.

1931 bis 1938 (Anmerkung 2)

Zahl der Personen nach Jahren

300

250

200

150

100

50

0

263

171

109

321521

204222

1931 1932 1933 1934 1935 1936 1937 1938

Vor allem in den Heil- und Pflegeanstalten und den Einrichtungender Inneren Mission machte sich ab 1933 eine berbelegung be-merkbar, d. h., dass die Kapazitten oft berschritten wurden. Dieberbelegungen verschrften sich durch die Unterbringung vonKriminellen, die nach 42 des Strafgesetzbuches verurteilt und inder Psychiatrie untergebracht wurden. Mittelkrzungen wirktensich nach Kriegsbeginn zustzlich aus, da nun durch die Kriegs-ereignisse weitere Patientengruppen hinzukamen, d. h. Menschen,die bei Bombenangriffen desorientiert waren oder ltere Menschen,die bei Handlungsunfhigkeit der Psychiatrie zugefhrt wurden.

Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen. FestsaalFr die Patienten und das Personal wurden in den Anstalten Kulturveranstaltungen durchgefhrt. Foto aus derZeit vor 1939. (Quelle: Stadtarchiv Langenhagen)

Provinzial- Heil und Pflegeanstalt Langenhagen. BeobachtungFoto aus der Zeit vor 1939. In der Anstalt Langenhagen waren 1935: 850 Patienten untergebracht, von denenbis 1935: 200 sterilisiert wurden. An den planwirtschaftlichen Verlegungen zu Ttungsanstalten war Langenhagennicht direkt beteiligt. (Quelle: Stadtarchiv Langenhagen)

Heil- und Pflegeanstalt Osnabrck. Hauptgebude1937 waren in Osnabrck 962 Patienten untergebracht. Mit dieser Patientenzahl war Osnabrck, wie viele andereAnstalten auch, berbelegt. Osnabrck war zunchst als Ttungsanstalt im Rahmen der T4-Aktion, d. h.Patiententtungen bis August 1941, vorgesehen. Diese Planungen scheiterten, wie in Oldenburg/Wehnen, amWiderspruch des Direktors. (Quelle: 60 Jahre Hannoversche Provinzialverwaltung, Hg.: Landesdirektorium derProvinzialverwaltung. Hannover 1928. Staatsarchiv Osnabrck. Broschre)

I. Psychiatrische Anstalten im Dritten Reich

Die erbbiologische Arbeit in den Anstalten

Die Psychiatrie im Dritten Reich wehrte sich kaum gegen rassen-politische Zugriffe und Instrumente einer sich im Laufe der Jahrestndig radikalisierenden Selektion in der vermeintlichen Volks-gemeinschaft. Die Gefahr fr Menschen, nicht den nationalsozia-listischen Normen und Werten zu entsprechen, wuchs, und damitdie Gefahr, nicht mehr als ntzlich angesehen zu werden. PsychischKranke und Anstaltsinsassen wurden zunehmend als sogenannteBallastexistenzen eingestuft. Um so mehr ist die Arbeit desjenigenPersonals psychiatrischer Einrichtungen zu wrdigen, das unterdiesen Bedingungen den Patienten Frsorge entgegengebracht undsich um ihre Heilung bemht hat.

(3) Tabelle nach den Angaben der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Gttingen vom 19.1. 1944 (Brief der Anstaltan den Oberprsidenten in Hannover). In: Nds. Hauptstaatsarchiv Hannover; Hann 122a Nr. 3214.

(4) Henry Friedlander, Der Weg zum NSGenozid. Berlin 1997, 61ff. Zur Frage der weiblichen und mnnlichenOpfer der Psychiatrie im Dritten Reich in Niedersachsen: Raimond Reiter, Frauen im Dritten Reich inNiedersachsen. Pfaffenweiler 1998, 4247.

Durch eine Reihe von Zwangsmanahmen wurde die Frsorgesystematisch eingeschrnkt und von einer rassen-politischmotivierten Schlechterstellung begleitet. Um dies zu ermglichen,sollten mglichst viele Patienten und ihre Angehrigen erfasst undbewertet werden. Deshalb wurde in den Heil- und Pflegeanstaltenschon bald nach 1933 die sogenannte erbbiologische Selektiondurchgefhrt. Sie begann in der Provinz Hannover nach einerSitzung der Direktoren der Anstalten am 15.9.1934 im damaligenStndehaus in Hannover. Anwesend waren 14 Mediziner derLandes- Heil- und Pflegeanstalten und anderer Einrichtungen,sowie fnf Vertreter der Provinzialverwaltung, unter ihnen der neueLandeshauptmann Dr. Ludwig Gener. Das Hauptthema wurdedurch den Vortrag eines Arztes aus der Anstalt Gttingen erlutert.Er hielt ein Referat mit dem Titel ber erbbiologische Arbeiten anHeil- und Pflegeanstalten. Der Referent stellte die erbbiologischeArbeit zunchst in den Zusammenhang der Zwangssterilisationenund der seiner Meinung nach notwendigen Sippenforschung. Siesollte eine der Voraussetzungen werden, vermeintlich krankesErbgut festzustellen und zu verhindern, dass dies sich fortpflanzenknne. Zur Selektion der dazugehrigen Menschen wurde denpsychiatrischen Anstalten eine zentrale Rolle zugewiesen, da sie ingroem Umfange Krankengeschichten und damit Material fr eineerbbiologische Kartei hatten. Anhand der Geisteskranken solltendann auch angeblich verdeckte Formen kranken Erbgutes greifbarwerden.

Patientenbewegungen in der Landes- Heil- und PflegeanstaltGttingen. Die Vernderungen (generell steigende Patientenzahlen,ab Kriegsbeginn mehr Frauen als Mnner) waren typisch auch fr

andere Anstalten (Anmerkung 3)

Jahr Zahl der aufgenommenen Zahl der entlassenenPatientinnen und Patienten Patientinnen u. Patienten

Frauen Mnner Frauen Mnner

1933 177 181

1939 311 331 277 265

1940 248 241 259 271

1941 323 300 385 466

1942 379 280 357 265

1943 564 361 519 351

Die erbbiologische Arbeit in den Anstalten zeigt, ebenso wie dieSterilis