Praxisorientierter Leitfaden zur Anwendung der „gängigsten ... · Die Grounded Theory ist ein...

of 98 /98
Seite | 1 Praxisorientierter Leitfaden zur Anwendung der „gängigsten“ Methoden der „Qualitativen“ Sozialforschung Inhalt: 1. Grundlegung 2. Einführung und der Forschungsprozess nach der Grounded Theory Methodologie 3. „Visuelle“ Verfahren 3.1. Beobachtung 3.2. Filmanalyse 4. „Kommunikative“ Verfahren 4.1. Das Leitfadeninterview in der Jugend-Shell Studie 4. 2. Das verstehende Interview 4.3. Das narrative Interview 4.4. Das Experteninterview 4.5. Die Gruppendiskussion 5. Analyse 5.1. Die Inhaltsanalyse 5.2. Das Kodieren 6. Der Abschlussbericht 6.1. Typenbildung 7. Hilfreiche Literatur zur qualitativen Sozialforschung hervorgegangen aus dem Grundkurs im Wintersemester 2008/09 „Angewandte Methoden“; Seminarleitung: Laura C. Behrmann in Zusammenarbeit mit den Bachelorstudierenden „Sozialwissenschaften“

Embed Size (px)

Transcript of Praxisorientierter Leitfaden zur Anwendung der „gängigsten ... · Die Grounded Theory ist ein...

Seite | 1

Praxisorientierter Leitfaden zur Anwendung der gngigsten

Methoden der Qualitativen Sozialforschung

Inhalt:

1. Grundlegung 2. Einfhrung und der Forschungsprozess nach der Grounded Theory Methodologie 3. Visuelle Verfahren

3.1. Beobachtung 3.2. Filmanalyse

4. Kommunikative Verfahren 4.1. Das Leitfadeninterview in der Jugend-Shell Studie 4. 2. Das verstehende Interview 4.3. Das narrative Interview 4.4. Das Experteninterview 4.5. Die Gruppendiskussion

5. Analyse 5.1. Die Inhaltsanalyse 5.2. Das Kodieren

6. Der Abschlussbericht 6.1. Typenbildung

7. Hilfreiche Literatur zur qualitativen Sozialforschung

hervorgegangen aus dem Grundkurs im Wintersemester 2008/09 Angewandte Methoden; Seminarleitung: Laura C. Behrmann in Zusammenarbeit mit den

Bachelorstudierenden Sozialwissenschaften

Seite | 2

1. Grundlegung Die Idee dieses Abschlussreaders ist verschiedenen Umstnden geschuldet: Im Rahmen des Kurses Angewandte Methoden sollten die BA-Studierenden befhigt werden (bzw.: sich befhigen) eigenstndige Erhebungen und Auswertungen durchzufhren. Inwiefern ein solches Vorhaben insbesondere in der Vermittlung er vielfltigen und teils divergierenden qualitativer Methoden berhaupt umsetzbar ist, ist zu Recht strittig. (Vgl. Knoblauch 2007) So betont Knoblauch in seinem Aufsatz zur Frage der Lehre der qualitativen Methoden:

Wer Methoden als eine Kunst ansieht, kann sich mit einer oberflchlichen Standardisierung nicht abfinden; wer sie als Technik ansieht, die vermittelt werden muss, wird den knstlerischen Anteil als unntigen Firlefanz erachten. (Knoblauch 2007, Abs. 15)

Ich habe es zum Ziel dieses Seminars gemacht Technik und Kunst zu vermitteln. Um einen pragmatischen Mittelweg zu finden wurde auf folgende Lsung zurckgegriffen (vgl. Knoblauch 2007, Abs, 19):

1. Methoden wurden gelernt und anhand von typischen Studien erlernt1. 2. Die Kenntnis elementarer Positionen interpretativer Methodologien als

Voraussetzung fr die Forschung wurde durch die Auseinandersetzung mit den Methoden im Rahmen der Einfhrungsvorlesung und den begleitenden Grundkursen gesichert2.

3. Grundkenntnisse des quantitativen und qualitativen Forschungsprozesses waren somit vorhanden.

4. Es wird und soll hier versucht werden, die Eigenstndigkeit der qualitativen Methoden ber die Opposition zur quantitativen Forschungslogik hinaus zu betonen.

In Anschluss an Referate und Diskusionen sollten die Studierenden die Technik der Methode herausarbeiten und auf einem Paper zusammenfassen. Zugleich allerdings wurden sie angewiesen, den Forschungsprozess zu visualisieren dem entspringen die Poster. So ist das Resultat dieser Reader, der zu jedem Themengebiet der Seminarveranstaltung ein Poster und ein Paper, mit Empfehlungen zu weiterfhrender Literatur beinhaltet. Damit verknpft sich die Hoffnung der Seminarleitung, dass der Schritt, zu eigenem, schon gehrten und schriftlich fixierten, zu greifen, hufig einfacher ist, als das entsprechende Lehrbcher aus dem Regal zu suchen. Erinnerungen aufzufrischen, wenn es darum gilt, selber aktiv Methoden anzuwenden, sei es im anschlieenden Lehrforschungsprojekt oder im Rahmen der Bachelor- oder/und Masterarbeit ist Idee dieses Readers. Mrz, 2009; Laura Behrmann

1 Hier tat sich eine Schwierigkeit auf: Methodisches Vorgehen wird in den wenigsten Studien so

nachvollziehbar aufbereitet, wie es fr die Gte und damit fr die Lehre notwendig gewesen wre. Damit wurde bestndige Kritik von Seite der Studierenden provoziert, die darauf hoffe lsst, dass hier eine neue Generation von qualitativen Sozialforschern einen offeneren Weg bzgl. der Nachvollziehbarkeit einschlgt.

2 Zur Grundlegung und Einfhrung in die qualitativen Methoden sei auf einen zusammenfassenden Aufsatz verwiesen: Hollstein, Betina; Ullrich, Carsten G. (2003): Einheit trotz Vielfalt? Zum konstitutiven Kern qualitativer Sozialforschung. In: Soziologie, Heft 4, S. 29-43.

Seite | 3

Seite | 4

Methodenpaper Grounded Theory

Verfasser: N. Zahner, J. Schneider, T. Pausch

Zur Zeit werden Studenten darin ausgebildet, die Theorien der Groen Mnner [Weber, Durkheim, Mead, Marx, Simmel, etc.] zu beherrschen und sie hppchenweise zu testen []. Im Ergebnis haben sich viele potentielle kreative Studenten darauf beschrnken, sich mit kleinen Problemen zu befassen, die ihnen von den groen Theorien hinterlassen worden sind. Ein paar Mnner (wie Parsons oder Merton) haben diese charismatische Sichtweise auf die groen Mnner durchschaut, allerdings nur, um selber groe Theorien auf der Grundlage von Daten zu generieren, oder aber, sie bergingen das Thema. Und in dem sie junge Soziologen dazu erzogen, ihrer Lehrer Arbeit zu berprfen, spielten sie sich in der Masse der ,proletarischen Tester gegenber als theoretische Kapitalisten auf.

Glaser, Barney/Strauss, Anselm (1998) Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern [Original: The Discovery of Grounded Theory, 1967]

Gliederung

1. Einleitung 2. Fragestellung 3. erste Datenerhebung 4. Memo 5. Kodieren 6. Erhebung weiter Daten 7. zirkulrer Prozess 8. theoretische Sttigung 9. Schlussbemerkung

Seite | 5

Einleitung In der quantitativen Sozialforschung besteht schon seit lngerem mehr oder weniger Einigkeit ber die Methodik und Vorgehensweise (vergleiche erste Hlfte des Kurses Angewandte Methoden). Die Grounded Theory ist ein Versuch, Forschungsmethoden fr die qualitative Sozialforschung festzulegen. Sie ist keine eigene Methode, sondern die Lehre einer Methode (Methodologie). Die Grounded Theory sollte als eine Art Kochrezept (Forschungsstil) verstanden werden, bei dem die Wahl der Zutaten dem Forscher berlassen ist. Die Wahl der Methoden hngt vom Forschungsinteresse ab. Entwickelt wurde diese Methodologie (also die Lehre von den Methoden) von Anselm L. Strauss und Barney G. Glaser in ihrem Hauptwerk The Discovery of Grounded Theory 1967. Das Hauptanliegen ist es, mglichst realittsnah zu forschen (Minderung der Theorie-Praxis-Schere). Aus den Daten selbst soll eine Theorie mittlerer Reichweite generiert werden, deshalb Grounded Theory. Eine deutsche bersetzung, etwa als gegenstandsbezogene Theorie, trifft nicht den Kern der Methode; somit wird auch in deutschen Forscherkreisen der englische Terminus verwendet. Der theoretische Hintergrund ist der symbolische Interaktionismus der Chicago School. Grundprmissen:

- Menschen handeln Dingen gegenber auf der Grundlage der Bedeutung, die diese Dinge fr sie haben

- Bedeutung solcher Dinge entsteht in der Interaktion - die Bedeutung kann in einem interpretativen Prozess in der Interaktion gehandhabt

und abgendert werden.

Fragestellung Am Anfang steht das Interesse an einem sozialen Phnomen. Die ersten Schritte haben Erkundungscharakter. Einen Forscher interessiert zum Beispiel das Phnomen der Regionalwhrungen, ohne im Voraus zu wissen, auf was seine Forschung tatschlich hinaus laufen wird. Bei der Grounded Theory ist die Vorgehensweise weder induktiv, noch deduktiv, sondern abduktiv. Diese Forschungslogik bezeichnet generell eine Haltung der Offenheit gegenber den Daten und die Bereitschaft, Vorurteile und annahmen in Frage zu stellen. Nur so kann man sich von neuen (empirischen) Phnomenen berraschen lassen. Anhand der Daten wird das eigene Interesse immer spezifischer, das heit die Forschungsfrage kristallisiert sich erst im Lauf des Forschungsprozesses heraus. Hypothesen werden nicht im Voraus erstellt und berprft, sondern es bilden sich im Verlauf der Forschung gegenstandsbezogene Theorien.

Erste Datenerhebung Die einzelnen Schritte der Grounded Theory sind in der folgenden Grafik dargestellt. Diese schematische Darstellung soll als Grundgerst des Methodenpapers dienen.

Seite | 6

Die erste Datenerhebung wird durch den ersten Pfeil symbolisiert. Zuvor muss man sich aber bewusst werden, welche Strategie der Datenerhebung man zugrunde legt. Dies bezeichnet man als Sampling. Dieses lsst sich in drei idealtypisches Formen untergliedern und es hngt vom Forschungsfeld, Feldzugang und Forscher selbst ab. Es gibt das gezielte Sampling (Wissen darber, wo die Informationen zu finden sind), das systematische Sampling (konkrete Strategie der Datenbeschaffung) und das zufllige Sampling (ins Blaue hinein). Anders als in der quantitativen Sozialforschung wird in der Grounded Theory keine echte Zufallsstichprobe erhoben. Dieses Vorgehen stellt hohe Anforderungen gerade an unerfahrene Forscher, deswegen muss eine gewisse Sensibilitt den Daten gegenber entwickelt werden.

Theoretische Sensibilitt bezieht sich auf die Fhigkeit, Einsichten zu haben, den Daten Bedeutung zu verleihen, die Fhigkeit zu verstehen und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. All dies wird eher durch konzeptuelle als durch konkrete Begriffe erreicht. Erst die theoretische Sensibilitt erlaubt es, eine gegenstandsverankerte, konzeptuell dichte und gut integrierte Theorie zu entwickeln (Strauss & Corbin 1996, S.25)

Dieses Fingerspitzengefhl, die Fhigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen (siehe oben) ist im Forschungsprozess essentiell, denn es besteht die Gefahr, in den Datenfluten unterzugehen. Streitigkeiten wie die Erhebung der ersten Daten erfolgen sollte, fhrten zu einem Zerwrfnis zwischen Glaser und Strauss. Glaser vertritt die Meinung, dass das Vorwissen auszuschalten sei. Seine Idee ist, mit einer geistigen Tabula Rasa an die Forschung heranzugehen; einziges erlaubtes Vorwissen seien die Grand Theories (z.B. Max Weber, Emile Durkheim, Pierre Bourdieu etc.). Dagegen vertreten Strauss und Corbin die Ansicht, dass sowohl Literatursichtung, als auch die eigenen Vorkenntnisse in reflektierter Art und Weise zulssig seien. Durch dieses

Seite | 7

Zugestndnis luft der Forscher geringe Gefahr, in ein Rechtfertigungsdilemma ber Sinn und Zweck des Interviews gegenber den Befragten zu kommen. Je nach Forschungsfeld entscheidet man sich fr eine Samplingstrategie und beginnt die ersten Daten zu erheben, sei es mittels Bildanalysen, Interviews oder Tagebuchanalysen.

Memo Zu jedem Arbeitsschritt sollte ein Memo angelegt werden (stop and memo, siehe zweiter Pfeil). Es sollte unter anderem festgehalten werden, woher das Vorwissen kommt, wie man zu Interviewpartner kommt, wer der Ansprechpartner ist (Gatekeeper-Problematik), eigene Gedanken und Gefhle, das heit Reflektion der eigenen Werthaltung. Es sind verschiedene Memoarten zu unterscheiden: Theoriememo (Festhalten von Punkten fr die sptere, eigene Theoriegenerierung), Methodenmemo (Beispiel: eventuelle Abnderung des Interviewleitfadens), Kodiermemos (Ergnzungen zu gewhlten Codes). Digitale Datenverabeitungsprogramme wie MAX.QDA beinhalten eine Memoverwaltungsfunktion.

Kodieren Das Kodieren der Daten ist ein sehr wichtiger/grundlegender Schritt im Forschungsprozess. Zu beachten ist, dass nicht nur zu Papier gebrachte Interviews, sondern auch Fotos und Filme etc., kodiert werden knnen (siehe erster Pfeil). Glaser und Strauss/Corbin haben auch in diesem Punkt unterschiedliche Herangehensweisen. Glaser ist ein Vertreter des zirkulren Kodierens, whrend Strauss/Corbin eine dreistufige Vorgehensweise vorschlagen. Sie gliedern die Schritte in offenes, axiales und selektives Kodieren. Ergnzend sei noch angemerkt, dass das Kodieren ein uerst zeitaufwendiger Prozess ist. (Vertiefende Information und Einblicke sowie nhere Erluterungen finden sich auf dem Methodenpaper Kodieren.)

Erhebung weiterer Daten Durch das Kodieren spitzt sich das Forschungsinteresse immer weiter zu. Deswegen ist der nchste Schritt im Forschungsprozess die Heranziehung weiterer Flle, die als Kontrastflle dienen. Es besteht die Mglichkeit eines Minimal- oder Maximalvergleichs. Maximale Kontrastflle fhren gegebenenfalls zu neuen Erkenntnissen; Minimalvergleiche sollten hingegen die ersten Annahmen verfestigen. Es handelt sich hierbei um eine idealtypische Annahme, da in der Realitt auf den ersten Blick weder bei Menschen noch bei Gegenstnden erkennen kann, inwieweit sie minimale oder maximale Kontraste bieten (hngt auch von Forschungsinteresse ab). Ein gewisses ethisches Problem stellt auch die Diskriminierung von Menschen aufgrund uerer Merkmale dar.

Der zirkulre Prozess Nach der weiteren Datenerhebung wiederholen sich die Prozesse des Kodierens und Memoschreibens. Daraus wird ersichtlich, dass idealtypisch Datenerhebung und Datenauswertung nicht getrennt voneinander stattfinden (zirkulr). Da dieser Prozess theoretisch unendlich fortgefhrt werden knnte und sich dadurch sogenannte

Seite | 8

Datenfriedhfe bilden knnen, muss ein knstlich herbeigefhrter, logischer Schnitt an einem gewissen Punkt durch den Forscher durchgefhrt werden.

Die theoretische Sttigung Dieser Punkt wre idealtypisch erreicht, wenn die Theorie generiert ist. Realistisch hingegen ist ein Forschungsabbruch notwendig. Hinweis fr einen geeigneten Zeitpunkt wre, wenn sich die Beispiele wiederholen und keine neuen Erkenntnisse mehr liefern und sich die Kategorien, die im Kodierprozess entwickelt wurden (siehe Methodenpaper Kodieren) verfestigt haben und sich keine Weiterentwicklung einstellt. Damit gelten die Kategorien als gesttigt. Aufgrund der meist knapp bemessenen Forschungszeit sollte Rcksprache mit dem Forschungsleiter gehalten werden, um den richtigen Zeitpunkt zu treffen. Nach dem vollstndigen Abschluss der Datenerhebung und Datenauswertung sollte der Forscher in der Lage sein, aus den gewonnen Kategorien eine Theorie mittlerer Reichweite abzuleiten.

Schlussbemerkung Als Gegenposition zu, wie einleitend geschildert, quantitativ festgeschriebenen Forschungsmethoden muss das Programm der Grounded Theory als bislang einmalig bezeichnet werden. In der qualitativen Sozialforschung existiert heute kein vergleichbares Standardwerk. Diese Methodologie bietet Forschern und Studenten die Mglichkeit auch qualitativ nach eindeutigen Regeln zu forschen und sch darauf zu berufen. Fr die Leser dieses Methodenpapiers sollt es offensichtlich sein, dass sich dieses Kochrezept fr Abschlussarbeiten qualitativer Art geradezu aufdrngt.

Literatur Truschkat, Inga, Kaiser, Manuela & Vera Reinartz (2005): Forschen nach Rezept?

Anregungen zum praktischen Umgang mit der Grounded Theory in Qualifikationsarbeiten. In: Forum qualitative Sozialforschung/Forum Qualitative Social Research [Online-Journal], 6(2), Art. 22. [Abruf: 24.11.2008]

Glaser, Barney/Strauss, Anselm (1998) Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern [Original: The Discovery of Grounded Theory, 1967]

Strauss, Anselm/Corbin, Juliet: Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung, Weinheim 1996 [Original: Basics of Qualitative Research: Grounded Theory Procedures and Technique (1990)].

Seite | 9

Entscheidungen fllen

Arbeitsbltter aus dem Seminar Anwendungsorientierte qualitative Sozialforschung Laura Behrmann

Wenn ich whle ich werte ich aus Texte generiert haben mchte (Sinnrekonstruktion, Deutungsmuster etc.)

... narrativ oder teilnarrativ

... hermeneutisch, rekonstruktiv

"aufdeckend" die Sicht zu einem Problem erkunden mchte

... problemzentriert

... inhaltsanalytisch bis hermeneutisch

eine Kultur erkunden mchte ... ethnografische Methoden (Feldbeobachtung, ethnograf. Interviews)

... Protokollanalyse, inhaltsanalytisch, rekonstruktiv

mchte, dass bestimmte Aspekte aufgegriffen werden

... Leitfaden-Interview

... inhaltsanalytisch bis hermeneutisch

Interesse an Sachinformationen oder Fakten habe

... Experteninterviews oder kein Qual. Interview

... inhaltsanalytisch bis standardisiert

wissen will, was frher wirklich" war :

Keine sozialwissenschaftliche Forschung!

Kruse (2008); Seminar-Reader: Einfhrung in die Qualitative Interviewforschung. Freiburg, S. 36.

Seite | 10

Sicht des

Subjektes (subjektiver Sinn) Subjekte und deren Lebensumstnde

Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus/ Beschreibung von Prozessen (Sozialer Sinn) Handlungszusammenhnge von Subjekten

Rekonstruktion/ Analyse deutungs- und handlungsgenerierender Strukturen (objektiver Sinn) Strukturlogik/implizite Regeln

(Erkenntnis-) Ziel

Rekonstruktion subjektiver Sichtweisen/ (Leidens-) Erfahrungen und subjektive Deutung von Erfahrungen/ Dokumentation/ Archivierung subjektiver uerungen

Rekonstruktion von Lebenswelten bzw. der konstituierenden Regeln sozialen Handelns / von Interaktionsstrukturen

Rekonstruktion der objektiven Handlungsbedeutung und Analyse der Tiefenstruktur menschlicher uerungen

Basis-paradigmen/ Theoretischer Rahmen

Symbolischer Interaktionismus Phnomenologie Hermeneutik

Symbolischer Interaktionismus Ethnomethodologie Wissenssoziologie Konstruktivismus

Psychoanalyse Strukturgenetischer Ansatz Objektive Hermeneutik

Erhebung Interviews, Tagebcher, paraliterarische Dokumente Film/ Fotographie/Video

Interviews Gruppendiskussion Ethnographie Dokumentenanalyse Film/ Fotographie/ Video

Interviews Gruppendiskussion Interaktionen Dokumentenanalyse Film/ Fotographie/ Video

Auswertung (qualitative) Inhaltsanalyse Dialogische Hermeneutik Forschungsprogramm subjektive Theorien

Theoretisches Kodieren/ Grounded Theory Fallkontrastierung Dokumentarische Methode Konversationsanalyse

Objektive HermeneutikTiefenhermeneutik Narrationsanalyse Diskursanalyse Methaphernanalyse

Anwendungsfelder

Biographieforschung Oral history etc.

Lebensweltanalysen, Cultural Studies

Familienforschung Generationenforschung

aus: Mruck und Mey 2005: Qualitative Forschung. Eine Einfhrung in einen prosperierenden Wissenschaftszweig, S.8. [ttp://hsr-trans.zhsf.uni-koeln.de/hsrretro/docs/artikel/hsr/hsr2005_640.pdf]

Seite | 11

Seite | 12

Eine Anleitung zur teilnehmenden nicht-standardisierten offenen Beobachtung nach Girtler

Martina Mattes, Eva Prnbacher, Elisa Mraz

Inhaltsverzeichnis

1. Feldzugang

2. Verhalten und Vorgehensweise im Feld 3. Protokollieren und Protokoll 4. Umgang mit den beobachteten Menschen nach beendigung der

Feldforschung 5. Die Auswertung der Daten 6. Anhang

Seite | 13

EineAnleitungzurteilnehmendennichtstandardisiertenoffenenBeobachtungnachGirtler

Ich habe mich nach Krften bemht, des Menschen Tun weder zu belcheln noch zu beweinen, sondern es zu begreifen. (Baruch de Spinonza)

Die teilnehmende nicht-standardisierte offene Beobachtung nach Girtler ist eine Forschungsmethode, mit der man einen breiten Eindruck von einem sozialen Feld bekommen kann. Jedoch gibt es starke Kritik an dieser Forschungsmethode bezglich ihrer Wissenschaftlichkeit. Darum kannst du3 es in Erwgung ziehen, diese Methode in Kombination mit anderen wissenschaftlichen Methoden anzuwenden.

1. Feldzugang Feldzugang auf Grund eines Auftrages oder einer Bitte von der zu beobachteten Gruppe selbst: Hier ist der Zugang unproblematisch, da die zu Beobachteten selbst an der Untersuchung interessiert sind. Problem: Achte hier besonders darauf, dass die zu erforschenden Personen dir nicht verzerrte Informationen geben, da sie sich selbst gut darstellen wollen Feldzugang auf Grund einer Erlaubnis: Eine Erlaubnis um eine Institution zu erforschen ist nicht immer einfach zu bekommen, da die Institutionen meist kein Interesse daran haben sich von Soziologen in die Karten schauen zu lassen. Hier hast du zwei Mglichkeiten: Knpfe einen informellen Kontakt mit einer Person, die in der Einrichtung einigen

Einfluss hat. Oder knpfe einen formellen Kontakt, in dem du einen Brief an die Einrichtung sendest.

Feldzugang ohne vorbereiteten Zugang:

Es gibt keine Empfehlung oder Formular, was dir einen unproblematischen Feldzugang erleichtert. Gate-keeper: Du kannst eine Kontaktperson ausfindig machen, die dich in das Feld einfhrt. Diese kannst du ber persnliche Beziehungen finden oder du findest sie direkt in dem zu erforschenden Feld. Problem: Sei vorsichtig wenn du dich durch einen Chef in die Randgruppe einfhren lsst. Das mag am Anfang deiner Forschung bequem sein, da du auf diese Weise schneller auf Akzeptanz in der Gruppe stt. Spter kann es aber auch zu Verzerrung fhren, da sich die Gruppenmitglieder durch deinen Kontakt zum Chef gehemmt fhlen. Annherung an den Gate-Keeper und das Feld: 3 In Anlehnung an Girtlers 10 Gebote duzen wir den Leser in dieser Anleitung.

Seite | 14

Eine Forschung kann nur dann zum Erfolg fhren, wenn die zu erforschenden Personen bereit sind, den Forscher zu akzeptieren und ihn somit in ihre Gemeinschaft aufnehmen wollen. Als teilnehmender Beobachter wirst du meist nicht wegen deiner Forschungsabsicht akzeptiert, sondern deiner Person wegen. Oberstes Gebot: Vertrauen schaffen! Tipps: be Zurckhaltung passe dich an deine Umgebung an soweit es ntig ist, aber verstelle dich nicht knstlich (

Sprache, Kleidung, Verhalten) sei hflich Von Vorteil ist es fr dich, wenn du besondere Fhigkeiten hast, die in dem Feld

geschtzt werden (z.B. du mchtest Kneipenklientel beobachten und kannst gut Billard spielen).

2. Verhalten und Vorgehensweise im Feld Behalte deine Forschungsfragen stets im Bewusstsein. Z.B: Wie sehen die Wertvorstellungen aus, die dem Handeln zu Grunde liegen? Soziale Hierarchien? Was du erlernen musst: Du darfst die Situation nicht gezielt verndern. Du musst ein Gespr dafr entwickeln, wann du dich vertraulich verhltst und wann du

dich besser zurckhltst. Was darfst du sagen, um Menschen nicht zu verrgern? Wie reagierst du auf

Beleidigungen oder Neckereien? Missioniere nicht, aber habe den Mut ehrlich deine Meinung zu sagen, wenn man dich

danach fragt. Du vollziehst einen Seiltanz zwischen zuviel Neugierde und zuviel Zurckhaltung.

Neugierde kann von den zu beobachteten Personen als Aufdringlichkeit oder Bespitzelung interpretiert werden und Zurckhaltung als Spionage.

Als Soziologe unterliegst du einer selbst auferlegten Schweigepflicht. Nach Girtler kann man darum in Ausnahmefllen auch Protokolle verndern, wenn es sonst den Beobachteten schaden wrde.

Sei dir bewusst: Permanente Bildung von Vertrauen ist notwendig. Ehrlichkeit ist fr dich als Forscher ethisch und strategisch wichtig. Verstricke dich nicht

in Widersprche. Das kann fr dich besonders bei kriminellen Randgruppen gefhrlich werden.

Fixiere dich nicht auf einzelne Teile der Gruppe, da dir sonst andere Perspektiven verschlossen bleiben.

GefahrenbeiderForschung:

going native: Unter going native wird die Tatsache verstanden, dass der teilnehmende Beobachter die Urteilsmastbe und Verhaltensmuster der Akteure im Feld bernimmt und damit beginnt, sich mit ihnen zu identifizieren. Girtler sieht das als Chance den anderen berhaupt erst richtig verstehen zu knnen.

Seite | 15

So wird das Vorverstndnis abgebaut und ein echtes Fremdverstehen wird mglich. Sei aber vorsichtig, dass du dennoch die ntige Distanz warst, die du dringend fr eine wissenschaftliche Forschung bentigst.

Verhalte dich grundstzlich neutral bei Streitigkeiten. In gefhrlichen Situationen gilt nach Girtler: Gelassenheit bringt Prestige. Ansonsten gibt es kein Rezept fr gefhrliche Situationen. Jede Strategie kann auch

fehlschlagen, da in manchen Randgruppen die Aggressoren hufig alkoholisiert sind oder unter Drogeneinfluss stehen. Sei dir bewusst, es kann immer zu gefhrlichen Situationen kommen.

ErsteSchritteindiekonkreteForschungsphase:

Jetzt beginnt fr dich eine neue Phase im Forschungsprozess: schreibe Protokolle (siehe unten), fhre spezifische Gesprche und provoziere Diskussionen zwischen Akteuren. In Diskussionen stt du oft auf andere Perspektiven als in Einzelinterviews.

Deinen Personenkreis solltest du stndig erweitern. Beginne damit Hypothesen aufzustellen, berprfe sie und modifiziere sie sogleich nach

dem Prinzip der Hermeneutik. Wichtig: Du befindest dich in einer egalitren Beziehung zu den Beobachteten und darfst

dich somit nicht ber sie stellen.

3.ProtokollierenundProtokoll

Wichtigste Frage: Was ist relevant fr dein Forschungsinteresse und deine Forschungsfragen?

Fragestellung knnten sein: Wie handelt das Mitglied der zu beobachtenden Gruppe? Auf Grund welchen Alltagswissens wird gehandelt? Wie sehen die Interaktionen zwischen den Mitgliedern aus? u..

Halte am Anfang alle mglichen Handlungsablufe fest, auch wenn sie erst einmal unwichtig oder zu gewhnlich erscheinen. Nur so kannst du die dem Handeln zu Grunde liegenden Regeln bzw. Handlungstypen herausfinden. Besonders bei Gruppen, die dem eigenen sozialen Milieu nicht all zu fern sind, fallen schnell wichtige Handlungsmuster unter den Tisch.

Was alles in einer sozialen Situation zu protokollieren ist: o aktive und passive Personen (da das Verhalten von Akteuren auch immer an

passiv anwesende Personen angepasst wird) o die Durchfhrung der Situation (welche Strategien werden angewandt, um eine

bestimmte Intention zu verfolgen?) o die Lokalitten (auch diese knnen Einfluss auf eine soziale Situation haben, z.B.:

Verhrzimmer bei Polizei) o die determinierenden Normen (welchen Zwngen unterliegen die Handelnden?

Wie versuchen sie sich eventuell zu entziehen?) o die Regelmigkeit der Situation (ist die Situation typisch? Achtung:

Regelmige Wiederholung ist ein Hinweis auf das Typische, aber keine zwingende Voraussetzung dafr)

o die Reaktionen der Teilnehmer auf Unerwartetes oder Normwidersprechendes (Reaktionen/Sanktionen, aufschlussreich fr Hierarchie und Wertesystem)

Seite | 16

o der Unterschied zwischen Behauptetem und Getanem (handeln die Personen so, wie sie es zuvor in Interviews sagten? Hier hast du einen Vorteil gegenber Interview-Methoden)

Tagebuch:

Neben dem Protokoll solltest du auch Tagebuch fhren. Hier hltst du Telefonnummern, Adressen von Kontaktleuten, Gedanken zu deinem Vorgehen, Hinweise auf eventuelle Forschungsergebnisse oder emotionale Betroffenheit wie rger mit Personen fest. Im Nachhinein kann ein Blick in das Tagebuch fr dich sehr ntzlich sein.

DasNiederschreibendesProtokolls:

Vorsicht mit Aufnahmegerten: Hufig irritieren sie die zu Beobachtenden. Es ist zu empfehlen, mglichst wenig oder heimlich whrend der Feldforschung zu

protokollieren, da es immer irritieren kann. Sinnvoll ist es auch unmittelbar danach Notizen auf Band zu sprechen.

Bei der nchsten ungestrten Gelegenheit solltest du das Protokoll anfertigen, damit mglichst wenig verloren geht.

4.UmgangmitdenbeobachtetenMenschennachBeendigungderFeldforschung

Der Rckzug aus der Feldforschung muss ohne Beleidigung oder Degradierung der Forschungssubjekte erfolgen.

Du solltest die Menschen nach Beendigung der Forschung nicht einfach fallen lassen und den Kontakt nicht einfach abbrechen. Sie sind mehr als bloe Datenlieferanten und sollen sich nicht als bloe Informanten missbraucht fhlen.

Das Erarbeitete mit den beobachteten Menschen selbst zu diskutieren ist hchst ratsam, da es fr dich eine Kontrolle deiner Ergebnisse darstellt.

5. Die Auswertung der Daten Daten und Hypothesen, die zuvor in Protokoll und Tagebuch festgehalten und erarbeitet wurden, werden nun verknpft, um das Sozialsystem als Ganzes begreifen zu knnen. Das impliziert eine induktive Vorgehensweise. Das Typische wird anhand entsprechender theoretischer Konzepte herausgearbeitet. Um die typischen Regeln verstndlich machen zu knnen, aus denen man das soziale Handeln verstehen, erklren und beweisebar machen will, wird an entsprechender Stelle aus dem Protokoll zitiert. In der deutschsprachigen Literatur ist es bis heute sehr umstritten, wie Beobachtungsprotokolle ausgewertet werden sollen. Whrend die eine Seite dazu tendiert, Beobachtungsprotokolle hnlich wie auch Interviewtranskriptionen mit der Sequenzanalyse auszuwerten, pldiert die andere Seite fr ein vergleichendes Vorgehen. Es wird argumentiert, dass Feldprotokolle bereits interpretierte Dokumente aus Erfahrungen des Feldforschers seien und sie nur durch einen Vergleich mit anderen Feldprotokollen oder durch einen Vergleich aus Ergebnissen unterschiedlicher Zugnge (Interviews, Gruppendiskussion,...) ausgewertet werden knnen. Girtler selbst gibt ebenso keine prziseren Hinweise zur Auswertung von den erhobenen Daten. Es ist deshalb ratsam, die Beobachtungsprotokolle beispielsweise mit der Inhaltsanalyse, dem Kodierverfahren oder der

Seite | 17

Grounded Theory auszuwerten. Die genauere Anleitung hierzu findest du in den entsprechenden Texten dieses Readers.

Literatur:Girtler, Roland (2001): Methoden der Feldforschung, Bhlau Verlag Wien Kln Weimar Girtler, Roland (1995): Randkulturen Theorie der Unanstndigkeit, Bhlau Verlag Ges.

mbH und Co. KG, Wien Kln Weimar Girtler, Roland (2004a): 10 Gebote der Feldforschung. Wien: Lit. Lders, C. (2002): 5.5 Beobachten im Feld und Ethnographie. In: Flick/Kardoff/Steinke

(Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg, S.384-401.

Seite | 18

Die 10 Gebote der Feldforschung 1. Du sollst einigermaen nach jenen Sitten und Regeln leben, die fr die Menschen, bei

denen du forschst, wichtig sind. Dies bedeutet Achtung ihrer Rituale und heiligen Zeiten, sowohl in der Kleidung als auch beim Essen und Trinken. Si vivis Romae Romano vivito more!

2. Du sollst zur Grozgigkeit und Unvoreingenommenheit fhig sein, um Werte zu erkennen und nach Grundstzen zu urteilen, die nicht die eigenen sind. Hinderlich ist es, wenn du berall bse und hinterlistige Menschen vermutest.

3. Du sollst niemals abfllig ber deine Gastgeber und jene Leute reden und berichten, mit denen du Bier, Wein, Tee oder sonst etwas getrunken hast.

4. Du sollst dir ein solides Wissen ber die Geschichte und die sozialen Verhltnisse der dich interessierenden Kultur aneignen. Suche daher zunchst deren Friedhfe, Mrkte, Wirtshuser, Kirchen oder hnliche Orte auf.

5. Du sollst dir ein Bild von der Geographie der Pltze und Huser machen, auf und in denen sich das Leben abspielt, das du erforschen willst. Gehe zu Fu die betreffende Gegend ab und steige auf einen Kirchturm oder einen Hgel.

6. Du sollst, um dich von den blichen Reisenden zu unterscheiden, das Erlebte mit dir forttragen und darber mglichst ohne Vorurteile berichten. Daher ist es wichtig, ein Forschungstagebuch (neben den anderen Aufzeichnungen) zu fhren, in das du dir jeden Tag deine Gedanken, Probleme und Freuden der Forschung, aber auch den rger bei dieser eintrgst. Dies regt zu ehrlichem Nachdenken ber dich selbst und deine Forschung an, aber auch zur Selbstkritik.

7. Du sollst die Mue zum "ero-epischen (freien) Gesprch" aufbringen. Das heit, die Menschen drfen nicht als bloe Datenlieferanten gesehen werden. Mit ihnen ist so zu sprechen, dass sie sich geachtet fhlen. Man muss sich selbst als Mensch einbringen und darf sich nicht aufzwingen. Erst so lassen sich gute Gesprchs- und Beobachtungsprotokolle erstellen.

8. Du sollst dich bemhen, deine Gesprchspartner einigermaen einzuschtzen. Sonst kann es sein, dass du hineingelegt oder bewusst belogen wirst.

9. Du sollst dich nicht als Missionar oder Sozialarbeiter aufspielen. Es steht dir nicht zu, "erzieherisch" auf die vermeintlichen "Wilden" einzuwirken. Du bist kein Richter, sondern lediglich Zeuge!

10. Du musst eine gute Konstitution haben, um dich am Acker, in stickigen Kneipen, in der Kirche, in noblen Gasthusern, im Wald, im Stall, auf staubigen Straen und auch sonst wo wohl zu fhlen. Dazu gehrt die Fhigkeit, jederzeit zu essen, zu trinken und zu schlafen.

Seite | 19

Seite | 20

Filmanalyse: Romeo und Julia

Paper von Daniel Rodriguez, Katharina Hahn, Simone Lehrl

FilmanalyseIn unserem heutigen Zeitalter wird das Leben nahezu aller Menschen von audiovisuellen Medien zu mehr oder weniger groem Teil mitbestimmt. Da Filme, egal ob im Kino oder Fernsehen, durch die Vielzahl technischer Mglichkeiten und Methoden in ihrem Ablauf und Inhalt im Vergleich zu herkmmlichen Datenquellen der sozialwissenschaftlichen Forschung um vieles komplexer sind, erscheint es logisch, diese auch auf andere Art und Weise auszuwerten und zu interpretieren. Aus diesem Grund fanden vor allem in den 70er Jahren zahlreiche Diskurse ber Methoden einer erfolgreichen Filmanalyse statt. Der Trend ging danach zwar wieder etwas zurck, die Annahme jedoch, dass dem Film und Fernsehen zustzlich zur Unterhaltungsfunktion auf jeden Fall eine zentrale gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung zukommt, hat sich bis heute gehalten, wenn nicht sogar noch weiter verstrkt. Im sozialwissenschaftlichen Kontext wird dabei vor allem der Frage nachgegangen, inwieweit das Medium die Realittswahrnehmung der Menschen beeinflusst und diese somit konstituiert. Um nun aber eine Anleitung fr die Praxis zu geben, mchten wir im folgenden Teil konkreter werden und den idealtypischen Ablauf der Forschung mit der Methode genauer erlutern. Der erste Schritt gilt natrlich der Sichtung des Materials, also dem Ansehen des Films. Um spter in der Interpretation nicht vollkommen daneben zu liegen, sich in unwichtigen Einzelheiten zu verlieren oder sonstige Fehler zu machen, ist im nchsten Schritt besonders wichtig, sofort spontane Eindrcke, Aufflligkeiten etc. schriftlich festzuhalten. Vielleicht fallen einem hierbei auch interessante Ansatzpunkte fr mgliche Fragestellungen auf. Als nchstes erstellt man eine Transkription des gesamten Films. Vom Prinzip bedeutet dies das gleiche wie bei einem normalen Interview, wobei natrlich die jeweiligen Regieanweisungen, bzw. die dann umgesetzten Licht-, Ton- und Bildeffekte mit aufgenommen werden mssen. Bildliche Beispiele hierfr:

Seite | 21

Das Transkript bildet die Basis fr alle weiteren Untersuchungen. Von ihm ausgehend erfasst der Forscher die Handlung, zuerst in grberen, dann in immer weiteren Zgen, wobei natrlich insbesondere die Fragestellung langsam angegangen wird. Ist diese dann festgesetzt bzw. sind die Hypothesen generiert, kann mit der Wahl sinnvoller Methoden und der Bestimmung des weiteren Vorgehens begonnen werden. Das Wort sinnvoll deutet auf die notwendige Abstimmung der Instrumente auf den Untersuchungsgegenstand und die spezifische Fragestellung hin. Gerade bei der Filmanalyse wird die Verschrnkung quantitativer und qualitativer Methoden unbedingt notwendig. Um dies zu verstehen, muss man sich noch einmal die Komplexitt des Mediums Film vor Augen

Seite | 22

fhren. Da Botschaften zeitgleich ber Bild und Ton vermittelt werden und jeder Mensch ber einen eigenen Erfahrungsschatz, unterschiedliche Werte, Vorstellungen, kognitive Voraussetzungen etc. verfgt, fhrt die Betrachtung des Gegenstands bei jedem Einzelnen zu einem eigenen Metafilm. Um hier allgemeingltige Interpretationsangebote zu machen, muss der Forscher zum einen subjektive Deutungsmuster bercksichtigen und im Weiteren aber versuchen zu abstrahieren und seine Ergebnisse intersubjektiv nachvollziehbar zu erlangen und auch darzustellen. Auch um das ganze Vorgehen empirisch nennen zu knnen, werden die Hypothesen bei der Filmanalyse durch quantitative Methoden berprft. Im Folgenden sollen nun einige Instrumente aufgezeigt werden, die jedoch als Handwerkzeug gedacht sind und deren kreativer Einsatz von der Fragestellung abhngig gemacht werden soll. Als erste Instrumente sollen zwei Unterarten der Transkription vorgestellt werden. Um das Ziel, den Film der bersicht und Nachvollziehbarkeit halber in eine lineare Form zu bringen, zu erreichen, mssen alle visuellen, auditiven, inhaltlichen und zeitlichen Ablufe der Kameraaktivitt festgehalten werden. Dabei kann man zwischen zwei Arten unterscheiden. Zum einen gibt es das Einstellungsprotokoll, bei dem jede einzelne Einstellung mitsamt Inhalt, Dauer, Kameraperspektive, Einstellungsverbindung etc. aufgefhrt wird. Um seitenweise Papier zu vermeiden kann es womglich sinnvoller sein, lediglich Sequenzprotokolle anzufertigen, wobei der Film in Subsequenzen geteilt wird, die sich aus inhaltlichen oder formalen Grnden ergeben und mit Hilfe derer die Gesamtstruktur und die Zusammenhnge des Films gut sichtbar herausgearbeitet werden knnen. Doch auch nach der Anfertigung dieses Protokolls ergeben sich weitere Schwierigkeiten aus dem interdependenten Charakter des Mediums, das sich nicht so einfach linear darstellen lsst. Um dieses Problem zu lindern bedient man sich verschiedener Mglichkeiten der filmischen Visualisierung, die sinnhaften und vor allem auch den Rezipienten affektiv betreffenden Wirkungen des Films zu erfassen. Abhngig vom Interesse kann man wieder zwischen verschieden Optionen whlen. Es gibt Sequenz- und Einstellungsgrafiken, die Schnittfrequenz kann visualisiert oder die Zeitachse skizziert werden.

Seite | 23

Wie bereits mehrfach erwhnt muss immer auf den Bezug zwischen quantitativ-grafischen und qualitativ-interpretatorischen Argumentationsstrngen hergestellt werden, da Erhebungen ohne Referenzbezge genauso aussageschwach sind wie willkrliche, subjektive Interpretationen. Die systematische Analyse als Untersuchung des Films und seiner Kontextfaktoren umfasst verschiedene Aspekte und Dimensionen. Man geht von vier sich berschneidenden Untersuchungsbereichen aus. Die Filmrealitt dient zur Ermittlung aller am Film selbst feststellbaren Daten,

Informationen, Aussagen, also Inhalt, formale und technische Daten, Einsatz filmischer Mittel, inhaltlicher und formaler Aufbau des Films, handelnde Personen, Handlungsorte, Handlungshhepunkte, Informationslenkung und Spannungsdramaturgie.

Die Bedingungsrealitt ermittelt die Kontextfaktoren, die die Produktion, die inhaltliche und formale Gestaltung des Films beeinflusst haben. Zudem dient sie zur Aufarbeitung der historisch-gesellschaftlichen Situation zur Entstehungszeit des Films und stellt Bezge zu anderen inhaltlich oder intentional hnlichen Filmen her.

Die Bezugsrealitt thematisiert die inhaltlich historische Problematik, die im Film behandelt wird.

Seite | 24

Zuletzt die Wirkungsrealitt; diese zeigt die Publikumsstruktur, Publikumsprferenzen einschlielich Einsatzorte, Laufzeiten des Films, Intentionen des Regisseurs, ggf. Rezeptionsgeschichte des Films auf.

Um qualitativ fr die Gesamtaussage bedeutsam zu werden, mssen die verschiedenen Untersuchungsaspekte und Informationsquellen in ihren Einzelergebnissen inhaltlich-argumentativ zusammengefhrt werden. Abschlieend wre speziell zur soziologischen Filminterpretation noch zu sagen, dass hier die Schlsselkategorie die Gesellschaft darstellt. Die soziologische Sichtweise setzt den Film in einen allgemeinen oder umfassenden gesellschaftlichen Kontext. Sie konzentriert sich auf die Gesellschaftsbedingtheit des Films, was bedeutet sie hinterfragt die Bedeutung und Funktion des Films. Die soziologische Filminterpretation untersucht und bewertet den Film im Hinblick auf seine Wiedergabe von zeitgenssischer Wirklichkeit. Ein besonderes Augenmerk wird hier auf die Randgruppen, Schichten, Institutionen, Personen, Problemfragen, Interessensgegenstze gerichtet.

Literatur: Jens Thiele (1999): Kiss kiss bang bang. WILLIAM SHAKESPEARES ROMEO UND

JULIA (Luhrmann, USA 1996). In: Peter Drexler/Helmut Korte (Hrsg.): Einfhrung in die Filmanalyse.Berlin: Erich Schmidt Verlag, S.195 - 237 [Zusammenfassung].

Peter Drexler (2004): Misery (King 1987/Reiner 1990). In: Helmut Korte: Einfhrung in die Systematische Filmanalyse. Ein Arbeitsbuch. Berlin: Erich Schmidt Verlag, S.119-158

Seite | 25

Seite | 26

Das Leitfadeninterview

Kleine Hausarbeit von Anna De Vittorio

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Leitfaden als Erhebungsinstrument

3. Die Spezifizierung der Forschungsfrage

4. Die Fallauswahl

5. Die Organisation des Feldzugangs und die Kontaktaufnahme

6. Die Leitfadenkonstruktion

7. Die Leitfadenerprobung und -anpassung

8. Die Interviewdurchfhrung

9. Die Datenanalyse

10. Probleme und Fazit

11. Literaturverzeichnis

Seite | 27

1.EinleitungUnter Leitfadeninterviews werden eine Reihe verschiedener Interviewarten gezhlt, die je nach Untersuchungseinheit und Forschungsfrage unterschiedlich konzipiert sind. Flick (2006) nennt als Beispiele das fokussierte Interview, das halbstandardisierte Interview, das problemzentrierte Interview, das Experten-Interview und das ethnographische Interview. Die Idee dahinter ist die, dass angenommen wird, ein relativ offen aufgebautes teilstandardisiertes Interview, bringt die Sichtweisen der interviewten Personen eher zum Vorschein als es bei (voll-)standardisierten Interviews der Fall ist. Beim Leitfadeninterview sttzt sich der Interviewer auf einen flexiblen Fragenkatalog (mit mglichst offen formulierten Fragen), um Daten zu erheben und spter auswerten zu knnen. Dabei kann und sollte der Leitfaden, wenn ntig, berarbeitet werden, um neu gewonnene Erkenntnisse mit einflieen zu lassen. Im Laufe des Interviews kann der Interviewer, je nach Situation, ber den Zeitpunkt des Einsatzes der jeweiligen Fragen und deren Reihenfolge ad hoc entscheiden. So knnen etwa Fragen, die whrend des Interviews bereits beantwortet wurden, ausgelassen werden, da die Antwort schon vorliegt. Je nach Gesprchsentwicklung kann der Interviewer detaillierter nachhaken und im Falle des Abschweifens seitens des Interviewten wieder zum Leitfaden zurckfhren. Schlielich sollen bestimmte im Leitfaden vorgegebene Fragestellungen im Interview behandelt werden. Da Interviews nicht immer gleich ablaufen und die Interviewsituation sehr unterschiedlich aussehen kann, hat der Interviewer stets neue Entscheidungen zu treffen, wie das Interview (weiter) vonstatten gehen soll. Deshalb sollte er den berblick nicht verlieren, um die Wiederholung von Fragen zu vermeiden und ein gewisses Ma an Sensibilitt, fr den Verlauf des Interviews und in Bezug auf sein Gegenber, nicht missen lassen. Das leitfadengesttzte Interview ist eine hufig praktizierte Form qualitativer Interviews. Im Hinblick auf dessen Einsatz ergeben sich folgende wichtigen Fragen: Welche vorbereitende berlegungen sind fr die Untersuchung erforderlich? Was ist bei der Durchfhrung einer mndlichen Befragung, mittels Interview bzw. in Form von Leitfadeninterviews, zu beachten? Mit welchen Fehlerquellen ist zu rechnen? Welche Auswertungsmethoden sind zulssig bzw. am geeignetsten?

2. Der Leitfaden als Erhebungsinstrument Der Umgang mit dem Leitfaden, der die Aufmerksamkeit auf relevante Themen lenkt, soll situationsangemessen-flexibel sein (Lexikon zur Soziologie 1995, S.399 f.). Das Leitfadeninterview zhlt zu den weniger strukturierten Interviewtechniken und somit zu den qualitativen Methoden der Befragung (Diekmann 2008, S.438). Hier beschrnkt man sich (in der Regel) auf wenige Leitfragen, statt einen vollstandardisierten Fragenkatalog durchzugehen. Der Anwendungsbereich von Leitfadeninterviews kann sich z.B. auf explorativ ausgerichtete Studien (zur Theoriebildung und -entdeckung) beziehen, aber auch auf komplexe und/oder lebensweltbezogene Fragestellungen (etwa persnliche Erfahrungen, eigene Meinungen etc.). Auerdem knnen Leitfadeninterviews auch zur Vorbereitung

Seite | 28

und/oder Begleitung quantitativer Untersuchungen eingesetzt werden (vrgl. Shell Jugendstudie, Picot und Willert 2006). Vor der Spezifizierung der Forschungsfrage ist das Themenfeld der Untersuchung abzustecken. Das heit: Wie sieht der Untersuchungsgegenstand aus und wie lautet die zentrale Fragestellung der geplanten Studie? berdies: Auf welche Weise und in welcher Phase des Forschungsprozesses sollen die Leitfadeninterviews zum Einsatz kommen bzw. wie sind letztere im Forschungsdesign integriert?

3. Die Spezifizierung der Forschungsfrage Die Forschung setzt an konkreten gesellschaftlichen Problemen an, deren objektive Seite vorher analysiert wird (Mayring 2002, S.69). So erfordert die Problemformulierung bzw. Forschungsfrage-Spezifizierung ein umfangreiches Vorwissen zum Untersuchungsgegenstand, welches erworben werden sollte, um die geplante Untersuchung durchfhren zu knnen. Hierfr kann eine Materialsammlung angelegt werden, (Fach-)Literatur gesichtet und bereits vorhandene Forschungsergebnisse/Studien betrachtet werden. Das mit Forschungshilfen erarbeitete Wissen kann in entsprechende Interviewinhalte transformiert werden. Zur Gestaltung einer Interviewsituation ist es also notwendig, die allgemeinen Forschungsfragen in konkrete Interviewfragen umzuwandeln. Bei der Ausarbeitung des Forschungsthemas sollte auch schon ber die mglichen Fehlerquellen, die sich beim (Leitfaden-)Interview ergeben knnen, bercksichtigt werden. Hierbei kann es sich um Befragtenmerkmale handeln, die sich z.B. in Form sozial erwnschter Antworten oder Meinungslosigkeit zeigen. Auerdem knnen Fragemerkmale auftreten, die etwa je nach Formulierung oder Positionierung der gestellten Fragen zu Antwortverzerrungen fhren knnen. Letztlich kann es auch, durch Merkmale des Fragenden und der Fragesituation, zu Verzerrungen kommen, beispielsweise wenn whrend des Interviews ein Dritter anwesend ist oder bedingt durch anderweitige situationale Effekte (vrgl. Diekmann 2008, S.447).

4. Die Fallauswahl Nachdem festgelegt wurde, welches Forschungsthema untersucht werden und welche Forschungsmethode eingesetzt werden soll, stellt sich die Frage nach der Untersuchungseinheit, der Stichprobe bzw. deren Umfang (sample size). Wie viele Einheiten, d.h. Personen, sollen in der Stichprobe erfasst bzw. interviewt werden und welche Zielgruppe soll es sein? Es empfiehlt sich eine mglichst heterogene Stichprobe, die aber vor allem typische bzw. charakteristische Flle umfassen sollte, die der Untersuchung dienlich sind und demnach bewusst ausgewhlt werden (es macht beispielsweise wenig Sinn, die Lebenssituation von Arbeitslosen zu untersuchen und dabei nicht die Betroffenen selber, sondern Nicht-Arbeitslose zu befragen). So geht es darum, potentielle Interviewpartner auszuwhlen. Dies kann etwa als theoretische Auswahl geschehen, nach dem von B. Glaser und A. Strauss vorgeschlagenen Verfahren des theoretical sampling, bei dem es nicht um die Abbildung einer Grundgesamtheit, sondern um das Entdecken theoretisch relevanter

Seite | 29

Dimensionen oder eine Typologieentwicklung geht. Dieses Auswahlverfahren wird auch whrend des laufenden Forschungsprozesses so lange durchgefhrt, bis eine theoretische Sttigung eintritt (sukzessiver Aufbau der Stichprobe). Es werden also so lange neue Flle in Bezug auf die theoretisch interessierende Frage erhoben und miteinander verglichen, bis sich keine Zustze mehr zur bereits formulierten Theorie ergeben oder sich die beabsichtigte Typologie, durch Hinzunahme neuer Flle, nicht mehr verndert oder erweitert. Dieses in der qualitativen Sozialforschung verwendete Verfahren kommt in der Forschungspraxis meist nur in abgekrzter Form zum Einsatz, da es ziemlich arbeits- und zeitaufwendig ist (vrgl. Lexikon zur Soziologie, S.74 f.). Bei der Fallauswahl nach dem theoretical sampling, wird also auf einen vorab definierten Auswahlplan verzichtet. Die Auswahl der ersten Flle, die in die Untersuchung einbezogen werden, erfolgt sozusagen aufgrund von Vorkenntnissen und Erfahrungen. Die weiteren Auswahlentscheidungen ereignen sich im Laufe der Datenerhebung. Da anfangs auf keine empirisch begrndete Theorie zurckgegriffen werden kann, werden anhand der Analyse der ersten Flle die weiteren Auswahlkriterien fest gemacht und die Auswahl optimiert.

5. Die Organisation des Feldzugangs und die Kontaktaufnahme Der Zugang ins Untersuchungsfeld bzw. zur Ziel-/Personengruppe, die untersucht werden soll, kann sich unter Umstnden als relativ schwierige Aufgabe darstellen. Es geht jedenfalls um die Herstellung eines persnlichen Kontaktes zu potentiellen Interviewpartnern, die zu jener Gruppe gehren, bezglich derer die Studie durchgefhrt werden soll (z.B. Obdachlose, Arbeitslose, deviant agierende Jugendliche). Die entsprechenden Personen knnten hierbei direkt angesprochen werden. Aber wie lsst sich eine bestimmte Zielgruppe finden und wie lassen sich die passenden Personen hieraus rekrutieren? Hierzu knnte der/die Forschende auf sein/ihr soziales Netzwerk zurckgreifen und die eigenen sozialen Kontakte nutzen. Weitere Varianten knnten auch sein: Der Feldzugang durch einen Pfrtner bzw. Schleusenffner (der sogenannte gate keeper), der den Weg ins Untersuchungsfeld/in die Untersuchungsgruppe ffnet bzw. erleichtert. Anwenden liee sich auch das Schneeballsystem, als Verfahren der Kontaktaufnahme zu weiteren Personen, ber die zuvor Befragten bzw. bereits kontaktierten. Des Weiteren knnten Freiwillige (etwa ber Annoncen, Anzeigen, Aushnge und/oder Flyer) aufgefordert werden, sich selbst zu melden. Denkbar wre auch die Anbindung an eine quantitative Befragung (wie etwa in der Shell Jugendstudie geschehen; vgl. Picot und Willert 2006). Letzten Endes wird die Auswahl jedoch von der Zugnglichkeit bestimmt (vgl. Helfferich 2005, S.155). Wichtige Kriterien bezglich der Kontaktaufnahme fr den Feldzugang bzw. den spteren Interview-Erfolg beziehen sich im Grunde darauf, die mglichen Interviewpartner von der Teilnahme zu berzeugen, ihnen gengend Informationen zu geben, deren Verstndnis oder gar Interesse zu wecken und ein gewisses Ma an Vertrautheit zueinander herzustellen. Es wre angebracht, sich als Interviewer persnlich vorzustellen (d.h. wer und fr welche Institution ttig), das Forschungsanliegen bzw. Untersuchungsthema nher darzulegen, den potentiellen

Seite | 30

Interviewpartner um die Teilnahme zu bitten und diesem Anonymitt zuzusichern, aber gleichzeitig auch dessen Angaben (Person, Funktion usw.) zu prfen. Dennoch kann es durchaus vorkommen bzw. kommt es vor, dass Personen die Teilnahme an einer Studie verweigern. Den Ursachen einer solchen Ablehnung sollte durchaus nachgegangen werden, um zu schauen, was dahinter steckt und die eigene Vorgehensweise eventuell zu berdenken. Unter Umstnden kann die Person, mit noch schlagkrftigeren Argumenten und in stets freundlicher Form, doch noch zur Kooperation animiert werden. Lautet der Einwand des Gegenbers, dass er/sie nun keine Zeit hat, so knnte ja ein anderer Termin vorgeschlagen werden. Weist die Person darauf hin, dass sie kein Interesse an einer Teilnahme hat, so liee sich mit die Teilnahme bedeutet einen Gewinn gegenargumentieren. Es knnte auch darauf hingewiesen werden, wie wichtig die jeweilige Person fr den Erfolg der Forschungsarbeit ist.

6. Die Leitfadenkonstruktion Vor der Konstruktion des Leitfadens mssen die Voraussetzungen erfllt sein, dass zunchst die Forschungsfrage przisiert, die Stichprobe eingegrenzt, eine Personenauswahl bestimmt, der Feldzugang hergestellt und der persnliche Kontakt erfolgreich aufgenommen wurde. Danach kann der Leitfaden entwickelt werden. Je nach Forschungsinteresse ist dieser mehr oder weniger grob vorstrukturiert. Der Leitfaden soll als eine Art Gedchtnissttze fr den Interviewer dienen und enthlt eine schriftlich festgehaltene Fragenpalette. Generell gilt: Fragen sollten kurz, einfach und auf den Bezugsrahmen des Befragten bezogen sein. Doppelte Negationen, unklare Wrter, verzerrte Formulierungen sind zu vermeiden, um eine neutrale und gltige Antwort zu erhalten. Art der Frage und Frageformulierungen richten sich nach dem Bezugsrahmen des Befragten. Ihre Ableitung hingegen erfolgt nach dem Bezugsrahmen der Untersuchung, des Forschers (Friedrichs 1990, S.205 f.). Der Leitfaden sollte das Gesprch idealtypisch in einzelne thematische Blcke und Hauptfragen strukturieren und zur Orientierung dienen. Sein Aufbau- und Strukturprinzip ermglichst eine flexible Handhabung in Abhngigkeit vom Gesprchsverlauf. Er umfasst wenig Fragen von unterschiedlichem Rang und enthlt keine vorformulierten Antwort-Vorgaben. berdies gewhrt der Leitfaden die Mglichkeit der Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Interviews. Der Leitfaden enthlt im Grunde einige Leit-Fragen unterschiedlichen Typs. So zhlen zu den Fragearten zunchst sogenannte Einstiegsfragen (auch Warming-Up-/Eisbrecherfragen genannt), die die Gesprchssituation vorbereiten sollen. Die befragte Person kann sich quasi warm reden und das Eis zwischen Interviewer/-in und Befragten/Befragter kann gebrochen werden. Daneben gibt es auch bestimmte Schlssel- bzw. Hauptfragen, die sehr wichtig fr die Untersuchungsthematik sind und deshalb immer gestellt werden, whrend sich eventuell ergebende Detailfragen nur in einigen Fllen gestellt werden (wenn z.B. eine Aussage nicht deutlich genug ist und nachgehakt wird oder nheres zu einer Antwort erfragt wird). Weiterhin ist es unter Umstnden sogar notwendig Fragen zur Person zu stellen, weil diese Angaben des/der Befragten noch fehlen bzw. bentigt werden. Geordnet werden knnen

Seite | 31

die Fragen nach einzelnen Themenblcken bzw. thematischen Schwerpunkten, wobei die Rangordnung der Fragetypen unterschiedlich ausfllt und einige Fragen zum festen Bestandteil des Leitfadens zhlen und andere nicht (weil variabel). Somit gliedert sich der Leitfaden in einen Einstiegsteil mit Begrung und Eisbrecherfrage, einen Hauptteil mit Haupt- und Unterfragen, sowie einen Abschlussteil mit abschlieender Frage, Fazit und Dank. Dabei sollte der Leitfaden stets so offen und flexibel (...) wie mglich, so strukturiert wie aufgrund des Forschungsinteresses notwendig sein (Helfferich 2005, S.161). Helfferich (2005) schlgt zur Leitfadenerstellung ein schrittweises Vorgehen das sogenannte SPSS-Prinzip vor. Zunchst geht es um das Sammeln von vielen Fragen, in einem ganz offenen Brainstorming zum Forschungsthema. Im nchsten Schritt folgt das Prfen der gesammelten Fragen auf deren Geeignetheit und das Streichen all jener Fragen, die nicht geeignet sind. In einem dritten Schritt geht es um das inhaltliche Sortieren der verbleibenden Fragen und deren Einteilung in offene Erzhlaufforderungen, Aufrechterhaltungsfragen und konkreten Nachfragen. Als Letztes kommt das Subsumieren der Fragentypen, d.h. nach deren Prfung und Sortierung werden diese in den Leitfaden subsumiert bzw. ein-/untergeordnet.

7. Die Leitfadenerprobung und -anpassung Es sollte geprft werden, ob mittels des Leitfadens dem Gesprchsverlauf ein Rahmen gegeben werden kann. Da die Konzeption eines Leitfadens relativ gute Kenntnisse des Forschungsgegenstandes voraussetzt, sollte sich der Forschende entsprechendes Vorwissen aneignen, um die Themenblcke prziser abgrenzen zu knnen. Obendrein sollte auch berprft werden, ob der Leitfaden nicht zu abstrakt oder zu lang und ob er bersichtlich aufgebaut ist. Geachtet werden sollte unbedingt auch darauf, ob die Fragen offen und nicht suggestiv gestaltet sind und zum Erzhlen stimulieren. Offene Fragen enthalten keine Antwort-Vorgaben und sollen zum selbstndigen, ausfhrlichen Erzhlen bestimmter Sachverhalte animieren. So liefert der Pretest hauptschlich Aufschlsse ber die Brauchbarkeit des Leitfadens, die Qualitten der Interviewer und allgemeine Merkmale der Befragtengruppe, sofern sie durch hnliche Strukturen (z.B. Alter, Schicht) gekennzeichnet sind (Friedrichs 1990, S.235). Gegebenenfalls sind die Inhalte des Leitfadens zu modifizieren, d.h. Fragen mssen unter Umstnden verndert oder (weil unbrauchbar) ganz weggelassen und vielleicht sogar neu angeordnet werden. Im entworfenen Leitfaden sollten die Frageformulierungen berprft und es sollte auf inhaltliche Wiederholungen geachtet werden. berdies sollte die Art der Fragestellung dem jeweils kulturellen Kontext angepasst werden. Jedenfalls lassen sich Probleme der Verstndigung in Pretests herausfinden. Umgehen lassen sich mancherlei Verstndigungsprobleme auch durch die Auswahl von mit der jeweiligen Subkultur vertrauten Interviewern (vrgl. Diekmann 2008, S.442). Die mit dem Interview verbundene Datenqualitt hngt also mageblich von der Qualtt des eingesetzten Leitfadens ab. Inzwischen gibt es zahlreiche Erkenntnisse ber die Wirkung der Fragenqualitt auf das Antwortverhalten von Befragten. Auf diese Erkenntnisse kann bereits vor dem Einsatz empirischer Pretestverfahren zurckgegriffen werden. Jedenfalls stellt beides

Seite | 32

die Grundlage dar, um die Mngel an Fragen zu erkennen und damit die Grundlage fr eine Optimierung zu schaffen. Die Verfahren zur Optimierung der Fragenqualitt spielen eine groe Rolle bei der Minimierung des Umfragefehlers.

8. Die Interviewdurchfhrung Was die Interviewdurchfhrung anbelangt, so sollte der zu interviewenden Person im Vorhinein mitgeteilt werden, um was es im Interview gehen soll (Thema und Zweck der Forschungsarbeit), was mit den gewonnenen Informationen bzw. Daten passiert und wer hinter dem jeweiligen Forschungsprojekt steht (also den mglichen Auftraggeber oder die Forschungseinrichtung vorstellen). Darber hinaus sollte die Person auch darber unterrichtet sein, wie das Interview vonstatten gehen soll (wer der/die Interviewer/-in ist, wer noch anwesend bzw. mit anwesend sein darf, wo bzw. an welchem Ort das Gesprch stattfinden soll, wann bzw. zu welchem Datum/Zeitpunkt es stattfinden soll, wie lange es dauern wird und ob bzw. welche Aufzeichnungsmedien eingesetzt werden). Wichtig ist hierbei, dass ein gutes Interviewklima geschaffen werden sollte. Der Interviewer sollte mglichst entspannt sein bzw. so wirken und auf seinen Interviewpartner eingehen (d.h. nicht nur die reine Information aufnehmen, sondern auch die Botschaft verstehen). berdies sollte dem Gegenber Raum geschaffen werden, damit sich die Person zeigen kann. Der Interviewer sollte nicht versuchen, seine eigene Position darzustellen, vor allem nicht in bereinstimmung mit dem Gegenber. Die interviewende Person sollte ein unabhngiges Interesse haben, ganz gleich, was ihr Gegenber uert. Der zu befragenden Person sollte die Mglichkeit gegeben werden, mehrere Aspekte von sich selbst zu zeigen. Dabei sollte der Interviewer die befragte Person nicht vor etwas schonen, was ihr peinlich sein knnte, sondern dieser durch die eigene Haltung zeigen , dass er die Wahrheit aushlt. Die Fragen des Interviewers sollten kurz und leicht verstndlich sein und dem Gesprchspartner zu weiteren Schilderungen von Details animieren. Es wre auerdem ratsam, nicht nach theoretischen Kategorien, sondern nach konkreten Dingen aus der Lebenswelt des Interviewten zu fragen. Der Interviewer sollte mit seiner eigenen Sprache sprechen und keine Milieusprache imitieren, wobei er jedoch durchaus die vom Interviewpartner benutzten konkreten Namen und Begriffe verwenden sollte. Im Interview soll nicht versucht werden, theoretische Begriffe zu entdecken, sondern die Lebenswelt des Interviewten. Es sollte auch eine gewisse Naivitt gezeigt werden und der Interviewer sollte sich Begriffe, Vorgnge als auch Situationen vom Befragten erlutern lassen. berdies sollte sich der Fragende nicht blamiert vorkommen, wenn er nach Selbstverstndlichkeiten fragt. Es sollte im Grunde der Versuch gestartet werden, die Lebenswelt des Interviewpartners wirklich gut zu verstehen und genau zu wissen, was in dieser geschieht (nach Hermanns 2000, S.367 f.). Zu den mglichen bzw. bereits beobachteten Problemen bei der Durchfhrung qualitativer (Leitfaden-)Interviews gehren z.B. die Tendenz zu einem dominierenden Kommunikationsstil, d.h. der Einsatz von Suggestivfragen (etwa: Sie sind doch auch der

Seite | 33

Meinung, dass...), die dem Befragten eine bestimmte Antwort nahelegen und in der Regel einen verzerrenden Einfluss auf dessen Antwort haben. In diese Kategorie fallen auch unzulssige bewertende und kommentierende Aussagen seitens der interviewenden Person. Des Weiteren fallen ebenso Probleme mit den passiv-rezeptiven Anteilen des Interviewens auf. Dies bezieht sich auf bestimmte Schwierigkeiten und eine mangelnde Geduld beim Zuhren sowie beim Erfassen von Anhaltspunkten zwecks der Stellung von Nachfragen. Obendrein lsst sich eine aus Angst und Unsicherheit resultierende Unfreiheit im Umgang mit dem Frageleitfaden feststellen, die sich mitunter durch penetrante und belehrende Aussagen uert. Solche Kunstfehler ergeben sich unter anderem aus Ausbildungsdefiziten, die wohl durch eine verbesserte Ausbildungspraxis behoben werden knnten (Hopf 2000, S.359).

9. Die Datenanalyse Die mittels persnlich-mndlicher Befragung bzw. qualitativen Leitfadeninterviews im direkten Kontakt zu den Befragten (face-to-face) erhobenen bzw. gewonnenen Daten, mssen in weiteren Schritten aufbereitet und ausgewertet werden. Hierzu werden die auf Tonband aufgenommenen Interviews (= Datenaufzeichnung) wrtlich transkribiert, um die auf diese Weise gespeicherten Datenstze analysieren zu knnen. So werden die verbalen Informationen, bei der Datenaufbereitung, in numerische oder alphabetische Symbole bertragen (= Kodierung), die maschinell bzw. computergesttzt bearbeitet werden knnen. Die Auswertung ist dabei nicht auf ein Verfahren festgelegt, jedoch erscheinen kodierende Verfahren (...) besonders geeignet (Flick 2006, S.125). Zur Verwertung des empirisch gesammelten Materials bietet sich bei Leitfadeninterviews eine inhaltsanalytische Datenauswertung bzw. Aussagenanalyse an. Inhaltsanalysen eignen sich besonders gut zur Erforschung sozialer und kultureller Werte und des Wandels von Werten im langfristigen Zeitverlauf (Diekmann 2008, S.584). Auf diese Weise wird die Erhebungsmethode Leitfadeninterview mit der Analysemethode Inhaltsanalyse kombiniert, wobei nicht zahlenmig (mengenmig-quantitativ), sondern textbezogen (inhaltlich-qualitativ) ausgewertet wird.

10. Probleme und Fazit Als Nachteil knnte aufgefasst werden, dass durch den Leitfaden eine stndige Frage-Ant-wort-Situation geschaffen wird, die wenig frderlich zum Aufbau einer Vertrauenssituation ist. Problematisch wird es dann, wenn der Leitfaden nicht dem Gesprchsverlauf angepasst wird. Weitere Probleme knnen auch sein, dass der Interviewer pltzlich den berblick ber das vom Interviewten bereits Gesagte oder gar die zentrale Fragestellung aus dem Auge ver-liert. Und obgleich sich der Interviewer an einem vorher vereinbarten Zeitplan orientieren sollte, darf er den Interviewpartner nicht einfach so abbremsen, wenn dieser zu intensiv oder zu lange erzhlt (Zeitmanagement-Problem). Ein zustzliches Manko stellt sich z.B. dar, wenn der Leitfaden dazu benutzt wird, die einzelnen Fragen bzw. Themen nur der Reihe nach

Seite | 34

abzuhaken (Kleben bleiben am Leitfaden). Es besteht die Gefahr der Leitfadenbrokratie (Hopf 1978) und damit ein Verlust an Offenheit und Kontextinformationen. Der Leitfaden ist schlielich kein Fragebogen. Es geht vielmehr darum, offen fr die Perspektiven bzw. den Horizont des Interviewpartners und fr neue Aspekte zu sein. Es stellt sich hiermit die Frage nach dem Sinn eines Interview-Leitfadens: Wozu berhaupt einsetzen? Doch ein Leitfaden hat vielerlei Vorteile. Er vereinfacht z.B. die Gesprchsfhrung und dient als roter Faden fr den Gesprchsverlauf bzw. die logische Reihenfolge der einzelnen Themenblcke. Er gewhrleistet berdies, dass alle forschungsrelevanten Themen tatschlich angesprochen werden. Die interviewende Person kann einzelne Gesprchsthemen herausgreifen und vertiefend behandeln. Auerdem kann der vorgegebene Themenkatalog, vom Interviewer, noch whrend des Gesprchs ergnzt werden. Positiv lsst sich zu einem schriftlich-fixiertern Leitfaden sagen, dass dieser einfach Sicherheit in der Interviewsituation gibt. Durch die Erstellung eines Leitfadens setzt sich der Interviewer mit der Formulierung von forschungsrelevanten Fragen auseinander, ber die es gut nachzudenken gilt. Davon ab-gesehen hilft ein Leitfaden beim Vergleichen verschiedener Interviews und vereinfacht deren Auswertung. Durch die Fragestellungen gewinnen die Daten an Struktur. Es sind konkrete Aussagen ber einen Gegenstand mglich. Bei der Gestaltung des Interviews muss man nicht an einer bestimmten Reihenfolge festhalten, da Fragen der Interviewsituation beliebig ange-passt werden knnen. Der Leitfaden gilt berdies als eine Schutzfunktion fr den Interviewer, indem er ihm Orientierung bietet, um nicht vom Thema abzukommen.

11. Literaturverzeichnis Diekmann, Andreas (2008): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden,

Anwendungen. 19. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag (Rowohlts Enzyklopdie 55678), S.434-547, 576-622.

Flick, Uwe (2006): 8 Leitfaden-Interviews. In: Ders.: Qualitative Sozialforschung. Eine Einfhrung. 4. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, S.117-145.

Friedrichs, Jrgen (1990): Methoden empirischer Sozialforschung. 14. Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag (WV studium Band 28), S.189-236.

Fuchs-Heinritz, Werner, Lautmann, Rdiger, Rammstedt, Otthein, Wienold, Hanns, Hrsg. (1995): Lexikon zur Soziologie. 3., vllig neu bearbeitete und erweiterete Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.73-75, 272 f., 299, 315 ff., 399 f., 649, 701

Helfferich, Cornelia (2005): Die Qualitt qualitativer Daten. Manual fr die Durchfhrung qualitativer Interviews. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag fr Sozialwissenschaften, Kapitel 5: Interviewplanung und Intervieworganisation, S.147-173.

Hermanns, Harry (2000): 5.3 Interviewen als Ttigkeit. In: Flick/Kardorff/Steinke (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, S.360-368.

Hopf, Christel (2000): 5.2 Qualitative Interviews ein berblick. In: Flick/Kardorff/Steinke (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, S.349-359.

Seite | 35

Mayring, Philipp (2002): Einfhrung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. 5. Auflage. Weinheim: Beltz Verlag, S.67-72.

Picot, Sibylle, Willert, Michaela (2006): Jugend in einer alternden Gesellschaft Die Qualitative Studie: Analyse und Portraits. In: Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2006. Eine pragmatische Generation unter Druck. Die 15. Shell Jugendstudie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag (17213), Kapitel 7, S.241-442.

Internet-Quellen: Behrmann, Laura C. (2009): Einen Leitfaden erstellen (Datei: Leitfaden.doc) &

Abschlieende Sitzung: Qualitative Methoden (Datei: letzte Sitzung.pdf). In: Digicampus Universitt Augsburg, Plattform: StudIP, Kursverwaltung, Grundkurs: Angewandte Methoden C (GK BA-Sozialwissenschaften, Wintersemester 2008/2009), Rubrik: Dateien (http://digicampus.uni-augsburg.de/kursverwaltung/meine_seminare.php).

Ilmes Internet Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung (http://www.lrz-muenchen.de/~wlm/ein_voll.htm).

Seite | 36

Der Leitfaden: Zur Gefahr der Leitfadenbrokratie

Arbeitsbltter von Laura C. Behrmann Beispiel 1: 1

I: Darf ich sie fragen ob Sie in der Gewerkschaft sind? 2 P: Gewesen 3 I: In der GEW vermutlich? 4 P. Ja 26 Jahre. 5 I: Und jetzt in der letzten Zeit ausgeschieden? 6 P: Ja, im Zuge des Theaters, wie sehr viele andere auch. 7 I: Meine Frage wre jetzt folgender maen: Wenn Sie die verschiedenen - es 8

ist ja fr uns interessant zu gucken, welches die Kriterien sind, nach denen 9 Schulrte ausgewhlt werden. Was meinen Sie, war ihrer Meinung nach bei 10 ihrer eigenen Ernennung der ausschlaggebende Gesichtspunkt? 11

P: Oh, da verlagen Sie zu viel von mir,12 (Hopf 1993: 103)

Beispiel 2:

P: (erzhlt ber einen etwas lngeren Abschnitt) 1 I. Wir kommen nachher noch mal darauf hin, im Zusammenhang unserer 2

historischen Fragen, die ich noch habe []Wie ist es mit, wann sind Sie 3 jetzt Schulrat geworden? 4

(Hopf 1993: 104) Beispiel 3:

P: (erzhlt ber einen etwas lngeren Abschnitt) 1 I: Ich werde zur Organisationsvernderung der Schulaufsicht selber spter 2

noch etwas fragen, ich ich wollte jetzt noch ein anderes Thema 3 anschneiden. Ja, was mich interessiert, das sind die Richtlinie also die 4 Arbeitsanweisungen, die ja []?? 5

(Hopf 1993: 105) Beispiele aus: Hopf, Christel; Weingarten, Elmar (Hg.) (1993): Qualitative Sozialforschung. 3. Auf. Stuttgart: Klett-Cotta

Seite | 37

Mgliche Konstruktion eines Leitfadens: Datum: Alter: Geschlecht: Berufliche Ttigkeit:

Leitfrage/Stimuli/Erzhlaufforderung: Erinnerst du dich an deinen ersten Berufswunsch - und knntest du mir bitte

erzhlen, welchen beruflichen Weg du von da an zurckgelegt hast.

Inhaltliche Aspekte Aufrechterhaltungsfragen Nachfragen subjektive Definition normative Definition Arbeitsplatzatmosphre:

Kollegen Abgrenzung:

Familie/Kinder/Eltern

Freizeit Individuelle Zukunft Gesellschaftliche Probleme positive/negative Aussagen

Fllt ihnen sonst noch was dazu ein? Du hast doch sicherlich noch Erinnerungen an Erlebnisse, die du in den ersten Arbeitstagen hattest? Erzhl mal. Weit du noch, als du dein erstes selbstverdientes Geld in der Hand hattest? Was hast du damit gemacht? Erzhl mal, wie sieht so ein Tag auf Arbeit aus, von dem du sagst, es war ein guter Tag

Erzhl mal, was machst du so, wenn du freie Zeit hast? Heute in 10 Jahren: Was denkst du wie sieht dann dein Leben aus? Wenn jemand anderes fr einen Tag deinen Job bernehmen wrde, was wrdest du ihm mit auf den Weg geben?

Bsp. aus Laura Behrmann (2007): Der Wandel der Erwerbsarbeit. Saarbrcken.

Seite | 38

Seite | 39

Das narrative Interview

Denitsa Koleva, Vasilka Markova Inhaltsverzeichnis:

1. Gliederung

2. Der Ablauf des narrativen Interviews

2.1. Erklrungsphase 2.2. Einleitungsphase( Erzhlaufforderung) 2.3. Haupterzhlung (Erzhlphase)

2.3.1 Aufgaben des Forschers 2.3.2 Zwnge des Erzhlens 2.3.3 Ende des Haupterzhlung

2.4. Nachfragephase

2.5. Bilanzierungsphase

3. Auswertung der narrative Interviews

4. Literaturverzeichnis

Seite | 40

1.VorgehenDas narrative Interview ist eine der qualitativen Methoden der Empirischen Sozialforschung. Dieser stellt eine besondere Form des offenen Interviews dar und wurde 1977 von dem deutschen Soziologen Fritz Schtze im Zusammenhang mit einer Studie ber kommunale Machstrukturen entwickelt. Dieser Methode hngt eng mit der Biographieforschung zusammen und wird hufig im Zusammenhang mit lebensgeschichtlich bezogenen Fragestellungen eingesetzt. Das wichtigste bei dieser Methode ist das Erzhlen4, d.h. der Interviewperson wird gebeten und untersttzt sein eigenes Erlebnis als Geschichte zu erzhlen. Dabei geht es in der Regel um lebensgeschichtliche, alltglichen oder kollektiv- historischen Ereignisablufen, in den der erzhlenden Person selbst verwickelt war oder ist- z.B. Weltkriege oder Naturkatastrophen. Diese Ereignisablufe sollen in eine so genannte Stegreiferzhlung wiedergegeben werden. Bei dieser Stegreiferzhlung hat die potentielle Interviewperson keine Mglichkeit vor dem Interviewgesprch sich systematisch vorzubereiten. D.h. er kann seine Gedanken vor dem Interview, schriftlich nicht formulieren, um sich fr die Prsentation einzuben. Die Stegreiferzhlungen entstehen aus der Situation heraus als etwas Neues.5 Das Ziel des narrativen Interviews ist durch Dynamik des Erzhlvorganges retrospektiven Vorstellungen des Erzhlers im Gang zu setzen und ihm noch ein Mal in die damalige Handlungs- und Erlebnissituation zu versetzen. Der Erzhler wird Schritt fr Schritt seine Erlebnisse wiederrufen und sie mglichst nah berbringen. Damit werden die zurckliegenden Erlebnisse wie ein Film lebendig dargestellt und ausgemalt. Auf dieser Weise werden komplexe kollektiv-historische und biografische Erfahrungszusammenhnge ber die Erinnerung der Erzhler wiederruft werden.6 Bei dem narrativen Interview werden alle Erzhlungen mit Hilfe von Tonband aufgezeichnet. Anschlieend wird dann die Tonbandaufzeichnung verschriftet, d.h. sie wird transkribiert.

2. Der Ablauf des narrativen Interviews Der Ablauf des narrativen Interviews wird durch verschiedene Phasen umgesetzt. Bevor die Forscher zu dem eigentlichen Verlauf der Methode kommen, mssen sie zuerst geeignete Personen fr den Interviewdurchfhrung finden. Das ist in der Regel fter sehr schwierig und zeitaufwendig. Nachdem die geeignete Interviewpersonen gefunden sind und sich bereit gestellt haben beginnt das Forscherteam mit dem narrative Interviews.

4 Nach Kahlmeyer und Schtze (1977) kann man zwischen den qualitativ unterschiedlichen Darstellungsformen Erzhlen, Argumentieren und Beschreiben unterschieden. Jene Darstellungen, die auf zurckliegende singulre Ereignisabfolgen referieren und in einer Beziehung zeitlich oder kausaler Abfolge zu einander stehen, sind Erzhlungen, 5Glinka (1998) 6 Ebd. Glinka (1998) ,S.9

Seite | 41

2.1.ErklrungsphaseDie Erste Phase des narrativen Interviews ist die Erklrungsphase, hier wird die Interviewter zuerst ber die Sinn und Zweck der Forschung und der Interview informiert. Zudem sollen auch Vereinbarungen zum Datenschutz getroffen werden, wie Anonymitt und eventuelle Verffentlichungen. Danach wird der Befragte ber den Charakter eines solchen offenen Interviews aufgeklrt. Viele Menschen haben schon einmal zum Beispiel mit standardisierten Interviews Erfahrungen gemacht oder kennen aus dem Medien unterschiedliche Arten davon, aber ein narrative Interview hat damit nur wenig zu tun. In diese Phase wird auch ber den Dauer des Interviews informiert und ber den Verhalten der Forscher. Die Erklrungsphase wird sehr oft noch bei dem Vorgesprch eines Interviews geklrt.

2.2.Einleitungsphase(Erzhlaufforderung)Nachdem alles geklrt ist gibt der Forscher dem Interviewter das Thema vor und setzt damit ein Erzhlstimulus7. Beispiel aus der Studie:

Ich/wir mchte/n Sie bitten, mir/uns Ihre Familiengeschichte und Ihre eigene Lebensgeschichte zu erzhlen. Erzhlen Sie alles was Ihnen einfllt. Sie haben dazu so viel Zeit, wie Sie mchten. Wir/ich werde/n Ihnen keiner weitere Fragen stellen. Wir/ich mache/n mir/uns nur einige Notizen zu Bereiche, zu denen wir/ich dann spter vielleicht auch in einem zweiten Gesprch- noch einmal genauer nachfragen mchten.8

Der Stimulus fokussiert das eigentliche sozialwissenschaftlich interessierende Ereignis Diese Ereignis ist mehr oder weniger der grere Teilabschnitt eines Menschenlebens. Ebenso kann der Forscher, wen ntig ist, den Befragte auch seine Erzhlungen noch vor seine Geburt einzusetzen.9 Die Erzhlstimulus sind je nach Forschungskontext unterschiedlich, es ist von Bedeutung, ob der einzelnen Biografien, der Geschichte eines ganzen Milieus oder eine Organisation von Interesse ist. Bei dieser Phase kommt es fter zum Fehler. Sehr oft besteht bei der Befragten Zweifel, ob er das Thema oder die Erzhlaufforderung richtig verstanden hat oder die Formulierung des Eingangsstimulus undeutlich wird. In solche Situationen soll alles noch ein Mal erklrt werden.10

2.3.Haupterzhlung(Erzhlphase)Wenn der Befragte mit dem Erzhlung schon begonnen hat wird nicht mehr von dem Forscher unterbrochen. Es folgt eine lange Erzhlphase, die oft ber Stunden dauert. Hufig beginnt die befragte Person mit dem erlebte Geschichte, alles bei seiner Erzhlung wird von ihm selber gestaltet.11

7 Ebd. Glinka;S.10 8 Rosenthal (1999) 9 Ebd. Glinka;S.10 10 Vgl. Rosenthal (2005) 11 Vgl. Ebd. Glinka

Seite | 42

2.3.1AufgabendesForschersWhrend der Haupterzhlung untersttzt der Forscher den Befragten durch sein aufmerksames Zuhren und zeigt bei der Erzhlung, dass ihm alles interessiert. Das Bedeutet, dass der Forscher wehrend der Haupterzhlung nicht unttig bleibt. Er bringt seine Arbeit des Zuhrens durch entsprechenden Aufmerksamkeitsmarkierer zum Ausdruck. Diese Markierer werden im einem face-to-face Kontakt zum Ausdruck gebracht. Markierer sind demnach die Benutzung von Mimik oder kurze emotionale Rckmeldungen, wie Lachen, Atmen, Nicken oder mitgehende Formulierungen, wie zum Beispiel: Das war ja wirklich hart.12 Wichtig ist, dass der Forscher aus sein Gesichtsausdrcke keine Bewertungen erkennen lsst, die der Tendenzausrichtung der Erzhlung beeinflussen knnen. Eine weitere Aufgabe der Forscher ist die Erzhllcken zu identifizieren und sie in knappe Notizen(meisten nur Stichwrter) zu den angesprochene Erlebnisse und Themen aufzuschreiben. Diese Notizen helfen bei spteren Nachfragen.13

2.3.2ZwngedesErzhlensGeling der Forscher ein Mal der Befragte zum erzhlen zu motivieren, dann befindet sich der Befragte in der Zugzwnge des Erzhlens. Schtze geht davon aus, dass ein Erzhlender bestimmten Zwngen unterliegt: der Gestaltschlieungszwang, der Kondensierungszwang und der Detailierungszwang. Die Gestalt einer Geschichte ist zu schlieen, also zu einem Ende zu bringen (Gestaltschlieungszwang), dabei ist eine Geschichte so zu erzhlen, dass die notwendigen Details mitzuteilen sind, die dem Zuhrer das Verstndnis erffnen (Detailierungszwang). Zudem muss eine Geschichte schlssig und sinnhaft konstruiert werden (Kondensierungszwang).

2.3.3EndedesHaupterzhlungDer Befragte beendet seine Haupterzhlung im meisten Fllen mit eine Koda( Erzhlkoda), dass ist eine Schlusssatz, in dem er das Ende seine Geschichte feststellt- Ja das war es eigentlich. Manchmal kann es auch vor kommen, dass so ein Schlusssatz mehrmals benutzt wird und das befragte Person doch noch weiter erzhlt, deshalb sollte der Forscher vorsichtig sein und kein Fehler machen mit dem Nachfrageteil frh zu beginnen.14

2.4.NachfragephaseNach Abschluss der Haupterzhlung darf der Forscher thematisch aktiv werden und Nachfragen stellen.15 Als erstes werden die aus der Haupterzhlung notierten Stichpunkte in Reihenfolge nach und nach eingegangen. Erst nachdem die notierten Stichpunkte abgearbeitet wurden, beginnt der Forschermit dem externen Nachfragen ber das interessierende Themenbereich, die bis

12 Ebd. Glinka;S.12 13 Vgl. Ebd. Glinka 14 Vgl. Rosenthal (2005) 15 Ebd. Glinka;S.15

Seite | 43

Dcher nicht erwhnt oder nicht auswendig detailiert wurde. Danach werden Fragen mit narrativer Generierungskraft gestellt: Vielleicht knnen Sie ber Ihre Schulzeit noch mehr erzhlen. 16 Also Fragen die geeignet sind kleinere Geschichten oder Erzhlungen in Gang zu setzen. Meinungs- oder Begrndungsfragen wie Wieso?, Warum? und Weshalb? sollen vermeidet werden, weil sie mehr zu Argumentation fhren.17 Manchmal besteht die Mglichkeit, dass die Interviewten Erinnerungsschwierigkeiten bei manchen Teilen ihre Geschichten haben. Im solchen Flle wird mit der Technik des Szenen Erinnerns gearbeitet. Mit dieser Technik hilft der Forscher sein Interviewpartner in vergangene Szenen zurckzukehren und sie auszumahlen. Es werden Fragen wie- Was sehen Sie?, Was hren sie?, Mit wem stehen Sie zusammen? usw. gestellt. Mit Hilfe dieser Technik gelingt der Befragte seine Erinnerungslcken zu bewltigen. 18

2.5. Bilanzierungsphase Zum Schluss dieser Nachfrageteil wird alles bilanziert, d.h. die Befragte zieht eine Schlussfolgerung ber die erzhlte Geschichte und wird kurz drauf angegangen wie den gesamten Interviewablauf von den Interviewten empfunden wird. Wenn sie alles noch Mal zusammenfasen, wie sehen sie ihre Leben bis heute?19

3. Auswertung der narrative Interviews Bei der Auswertung des narrativen Interviews werden die Tonbandaufzeichnungen transkribiert. Dieser Prozess kann sehr zeitauswendig werden. Ein Transkriptionsprozess verluft folgendermaen, es werden die Teile des Textes ausgesucht, die der Forscher fr seine konkrete Fragestellung brauscht. Er soll auf der Textgestaltung achten (zum Beispiel Dialekt und Pausen). Danach werden die eigenen Namen der Befragten anonymisiert und durch Grobuchstaben ersetzt: I fr Interviewer und B fr den Befragten. Weitere Eigennamen werden durch doppelte Klammern ersetzt: C (( Name des Freundes)).Alle Pausen werden mir Sekunden eingegeben: vier Sekunden= (4).Alle Kommentare oder Betonungen werden in doppelte Klammern gesetzt: (( schnell gesprochen, lachend, leise,). Sprachliches Feedback des Befragten wird im fortlaufenden Text in einfache Klammern gesetzt -(hm).Alle Zeilen werden nummeriert.

4. Literaturverzeichnis Glinka Hans-Jrgen,(1998):Das narrative Interview: Eine Einfhrung fr Sozialpdagogen .

Hrsg.: Juventa Rosenthal, Gabriele (1999): Der Holocaust im Leben von drei Generationen. 3., korrigierte

Aufl. Gieen: Psychosozial-Verl.

16 Rosenthal (1999) 17 Rosenthal (1999) 18 Rosenthal (1999)

Seite | 44

Rosenthal, Gabriele (2005): Interpretative Sozialforschung. Eine Einfhrung. Weinheim [u.a.] ///, Weinheim: Juventa; Juventa-Verl. (Grundlagentexte Soziologie).

Seite | 45

Seite | 46

Einfhrung in die Methode des verstehenden Interviews nach Jean-Claude Kaufmann

Katharina Strrle und Kristina Greil

Die Methode des verstehenden Interviews nach Jean-Claude Kaufmann am Beispiel

seiner Untersuchung Der Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt.

1. Einleitung

2. Grundpfeiler der Methode

3. Vorberlegungen und Vorbereitungen

3.1 Themeneinstieg

3.2 Explorative Phase

3.3 Forschungsinstrumente

4. Prmissen der Interviewfhrung

5. Die Konstruktion von Wirklichkeit

6. Theoriebildung

7. Die Arbeit beenden

Seite | 47

1. Einleitung Der franzsische Soziologe Jean-Claude Kaufmann ist ttig an der Pariser Sorbonne und beschftigt sich seit Jahren mit Themen rund um die Paarbeziehung und das Alltagsleben. Kaufmann ist berzeugter Anhnger der Grounded Theory, welche versucht, Theorien Schritt fr Schritt, ausgehend von konkreten empirischen Daten und Details zu formulieren mit dem anspruchsvollen Ziel, das Material von sich aus sprechen zu lassen. Im Laufe der Zeit verfeinerte Kaufmann diese Art der Datenerhebung, bei der die Theorie quasi aus den Daten auftaucht und damit in den Tatsachen selbst wurzelt20, und entwickelte die Methode des verstehenden Interviews, die er 1996 in einem gleichnamigen Sachbuch beschrieben hat. Im Folgenden wird das Vorgehen der Methode geschildert, ihre Kernpunkte zusammengefasst und alles so weit als mglich am Beispiel von Kaufmanns, im Jahre 2002 erschienener, Studie Der Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt. veranschaulicht.

2. Grundpfeiler der Methode Das Adjektiv verstehend weist bereits auf die Intention des verstehenden Interviews hin. Es geht um das Verstehen im Weberschen Sinne, welches soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen urschlich erklren will.21. Hauptziel der Forschung ist die Theorieproduktion als (das) Herausarbeiten einer mglichst feinen Wechselwirkung zwischen Daten und Hypothesen22, um so soziale Prozesse mglichst facettenreich zu erfassen. Der agierende Wissenschaftler sollte sich im Idealfall als intellektueller Handwerker oder Geistesarbeiter23 sehen, der seine Theorie und Methode mglichst unvoreingenommen rein auf Basis des jeweiligen Untersuchungsfeldes konstruiert bzw. handhabt. Dass das verstehende Interview dennoch keine willkrlich einsetzbare Methode ist, sondern sich an klaren Regeln orientiert, zeigen die anschlieenden Ausfhrungen.

3. Vorberlegungen und Vorbereitungen Als aller Erstes muss der Forscher geduldig und gewissenhaft eine Reihe von Vorarbeiten leisten und sich dabei immer im Klaren sein, dass jede einzelne Stufe hin zur Theorie von groer Wichtigkeit ist, scheint sie noch so banal zu sein.

3.1.ThemeneinstiegDas ideale Thema sollte klar und motivierend sein, wobei prinzipiell jedes noch so nebenschlich erscheinende Thema geeignet sein kann, solange der Forscher Lust hat, sich damit zu beschftigen und er sprt, dass es dort irgendetwas gibt, das man entdecken kann: 20 Kaufmann, Jean-Claude (2004): Der Morgen danach. Wie eine Liebesgeschichte beginnt. Konstanz: UVK-Verl.-Ges. (Edition discours,36), vgl. S. 182f 21 Weber, Max (1922): Wirtschaft und Gesellschaft 22 Kaufmann,Jean-Claude (1999a): Das verstehende Interview. [Theorie und Praxis].Konstanz: UVK Univ.-Verlag Konstanz (Edition discours), S.12 23 ebd.: S. 13 und S.19

Seite | 48

Fr mich ist das Banale wesentlich, es gibt keinen Gemeinplatz, der es nicht verdiente, sich ber ihn Gedanken zu machen. Das Besondere an der Banalitt besteht darin, dass alle sie kennen und gleichzeitig ignorieren, nur das darber wissen wollen, was sie schon wissen, also ziemlich wenig. 24 Fr Kaufmann war die Funktionsweise von Liebe ein solches Phnomen, das seiner Meinung nach einer genaueren Beleuchtung bedurfte. Dabei war es zunchst ntig, das Thema einzugrenzen. Den Morgen danach sah Kaufmann als besonders geeignet an, da hier die verschiedenen konstitutiven Elemente der Liebe ins Spiel kommen. Trotz der Reichhaltigkeit hatte dieser Gegenstand den Vorteil, dass er sich zeitlich und rtlich leicht abgrenzen lie. Auerdem bietet der Morgen danach einen przisen Kontext, der es der Untersuchung erlaubte in die Tiefe zu dringen und gleichzeitig die Gefahr der Abschweifung und Verzettelung umging. Hinzu kommt nun das Finden der richtigen Ausgangsfragen. Hilfreich kann hier die Empirie sein, was jedoch stets viel Erfahrung erfordert. Deshalb ist es besser, eine Idee im Kopf zu haben, welche man dann als Leitlinie verwenden kann. Dabei bentigt das verstehende Interview nicht allzu viele Ausgangsfragen, vielmehr entwickeln sie sich im Forschungsprozess selbst.

3.2.ExplorativePhaseIn der sich nun anschlieenden explorativen Phase geht es erst einmal darum, sich Hintergrundwissen anzulesen. Dabei kann man beispielsweise nach neuem Wissen suchen, das so noch nicht behandelt wurde oder aus Analogien zu anderen Kontexten weitere Forschungsanreize finden. Anzumerken sei hier, dass es Kaufmann wichtig ist, nicht zu viel Zeit fr die Lektre zu verwenden, da sich eine klare Problemdefinition erst im Forschungsprozess ergibt und es nur darum gehen sollte, auf dem aktuellen Wissensstand bezglich dieses Themas zu sein. Fr die Untersuchung Der Morgen danach suchte Kaufmann beispielsweise in Literatur und Film nach entsprechenden Schlsselszenen. Er fand heraus, dass der Morgen danach nur einen Nischenplatz in der Literatur einnimmt. Zudem verharrte die Kamera lange auf dem Moment des Erwachens, der kurzen Verwirrung und dem improvisierten Frhstck. Ausschlaggebend fr diese Art der Darstellung ist die Tatsache, dass der Morgen danach vor allem eine visuelle Sinneserfahrung ist. Im Anschluss an das Einlesen und Einarbeiten in das Thema, kommt es zur Ausarbeitung der Untersuchungsinstrumente und des Interviewleitfadens sowie einer vorlufigen Gliederung, die im Laufe der Untersuchung immer wieder modifiziert wird.

24 Korsmeier, Antje (2007): Der Alltagsversteher. Gefunden im world wide web: www.taz.de/1/leben/alltag/artikel1/der-alltagsversteher/?src=SE&cHash=dc6be..., aufgerufen am 05.01.2009

Seite | 49

3.3.ForschungsinstrumenteDen ersten Schritt in dieser Phase bildet die Stichprobenziehung, die Kaufmann als weniger wichtiges technisches Instrument ansieht. Dabei ist nicht so sehr die Reprsentativitt entscheidend als vielmehr die korrekte Konstruktion des Forschungsgegenstandes, die Geschichte des Individuums und eine gute Auswahl der Informanten. Unterschiede bezglich des Alters, oder auch der Herkunftsfamilien sollten eine Garantie fr die Vielfltigkeit der gesammelten Erfahrungen sein. Das Instrument des Interviewleitfadens ist als flexible Orientierungshilfe gedacht, wobei man sich im Vorfeld nur wenige, przise Fragen berlegen sollte. Als besonders wichtig sieht Kaufmann die erste Frage an, da diese fr das weitere Gesprch tonangebend sein kann. Diese kann durchaus zentral sein, da hier die anfngliche Offenheit ausgenutzt werden kann, ehe sich der Befragte auf bestimmte Antworten festlegt. Im Idealfall entsteht eine Gesprchsdynamik, welche den Leitfaden unntig macht. Kaufmann whlte bei seinen Befragungen zum Morgen danach einen sehr frei gestalteten Einstieg. Die Personen hatten die Mglichkeit, spontan von dem zu berichten, was ihnen als erstes in den Sinn kam. Es folgten dann sehr przise Fragen, um der Erinnerung dabei zu helfen, Gestalt anzunehmen.

4.PrmissenderInterviewfhrungDie Interviewfhrung selbst ist eine Kunst, die zum einen auf handwerklichem Knnen, zum anderen auf Spontaneitt und Einfhlungsvermgen basiert. Erreicht werden soll ein intensiver Austausch zwischen Interviewer und Befragtem, so dass die wesentlichen Aussagen ans Tageslicht kommen. Im Idealfall hnelt der Gesprchston einer Unterhaltung zwischen zwei Gleichberechtigten, ohne dass jedoch der Forscher seine neutrale Position verliert. Dabei muss dem Interviewer ein schwieriger Balanceakt gelingen, denn in der Wahrnehmu