W¶rter l¼gen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der

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    Autor: Albrecht, Clemens.Titel: Wrter lgen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der Wende zum Bild.Quelle: In: Liebert, Wolf-Andreas/ Metten, Thomas (Hg.): Mit Bildern lgen. Kln 2007, S. S. 29 49.

    Verlag: Herbert von Halem Verlag.Die Verffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

    Clemens Albrecht

    Wrter lgen manchmal, Bilder immer.

    Wissenschaft nach der Wende zum Bild

    Bilder lgen immerDie Wanderausstellung Bilder, die lgen des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik

    Deutschland demonstriert eine beeindruckende Reihe bewusst geflschter Bilder. Sind

    solche Flschungen im politischen Kontext totalitrer Systeme bekannt, etwa der

    wegretuschierte Trotzky auf dem berhmten Bild der Lenin-Rede von 1920, so verblfft

    doch immer wieder die Chuzpe der freien Presse: Als eines der Boulevardbltter mit den

    austauschbaren Titeln ein Vershnungsfoto von Steffi Graf und Andre Agassi

    prsentieren wollte, aber keine passende Vorlage hatte, montierten die findigen

    Redakteure die Kpfe der beiden auf die Krper von Stefanie Hertel und Stefan Mross,

    zwei Star-Figuren der deutschen Volksmusik.

    Die Beispiele fr mehr oder weniger bewusst vernderte Bilder, die die Ausstellung in

    Malerei, Fotografie und Film zeigt, sind Legion und reichen durch alle Lebensgebiete.

    Nicht zufllig ist der Ausstellungskatalog alphabetisch gegliedert und reicht von A wie

    Aktuelles ber B wie Michael Born, G wie Golfkrieg bis zu Z wie Zukunft. Dieses

    Gliederungsprinzip deutet zu Recht eine enzyklopdische Flle an Beispielen an, die die

    Titelthese bezeugen: Bilder lgen immer!

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    Gleichwohl knnen dieser generalisierten Formulierung tausende von Bildern

    entgegengehalten werden, die eindeutig nicht geflscht wurden. Dazu zhlen die Fotos

    aus jedermanns Familienalbum, an denen kein Stalin Interesse zeigt. Auch die Millionen

    Urlaubsfotos, die in Diaksten vor sich hinschlummern, sind vermutlich selten geflscht

    worden. Wenn sie allerdings neueren Datums und auf Festplatten oder CDs gespeichert

    sind, mssen wir ihnen mit grerem Misstrauen begegnen. Denn am Wachstum der

    digitalen Bildbearbeitung zeigt sich, dass das Problem der Flschung von Bildern lngst

    den Rahmen der bewussten Manipulation berschritten hat, den uns die Ausstellung

    prsentiert. Wo wir klare politische, konomische oder ideelle Interessen identifizieren

    knnen, die zu Manipulationen an Bildern fhren, ist der Fall vergleichsweise einfach.

    Schwieriger wird es dort, wo uns die technischen Mglichkeiten die Vernderung von

    Bildern geradezu aufdrngen: in der elektronischen Bildbearbeitung unserer Urlaubs- und

    Familienfotos, im geschickten Schnitt der Videos. Und was ist eigentlich mit den Filtern,

    die wir am Meer auf die Kamera schrauben, damit es noch blauer wird? Ist auch das

    schon Lge? Zuknftige Alltagshistoriker jedenfalls haben es nach der digitalen

    Revolution der Privatfotografie sehr schwer, die Authentizitt von Fotos zu beurteilen.

    Wo auch immer hier die Grenzen der bewussten Manipulation zu ziehen sind, die These,

    dass Bilder immer lgen, zielt auf etwas Grundstzliches, eine Eigenschaft des Mediums

    selbst: Bilder sind wirklichkeitsnah und wahrheitsfern. Denn Wirklichkeit, wie sie sich

    unseren Sinnen zunchst darstellt, ist ein zwar verschiedenartiges, aber unstrukturiertes

    Kontinuum, in das wir erst durch sprachliche Kategorisierung Ordnung hineinlegen: Dies

    ist ein Baum, das eine Wiese, jenes der Himmel. Erst durch diese sprachliche

    Strukturierung der Sinneseindrcke empfangen die Dinge aber ihre Bedeutung, indem sie

    in praktische Beziehung zum Menschen gerckt werden: Aus dem Baum kann ich mein

    Haus bauen, auf der Wiese kann ich meine Schafe weiden, im Himmel wohnen die

    Gtter. Die Wahrheit der Dinge erschliet sich uns also nicht in ihrer bloen Wirklichkeit,

    sondern in der Bestimmung dieser Wirklichkeit durch Bedeutungen, einerlei ob sie

    pragmatischen oder auch metaphysischen Bedrfnissen oder Interessen folgen.

    Bilder sind nun insofern wirklichkeitsnah, als sie dicht an der bloen sinnlichen

    Reprsentation von Phnomenen sind. Aus dieser Reprsentation lassen sich theoretisch

    unendlich viele ganz unterschiedliche Bedeutungen ableiten. Ein rmischer Priester, der

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    das Vogelflug-Orakel befragt, sieht den Himmel sicherlich mit anderen Augen als ein Pilot

    vor dem Start. Die Deutung von Wirklichkeit ist also kontingent. Erst dort, wo sich uns

    eine- wie auch immer gesicherte- feste Deutung anbietet, wo die Phnomene in ihrer

    Bedeutung weitgehend fixiert werden, kristallisiert sich ihre Wahrheit heraus. Aus dem An-

    sich der Dinge wird ein Fr-uns. Deshalb sind Bilder, auf der Netzhaut genau wie auf dem

    Bildschirm, immer interpretationsbedrftig. Whrend Wrter und Stze Bedeutungen

    festlegen und nur eine relativ geringe Bedeutungsstreuung generieren (bezeichnend dann

    am meisten, wenn mit Wrtern Bilder, Metaphern gezeichnet werden), sind Bilder immer

    bedeutungsoffen. Bilder sind eben keine Texte, wie uns die ikonologische Tradition

    weismachen mchte.

    Bei diesen komprimierten Bemerkungen ber den substanziellen Unterschied zwischen

    Sprache und Bild mchte ich es vorerst belassen und meine Argumente nun nicht auf der

    abstrakten Ebene von Hermeneutik und Zeichentheorie sammeln, sondern an konkreten

    Beispielen erarbeiten. Ich mchte fr das Folgende drei verschiedene Arten von Lgen

    durch Bilder unterscheiden:

    1. die bewusste Vernderung von Fotos, Filmen oder Gemlden (Materialflschung);

    2. die bewusste Manipulation oder unbewusste Verflschung, bei der das Bild in einen

    anderen zeitlichen, rumlichen oder semantischen Kontext gesetzt wird

    (Kontextflschung);

    3. die - meist unbewusste - Verflschung der Interpretation von Bildern, indem eine

    Deutung anderen Deutungen gleichen Plausibilittsranges vorgezogen wird

    (Interpretationsflschung).

    Belege fr die erste Ebene der Lge, die Materialflschung als meist bewusste

    Manipulation, finden sich reichlich im Ausstellungskatalog Bilder, die lgen. Um die

    Titelthese begrnden zu knnen, sollen im Folgenden die beiden anderen Arten der Lge,

    die Kontext- und die Interpretationsflschung, jeweils durch ein Beispiel erlutert werden.

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    KontextflschungBeispiele fr einen verschobenen Kontext finden sich ebenfalls in der Ausstellung. Dort

    wird etwa ein Film gezeigt, der im Zusammenhang mit der Debatte ber die finanzielle

    Entschdigung von Zwangsarbeitern im deutschen Fernsehen immer wieder zu sehen

    war. Er zeigt eine Arbeiterin in der Rstungsproduktion. Bei genauem Hinsehen entdeckte

    allerdings ein Militrexperte, dass hier keine deutschen, sondern russische Sturmgewehre

    hergestellt wurden. Abgebildet sind keine Zwangsarbeiter (warum sollte man sie auch

    filmen?), sondern die russische Arbeiterklasse in ihrem heroischen Beitrag fr den groen

    vaterlndischen Krieg.

    Hier ist also keine Manipulation des Bildmaterials selbst zu finden, sondern eine

    Verschiebung des Kontextes, die das Bild aber dann doch zur Lge macht. Ich mchte

    diese Kontextverschiebung nun an einem weiteren Beispiel demonstrieren, das uns aus

    dem Zeitalter der ideologischen Weltbrgerkriege hinausfhrt in die reine Unschuld des

    wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts.

    Mit dem Begriff kopernikanische Revolution ist die umstrzende Erkenntnis gemeint,

    dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum des Planetensystems steht.

    Zusammengefasst wird in dieser Formel ein Kapitel in der Geschichte der Astronomie,

    das in den groen Erzhlungen ber die heroische Leistung der neuzeitlichen

    Wissenschaft eine geradezu paradigmatische Stellung einnimmt. Hier nur die wichtigsten

    Eckpunkte der Entwicklung:

    In seinem Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium von 1543 revidierte Nikolaus

    Kopernikus das ptolemische Weltbild, das auf den groen Synthetiker aus dem 2. Jh. n.

    Chr. zurckgefhrt wird, den alexandrinischen Geographen und Astronomen Claudius

    Ptolemus. Kopernikus schlug vor, hypothetisch die Sonne ins Zentrum des

    Planetensystems zu stellen, weil nur durch einen selbst bewegten Beobachtungsstandort

    das Phnomen der rcklufigen Planetenbahnen erklrt werden knne. Kopernikus und

    alle seine Nachfolger halten dabei an der zentralen Vorstellung einer gleichmigen,

    harmonischen Ordnung des Kosmos fest, was etwa die Kreisfrmigkeit der

    Planetenbahnen zur Folge hat.

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    Nach Kopernikus, so geht die groe Erzhlung weiter, kam dann Johannes Kepler, der die

    Daten Tycho de Brahes in seinen Gesetzen der Planetenbahnen umformulierte. Hierauf

    wiederum basiert der heroische Kampf von Galileo Galilei um die Anerkennung der neuen

    Lehre mit Hilfe des empirischen Beweises durch die Fernrohrbeobachtung gegen den

    hinhaltenden und zunchst nur scheinbar erfolgreichen Widerstand der katholischen

    Kirche, die das heliozentrische Weltbild aus dogmatischen und machtpragmatischen

    Grnden nicht zugunsten des berlegenen geozentrischen Weltbildes aufgeben wollte.

    Die Wahrheit aber bricht sich unaufhaltbar ihre Bahn: Die Ablsung des geozentrischen

    durch das heliozentrische Weltbild zhlt fr uns heute zum zentralen Durchbruch, bei dem

    das mittelalterliche Weltbild