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  • 92 5 Leiden und Krankheit

    5.2 Die Bibel der Häretiker aus Nag Hammadi

    Es ist unnötig, Gott anzuklagen. Es hat keinen Sinn, zu jammern, zu flehen, zu bitten und zu beten − es ist lediglich notwendig, die vorherrschende Ordnung zu verstehen. Wenn also das ewige Leben erinnert wird, da alles Leben von Gott kommt bzw. Gott ist, kann der Tod nicht mehr wahrgenommen, sondern nur noch als Übergang in die nächste Seinsform (konzeptionelles Jenseits) verstanden werden.

    ●● Sterben ist lediglich der Vorgang, bei dem erkannt wird, dass es den Tod nicht gibt. Gott hat das Leben geschenkt, da ER selbst das Leben ist.

    Diese Erkenntnis ist auch in den Apokryphen zu finden. Apokryphe Texte und Schriften sind jene Dokumente, die im Entstehungsprozess der Bibel nicht in deren Kanon auf­ genommen wurden: aus inhaltlichen Gründen, weil sie damals nicht allgemein bekannt waren, aus religionspolitischen Gründen oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind. 93 Ein wesentlicher Grund, weshalb die Kirche die Apokryphen nicht in den Kanon der Bibel aufnahm, dürfte gewesen sein, dass diese ihrer Lehre von Schuld, Sünde und Angst im Weg stehen. Laut Definition der Kirche beinhalten apokryphe Texte ketzerische, häretische und blasphemische Irrlehren, denen sie unterstellt, nicht vom Heiligen Geist inspiriert geschrieben worden zu sein. Der Begriff wurde vor allem auf Literatur aus dem Umfeld des Gnostizismus 94 bezogen, wobei diese Texte nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für „Eingeweihte“ bestimmt waren und Geheimlehren darstellten.

    Viele Evangelien, und nicht bloß vier, wurden geschrieben und dann zensiert, was allein schon beweist, dass es sich nicht um Wahrheiten handelt. Nach heftigen Auseinanderset­ zungen einigte sich die Kirche im 4. Jahrhundert schließlich auf vier annähernd gleiche Ex­ emplare. Abweichungen der Testamente untereinander sind in allen noch gebräuchlichen

    93 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Apokryphen 94 Die Ausdrücke Gnosis, Gnostik und Gnostizismus werden oft unterschiedslos verwendet.

    Üblicherweise bezeichnet Gnosis ein religiöses Geheimwissen, das die Gnostiker nach eige­ nem Verständnis von der übrigen Menschheit abhebt.

    In der Literatur des zweiten und dritten Jahrhunderts war „Gnostiker“ eine gängige Bezeich­ nung für (christliche, jüdische wie heidnische, hellenistische) Intellektuelle. Gnosis bedeutete Erkenntnis im allgemeinen Sinn. Die Selbstbezeichnung als „Gnostiker“ ist oft unspezifisch. Gnostische Bewegungen im spezifischen Sinn wurden nach ihren Führern oder Gründern als Valentinianer, Simonianer oder Basilidianer bezeichnet, was aber vermutlich bereits Fremd­ bezeichnungen von Kritikern sind, während einige dieser Gruppen sich vermutlich schlicht „Christen“ nannten. Zitiert nach: Alexander Böhlig, Christoph Markschies (Hrsg.): Gnosis und Manichäismus, Forschungen und Studien zu Texten von Valentin und Mani sowie zu den Bibliotheken von Nag Hammadi und Medinet Madi, Beihefte zur Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche 72. Jahrgang, Walter de Gruyter, Berlin 1994, ISBN 3110142945. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Gnosis

  • 5 Leiden und Krankheit 93

    Bibeln zu finden. So etwas wie den „einen wahren Urtext“ gibt es nicht. Es existiert kein bekanntes Original­Evangelium. Alle Überlieferungen sind Abschriften von Abschriften von Abschriften ... Was glauben Sie, mit welchen kircheninternen Kämpfen und mit wie vielen menschlichen Eingriffen das Neue Testament zu seinem heutigen Umfang und In­ halt fand! Das Christentum baut seine Ideologie auf vier synoptische (= nebeneinander gereiht, gleichrangig) Evangelien auf. Diese vier Evangelien widersprechen sich unterei­ nander, also gibt es auch hier keine „wahre Version“. Das früheste Evangelium ist das des Markus. Es entstand etwa siebzig Jahre nach Christi Kreuzigungstod und Auferstehung.

    Vier Evangelien wurden von der Kirche anerkannt und über 90 Prozent wurden ab­ gelehnt. Warum? Was steht in den anderen Evangelien, was wir nicht wissen sollten? Ein fleißiger Mönch versteckte sämtliche Schriften des 1. und 2. Jhdt. in einer Höhle, wo sie bis 1945 unentdeckt geblieben waren. 95 Diese Schriften wurden übersetzt und uns erst jetzt zugänglich gemacht. Der Kanon dieser Schriften nennt sich nun „Die Bibel der Häretiker“ (ursprünglich 13 Kodizes in koptischer Sprache mit einem Gesamtumfang von mehr als tausend Seiten) und wird von der Kirche als apokryph eingestuft. Warum wurden trotz der vielen anderen Schriften nur vier Evangelien anerkannt? Jedem leuch­ tet ein, dass in diesen vier Schriften nicht die Fülle an Wissen und Wahrheit stecken kann, wie im Gros der gesamten Evangelien. Dank der Funde in Nag Hamadi oder in Kumran (Qumran) gibt es Überlieferungen (Abschriften) aus dieser Zeit. Sie können heute das Evangelium des Thomas, der Ägypter, des Philippus, des Petrus, des Judas, das geheime nach Markus, das der Wahrheit, das Protevangelium des Jakobus, das der Maria Magdalena, den Dialog des Erlösers, das dreiteilige Traktat, sowie die Evangelien von Johannes, Jakobus und Petrus und noch einige andere studieren. 96

    95 Der Fundort der Schriften befindet sich auf dem rechten Nilufer am Fuße des Gebel­al­Tarif, 10 km nordöstlich der Nilbrücke von Nag Hammadi. Der Fund besteht aus dreizehn in Leder gebundenen Papyrus­Kodizes. Diese enthalten eine Sammlung von 47 unterschied­ lichen Texten. Einige Texte sind jedoch mehrfach enthalten, weshalb die Sammlung aus ins­ gesamt 53 einzelnen Texten besteht. Die Manuskripte stammen aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, verfasst wurden die Texte vermutlich vorwiegend im 1. oder 2. Jahrhundert. Als Herkunft der Texte wird überwiegend Ägypten angenommen, bei einigen Texten gibt es aber auch Hinweise auf eine Herkunft aus Syrien. Die Sprache der Texte ist Sahidisch, ein Dialekt des Koptischen. Man geht jedoch davon aus, dass es sich um Übersetzungen aus dem Griechischen handelt. Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Nag­Hammadi­Schriften.

    96 Die deutsche Übersetzung, die „Bibel der Häretiker“, ist eine Gemeinschaftsarbeit des Berli­ ner Arbeitskreises für Koptisch­Gnostische Schriften, die ursprünglich nur als Arbeitsüber­ setzung für das Studium der frühchristlichen Ketzergeschichte dienen sollte. In Eigeninitiati­ ve wurde daraus die „Bibel der Häretiker“. Vgl. Bibel der Häretiker: Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi. Eingeleitet, übers. und kommentiert von Gerd Lüdemann und Martina Janßen. Radius Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3­87173­128­5. Im Internet: http://web.archi­ ve.org/web/20070907084312/wwwuser.gwdg.de/~rzellwe/nhs/nhs.html. Umfangreiche Informationen sowie die englische Übersetzung der Originalschriften findet man bei der „Nag Hammadi Library“ im Internet unter http://www.gnosis.org/naghamm/nhl.html.

  • 94 5 Leiden und Krankheit

    Visionen des Petrus: das scheinbare Leiden Christi

    Die Apokalypse des Petrus wurde 1945 in Nag Hammadi, am Roten Meer, mit vielen anderen antiken und wertvollen Schriften gefunden. 97 Eine Datierung der Apokalypse des Petrus ist Ende des zweiten, Anfang des dritten Jahrhunderts als wahrscheinlich ein­ zustufen. Mit diesem Brief des Petrus wird klargestellt, dass die katholischen Christen ihren eigenen Hauptrepräsentanten (Petrus) nicht kennen und ihn bis heute missver­ stehen. Während Jesus ans Kreuz genagelt wird, spricht er mit Petrus, welcher im selben Augenblick eine Vision hat und seinen Augen nicht trauen kann. Besonders in dieser Kreuzigungsszene kommt die Unmöglichkeit des Leidens zum Ausdruck: Jesus steht la­ chend neben dem Kreuz, während sein Körper dem Leiden unterworfen ist (vergleiche Kapitel 2 – Out of Body Experience).

    Die „Apokalypse des Petrus“ 98 ist eine Abhandlung, bei der sich der Konflikt zwi­ schen den Gnostikern (den Eingeweihten im Besitz des Geheimwissens) und den ka­ tholischen Kirchenchristen (den Unwissenden, nicht Erkennenden) durch die gesamte Schrift zieht. Jesus spendet Petrus Trost und Stärkung und plötzlich erscheint die Hin­ richtung in einem ganz anderen Licht.

    Hier folgt nun ein Auszug aus diesem Dialog des Petrus mit Jesus bei der Kreuzigung. (Einige Textstellen waren beschädigt, deshalb liest es sich etwas holprig!) Nachdem er dies gesagt hatte, sah ich ihn (5) so, als ob er von ihnen ergriffen würde. Und ich sagte: ,,Was sehe ich, oh Herr? Bist du es, den sie ergreifen? Und (zur gleichen Zeit) (10) hältst du mich fest? Wer ist derjenige oben neben dem Kreuz, der fröhlich ist und lacht? Und es ist ein anderer, dessen Füße und Hände sie schlagen?“ (15) ,,Der, den du oben neben dem Kreuz fröhlich und lachend siehst, ist der lebendige Jesus. Aber der, in dessen Hände und Füße Nägel geschlagen werden, ist sein leiblicher Teil, welcher der Ausgetauschte ist. Sie beschämen den, der entsprechend seinem Bild entstanden ist. Aber sieh auf ihn und mich!“ 99

    97 Siehe hierzu auch: http://www.gnosis.org/naghamm/nhl.html sowie http://de.wikipedia. org/wiki/Nag­Hammadi­Schriften

    98 Siehe: Gerd Lüdemann, Martina Janßen (Übers.): Die Bibel der Häretiker. Die gnosti­ schen Schriften aus Nag Hammadi – Erste deutsche Gesamtübersetzung. Radius, Stuttgart 1997, ISBN 3­87173­128­5, S. 232. Siehe auch: Die Apokalypse des Petrus (NHC VII,3); im Internet: http://web.archive.org/web/20070530192253/http://wwwuser.gwdg.de/ ~rzellwe/nhs/node400.html#SECTION000680000000000000000

    99 Gerd Lüdemann, Martina Janßen (Übers.): Die Bibel der Häretiker. Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi – Erste deutsche Gesamtübersetzung. R