Einführung in die Sprachwissenschaft I - uni- .Soziolinguistik • Sprache als biologisches und

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  • Einführung in die Sprachwissenschaft I, Sommersemester 2013

    Andreas Jäger Einführung in die Sprachwissenschaft I

    1. Einleitung • ca. 7000 Sprachen auf der Welt – viele gemeinsame Eigenschaften

    (Stichwort: Universalien)

    • angeborene Fähigkeit des Menschen, eine Sprache zu erwerben (Stichwort: Universalgrammatik), Sprachwissenschaft als Grundlagenforschung

    • Anwendungen u. a. klinischeLinguistik/Patholinguistik (Diagnostik und Therapie von Sprach- und Stimmstörungen), Sprachunterricht (DaF, Deutschunterricht an Schulen), Computerlinguistik (z. B. Suchmaschinen, Spracherkennung, Übersetzungsprogramme)

    • Sprache als Zeichensystem, sprachliche Ausdrücke als bilaterale Zeichen (Ferdinand de Saussure):

    Arten von Zeichen: • Zeichen sind Gegenstände, die andere Gegenstände repräsentieren.

    ◦ X ist ein Symptom für Y, wenn X von Y verursacht wird. z.B.: umgefallene Bäume sind ein Symptom für Sturm durchschnittliche Tonhöhe können ein Symptom für das Geschlecht oder das Alter eines Sprechers sein.

    ◦ X ist ein Symbol für Y, wenn X gemäß einer Festlegung oder Regel für Y steht. z.B.: Verkehrszeichen, die Wörter Buch und Tisch stehen symbolisch für die Konzepte 'Buch' und 'Tisch', die Schriftzeichen/-Buchstabenfolge ist ein Symbol für den Sprachlaut [∫].

    • Symptome und Symbole können ikonisch sein, d.h. sie ähnenln dem, was sie bezeichnen. ◦ Beispiele: Fußabdrücke, Reifenspuren (ikonisches Symptome) ◦ Verkehrszeichen für Fußgängerüberweg (ikonisches Symbol)

    • In den Zeichensystemem natürlicher Sprachen sind Symptome und Symbole zumeist nicht-ikonisch (arbiträr) und konventionell.

    Sprachliches Zeichen Signifikant (frz. signifiant)

    Bezeichnendes

    Zeichenausdruck

    Formativ

    Signifikat (frz. signifié)

    Bezeichnetes

    Zeicheninhalt

    Bedeutung

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  • Einführung in die Sprachwissenschaft I, Sommersemester 2013

    • zwei wichtige Arten der Beziehungen sprachlicher Zeichen untereinander: • syntagmatisch: Beziehungen zwischen Einheiten in der linearen Kette (Syntagma)

    einer Äußerung • paradigmatisch: Beziehungen zwischen Einheiten, die an der gleichen Stelle im

    Syntagma füreinander einsetzbar sind (Menge dieser Einheiten: Paradigma)

    Wie wird Wahrnehmung versprachlicht? • Referenz: der Referent eines Zeichens ist das außersprachliche Bezugsobjekt, d.h. die

    Entität der Sachverhalt in der wirklichen (oder auch fiktiven) Welt, auf den sich das Zeichenbezieht. Dies geschieht unabhängig von der jeweiligen Sprechsituation

    • Prädikation: das Prädikat trifft eine Aussage über eine Entität oder einen Sachverhalt und kategorisiert diese somit. Die Variablen eines Prädikats sind diejenigen Entitäten, die durch das Prädikat in eine Relation gesetzt werden .

    • Deixis: im Gegensatz zu Referenz sind deiktische Elemente nur verständlich als Indizes einer bestimmten Sprechsituation. Sie stellen eine Relation zwischen Gesagtem und der Sprechsituation her, indem sie spezifisch auf die Situation verweisen.

    Natürliche menschliche Sprache zeichnet sich durch folgende distinktive Merkmale aus: • Rekursivität: Wiederkehrende Muster innerhalb sprachlicher Strukturen erlauben

    theoretisch unendliche Verknüpfungen mit endlichen Mitteln und Regeln (Beispiel: Schachtelsätze) a. Der Taucher, der den Wal sah, bekam Angst. b. Der Taucher, der den Wal, der den Hai jagte, sah, bekam Angst. c. Der Taucher, der den Wal, der den Hai, der die Krabbe verfolgte, jagte, sah, bekam

    Angst. d. Der Taucher, der den Wal, der den Hai, der die Krabbe, die den Seestern

    beobachtete, verfolgte, jagte, sah, bekam Angst. e. Der Taucher, der den Wal, der den Hai, der die Krabbe, die den Seestern, der auf

    dem Grund entlangschlich, beobachtete, verfolgte, jagte, sah, bekam Angst. f. Der Taucher, der den Wal, der den Hai, der die Krabbe, die den Seestern, der auf

    dem Grund, welcher sich als sehr sandig erwies, entlangschlich, beobachtete, verfolgte, jagte, sah, bekam Angst.

    • Doppelte Artikulation: Sprachliche Ausdrücke haben zwei separate kombinatorische Teilsysteme • minimale bedeutungsunterscheidende Einheiten (Form, Phoneme s.u.) • minimale bedeutungstragende Einheiten (Zeichen, Morpheme, s.u.)

    Sprachliche Ebenen: • Phonologie Lautsystem

    • Morphologie/Lexikon Wortstruktur

    • Syntax Satzbau

    • Semantik Bedeutungslehre Diese bilden zusammen das Sprachsystem. Daneben gibt es...

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  • Einführung in die Sprachwissenschaft I, Sommersemester 2013

    • Pragmatik Sprachverwendung

    Weiterhin wird Sprache nach den folgenden Kriterien untersucht: • synchrone (Sprachsystem zu einem Zeitpunkt) vs. diachrone (Sprachsystem im

    Zeitverlauf, auf Sprachwandel ausgerichtete) Betrachtungsweise • Sprache als soziales Phänomen: sprachliche Varietäten in Abhängigkeit von

    geografischen Variablen (Dialekte) oder sozialen Variablen (Soziolekte) → Dialektologie, Soziolinguistik

    • Sprache als biologisches und psychologisches Phänomen: Gehirnaktivität bei Produktion • und Rezeption von Sprache, v. a. in der linken Hemisphäre (linke Hälfte des Großhirns)

    → Neurolinguistik • Prozesse der Sprachproduktion und –rezeption z. B. anhand von Versprechern oder

    Verarbeitungszeiten verschiedener sprachlicher Strukturen untersuchbar → Psycholinguistik

    2. Phonetik und Phonologie • Primat der gesprochenen Sprache, befaßt sich mit den kleinsten Bauteilen der Sprache • Phonetik untersucht die materiellen (physiologischen und physikalischen) Eigenschaften

    mündlicher Äußerungen

    → →

    • Phon: durch auditive Segmentierung gewonnene lautliche Elementareinheit, klassifizierbar nach artikulatorischer Hervorbringung (s.u.), wiedergebbar in IPA (International Phonetic Alphabet) → Transkription

    • Nicht-Eindeutigkeit der Orthografie: [f]: Farbe

    Vogel Pharao Löwchen Pfahl (Standard-, Umgangslautung)

    : [ç] Chile [k] Fuchs [x] Bach [ʃ] Chile (umgangssprachlich, bzw. regional)

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    Sprecher Artikulatorische Phonetik

    Schallsignal Akustische Phonetik

    Hörer Auditive Phonetik

  • Einführung in die Sprachwissenschaft I, Sommersemester 2013

    2.1 Artikulatorische Phonetik 2.1.1 Die Zeichen des internationalen phonetischen Alphabets (IPA)

    Mit den folgenden Zeichen lassen sich die Sprachlaute der Welt darstellen. Das Deutsche verfügt wie alle Sprachen nur über einen Teil der Laute. Für die Transkription der deutschen Diphthonge werden in der Literatur verschiedene Zeichen verwendet (siehe Meibauer et al. (2002: 80) Das IPA zum Anhören: http://www2.uni-jena.de/~x1siad/lehre/IPA/ipa.html

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  • Einführung in die Sprachwissenschaft I, Sommersemester 2013

    2.1.2 Grundlagen der Phonetik Orte und Phasen der Lautproduktion: Lungen und Atemwege Initiation

    (Ausströmen der Atemluft) Kehlkopf mit Stimmlippen Phonation

    (Erzeugung des Stimmtons) Rachen, Mund- und Nasenhöhle (Ansatzrohr) Artikulation im engen Sinn

    (Modulation des Luftstroms) Phonation: - im Kehlkopf (Larynx) umschließen die Stimmlippen/Stimmbänder die Stimmritze (Glottis)

    Stimmlippen Stellknorpel

    Stimmritze Schildknorpel

    - Es gibt eine Reihe von Phonationstypen. Diese hängen ab vom Öffnungsgrad der Glottis, welche vor allem durch die Knorpel geregelt wird.

    - Sind die Stimmlippen/Stimmbänder wie in der Darstellung oben nicht vollständig geschlossen,

    sondern berühren einander locker, sodaß sie in Schwingung versetzt werden können (Phonationsstellung), kann Phonation (Stimmerzeugung) stattfinden.

    Artikulatorische Kriterien zur Klassifikation von Lauten: • Luftstromrichtung • Stimmbandzustand (siehe Zeichnung unten) • Luftstromweg

    ◦ gesenktes Velum + oraler Verschluß > Nasallaut ◦ gesenktes Velum + orale Öffnung > nasalierter Laut ◦ gehobenes Velum > andere Laute

    Artikulation: - Artikulationsstellen und -organe

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    ...weitere Artikulationsarten sind... apikal (Zungenspitze) laminal (Zungenblatt) dorsal (Zungenrücken) pharyngeal (Rachenraum/Pharynx)

    2.1.3 Die Konsonanten des Deutschen

    bilabial labio -dental

    dental alveo -lar

    post -alveolar

    palatal velar uvular glottal

    Plosive p b t d k g ʔ Frikative f v s z ʃ Ʒ ç x χ ʁ h Approxi -manten

    j

    Nasale m n ŋ Laterale l Vibranten r R

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    2.1.4 Die Vokale des Deutschen

    • außerhalb der Ellipse: gespannt, in betonten Silben lang • innerhalb der Ellipse: ungespannt, immer kurz (außer [ε], auch als Langvokal [ε:])

    Artikulation der Diphthonge:

    Beispiele:

    [aı] [aʊ] [ɔı] Fileserver Haus heute Blei Bowdenzug teuer Meyer auch Käufe Mais Clown Säule Waise Kakao ahoi

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    2.2 Phonologische Grundbegriffe und Merkmale - Phonologie untersucht die Funktion von Lauteinheiten (Phonemen) innerhalb eines

    Sprachsystems. Dabei stehen nicht die physio