Das Johannes-Evangelium (12 Vortr¤ge, 1908) .das Johannes-Evangelium weniger geschichtliche...

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  • RUDOLF STEINER

    Das Johannes-Evangelium

    Ein Zyklus von zwlf Vortrgen

    Hamburg, 18.-31. Mai 1908

    RUDOLF STEINER ONLINE ARCHIV

    http://anthroposophie.byu.edu

    4. Auflage 2010

    http://anthroposophie.byu.edu/

  • INHALT

    ERSTER VORTRAG

    ZWEITER VORTRAG

    DRITTER VORTRAG

    VIERTER VORTRAG

    FNFTER VORTRAG

    SECHSTER VORTRAG

    SIEBENTER VORTRAG

    ACHTER VORTRAG

    NEUNTER VORTRAG

    ZEHNTER VORTRAG

    ELFTER VORTRAG

    ZWLFTER VORTRAG

  • ERSTER VORTRAG

    HAMBURG, 18. MAI 1908

    Die Lehre vom Logos

    Unsere Vortrge ber das Johannes-Evangelium werden ein

    doppeltes Ziel haben. Das eine wird sein, die geisteswissen-

    schaftlichen Begriffe als solche zu vertiefen und nach mancher-

    lei Richtungen hin zu erweitern; und das andere Ziel ist gerade

    dies, durch diejenigen Vorstellungen, die uns dabei vor die Seele

    treten werden, die groe Urkunde des Johannes-Evangeliums

    selbst uns nahezubringen. Das bitte ich festzuhalten, dass die

    Vortrge nach diesen beiden Richtungen hin gemeint sind. Es

    soll sich nicht etwa blo handeln um Auseinandersetzungen

    ber das Johannes-Evangelium, sondern an der Hand desselben

    wollen wir in tiefe Geheimnisse des Daseins eindringen, und

    wir wollen durchaus festhalten, wie eigentlich die geisteswis-

    senschaftliche Betrachtungsweise beschaffen sein muss, wenn

    sie anknpft an irgendeine der groen historischen Urkunden,

    die uns durch die verschiedenen Religionen der Welt berliefert

    worden sind.

    Man knnte nmlich glauben, wenn der Vertreter der Geistes-

    wissenschaft ber das Johannes-Evangelium spricht, er wolle

    das in dem Sinne tun, wie es sonst auch vielfach geschieht: ein-

    fach eine solche Urkunde zugrunde legen, um aus ihr diejenigen

    Wahrheiten, um die es sich handelt, zu schpfen, und diese

    Wahrheiten auf die Autoritt der religisen Urkunden hin vor-

    bringen. Das kann aber nimmermehr die Aufgabe geisteswissen-

    schaftlicher Weltenbetrachtung sein. Sie muss eine vllig ande-

    re sein. Wenn die Geisteswissenschaft ihre wirkliche Aufgabe

    gegenber dem modernen Menschengeist erfllen will, dann

    muss sie zeigen, dass der Mensch, wenn er nur seine inneren

    Krfte und Fhigkeiten gebrauchen lernt, die Krfte und Fhig-

  • DAS JOHANNES-EVANGELIUM

    Erster Vortrag

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    2

    keiten des geistigen Wahrnehmens, dass er dann, wenn er sie

    anwendet, eindringen kann in die Geheimnisse des Daseins, in

    das, was in den geistigen Welten hinter der Sinnenwelt verbor-

    gen ist. Dass der Mensch durch den Gebrauch der inneren F-

    higkeiten zu den Geheimnissen des Daseins vordringen kann,

    dass er zu den schpferischen Krften und Wesenheiten des

    Universums durch seine eigene Erkenntnis gelangen kann, das

    muss der modernen Menschheit immer mehr zum Bewusstsein

    kommen.

    Und so mssen wir sagen, dass die Geheimnisse des Johannes-

    Evangeliums unabhngig von jeder Tradition, von jeder histori-

    schen Urkunde von dem Menschen gewonnen werden knnen.

    Man mchte, um das ganz deutlich zu sagen, einmal in einer

    extremen Weise das aussprechen. Dann knnte man so sagen:

    Nehmen wir an, durch irgendein Ereignis gingen alle religisen

    Urkunden dem Menschen verloren und dieser behielte nur die

    Fhigkeiten, die er gegenwrtig hat, dann msste er trotzdem -

    wenn er sich nur die Fhigkeiten, die er hatte, bewahrt - in die

    Geheimnisse des Daseins eindringen knnen; er msste hinge-

    langen knnen zu den gttlich-geistigen schaffenden Krften

    und Wesenheiten, die hinter der physischen Welt verborgen

    sind. Und die Geisteswissenschaft muss durchaus auf diese, von

    allen Urkunden unabhngigen Erkenntnisquellen bauen. Dann

    aber, wenn man also unabhngig forscht, wenn man unabhngig

    von allen Urkunden die gttlich-geistigen Geheimnisse der

    Welt erforscht hat, dann geht man an die religisen Urkunden.

    Dann erst erkennt man sie in ihrem wahren Werte. Denn dann

    ist man in einer gewissen Weise frei und unabhngig von ihnen.

    Man erkennt in ihnen dann, was man zuvor selbstndig gefun-

    den hat; wer einen solchen Weg gegenber den religisen Ur-

    kunden eingeschlagen hat, von dem knnen Sie sicher sein, dass

    diese Urkunden niemals an Wert fr ihn verlieren, niemals et-

    was verlieren von der Ehrfurcht und Verehrung, die man ihnen

    gegenber haben kann. Durch einen Vergleich mit etwas ande-

    rem lassen Sie uns einmal klarmachen, um was es sich dabei

    handelt.

  • DAS JOHANNES-EVANGELIUM

    Erster Vortrag

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    3

    Es knnte jemand sagen: Euklid, der alte Geometer, hat uns zu-

    erst jene Geometrie gegeben, die heute ein jedes Schulkind lernt

    auf einer gewissen Stufe des Schulunterrichts. Aber ist das Ler-

    nen der Geometrie durchaus gebunden an dieses Buch von Euk-

    lid? Ich frage Sie, wie viele lernen heute die elementare Geo-

    metrie, ohne eine Ahnung zu haben von dem ersten Buch, in

    das Euklid die elementarsten Dinge ber Geometrie hineinge-

    legt hat? Sie lernen die Geometrie unabhngig von dem Buche

    des Euklid, weil sie einer Fhigkeit des Menschengeistes ent-

    springt. Dann, wenn man Geometrie aus sich gelernt hat und

    hinterher an das groe Geometriebuch des Euklid kommt, wei

    man dies in der richtigen Weise zu wrdigen; denn erst dann

    findet man das, was man sich zu eigen gemacht hat, und lernt

    die Form schtzen, in der die entsprechenden Erkenntnisse zum

    ersten Male aufgetreten sind. So kann man heute die groen

    Weltentatsachen des Johannes-Evangeliums durch die im Men-

    schen schlummernden Krfte finden, ohne von dem Johannes-

    Evangelium etwas zu wissen, wie der Schler die Geometrie

    lernt, ohne von dem ersten Geometriebuche des Euklid etwas zu

    wissen.

    Wenn man, ausgerstet mit dem Wissen ber die hheren

    Welten, an das Johannes-Evangelium herantritt, sagt man sich:

    Was liegt denn da vor in der Geistesgeschichte der Menschheit?

    Die tiefsten Geheimnisse der geistigen Welten sind hineinge-

    heimnisst in ein Buch, sind der Menschheit gegeben in einem

    Buche. Und da wir vorher wissen, was Wahrheiten ber die

    gttlich-geistigen Welten sind, erkennen wir dann erst die gtt-

    lich-geistige Art des Johannes-Evangeliums in dem richtigen

    Sinne, und das wird berhaupt der richtige Sinn sein, sich sol-

    chen Urkunden zu nhern, welche ber geistige Dinge handeln.

    Wenn sich solchen Urkunden, welche ber geistige Dinge han-

    deln, Leute nhern, welche sehr gut der Sprache nach alles ver-

    stehen, was in solchen Urkunden liegt, wie zum Beispiel im Jo-

    hannes-Evangelium, also bloe Philologen - und selbst die theo-

    logischen Forscher einer gewissen Art sind heute eigentlich nur

  • DAS JOHANNES-EVANGELIUM

    Erster Vortrag

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    4

    Philologen in bezug auf den Inhalt solcher Bcher -, wie verhlt

    sich der Vertreter der Geisteswissenschaft zu solchen For-

    schern? Nehmen wir nochmals den Vergleich mit der Geomet-

    rie des Euklid. Wer wird denn der richtigere Ausleger sein? Der

    gut mit Worten in seiner Art bersetzen kann und gar keine

    Ahnung hat von den geometrischen Erkenntnissen? Es wird et-

    was Sonderbares herauskommen, wenn ein solcher sich an die

    Geometrie des Euklid machen wird, wenn er vorher gar nichts

    von der Geometrie versteht! Lassen Sie aber den bersetzer

    selbst einen unbedeutenden Philologen sein, er wird wenn er

    Geometrie versteht, das Buch in der richtigen Weise wrdigen

    knnen. So verhlt sich gegenber vielen anderen Forschern der

    Vertreter der Geisteswissenschaft zum Johannes-Evangelium.

    Vielfach wird es gegenwrtig so erklrt, wie die Philologen die

    Geometrie des Euklid erklren wrden. Geisteswissenschaft

    aber liefert aus sich die Erkenntnisse der geistigen Welten, die

    im Johannes-Evangelium aufgezeichnet sind. So ist der Geistes-

    wissenschaftler dem Johannes-Evangelium gegenber in dersel-

    ben Lage wie der Geometer dem Euklid gegenber: er bringt

    schon mit, was er in dem Johannes-Evangelium finden kann.

    Wir brauchen uns nicht bei dem etwa erhobenen Vorwurf auf-

    zuhalten, dass auf diese Weise manches in die Urkunde hinein-

    gesehen werde. Wir werden bald sehen, dass der, welcher den

    Inhalt versteht, nicht ntig hat, etwas in das Evangelium hin-

    einzulegen, was nicht darin ist. Wer die Art der geisteswissen-

    schaftlichen Auslegung versteht, wird sich bei diesem Vorwurf

    nicht besonders aufhalten. Wie andere Urkunden nicht an Wert

    und Verehrung verlieren, wenn man ihren wahren Inhalt er-

    kennt, so ist dies auch mit dem Johannes-Evangelium der Fall.

    Es erscheint dem, der eingedrungen ist in die Geheimnisse der

    Welt, als eines der allerbedeutungsvollsten Dokumente im

    menschlichen Geistesleben.

    Wir knnen uns dann fragen, wenn wir uns genauer auf den

    Inhalt des Johannes-Evangeliums einlassen: Wie kommt es

    denn, wenn dem Geistesforscher das Johannes-Evangelium als

  • DAS JOHANNES-EVANGELIUM

    Erster Vortrag

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    5

    eine so bedeutungsvolle Urkunde erscheint, dass es gerade von

    Theologen, die doch z