Waldzeit – Wälder für Winterthur

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    18-Mar-2016
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Eine erste umfassendere Darstellung der Winterthurer Wälder, ihrer Geschichte und ihrer Bedeutung. Neben historischen Betrachtungen kommen im Buch auch aktuelle Fragen zur Sprache. Zum Beispiel: Wie krank ist der Winterthurer Wald wirklich? Oder: Wieviel Wild erträgt unser Wald? Und was heisst eigentlich Naturschutz im Wald?

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  • Michael WiesnerMichael Wiesner

    WaldzeitWaldzeitWlder fr WinterthurWlder fr Winterthur

  • M ichael W iesnerWaldzeit Wlder fr W interthur

  • Michael Wiesner

    WaldzeitWlder fr Winterthur

    Naturw issenschaftliche Gesellschaft W interthur

  • StadtwaldWlder fr die Stadt 8

    KulturwaldSpiegel der Kulturen 24

    BuchenwaldIm Reich der Buche 56

    EiszeitwaldAuf den Spuren der Eiszeit 78

    JagdwaldJagdgrnde 84

    NaturwaldNaturschutz im Wald 94

    ErholungswaldDer Aufschwung beginnt im Wald 108

    WanderwaldStreifzge 116

    BltterwaldLiteraturverzeichnis 128

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    HerausgeberNaturw issenschaftliche Gesellschaft W interthur NGW

    AutorM ichael W iesner

    GestaltungC laude W iesner

    KorrektoratSandra Leis

    BildnachweisM ichael W iesner: Umschlag, S. 8, 10, 12, 15, 24, 27, 29,33, 39 u., 44 o., 51 u. kl. Bild, 56, 61, 62, 63, 64, 65, 67,68, 69, 70, 71, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 83, 84,87, 88, 89, 90, 91, 93, 94, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102,103, 104, 105, 106, 107, 108, 110, 112, 113, 114, 115,116, 117Bildersammlung Stadtbibliothek W interthur: S. 16, 17, 18,19, 21, 28, 31, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 43, 44 u.,45, 46, 47, 50, 51, 52, 53 o., 54 u., 55 o.Marc Dahinden: S. 55 u.Beat Mrki: S. 86

    LithosPS-Lasersatz AG , W interthur

    DruckPeter Gehring AG , W interthur

    1997 M ichael W iesner, CH-8404 W interthurNachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

    ISBN 3-9521356-0-7

    Wlder fr Winterthur

  • Kennen Sie zufllig den Namen des erstenW interthurer Stadtforstmeisters? Nein?Aber vielleicht w issen Sie, wer die W inter-thurer Stadtwlder zeitweise zu einem derweltweit angesehensten Lehr- und For-schungsgebiete gemacht hatte. Und wus-sten Sie auch, dass fr die ersten Waldw irt-schaftsplne die landesweit berhmtestenExperten nach W interthur geholt wurden?Oder dass der Wald noch bis weit in unserJahrhundert hinein ein Segen fr die Stadt-kasse war?Falls Sie jetzt auf einige schwarze Lcher inihrem Bildungshorizont gestossen sind:Seien Sie getrost. Woher sollten Sie denndie Geschichte unseres Waldes bis in alleDetails kennen? Schliesslich spielen dieW interthurer Wlder in unseren Ge-schichtsbchern kaum eine Rolle. Undwenn, dann hchstens eine unbedeuten-de. Dabei war ihre Rolle in der Geschichteder Stadt W interthur keineswegs unbe-deutend. Immerhin hingen Gewerbe undBevlkerung der Stadt whrend Jahrhun-derten am Tropf des Waldes.Diese Abhngigkeit vom Wald und seinenRohstoffen war schliesslich der Grund da -fr, dass die W interthurer ihren Waldbesitzwhrend Jahrhunderten hegten und pfleg-ten und ihn stndig vergrsserten.Heute ist W interthur mit rund 39 ProzentWaldanteil die waldreichste Stadt derSchweiz. Grund genug fr eine erste um-fassendere Darstellung der W interthurerWlder, ihrer Geschichte und ihrer Bedeu-

    tung. Neben historischen Betrachtungenkommen im folgenden auch aktuelle Fra-gen zur Sprache. Zum Beispiel: W ie krankist der W interthurer Wald w irklich? Oder:W ieviel W ild ertrgt unser Wald? Und washeisst eigentlich Naturschutz im Wald?Bitte lesen Sie selbst.

    Dank

    An dieser Stelle danke ich all jenen liebenMenschen, die mir bei der Erarbeitung die-ser Publikation behilflich waren. A llen vor-an meinem Bruder C laude fr seine intensi-ve Arbeit an Karten und Gestaltung. Bei derSuche nach historischen Waldbildern stan-den mir Felix Kellermller und Anna Stiefelvon der Bildersammlung der Stadtbiblio-thek W interthur zur Seite. Fr die kritischeDurchsicht des Manuskripts danke ich fer-ner Klaus Felix Kaiser, Hermann Siegerist,Hans Konrad Schmutz, Markus Christen,Peter Lippuner und Reto Gregori. Dankenmchte ich auch Sandra Leis fr die Korrek-turen und allen Firmen und Institutionen,die mit ihrer finanziellen Untersttzung dieHerausgabe dieses Buches ermglicht ha-ben.Besonderer Dank gebhrt schliesslich mei-ner Frau Marianne und meinen KindernM ichi, Valentin und Simon fr ihre Geduldund ihre Begleitung auf meinen unzhli-gen Waldspaziergngen.

    M ichael W iesner

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    Vorwort

  • W interthur ist die waldreichste Stadt derSchweiz. Statistisch gesehen ist hier mehrals jeder dritte Quadratmeter mit Wald bedeckt. Oder anders ausgedrckt: DerWald beansprucht fast 39 Prozent desW interthurer Stadtgebiets. Dieser Wald-anteil ist hoch. Das besttigt ein Blick berdie Stadtgrenzen hinaus: Der durchschnitt-liche Waldanteil im Kanton Zrich liegtbei 28 Prozent. Im Schweizer M ittellandliegt er noch tiefer, nmlich bei rund 24Prozent.In W interthur leben heute rund zehnmal soviele Bume w ie Menschen. Die Wldernehmen flchenmssig mehr von der Stadtein als alle Gebude, Pltze und Strassenzusammen mehr demnach als das, wasdie Stadt eigentlich zur Stadt macht. Damitkann W interthur landschaftlich gesehen

    auch ohne See jeder anderen SchweizerStadt das Wasser reichen. A llein die Flchedes W interthurer Waldes ist grsser als derganze Walensee und mithin so gross, dassdarauf andere Stdte zum Beispiel Genfoder Basel bequem Platz htten.Eindrcklich auch eine andere Zahl: Wrdeman alle Waldrnder in W interthur anein-anderreihen, kme man auf eine Gesamt-lnge von 130 Kilometern das ist mehr alsdie ganze Lnge der Thur.

    Vom Wald geprgt

    Der Wald prgt die W interthurer Land-schaft eine Landschaft, die sich in diesemJahrhundert so schnell und so radikal ver-ndert hat w ie nie zuvor. Die Stadtvereini-gung 1922, spter der W irtschaftsauf-

    Wlder fr die Stadt

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    schwung und das damit verbundene Be-vlkerungswachstum fhrten zu tiefgrei-fenden Vernderungen der Landschafts-struktur: Das Siedlungsgebiet breitete sichaus, Grnflchen verschwanden, und ab-wechslungsreiche Naturrume w ichen As-phaltwsten und Agrarlandschaften. Das

    Niederfeld in Wlflingen zum Beispiel einst ein vielfltiger Flussraum gehrtheute zu den an Naturwerten rmstenLandschaftsrumen der Stadt. Oder dasGebiet nrdlich von Hegi: Diese Landschaftist heute vollstndig ausgerumt und aufindustriellen Ackerbau getrimmt.

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    W L D E R F R D I E S T A D T

    Im Zweiten Weltkrieg gerodet: Das Hardholz und das zu Hegi gehrende Stahlhlzli

    Die Landschaft nrdlich von Hegi ist heute vollstndig ausgerumt und arm an Naturwerten

    Waldgebiete in W interthur

  • der grsste der W interthurer Wlder aus:der Eschenbergwald. Den Abschluss imOsten bilden der Etzbergwald und der Hul-men. Und ganz im Westen der Stadt liegtder Beerenbergwald.Grssere Waldgebiete bedecken zudemdie Talflanken des Dttnau sow ie denBrelberg und den Wolfensberg. Danebenfinden sich Wlder nrdlich von Stadel, ander Grenze zu Zell (Schartegg) und schliess-lich nrdlich der Wallrti in Oberw interthur(Schoren).

    Wem gehrt der Winterthurer Wald?

    Von den rund 26,3 QuadratkilometernW interthurer Waldflche gehren nahezu16,8 Quadratkilometer also mehr als dreiFnftel der Stadt W interthur. Sie besitztneben den zahlreichen Wldern auf demStadtgebiet auch mehrere Waldgebiete imTsstal: am Kmberg in Turbenthal (1,8Quadratkilometer) und im Gebiet Horns-

    ge sdlich der Rmismhle in der Gemein-de Zell (0,28 Quadratkilometer).Fnf Waldgebiete in W interthur gehrendem Kanton Zrich; sie umfassen eine Fl-che von insgesamt 2,3 Quadratkilometern:Zu den Staatswldern gehren ganz oderteilweise die Waldgebiete Orbel, Hh-wald und Holzhuser auf dem Hegiberg, dasGebiet Ebnet in Tss, das Niesenbergholzgegen Kemptthal und eine grssere Flchezw ischen Rossberg und Eschenberg (Bann-halden). Die Staatswlder sind direkt derStaatsforstverwaltung unterstellt.Schliesslich besitzt auch der Bund genau-er: die SBB eine Hektare* Wald auf W in-terthurer Stadtgebiet.Die Holzkorporation Oberw interthur kauf-te 1832 dem Kanton Zrich den nordstli-chen Teil des Lindbergwaldes und etwa 60Hektaren Wald in Ricketw il (Andelbach)

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    Immerhin konnten die Wlder dem Druckder Landw irtschaft und der Siedlungsge-biete bis heute weitgehend w iderstehen allerdings nicht aus eigener Kraft, sonderndank fortschrittlicher Forstgesetze und ei-ner weitsichtigen Bodenpolitik der Stadt.Seit rund 150 Jahren hat sich an der Flcheund der Verteilung der W interthurer Wl -der wenig gendert. Auf der W ildschenKarte aus der M itte des letzten Jahrhun-derts ist aber zu sehen, dass einige bedeu-tende Waldgebiete erst seit Erscheinen die-ser Karte entstanden oder verschwundensind: Im Leisental oder auf dem Etzberg zumBeispiel dehnten sich vor 150 Jahren an

    Stelle der heutigen Wlder noch grssereA c k e r- und Weideflchen aus. Andere r s e i t swar damals die Tssebene in der Mhlaubei Sennhof viel strker bewaldet als heu-te. Und fr die Anbauschlacht im ZweitenWeltkrieg fielen ein grsseres Waldgebietin Wlflingen (Hardholz) und ein kleineresin Hegi (Stahlhlzli) der Axt zum Opfer.Heute umgeben acht grosse Wlder dasW interthurer Siedlungsgebiet (siehe KarteSeite 11). So verschieden diese Waldgebie-te sind, eines haben sie gemeinsam: Sie lie-gen auf Hgeln. Im Norden der Stadt liegtder Lindbergwald. Ihm gegenber, im S-den zw ischen Seen und Tss, dehnt sich

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    Wlder bestimmen das Landschaftsbild um Seen: Eschenbergwald (vorne) und Etzbergwald (hinten)

    * 1 Quadratkilometer (km2) = 100 Hektaren (ha) =10000 Aren (a) = 1000000 Quadratmeter (m 2)

  • W interthur unter anderen auch die WlderEschenberg und Lindberg. A ls 1264 GrafHartmann, der letzte Kyburger Graf, ohneNachkommen starb, fiel das ganze Erbe anseine Schwester, die mit einem Habsburgerverheiratet war. Noch im selben Jahr er-neuerte Graf Rudolf von Habsburg, einNeffe des verstorbenen Kyburger Grafen,das W interthurer Stadtrecht. Dadurch ka-men die W interthurer zum endgltigenNutzungsrecht fr den Eschenbergwald.Sie konnten den Eschenbergwald zwarauch frher nutzen, doch bis zur Erneue-rung des Stadtrechts schuldeten sie derObrigkeit dafr eine Abgabe. Ganz andersdie Bauern: Sie konnten seit je ihren Eigen-bedarf unentgeltlich aus den Wldern derHerrschaft decken. Der neue Stadtbriefrumte dieses Recht allen Brgerinnen undBrgern der Dorfgemeinde Niederw inter-thur ein. Nun konnten auch sie nach Belie-ben den Eschenbergwald plndern: Holzschlagen, das Vieh weiden lassen oderStreue und Futter sammeln alles ganzumsonst. Das Jagdrecht indes behielt Ru-dolf von Habsburg ab 1273 deutscherKnig fr sich.Im Stadtrechtsbrief von 1264 heisst es:Item der wald genant Eschaberg sol mitdem gemeinen rchte, daz ze ttsch ge-nmt w irt gemeinmerch, von nun an fr-bass hin in den brch der genanten stat val-len; in zlen und marchen, gerchtigkeitenund burdinen, w ie die bishin von altem hrkunt sint.Diese Bestimmung war klar: Der Eschen-berg soll in alle Zukunft gemeinmerch ge-meine Mark oder im weiteren Sinne A ll-mend der Stadt W interthur sein, das

    ab. Diese Waldgebiete waren bis dahin mitNutzungsrechten der Brger von Oberw in-terthur belastet. Spter vergrsserte dieHolzkorporat ion ihren Waldbesitz durchAnkufe auf die heutige Flche von 152Hektaren.Der 1836 gegrndeten HolzkorporationHegi gehrt das 19 Hektaren grosse Wald-stck Schnholz an der Grenze zu W iesen-dangen. Ebenfalls 19 Hektaren umfasstdas am westlichen Wolfensberghang gele-gene Waldgebiet Chilenholz. Seit 1844 istdie Kirchgemeinde Wlflingen vollrechtli-che Eigentmerin dieses Waldgebiets.

    Zahlreiche Privatwaldbesitzer

    W ie die Gemeindewlder entsprangenauch die Korporationswlder dem Ge-meinschaftswald der traditionellen buerli-chen Nutzungsgemeinde. Das Gesetz stelltdie Gemeinde- und Korporationswlderauf die gleiche Stufe. Das heisst: Auch dieHolzkorporationen mssen einen Frsterwhlen, W irtschaftsplne erarbeiten unddem zustndigen Kreisforstmeister desKantons regelmssig Bericht erstatten. Ne-ben der Stadt, dem Kanton und den Korpo-rationen nennen noch einige hundert Pri-vatpersonen ein mehr oder weniger gros-ses Stck W interthurer Wald ihr eigen.Fr Spaziergnger oder Jogger sind die Be-sitzverhltnisse unerheblich. Wem auchimmer ein Stck Wald gehrt: A lle drfenes betreten und darin w ild wachsende Bee-ren pflcken und Pilze* sammeln. Einzig

    Gebiete, die zum Schutz des Jungwuchsesrespektive aus Sicherheits- oder aus Natur-schutzgrnden abgesperrt sind, drfennicht betreten werden.

    Wurzeln im 13. Jahrhundert

    Das grsste zusammenhngende Waldge-biet in der Stadt W interthur ist der Eschen-bergwald. Seine Ausdehnung betrgt heu-te rund 7,6 Quadratkilometer.Auf dem Eschenberg wachsen Eschen; da-her der Name dieses Waldgebietes. Die er-ste Behauptung stimmt, die zweite nichtunbedingt. Zwar knnte durchaus die alt -hochdeutsche Bezeichnung ask (Esche) n a-mengebend gewesen sein. Ebenso knntenaber auch die althochdeutschen Begriffeezzisc (Saatfeld; Ort des Ackerbaus) oderasca (Asche; Rodung durch Feuer) zum Na-men Eschenberg gefhrt haben. A lle dreiErklrungen ergben einen Sinn.Der Eschenbergwald bildet historisch gese-hen das Fundament der W i n t e rt h u rer Stadt-waldungen, der Wlder also, die heute derStadt W i n t e rthur gehren . In den Ge-schichtsbchern taucht der Eschenbergschon frh auf; bereits 1246 wurde derAschaberk urkundlich erwhnt. Unter demGesichtspunkt der Besitzverhltnisse lie-gen die Wurzeln der W interthurer Stadt-wlder also im 13. Jahrhundert. Damalskam die Stadt zwar noch nicht in den Be-sitz dieses Waldgebietes, doch immerhinzum unbestrittenen Nutzungsrecht.Die Kyburger, eines der grossen Herrscher-geschlechter des 13. Jahrhunderts, domi-nierten damals die Region um W interthur,und ihnen gehrten als Stadtherren von

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    * Pilzschontage im Kanton Zrich: erster bis zehnter je-des Monats

  • unbedeutende Jagdrecht der Obrigkeit.Nur die Hfe blieben vorerst Eigentumfremder Vgte.

    Landwirtschaft statt Wald

    Der Eschenbergwald war im M ittelalterkleiner als heute. Eigentliche Rodungswel-len hatten den Wald vielerorts weggefegtund ausgedehntes Acker- und Weidelandhinterlassen. Auf der Landkarte von Jo-hann Conrad Gyger aus dem Jahre 1660sind die grossen waldfreien Gebiete aufdem Eschenberg noch deutlich zu sehen.Damals war der Eschenberghof nicht w ie

    heute vollstndig von Wald umgeben, son-dern mit dem nicht mehr bestehenden HofHsental bei Sennhof durch Kulturland ver-bunden. Dieses Landw irtschaftsgebiet warmehr als doppelt so gross w ie die heutigeWaldlichtung. Auch die heute bewaldetenTler Hsental und Leisental waren bis M it-te des letzten Jahrhunderts landw irtschaft-lich genutzte Gebiete.Zug um Zug kaufte die Stadt die zur Kyburgund spter zur Stadt Zrich gehrendenHfe auf dem Eschenberg auf. Diesenstand bis dahin noch immer das Recht zu,im Eschenbergwald zu holzen und ihre Tie-re weiden zu lassen. Von diesen Einschrn-

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    heisst gemeines, unverteiltes Gut, das denGesamtinteressen dient. Zu deren Schutzerliess die Stadt Verordnungen: Wer dage-gen verstiess, wurde bestraft.A llerdings war die Stadt nicht alleinigeNutzniesserin des Eschenbergwaldes. Zahl-reiche M itnutzer, darunter natrlich dasHaus Kyburg selbst und die ihm gehren-den Hfe auf dem Eschenberg, bedientensich vorerst nach Lust und Laune aus die-sem Waldgebiet. Zu den Nutzniessern desEschenbergwaldes gehrte lange Zeit auchder Veltemer Weingarten; er bezog ausdiesem Waldgebiet seine Rebstickel unddas waren nicht wenige: noch Ende des 17.Jahrhunderts rund 7000 Stck pro Jahr.Der Eschenberg wurde der Stadt also nichtgeschenkt, sondern blieb zunchst im Be-sitz Rudolfs von Habsburg und ging dann1452 in den Besitz der neuen Herrschaft,der Stadt Zrich ber mitsamt der Hofge-meinschaft Eschenberg und einigen ande-ren nahe gelegenen Hfen.

    Das Jagdrecht blieb w ie schon erwhnt beiKyburg, dann bei Zrich. Fr einige Brisanzsorgte die Falkenjagd. Ihretwegen gerietensich Zrich und W interthur im Jahre 1502in die Haare. W interthur bat Habsburg umHilfe vergeblich: Zrich stellte klar, dassdas Federspiel im Eschenbergwald Sacheder Brger von Zrich sei. Spter verpach-tete die Hauptstadt die Falkenjagd, die bisins 18. Jahrhundert gepflegt wurde, vor al-lem an W interthur. Das war den W inter-thurern indes nicht genug: Sie hatten mitZrich ein Abkommen getroffen, in demihnen innerhalb der Landvogtei Kyb u rg be-stimmte Jagdre v i e re zuerkannt wurden. Zudiesen gehrte ab 1715 auch der Eschen-berg. Weitere zugew iesene Jagdgebietebefanden sich im Lindbergwald.Nach und nach verw ischten sich dieRechtsverhltnisse um den Eschenberg-wald; das w irtschaftlich bedeutende Nut-zungsrecht verfestigte sich zum Eigentum.G leichzeitig verschwand das w irtschaftlich

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    Winterthur und der Eschenberg: Karte Von dem Zrichgu von Jos Murer aus dem Jahre 1566

    Die Gyger-Karte aus dem Jahre 1660 zeigt sehr schn die waldfreien Gebiete auf dem Eschenberg

  • Ihr unfltiges Benehmen bot immer w iederAnlass zu Strafen durch den Scharfrichter.Einer der Brder landete 1522 sogar auf demS c h e i t e rhaufen. Drei Jahre spter endetenauch die A ltarstatuten in den Flammen: DieReformation legte die Kapelle still. In dieserZeit nahm die Stadt das Bruderhaus in Be-

    sitz. Nachdem 1530 der letzte Waldbrudergestorben war, wurde das Bruderhauszum Ruhesitz fr Betagte. 1786 wurde dieKapelle abgebrochen, und 1818 wandelte die Stadt das Bruderhaus ins stdtischeForsthaus um. Bis 1830 blieb es Wohnsitzdes ersten Stadtforstmeisters Andreas

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    kungen wollten sich die W interthurer be-freien: Zw ischen 1520 und 1756 erwarb dieStadt deshalb die Hfe Hngg (1520) undB runnenwinkel (1526) im Westen desE s c h e n b e rgs sow ie die Hfe im Leisental(1520) und im Hsental (1756). Die Hofge-meinschaft Eschenberg schliesslich kamnach und nach ebenfalls in den Besitz W in-terthurs (1598/1699/1725).In den dreissiger Jahren des letzten Jahr-hunderts begann die Stadt diese Gebieteaufzuforsten: Die aufgekauften Hfe ver-schwanden, die entsprechenden Gebudew u rden abgerissen und das ehema ligeLandw irtschaftsland w ieder zu Wald. Ein-drcklich ist die Aufforstung des alten Bau-erngutes im Leisental 1850: Nach 350 Jah-ren buerlicher Nutzung wurde aus diesemLandw irtschaftsgebiet eine fr W interthureinmalige Waldlandschaft.Von den meisten Hfen blieb nichts mehrbrig ausser den heute noch gebruchli-chen Flurnamen. Einzig einen Teil der ehe-

    maligen Hofgemeinschaft Eschenberg hatdie Stadt erhalten, zur W irtschaft umge-baut und 1989 mit einem neuen Landw irt-schaftsbetrieb ergnzt.So w ie die Hfe auf dem Eschenberg ver-schwanden auch die Mhle am HinterenChrebsbach und die Burg auf dem Gamser.Sie soll ein Vorposten der Kyburg gewesensein, um den Eingang ins obere Tsstal zusichern. Die gleiche Aufgabe hatte wohlauch die Burg Langenberg, die ber demReitplatz stand.

    Vom Bruderhaus zum Forsthaus

    M itten in einer Waldlichtung im Eschen-bergwald liegt das Bruderhaus, ein ehe-mals kleines Landw irtschaftsgut. WhrendJahrhunderten zogen sich glubige Mn-ner und zw ischenzeitlich auch Frauen ins Bruderhaus zurck, um da ungestrtGott dienen zu knnen. Doch die Wald-brder lebten nicht immer gottesfrchtig:

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    Der Hof Leisental um 1810, im Hintergrund die Kyburg (lbild von Salomon Brunner, 17781848)Wild-Karte 1850: Zum letzten Mal zeigt eine Karte den Hof Leisental und das offene Flussbett der Tss

    Das Bruderhaus in der Mitte des letzten Jahrhunderts: Vom stdtischen Forsthaus zum Waldwirtshaus

  • stet. Der Etzberg war schon im Frhmittel-alter besiedelt. Aus dieser Zeit drfte auchsein Name stammen: Der erste Besiedlersoll Ezzo gewesen sein. Die Waldlichtungauf dem Etzberg bestand bis M itte des letz-ten Jahrhunderts. Neben Ackerbau undM ilchw irtschaft wurde dort auch etwasRebbau betrieben.Was die Besitzverhltnisse betrifft, so hatder Etzberg eine bewegte Geschichte: Im-mer w ieder wechselten einzelne Gebietedie Hand. Der Etzberg war schon frh imBesitz reicher Familien. Zu ihrem Seelenheilvermachten viele ihre Hfe der Kirche zuEigentum oder zur Nutzung. Spter ver-kauften die zum Teil hoch verschuldetenKirchen diese Besitztmer weiter. So muss-te zum Beispiel das Kloster Petershausenseinen Besitzanteil am Etzberg im Jahr1580 an die Stadt Zrich verkaufen. A ls1825 der letzte Pchter dieses Gutsbe-triebs starb, begann das kantonale Forst-amt mit der Aufforstung des heute noch

    bestehenden Staatswaldes auf dem HinterEtzberg. Der Hof auf dem vorderen Etzbergwurde 1847 von der Gemeinde Seen ber-nommen und spter aufgeforstet.

    Waldrodungen im Vogelsang

    Im letzten Viertel des vorigen Jahrhundertserlebte die W interthurer Industrie einen ra-santen Aufschwung. In jene Zeit fielenauch die Grndungen von Banken undHandelshusern und der SchweizerischenUnfallversicherungsgesellschaft. Sie doku-mentieren den Beginn einer florierendenW irtschaft. Die W interthurer Bevlkerungwuchs rasch an und mit ihr auch der Be-darf an Bau- und Industrieland. Doch ge-nau daran fehlte es allenthalben.Deshalb wollte die Stadt die damaligenWaldgebiete Vogelsang und das sdlich da-von gelegene Gulimoos roden. Zwar ver-langte das zrcherische Forstgesetz fr Ro-dungen schon damals gleich grosse Ersatz-

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    Weinmann. Dann fanden die W i n t e rt h u re r,es sei nicht gut, dass der Forstmeister dau-ernd unter Bumen lebe, er msse auchim Kontakt mit seinen M itbrgern bleiben.Seit 1838 ist das Bruderhaus ein Waldw irts-haus. 1890 legte ein W ildparkverein einGehege an, das die Stadt M itte dieses Jahr-hunderts mitsamt dem Tierbestand ber-nahm. 1971 wurde die alte W irtschaft um-gebaut und vergrssert und der kleineLandw irtschaftsbetrieb aufgegeben.

    Lindbergwald inbegriffen

    W ie der Wald auf dem Lindberg ursprng-lich in den Besitz der Stadt kam, ist nichtbekannt, denn ber den Erwerb diesesWaldes liegen keine Akten vor. Zumindestein Teil des Limpergs gehrt aber sicher seitdem 13. Jahrhundert der Stadt.Der Lindbergwald war wahrscheinlich schonzur Zeit Rudolfs von Habsburg grsstenteilsin der Waldung Eschenberg inbegriffen. Ent-sprechend kamen die W interthurer eben-falls per Stadtrechtsbrief zum endgltigenNutzungsrecht. Und w ie beim Eschenbergblieben Jagdrecht und Gerichtsbarkeit beimEigentmer; zuerst bei Kyburg, dann beiHabsburg und schliesslich bei Zrich.Immerhin hat die Stadt im vorderen Teil desLindbergs einige Gebiete hinzugekauft: dieHfe Lrlibad (1527) mit den drei dazuge-hrenden Quellen und Ssenberg (1593).B e reits vor 1478 waren die ehemaligen Lind-berghfe Ackern, A ltenburg und Lindbergim Besitz der Stadt.Heute gehren der Stadt W interthur dieGebiete Ischluss, Ssenberg, Eichwald, Eich-bel, Rmerholz, Weiherholz, Eggenzahn

    und Stockbrunnen im westlichen Teil desLindbergwaldes. Im Ostteil besitzt die Holz-korporation Oberw interthur das GebietRtenen-Erlen, und Privaten w iederumgehren Waldparzellen gegen Reutlingenund im Mockentobel.In den Waldgebieten Schnbhl, Egg, Elendund Brudergarten nrdlich von Stadel ber-nahm die Stadt zahlreiche Parzellen, als sie1598 das Schloss Mrsburg erwarb. Zw i-schen 1903 und 1912 kaufte sie vor allemum die Mrsburg herum weitere Waldpar-zellen auf.

    Viehweide am Brelberg

    ber den Kauf des Brelbergwaldes ist we-nig bekannt. Vermutungen zufolge soll erzur Herrschaft Wlflingen gehrt habenund schliesslich vom damaligen Besitzer andie Stadt verkauft worden sein. AndereMutmassungen besagen, dass er als Weide-oder Waldboden von jeher der Stadt ge-hrte. Diese Hypothese erhlt Unterstt-zung durch den Namen Brelberg. Er sollsich aus dem althochdeutschen broil oderbruil herleiten, womit eine wasserreiche,buschige W iese, Aue oder ein Rasenplatzgemeint ist. Zumindest der untere Teil ge-gen die Eulach war frher eine Viehweide.Die Waldpartie im Westen des Brelbergsgehrte bis vor 75 Jahren zum Gemeinde-wald Wlflingen. Sie kam mit der Einge-meindung der Vororte 1922 zur Stadt. DieWlder um A lt Wlflingen kaufte die Stadtim Jahre 1760 Oberst Salomon Hirzel ab.W ie zahlreiche andere Waldgebiete in W i n-terthur wurde auch der Etzberg einst land-w i rtschaftlich genutzt und spter aufgefor-

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    Gyger-Karte von 1660: Hfe auf dem Etzensperg

  • damals ohnehin Gebiete in der Region desTssstocks, um durch Aufforstungen diew ilde Tss zu bndigen. Doch aus diesemGeschft wurde nichts: Der damalige Stadt-forstmeister wehrte sich erf o l g reich gegenden Verkauf des Kmbergwaldes. DiesesWa l d revier hat die Stadt seither durch wei-t e re Ankufe und Aufforstungen stndigv e rg r s s e rt. So auch damals, als fr denFriedhof Rosenberg und die Klran lage HardWald gerodet wurde. Bei der Stadtvere i n i-gung war das Revier Kmberg 150 Hekta-ren gross, heute umfasst es 180 Hektare n .Um fr die wachsende Bevlkerung gen-gend Trinkwasserfassungen bereitstellenzu knnen, begann die Stadt noch im letz-ten Jahrhundert, grundwasserreiche Ge-biete im Tsstal zw ischen Rmismhle undRikon aufzukaufen. So entstand das Stadt-waldrevier Hornsge, das heute rund 28Hektaren umfasst.Die in jngerer Zeit wohl bedeutendste Er-weiterung der W interthurer Waldflche er-

    folgte vor 75 Jahren: M it der Eingemein-dung der Vororte im Jahre 1922 vergrs-serte die Stadt W interthur ihren Waldbesitzmit einem Schlag um rund 50 Prozent, von1209 auf 1787 Hektaren.W ie die ehemaligen Vorortsgemeinden vorder Eingemeindung zu ihren Wldern ka-men, ist nur teilweise dokumentiert. Im-merhin w issen w ir genau, welche Wlderdie Vorortsgemeinden in die Stadtvereini-gung mitbrachten: So gehrten zum dama-ligen Gemeindewald Wlflingen die Wald-gebiete Hard, Beerenberg, Brelberg undChomberg. Die Gemeinde Veltheim besassdas beachtliche Waldgebiet auf dem Wol-fensberg. Der Gemeinde Seen gehrtendie Waldgebiete Nbrechten und Etzberg,und die Gemeinde Tss besass verschiede-ne kleinere Waldparzellen aus dem frhe-ren Klosterbesitz. Schliesslich bleiben nochdie Waldgebiete Bestlet und Hulmen: Siegehrten den ehemaligen ZivilgemeindenOberseen und Eidberg.

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    a u fforstungen. Ob allerdings auch die Stadtfr die geplanten Rodungen im Vogelsangund Gulimoos solche Aufforstungen httevornehmen mssen, ist unklar. Denn seit1838 hatte die Stadt einen grossen Teil desKulturlandes der Eschenberghfe und derfrheren Hfe Hsental und Linsental frei-w illig aufgeforstet insgesamt mehr als1,4 Quadratkilometer. Ausserdem verlangteauf eidgenssischer Ebene erst das Forstge-setz von 1902 fr jede Rodung zw ingendeine Ersatzaufforstung. Und Paul Lang Stadtforstmeister von 1928 bis 1960 fol-gerte daraus, dass die Stadt auch ohne Er-satzaufforstungen grssere Flchen htteroden drfen.W ie auch immer: Der Stadt war damals vieldaran gelegen, ihren Waldbesitz immer-hin eine w ichtige Einnahmequelle nichtzu verkleinern. Sie sah sich deshalb nachzustzlichen Waldgebieten ausserhalb ih-rer Grenzen um und fand solche auch oberhalb von Turbenthal im Tsstal.

    Die Gemeindeversammlung bewilligte 1873den Kauf der betreffenden Parzellen. DieStadt erwarb also vier Hfe am K m b e rg inTurbenthal mitsamt umliegendem Acker-und W iesland und grsseren, allerdingsheruntergew irtschafteten Waldp a rz e l l e n :insgesamt rund 93 Hektaren. Dieser Kaufals Ersatz fr die zur Rodung vorgesehenenWaldgebiete Vogelsang und Gulimoos wur-de vom damaligen Stadtforstmeister KasparWeinmann stark gefrdert.Der Wald im Vogelsang wurde schliesslichgerodet, im Gulimoos hingegen blieb erstehen. Die Hfe am Kmberg wurden ab-gerissen und das dortige Gebiet aufgefor-stet. Die Rendite allerdings liess auf sichwarten. Weil das Gebiet whrend 25 Jah-ren unverndert klein blieb und die Last desNationalbahndebakels schwer drckte,wurden gegen Ende des vergangenenJahrhunderts immer hufiger Stimmenlaut, die einen Verkauf des Kmbergwal-des an den Kanton forderten. Der kaufte

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    W L D E R F R D I E S T A D T

  • Seit Jahrhunderten nutzen die W interthu-rer die umliegenden Wlder der Zeit ent-sprechend auf verschiedene Weise. DerWald als Naturraum hat sich dadurch ver-ndert. Sein Erscheinungsbild war stets einSpiegel der Stadt und des Lebensstils ihrerBewohner. Und vor allem: Es war und istein Sinnbild fr das Verhltnis der W inter-thurer zu ihrem Wald.Bereits im 13. Jahrhundert, als die Kybur-ger das Nutzungsrecht fr den Eschen-bergwald verbrieften, war dieser gezeich-net von einer starken bernutzung. Nichtohne Grund kaufte die Stadt viele Land-w irtschaftsgebiete und forstete sie auf: Dieausgeplnderten Wlder vermochten kaummehr den zunehmenden Holzverbrauch zudecken.

    Auf dem Holzweg

    Schon frh hatten die W interthurer einengrossen Bedarf an Bau- und Brennholz: Ar-chologen fanden im Keller des Waaghau-ses das Fundament eines Holzhauses, dasvor 1200 gebaut wurde. Und Grabungenan der Marktgasse 44 frderten berrestevon Holzbauten aus dem 10. bis 13. Jahr-hundert zutage.Fr den Bau und Unterhalt ihrer ffentli-chen Gebude bediente sich die Stadt seitje aus den umliegenden Wldern. A lleindie mittelalterlichen Festungen brauchtenriesige Mengen Holz, genauso w ie die Kir-chen und Schulen.

    Der erste bekannte Rathausbau aus demJahre 1435 war vollstndig aus Holz. DerRathausbau von 1782 war zwar ein Stein-bau, dennoch wurde viel Bauholz verwen-det: rund 500 Kubikmeter. Rechnet manmit 1,2 Kubikmeter nutzbarem Bauholz proBaumstamm, entspricht dieser Verbrauchfast 420 Baumstmmen. Noch grsser wardie Holzmenge, die der Bau des neuen Spi-tals am Neumarkt von 1806 verschlang:1100 Kubikmeter oder 920 Baumstmme.Fr die Stadt-Metzg, die Schtzenhuserund viele andere ffentliche Gebude wur-de ebenfalls viel Bauholz verbraucht.Selbstverstndlich wurden auch Brcken,Brunnenstcke und -trge lange Zeit aus-schliesslich aus Holz gebaut. Viel Holz be-ntigte zudem die Bedeckung des Stadt-kanals. Grssere Mengen Holz verbrauch-ten auch die Mhlen und Badstuben; nichtnur fr Bau und Renovationen, sondernauch fr das Aufheizen des Wassers.Seit M itte des 15. Jahrhunderts gab es inW interthur den Brgernutzen: Jeder Haus-halt erhielt jhrlich ein Quantum Brenn-holz. Um 1700 betrug der Brgernutzendrei Klafter etwa neun Kubikmeter.Weil eine solide Bauweise und der regel-m ssige Unterhalt der Privathuser in derStadt ein militrisches und damit ffentli-ches Anliegen waren, wurde Bauholz langeZeit gratis abgegeben. Holz war whrendJahrhunderten so begehrt, dass das stdti-sche Bauamt ein lukratives Geschft mit Holzaus dem eigenen Depot aufziehen konnte.

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    Spiegel der Kulturen

  • In schlechten Heujahren schneitelten dieBauern Ersatzfutter im Wald. Das heisst: Sieschnitten feine Laubzweige von Ahorn,Linde und Ulme als Futter fr Ziegen undSchafe. Zudem nutzten die W interthurer inihrem Haushalt viele ntzliche Produkteaus den umliegenden Wldern: Wacholderfr Rauchfleisch, Eichen- und Fichtenrindefr die Rotgerberei, Harz zum Abdichtender Fsser, fr den Wschesud oder zumBrhen der Schweine, Lindenbast zum Bin-den der Reben, Weidenruten zum Flechtenvon Krben und schliesslich auch trocke-nes Laub fr Laubscke und als Stallstreue.W ichtig waren auch Heilpflanzen aus demWald. Und wahrscheinlich brannten dieW interthurer schon im 13. JahrhundertHolzkohle. Durch diese Nebennutzungenentzogen die W interthurer ihrem ohnehinschon angeschlagenen Wald zustzlichw ichtige Nhrstoffe.

    Im Dickicht der Paragraphen

    Vor allem aber der enorme Verbrauch vonBau- und Brennholz w irkte sich schon baldprekr auf den Wald aus und auf dieStadt. A ls sie nmlich 1313 abgebranntwar, fehlte es nach dem W iederaufbau al-lenthalben an Bauholz. A ls Reaktion darauferliess die Stadt unzhlige Verordnungenund Bestimmungen, die nur eines zum Zielhatten: den Holzverbrauch zu mssigenund den Holzvorrat der W interthurer Wl-der zu steigern. Schon ein halbes Jahr nachder Brandkatastrophe erliess die Stadtre-gierung eine Verordnung, die den Steinbaufrderte und den Holzbau vom Ermessendes Rates abhngig machte.

    Bis zu einem gew issen Grad ersetzte Holzsogar das Geld als Zahlungsmittel. Noch im19. Jahrh u n d e rt wurden von der Stadt gro s-s e Mengen Holz als Ehrengabe und als Lohnoder als Lohnbestandteil ausbezahlt: an dieM itglieder der Behrden als Ehrengabe inF o rm sogenannter H e rren- und K o m p e t e n z-b e i g e n und an Angestellte als Dienstlohn.Auch die Mitglieder des Kleinen und desG rossen Rates, diejenigen des Stadtgerichts,der erste Stadtpfarrer sowie alle Lehre r, Fr-s t e r, Scharfrichter und Hebammen kamenin den Genuss einer Extra-Portion Holz. Undfr spezielle Anlsse gabs nochmals Holz:die Schtzentanne den Feuerschtzen, dieK f e rtanne den Kfern bei der Hochzeit,a u s s e rdem die Tannen fr den Bau- undHolzamtmann beim Amtsantritt und beimRcktritt und den Mllern schliesslich alled rei Jahre Bauholz fr den Unterhalt ihre rWa s s e rr d e r. Kleinere Mengen Bre n n h o l zw u rden zudem als Untersttzung an die Ar-men abgegeben. Mittellose W itwen zumBeispiel erhielten die W i t w e n b e i g e n .In der ersten Hlfte des 19. Jahrhundertswurde das Brennholz etwa 2700 Klafterpro Jahr den Bezugsberechtigten zumHaus gebracht, das Bau-, Sg- und Nutzholzhingegen wurde auf den Schlgen verkauft.Bis 1860 befriedigte die Stadt ihren Brenn-holzbedarf ausschliesslich aus den eigenenWldern. So endete mancher Stamm, derdurchaus als Bauholz getaugt htte, alsBrennholz. Weil die Preise fr Bauholz in-des rasch stiegen, beschloss die Gemeinde1860, das fr den Brgernutzen notwen-dige Brennholz in Sddeutschland einzu-kaufen und die als Bauholz verwendbarenStmme knftig zu verkaufen.

    Dieser Beschluss brachte schon im folgen-den Jahr ansehnliche Mehreinnahmen indie Stadtkasse. Neben Holz verkaufte dieStadt aus ihren Wldern auch Harz, Rinde,Pflanzen, Steine und Lehm.

    Auch beim Vieh begehrt

    Eine bestimmte Form der Waldnutzung warin der Vergangenheit von besonderer Be-deutung: die Waldweide. Davon zeugenFlurnamen w ie Chalberweid, Geissbel oderChuestelli. Weil die Landw irtschaft nochkeine Stallftterung kannte, weidete dasVieh auf der A llmend und auf der Brach-zelg, vor allem aber im Wald. Die Waldwei-de war ein fester Bestandteil der Dreifel-derw irtschaft. Schweine, Rinder, Ziegenund Schafe wurden zur Ftterung regel-mssig in den Wald getrieben. Ausserdemwurden im Herbst Eicheln und Buchen-nsschen als W intervorrat fr die Schwei-ne gesammelt. Die freie Waldweide war frdie Kleinbauern enorm w ichtig, aber sieverschrfte den prekren Zustand derStadtwlder. Die scharfen Hufe der Tiereschdigten die Baumwurzeln und verdich-teten den Waldboden. Die Laubbume lit-ten besonders stark unter der Waldweide:Ihre saftigen Knospen waren bei den Tierensehr begehrt

    Ntzlich und doch schdlich

    Auch die Menschen taten sich an den Na-turprodukten aus dem Wald gtlich: Siebeuteten nicht nur Holz aus, sie sammeltenzum Beispiel auch Laubfutter, Gras, Kru -ter, Pilze, Beeren oder Laubstreu.

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  • drcklich schwren, keine Rottannen zufllen, wenn die Weisstannen den Zweckauch erfllten. 1513 schrnkte die Stadtdie Abgabe von Tannenholz fr Dachschin-deln ein und begann dafr mit der Sub-ventionierung von Tonziegeln. Im Jahre1559 wurde die Aufforstung neu geregelt;wenn ein Waldschlag abgeschlossen war,musste das Gebiet eingezunt und aufge-forstet werden. Eine Verordnung von 1550sorgte fr einen sorgfltigeren Umgangmit dem kostbaren Holz: Untersagt warenzum Beispiel der Verkauf des eigenen Bre n n-holzes, das absichtliche Fernbleiben vonden Terminen, an dem das Holz zugeteiltwurde, der Aufkauf der Rebstecken undder Handel damit oder das Verfaulenlassendes zugeteilten Holzes. Schliesslich verbotder Rat 1641 auch das Harzen im Wald.Um all die stdtischen Verordnungen bes-ser durchsetzen zu knnen, wurde 1667ein Forstamtmann (Holzamtmann) an dieSpitze der Forstverwaltung gewhlt.

    Beim Holzfllen wurde in jener Zeit immerw ieder gestockt. Das heisst: Arme Brgerhatten entgegen den Weisungen des Ra-tes die beim Fllen briggebliebenenStumpen mit der Axt aus der Schale ge-hauen, also die Stmme bis zur Wurzel ab-geschlagen und sogar die Wurzelstckeherausgenommen. Der Rat forderte indesbis ins 19. Jahrhundert, dass die Stmmeaus Rcksicht auf die Verjngung deutlichber der Wurzel geschlagen werden. 1833schliesslich wurde das Stocken verboten.Bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts folgtennoch zahlreiche weitere Verordnungenund Erlasse, die allesamt den Pfrnden derPrivilegierten an den Kragen gingen. EinigeNutzungsrechte musste die Stadt noch im19. Jahrhundert loskaufen. Bis 1840 warenaber alle bedeutenden Nutzungsrechte un-terbunden. Einzig der Brgernutzen, alsodie Grat isabgabe von Brennholz an die Br-g e r, berdauerte die lange Zeit der Regu-lierung und Reglementierung. 1749 wurde

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    Aus Angst vor einer drohenden Holznotschuf die Stadt 1346 ihre erste Holzord-nung. Gemss dieser war das Schlagen vonBauholz im Eschenbergwald ohne behrd-lichen Segen strafbar. Aus der ersten Holz-ordnung geht brigens hervor, dass bereitsdamals eine Behrde bestand, welche dieStadtwlder beaufsichtigte und verw a l t e t e .Ihr waren sogenannte Holzgeber zugeteilt,die den Brg e rn das Holz zuweisen mussten.Ab 1463 durften Brenn- und Bauholz nurnoch nach vorheriger Anmeldung und An-weisung bezogen werden. Der Wlder Sat-zung aus diesem Jahr deutete schon da-mals auf eine starke bernutzung der W in-t e rt h u rer Wlder hin. In dieser Wa l d s a t z u n gwurde erstmals zw ischen Rot- und Weiss-tannen unterschieden. Seit M itte des 15.Jahrhunderts besteht das Amt des Frsters.Er hatte allerdings lange Zeit lediglich einePolizeifunktion, erst spter kamen admini-strative Funktionen dazu. Das heisst: DerFrster hatte die Aufgabe, den stdtischen

    Besitz zu wahren. Seine heutige Aufgabe,also die angepasste Waldnutzung und -Be-w i rtschaftung, bekam der Frster erst mitden Anfngen der modernen Waldw irt-schaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

    Ende Feuer fr Gratis-Brennholz

    Im Jahre 1481 folgte eine weitere Ein-schrnkung der Holzabgabe: Die Stadt strichden Bdern die Gratisbezge von Bre n n h o l z .1486 verordnete der Rat, den Hochwald imhinteren Teil des Eschenbergs fr den Holz-transport zugnglich zu machen und denverbuschten Niederwald im vorderen Teilzu schonen. Der damalige Niederwald wur-de alle 12 bis 15 Jahre geschlagen; er ver-jngte sich durch Stockausschlag.Aus dem Jahre 1487 stammt die Bestim-mung, wonach an Fremde keine Tannenabgegeben werden drfen, falls sie dieStadt nicht mit Eichenholz beschenken.Und 1494 mussten die Zimmerleute aus-

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    Einblick in den Stadtwald vergangener Zeiten: Stamm an Stamm stehend und liegend

    Stockausschlag bei einer gefllten Hagebuche an der Hinteren Krebsbachstrasse im Eschenbergwald

  • in den Wald getrieben werden, und vonden Pferden durften von da an nur noch dieArbeitstiere im Wald weiden. Immer w ie-der zunten die W i n t e rt h u rer einzelne Wa l d-gebiete auf dem Eschenberg und auf demLindberg ein, um sie gegen das weidendeVieh zu schtzen.In der Ho lzordnung von 1749 wurde denPchtern auf dem Eschenberg das Weidender Tiere im Walde verboten. Die Brgervon W interthur hingegen durften weiter-hin soviel Vieh auf die Weide schicken, w iesie berw i n t e rn konnten; es war indes auchihnen ausdrcklich verboten, Schafe, Stie-re und Pferde in den Wald zur Weid zuschlagen. Endgltig wurde die Waldweideerst Anfang des 19. Jahrh u n d e rts verboten.

    Sinkende Nachfrage nach Brennholz

    Durch die Revolution von Kohle und Eisenund den Ausbau der Verkehrsverbindun-gen auf Schiene und Strasse gegen M itte

    des letzten Jahrhunderts sank die Nach-frage nach Brennholz. Im Zweiten Welt-krieg stieg der Bedarf allerdings nochmalskrftig an. Am Ende des Krieges 1945 wur-den 65 Prozent der gesamten Holzernte inden Stadtwldern zu Brennholz verarbei-tet. Moderne lheizungen und die Elektri-zitt in Kche und Waschraum liessen denBrennholzverbrauch in der Nachkriegszeitindes w ieder auf einen Bruchteil frhererZeiten sinken (siehe Grafik Seite 30).Heute wre Brennholz mehr als genug vor-handen. Und umweltfreundliche A lternati-ven zu den russenden Dre c k s c h l e u d e rnvon damals gbe es mittlerweile auch: dieHolzschnitzelheizungen. Weil Holz im Ge-gensatz zum Heizl eine erneuerbare Ener-gie ist, knnte es in Zukunft w ieder begehrtw e rden. Die Stadtverwaltung selber hat be-reits positive Erfahrungen mit Holzschnit-zelheizungen gemacht: 1985 hat sie beimReitplatz ein Lager fr Hackschnitzel einge-richtet und im folgenden W inter eine ersteSchnitzelfeuerung im Schulhaus Hegifeldin Oberw interthur in Betrieb genommen.Kurz darauf folgte eine zweite Schnitzel-feuerung im Schulhaus Rosenau.

    Grne Wirtschaft rote Zahlen

    Rckblickend ist die w irtschaftliche Entw ick-lung W interthurs ohne die Nutzung derumliegenden Wlder kaum vorstellbar. Zubedeutend war der Wald in der Geschichteder Stadt. Noch um 1860 lieferten die Stadt-wlder immerhin ein Viertel der gesamtenB ruttoeinnahmen von W i n t e rt h u r. Und nachdem Nationalbahndebakel von 1878 konn-te sich W interthur vor allem dank seiner

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    er zwar auf zwei Klafter reduziert, 1838 je-doch w ieder auf drei Klafter erhht. Erst1875 wurde der Brgernutzen durch Ge-meindebeschluss aufgehoben.Die Bedenken um die Holzvorrte wurdenmit der Zeit so gross, dass die Stadt Aus-schau hielt nach einem Ersatzmaterial frBrennholz. Schon 1717 w ies der Rat auf dieTurben (Torf) als empfehlenswertes, derRuinierung der Waldungen entgegenw ir-kendes Brennmaterial hin. 1735 nahm dieStadt das Turbenstechen im Hettlinger Riedauf, 1748 und 1749 beim Riedhof und beimHof Ruchegg (sdstlich der Mrsburg)und spter in Seuzach und Neftenbach.

    Forstkommission machte Dampf

    1780 setzte die Stadtregierung eine stndi-ge Forstkommission ein; knapp 100 Jahres p t e r, 1873 , wurde sie w ieder abge-schafft. Ihr gehrten vorerst je drei M itglie-der des Grossen und des Kleinen Rates so-

    w ie der stdtische Bauherr und der Forst-amtmann an. Diese Kommission kmpftegegen die zahlreichen waldschdigendenNutzungsrechte und bereitete den Wegvor fr eine geregelte Forstw irtschaft. Siesetzte sich zuerst fr die massive Ein-schrnkung der Bauholzabgabe ein. M itErfolg: Ab 1791 gab es Bauholz nur nochfr die w ichtigsten Gebudeteile, ab 1806wurde die Abgabe auf ein Drittel und ab1833 auf ein Fnftel des effektiven Bedarfsbeschrnkt. Fnf Jahre spter, 1838, tratdas neue Forstgesetz in Kraft, das die Bau-holzabgabe vollstndig unterband.

    Ende der Waldweide

    Um den Wald zu schonen, erliess die Stadtschon frh Verordnungen ber die Wald-weide. Ein erstes Weideverbot fr die Scha-fe und Ziegen im Wald stammt bereits ausdem Jahre 1482. Ab 1693 durften Stiere,Schafe und Ziegen berhaupt nicht mehr

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    Holzmagazin Reitplatzstrasse

  • Waldes im heutigen Sinn nicht stattgefun-den hat. Die durch Schlge entstandenenLichtungen wurden sich selber berlassen,bis das nachgewachsene Holz schlagreifwar. Immerhin ist die starke Frderung vonNadelbumen schon frh belegt: Der Plandes Eschenbergs des Artillerie-Collegiumsvon 1758 zeigt bereits grosse Flchen vonNadelbaumbestnden. Und der Lindberg-wald bestand 1760 sogar fast ausschliess-lich aus Nadelbumen vor allem aus Rot-tannen (Fichten). Auch auf dem Brelbergwar die Fichte damals sehr hufig.Bereits im ausgehenden M ittelalter warendie Wlder in W interthur zu einem grossenTeil ausgeplndert: Der bliche Waldtypwar damals der M ittelwald.M ittelwlder wurden zweischichtig be-w irtschaftet. W ill heissen: Einzelne grosseEichen wurden stehengelassen; sie liefer-ten Bauholz und Schweinef u t t e r. Der Un-t e rwuchs mit Buchen und anderen Laub-bumen hingegen wurde alle zehn bis dre i s-sig Jahre auf den Stock zurckgeschlagen.Einige Gebiete jedoch, etwa der vord e re Te i ldes Eschenbergs, bestanden schon im 15.J a h rh u n d e rt lediglich noch aus U n t e rh o l z .D iese sogenannten N i e d e rw l d e r waren inW interthur recht hufig. Die zahlreichenErlasse und Verordnungen zum Schutz derWlder begannen jedoch nach und nachzu greifen. Bis M itte des 18. J a h rh u n d e rt sverschwanden d ie Niederwlder aus W i n-t e rt h u r. Einzig der Schlosshofwald bestandnoch etwas lnger aus Niederwald.Bis Ende des 18. Jahrhunderts entw ickeltesich in W interthur eine Waldbautechnik,d ie aus kleinf lch igen Kah lsch lgen be-stand. Diese wurden sich selbst berlassen,

    der Jungwuchs indes mit Zunen gegendas weidende Vieh geschtzt. Das waldbau-liche Vorgehen war damals hnlich einemSchirmschlag: Die Baumbestnde wurdenzuerst aufgelockert und dann bis auf weni-ge Einzelbume kahlgeschlagen. Von die-sen sogenannten berstndern aus konn-ten sich die kahlen Flchen durch Samen-befall w ieder verjngen. Im zweiten unddritten Viertel des 18. Jahrhunderts wurdengrosse Teile des Eschenbergs und des L i n d-b e rgs auf diese Art regelmssig kahlge-schlagen. Bereits damals fanden sich Spure nvon knstlichen Kulturen, sowohl im Eschen-b e rgwald als auch im Lindberg w a l d .

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    Wlder ber Wasser halten. Der Stadtwaldbildete sogar einen Hauptposten in derPfandschaft gegenber den Glubigern derNationalbahnschuld. Noch bis weit in diedreissiger Jahre dieses Jahrhunderts hineinwaren die Wlder fr die Stadt eine w ichti-ge Einnahmequelle.Weil aber das Holz im Ausland bald einmalbilliger zu haben war und die Lhne hierstark anstiegen, gingen die einst stolzen Er-trge der stdtischen Forstverwaltung raschzurck. Nach den Sturmschden von 1967kam das Forstamt immer strker in die ro-ten Zahlen. Zu einer negativen Bilanz ver-half in den beiden vergangenen Jahrzehn-ten ausserdem ein an sich wertvoller Wer-tewandel in der Waldw irtschaft: weg vomreinen Holzertragsdenken und hin zu einerg e s a m t w i rtschaft lichen Betrachtung derkologischen und gemeinntzigen Funktio-nen des Waldes. Dennoch sind die w irt-schaftlichen Leistungen der Stadtwlderauch heute noch beachtlich: Sie liefern im

    Durchschnitt jedes Jahr rund 14 000 Kubik-meter Nutzholz und 6000 Kubikmeter Pa-pier-, Industrie- und Brennholz.Die Kosten allerdings sind enorm: Bereits1987 berstiegen die Ausgaben des Forst-betriebs dessen Einnahmen um 835000Franken. 1995 dann kletterte das Defizitauf 2 M illionen Franken. Und fr das Jahr1997 rechnet der stdtische Forstbetrieb garmit einem Aufwandberschuss von fast2,2 M illionen Franken. Rund ein Drittel da-von machen alleine die gemeinw irtschaft-lichen Leistungen aus; Leistungen also, dieforstlich nicht notwendig, aber dennochim Interesse der ffentlichkeit sind.

    Forstwirtschaft im Wandel der Zeiten

    ber die Bew irtschaftung der W interthurerWlder in frhesten Zeiten lsst sich heutenur mehr spekulieren; entsprechende Aktensind nicht vorhanden. Unbestritten ist aber,dass eine Pflege und Bew irtschaftung des

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    Ehemaliger Mittelwald am Beerenberg

  • v e rmessen: 1836 unterbreitete der Geome-ter Jakob Melchior Ziegler der damaligenForstkommission das erste Flchen-Fach-werk ber den Eschenbergwald. Die reinenNadelbaumbestnde nahmen zu jener Zeit77 Prozent, die gemischten Bestnde 7 undder M ittelwald 16 Prozent der Flche ein.Aus dem Jahre 1836 stammt auch der ersteW irtschaftsplan (heute: Betriebsplan) frden Eschenberg. Er sttzte sich auf einekonsequente Einteilung in Reviere und Ab-teilungen und blieb bis 1847 in Kraft. Seinw ichtigstes Ziel: die Erhaltung grosser Holz-vorrte durch Ertragsabrechnung. Fr diePflege und den Unterhalt der Stadtwlder

    wurde das Wegnetz vor allem im Eschen-bergwald deshalb massiv ausgebaut.Auf welche Weise kann, mit Rcksicht aufLage und Beschaffenheit des Bodens, dernachhaltige Ertrag der Waldung am zweck-mssigsten gesteigert , das berstehendeHolz beseitigt und dem Areal das bestmg-liche Interesse gesichert werden? Diese Fra-ge der Forstkommission sollte ein w issen-schaftliches Gutachten beantworten. DerStadtrat beauftragte deshalb 1847 die Her-ren Arnsberger, Grossherzoglicher Badi-scher Oberforstrat in Karlsruhe, Rietmann,Forstverwalter in St. Gallen, und Kasthofer,alt Regierungsrat und Oberforstmeister in

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    Diese Art von Kahlschlagbetrieb w ich zu-nehmend rationelleren Betriebsformen. Dergesamte Holzvorrat sollte knftig genaueingeteilt und geplant werden. Den An-stoss zu einer geregelten Forstw irtschaftgaben schliesslich grssere W indwurfsch-den und die Borkenkferinvasionen von1803 und 1807.

    Der erste Wirtschaftsplan

    1813 wurde Andreas Weinmann zum erstenForstmeister der Stadt gewhlt. M it ihmbegann die Zeit der Grosskahlschlge undanschliessender Anpflanzung, stellenweiseverbunden mi t landw irtschaft licher Zw i-schennutzung.In Anlehnung an den landw irtschaftlichenAckerbau wurde ein Waldgebiet jeweils inrechteckige Flchen, in sogenannte Hiebs-zge, eingeteilt und die Bestnde inner-halb dieser Hiebszge von Ost nach West,also gegen die bliche W indrichtung, re g e l-

    mssig kahlgeschlagen. Die Breite dieserSchlagflchen betrug um 1820 etwa 30 Me-ter und nahm bis 1870 kontinuierlich bisauf 140 Meter zu. Entsprechend nahm auchdie Grsse der Schlagflchen stetig zu, voneiner Hektare auf drei Hektaren.M it solchen aneinandergereihten Kahl-schlgen deckte die Stadt W interthur ihrengesamten Holzbedarf. Die Schlge wurdenknstlich aufgeforstet, wobei vor allem Rot-tannen gepflanzt wurden. So entstandenreine, knstliche Nadelholzforste.Diese neue Waldbautechnik heute etwasrespektlos Fichtenackerbau genannt stammte aus Deutschland, wo sich dieSchweizer Forstleute mangels eigenerHochschulen ausbilden liessen.Nach 1830 wurden die Stadtwlder syste-mat isch und streng planmssig bew irt-schaftet. Dadurch wurden sie zu bedeu-tenden Geldquellen fr die Stadt.Zw ischen 1836 und 1842 wurden derEschenberg und der Lindberg geometrisch

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    Situationsplan des Waldes Eschenberg 1836: Aufgenommen und gezeichnet von Jakob Melchior Ziegler

    Pflanzschule um 1896 (Eschenberg): Nach einem Kahlschlag wurde vor allem mit Rottannen bestockt

  • denlockerung anfnglich positiv auf dasWachstum junger Baumbestnde aus. Erstspter sah man auch die Kehrseite der Me-daille: Krppelwuchs, Frost- und Enger-lingsschden. 1882 wurde diese Wald-nutzung stark eingeschrnkt und wenigeJahre spter abgeschafft.Ebenfalls gegen Ende des letzten Jahrhun-derts wurden entlang der gutbesuchtenWaldwege Laubbaum-A lleen gepflanzt zwecks Verschnerung des Waldes.

    Beginn der modernen Waldwirtschaft

    1860 wurde Kaspar Weinmann Nachfolgerseines Vaters Andreas Weinmann. M it sei-ner Amtszeit begann die moderne, auf dieErgebnisse der W issenschaft abgesttzteWaldbew irtschaftung. Zwei Jahre nachWeinmanns Amtsantritt prsentierte sichder ganze Stadtwald als Hochwald. Einzigder Wald am Tssrain w ies damals denCharakter eines M ittelwaldes auf. Doch

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    Bern mit einer entsprechenden Untersu-chung. Sie erstellten ber die gesamtenStadtwaldungen ein Gutachten mit Be-triebsplan.In ihrem Bericht billigten die drei Expertendie bisherige Waldw irtschaft, lehnten diebeantragte stellenweise Umwandlung inM ittelwald ab und empfahlen den 100jh-rigen Umtrieb. Das heisst: Die Waldbestn-de sol lten innerha lb e ines Jahrh u n d e rt svollstndig erneuert werden. Ihr Gutach-ten ergnzten sie durch einen W irtschafts-plan, der die Nutzung des Waldes nach ei-nem relativ strengen Schlagplan vorsah.Der W irtschaftsplan, der brigens sofort inKraft trat, stellte die Regel auf: allmhlicherAbtrieb und natrliche Verjngung. Aus-serdem forderte er, die Weisstanne zu be-gnstigen und Kahlschlge nur noch aus-nahmsweise zuzulassen.Soweit die Theorie die Praxis sah andersaus: Der Kahlschlag blieb die bliche Formder Holzernte.

    In den ersten 15 Jahren, also bis 1862, er-folgte die Verjngung sehr langsam. Anvielen Stellen wurde auf Schlge verzichtet.An anderen hingegen wurden schlechte Be-stnde vorzeitig geschlagen im grossenund ganzen eine allmhliche qualitativeVerbesserung des Waldzustandes.

    Zwischen Karotten und Kartoffeln

    In der Zeit zw ischen 1850 und 1870 hattedie landw irtschaftliche Zw ischennutzungder Schlagflchen eine grosse Bedeutung.Dieser sogenannte Waldfeldbau dauertegewhnlich vier Jahre: im ersten Jahr aufder ganzen Flche und in den drei folgen-den nur noch zw ischen den gepflanztenB a u m re ihen . Im ersten Jahr konnten diePchter pflanzen, was sie wollten, im zwei-ten und dritten Jahr Hackfrchte zum Bei-spiel Kartoffeln und Karotten und im letz-ten sch liessl ich nur noch Getreide . DieseZw ischennutzung w irkte sich dank der Bo-

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    Tssrain um 1896: Anstatt wilde Auenlandschaft begradigter Fluss und Nadelbume in Reih und Glied

    auch der sollte bald in einen Hochwaldberfhrt werden. Reine Bestnde vonLaubbumen waren damals nirgends vor-handen, hingegen dominierten vielerortsdie Nadelbume. In diesen meist knstlichaufgeforsteten Nadelbaumbestnden wardie Rottanne am strksten vertreten.Unter dem Titel Beschreibung und W irt-schaftsplan ber die Stadtwaldungen vonW interthur erschien im August 1862 einn e u e r, damals richtungweisender Plan berdie knftige Bewirtschaftung der Stadtwl-d e r. D ie drei Autoren, Oberf o r s t m e i s t e rElias Landolt aus Zrich, Forstmeister W il-helm Friedrich Hertenstein von Kyburg undStadtforstmeister Kaspar Weinmann, setz-ten darin folgende Schwerpunkte: Erzeugung mglichst grosser Mengen

    von brauchbarem Holz Sicherung des Waldes gegen Gefahren

    von aussen Erhaltung und ufnung des Stamm-

    kapitals

    Panorama vom Bumli 1888: Auffallend sind die grossen Kahlschlagflchen auf dem Eschenberg

  • 14. Den ertragsreichen Nebennutzungenist die ntige Beachtung zu schenken,indes nur soweit, als sie die Produktioneiner mglichst grossen und brauchba-ren Holzmasse nicht einschrnkt.

    Den Stadtwald mit Exoten garniert

    Gegen Ende des letzten Jahrhunderts weh-te ein neuer W ind durch die W interthurerStadtwlder: Zu den einheimischen Baum-arten gesellten sich pltzlich Abertausendevon Exoten. Verantwortlich dafr: Max Si-ber, der letzte Vertreter der Kahlschlagw irt-schaft. Siber war Stadtforstmeister von 1894bis 1899. Er hoffte, mit einem Kunstgriffdie Produktionsleistung des W interthurerWaldes massiv steigern zu knnen und gar-nierte ihn mit ber zwei Dutzend exotischenBaumarten aus Nordamerika, aus demwestlichen M ittelmeergebiet, aus dem Uralund aus Sibirien (Douglasien, Weymouth-fhren, Sitkafichten, Sequoien usw .).

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    Weil dieser Plan grosse Ausw irkungen aufdie W interthurer Forstw irtschaft hatte,lohnt sich hier ein Blick auf die w ichtigsten,stark gekrzten Grundstze:1. A lle Stadtwlder sind als Hochwald mit

    einer durchschnittlichen Umtriebszeitvon hundert Jahren zu behandeln oderin solche zu berfhren.

    2. A llgemein sind gemischte Bestndeanzustreben. Den Hauptbestand sol-len aber Rot- und Weisstannen bilden.Die Laubbaumarten sollen hchstenszwanzig Prozent Anteil erreichen.

    3. Die Hiebe sollen fr jeden Waldteilmglichst regelmssig erfolgen.

    4. A ls Regel gilt der Kahlschlag.5. A lle Kahlschlge sind knstlich aufzu-

    forsten . Gute Bden so l len landw irt-schaftlich zw ischengenutzt werden.

    6. Bei der Naturverjngung durch allmh-lichen Abtrieb sind die Schlge dunkelzu halten und nach erfolgter Besamungsofort zu lichten.

    7. Jungwchse sind sorgfltig zu pflegen.8. Das pro j e k t i e rte Wegnetz ist bis zur Vo l l-

    endung zu realisieren.9. Die Nutzung unterliegt dem Prinzip der

    Nachha ltigkeit: Die Nutzung darf denZuwachs nicht bersteigen.

    10. Die Anwendung dieses Prinzips iststreng zu kontrollieren.

    11. Die Jahresertrge an Holz sollen mg -lichst gleichmssig sein.

    12. Der Bew irtschafter bestimmt ber: Rei-henfolge der Hiebe, Verjngungsdau-er, M ischungsverhltnisse bei der Auf-forstung, Suberungen und Durchfor-stungen und Ve rvo llstndigung desWegnetzes. Er hat ausserdem auf diePflanzung von Eichen, vor allem im Lind-bergwald, zu achten.

    13. Im ersten Jahrzehnt des Planes soll dieHauptnutzung 2650 Klafter nicht ber-steigen (unter Hauptnutzung verstehtman die entnommene Holzmasse ausmindestens 60jhrigen Bestnden).

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    Ackerbau in der Forstwirtschaft: Kahlschlag 1894 und 1895 in der Waldebni (Eschenberg) Pflanzschule in der Waldebni 1896: Viele tausend Rottannen fr den Winterthurer Stadtwald

    Mammutbume an der Unteren Weiherstrasse

  • Noch im 19. Jahrhundert zeitigte die ein-seitige Rottannenw irtschaft schwerw ie-gende Folgen: Krankheiten, Strme,Schneedruck und Borkenkferinvasionensetzten den reinen, gleichaltrigen Rottan-nenwldern derart zu, dass viele Bumefrhzeitig gefllt werden mussten.Wohl deshalb folgte um die Jahrhundert-wende eine grndliche Kursnderung, ein-geleitet durch den damaligen Stadtforst-meister Friedrich Arnold: Der Kah lsch lagwurde endgltig durch den Femelschlagersetzt . Sein Zie l: mehr Rcksicht auf dieNaturverjngung und eine naturgerech-tere Bew irtschaftung der Wlder.

    Geistiger Vater dieser neuartigen Wald-baulehre war der Mnchner Professor KarlGayer (18221907). Er pldierte fr den Fe-melschlag mit ungleichaltrigen, gemischtenBestnden. Der Wald soll aus Gruppen zu-sammengesetzt sein, die ihrerseits aus ver-sch iedenen Baumarten in unterschied li-chem A lter bestehen. Der Femelschlag ver-jngt den Wald also gruppenweise.W ie keine andere Bew irtschaftungsformbercksichtigt der Femelschlag ein mg-l ichst grosses Spektrum von Baumart e n .Die vorhandenen Bume sollen sich mg-lichst natrlich verjngen. Nur dort, wo kei-ne Naturverjngung aufkommt oder wo ei-

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    Sibers Hoffnung war eine Zeiterscheinung,die keineswegs auf W interthur beschrnktwar: Schon 1850 berichtete der ehemaligeBerner Kantonsoberfrster Karl Kasthoferber seine Kulturversuche mit fremdenHolzarten. Er fhrte sie nach 1810 in derUmgebung von Interlaken durch. Auch ananderen Orten erfolgten in der zweitenHlfte des 18. Jahrhunderts zahlreiche An-bauversuche mit allen mglichen exoti-schen Baumarten.Zwar wurden im W interthurer Wald schonfrher vereinzelt Weymouthfhren, Akazi-en und Schwarz f h ren gepflanzt. Doch un-ter Siber waren es ganze Legionen von Exo-ten: Gegen 100000 fremdlndische Jung-bume wurden um die Jahrhundertwendein den W interthurer Wald gepflanzt. Zw i-schen 1896 und 1902 war jeder zehnte ge-pflanzte Baum auslndischer Provenienz; imRekordjahr 1898 war es gar jeder fnfte.Doch die Euphorie w ich bald herber Ent-tuschung: W irtschaftlich war nmlich ein-

    zig die grne Douglasie von Bedeutung.Auf guten Bden liefert sie mehr Holz alsjede einheimische Baumart.In den ersten Amtsjahren seines Nachfol-gers Friedrich Arnold wurden die Pflanzun-gen noch fortgesetzt. Wahrscheinlich wur-den aber vor allem die noch von Siber hervorhandenen Jungbumchen verwendet.Denn die Zahl der gepflanzten Exotennahm rasch ab; nach 1910 wurden fast kei-ne fremden Baumarten mehr gepflanzt.Fast alle der damals gepflanzten exoti-schen Baumarten sind inzw ischen aus denW interthurer Wldern w ieder verschwun-den. Viele waren fr die hiesigen Standorteschlicht ungeeignet und anfllig aufKrankhe iten und Schd linge . Zwar triff tm a n auch heute noch auf einzelne fremdeBaumarten etwa auf die Weymouthfh-re sdlich des Bru d e rhauses oder den M a m-mutbaum bei den Walcheweihern dochsind diese weder w irtschaftlich noch ko-logisch von Bedeutung.

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    Forstleute auf dem Waldumgang um 1906: Forstamtmann Ernst (3.v.l.), Stadtforstmeister Arnold (4.v.l.)

    Typisches Femelschlagbild um die Jahrhundertwende: Verjngungsgruppe von 100jhrigen Tannen

  • streift, w ird allerdings feststellen, dass die-se Bestnde vielerorts bereits aufgelockertwurden, damit allmhlich eine natrlicheVerjngung standortgerechter Baumartenmglich w ird.Die W interthurer Stadtwlder sind heute inneun Reviere e ingetei lt . Fr jedes Revier

    w ird alle zehn Jahre ein neuer Betriebsplanerarbeitet, der von der kantonalen Volks-w i rt s c h a f t s d i rekt ion genehmigt werd e nmuss. In diesen Betriebsplnen sind alle An-gaben ber den Holzvorrat, Zuwachs, Nut-zungen und die knftige Behandlung derWlder enthalten. Bei der Festsetzung der

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    ne neue Baumart angesiedelt werden soll,w e rden Jungbume gepf lanzt. Um dieschnsten Bume zu begnstigen, werdendie schrfsten Konkurrenten gefllt. Im Ge-gensatz zum Kahlschlag und anschliessen-der Aufforstung auf grossen Flchen gehtder Femelschlag von kleinen Gruppen aus,welche allmhlich erweitert werden. Ur-sprnglich schritt diese Verjngungsart nursehr langsam voran. Das kam vor allem den-jen igen Baumarten entgegen , d ie im Ju-gendstadium problemlos Schatten ertra-gen: den Buchen, Rot- und Weisstannen.In der Amtsze it Friedrich Arnolds trat dasEidgenssische Forstgesetz in Kraft, dasden Kahlschlag und die Waldweide verbot.A rnolds Nachfolger Paul Lang passte denFemelschlag schliesslich denjenigen Baum-arten an, die als Jungbume auf viel Lichtangew iesen sind. Diese Bew irtschaftungs-art behielt bis heute ihre Gltigkeit, wobeies immer w ieder zu leichten nderungenbezglich Baumartenwahl kam.

    Zw ischen den beiden Weltkriegen warendie stdtischen Forstleute vor allem damitbeschftigt , die Feh ler zu korr i g i e ren , dieman Anfang Jahrhundert mit der einseiti-gen Frderung der Weisstanne gemachthatte. Diesbezglich hat sich die W inter-thurer Forstgeschichte in diesem Jahrhun-dert w iederholt: Auch mit den heutigenBetriebsplnen versucht man, die Folgender Fehleinschtzungen frherer Jahrzehn-te auszubgeln. A llerdings ist heute nichtdie Weisstanne das Sorgenkind, sonderndie an vielen Stellen anzutreffenden knst-lichen Fichtenmonokulturen, die in densechziger und siebziger Jahren dieses Jahr-hunderts angelegt wurden. Diese Bestn-de sind heute das ganze Jahr ber dunkel,monoton und artenarm. Sie sind anflligauf Sturm- und Insektenschden und ber-gen ausserdem die Gefahr, dass der Bodend u rch die Fichten-Nadelstreu versauert unddamit seine hohe Fruchtbarkeit verliert.Wer heute durch die W interthurer Wlder

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    Waldarbeit 1949/1950: Vor der Mechanisierung der Holzernte beschwerlich und gefhrlich

    Handarbeit in den Nachkriegsjahren: Holzschlag mit Beil und Zwei-Mann-Hobelzahnsge

  • Arbeitspferd kologisch und konomischeine sinnvolle A lternative zur grossflchigenmaschinellen Holzernte. Denn: SchwereMaschinen sind im Wald nicht unproble-matisch sie knnen durch ihr Gew ichtden Boden verdichten und damit dessenD u rchlftung und Fruchtbarke it bee in-trchtigen. Ausserdem knnen durch Fahr-lssigkeit bei der maschinellen Holzernteauch lebende Bume in M itleidenschaftgezogen werden. Maschinen sind fr denTransport von dnnen Baumstmmen re-lativ teuer und belasten die Luft. Die Fr-derung von Arbeitspferden ist deshalb einw ichtiger Schritt auf dem Weg zu einer ko-logischen Waldbew irtschaftung. Rentabelist der Pferdeeinsatz allerdings nur in Kom-bination mit Maschinen. Was fr den Men-schen zu schwer und fr eine grosse Ma-schine unverhltnismssig ist, lsst sich mitdem Pferd elegant, waldschonend, zeit-sparend und w irtschaftlich transportieren.Zw ischen 1987 und 1996 hat der stdti-

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    jhrlichen Nutzung w ird bercksichtigt,dass nur der Zuwachs geschlagen oder mitanderen Worten der Zins vom Kapital ge-nutzt werden darf. Der Begriff fr dieses ansich altbekannte Prinzip aus der Forstw irt-schaft ist heute in aller Munde: nachhaltigeNutzung der natrlichen Ressourcen.Die regelmssigen Revisionen der W irt-schaftsplne bedingen einerseits, dass derWaldzustand permanent berwacht w ird,und sie ermglichen andererseits, dass all-fllige Fehler in der Bew irtschaftung recht-zeitig korrigiert werden knnen.

    Aufs richtige Pferd setzen

    In die W interthurer Waldw irtschaft hat imLaufe der Zeit natrlich auch die TechnikEinzug gehalten: Ende der fnfziger Jahrew ichen die bis dahin gebruchliche Axt, dieWaldsge und das Schleisen der Ein-mann-Motorsge und der Hand-Entrin-dungsmaschine und diese w iederum der

    fahrbaren Entrindungsmaschine. Die Me-chanisierung und Rationalisierung der Forst-w irtschaft ermglichte zunehmend, Holz-e rnten und Rumungen nach Strm e nschnell, effizient und gnstig zu erledigen.Der Transport dnner Stmme vom Schlagzum Wegrand geschah noch bis in die fnf-ziger Jahre auf den Schultern der Waldar-beiter. Das schwere Holz hingegen wurdemit Pferden aus Landw irtschaft und Fuhr-haltereien an die Strassen geschleift. DiePferdehaltung wurde aber unrentabel, undschon bald setzte man Traktoren ein. Weildiese aber fr den Einsatz im Wald nur b e-dingt geeignet sind, hat man sie durch ge-lndegngige Forstschlepper ersetzt.Seit Ende der achtziger Jahre kommen Pfer-de in den W interthurer Wldern w iederhufiger zum Einsatz. Inzw ischen hat mannmlich die Vorteile des Hafermotors neuentdeckt: Pferde arbeiten nicht nur wald-schonend und zeitsparend, sondern auchkostengnstig. Richtig eingesetzt ist das

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    Moderne Seilwinde im Hegibergwald 1997

    Arbeitspferd im Eschenbergwald 1986

    Windfall vom 12./13. Dezember 1929: Grssere Schden in den Monokulturen auf dem Etzberg

    Schneedruckschden von 1919 im Lindbergwald

  • mehr geschwchte Bume vorhanden sind.Bei Masseninvasionen befllt er auch gesun-de Bume. Am schnellsten breitet er sichnatrlich in Wldern aus, in denen die Rot-tanne hufig oder sogar vorherrschend ist.Im Jahre 1947 untersuchte der damaligeStadtforstadjunkt Kurt Madliger eine be-fallene 120jhrige Rottanne im Lindberg-wald. Resultat: Auf diesem Baum lebtenbereits so viele Borkenkfer, dass schon ih-re nchste Generation eine ganze HektareRottannenwald htte vernichten knnen.Doch zu dieser Epidemie kam es nicht, denndas Forstamt reagierte prompt: GesundeRottannen wurden sozusagen als Kder

    gefllt und liegengelassen. Die Borkenk-fer befielen die liegenden Stmme und ver-mehrten sich unter der Rinde rasch. Dannwurden diese Stmme geschlt und dieRinden verbrannt. Auf diese Art konnte dasForstamt smtliche Herde vernichten.Es wre falsch, den Borkenkfer als Wald-zerstrer zu bezeichnen. Ein Schdling istder Borkenkfer nur in Bezug auf das Nutz-holz. Dem Wald an sich schadet er nicht. ImGegenteil: Er gehrt ins kosystem Wald.Vielmehr liegt der Kern des Borkenkfer-problems heute in den grossflchigen,strukturarmen Rottannenwldern.

    Ist das Waldsterben tot?

    Im Betriebsp lan fr das Stadtwa ldre v i e rE s c h e n b e rg hatte 1976 der damalige Stadt-forstmeister Diethelm Steiner auf ein eigen-artiges Phnomen hingew iesen: das Weiss-tannensterben. Steiner suchte die Grndebei einer falschen waldbaulichen Behand-lung der Weisstanne. Anfang der achtzigerJahre hatte er immer hufiger hnlicheKrankhe itsbi lder be i anderen Baumart e nfestgestellt. Zu einem Zeitpunkt, wo auchandere Schweizer Forstleute in ihren Wl-dern ein bis dahin kaum bekanntes Phno-men entdeckten: das Waldsterben. DieseErscheinung war fr viele neu, ihre Ursacheunbekannt und ihr Ausmass kaum ab-schtzbar. In der Folge gingen Schrek-kensbilder von serbelnden Bumen durchden Bltterwald. In Vortrgen, Artikeln undB c h e rn wurde leidenschaft lich vor demg rossf lch igen Absterben des SchweizerWa ldes gewarnt. ber d ie Ursachen warman sich relativ rasch einig: Die L u f t s c h a d-

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    sche Forstbetrieb den Einsatz von Pferdenin den Stadtwldern von 50 auf 517 Ar-beitsstunden steigern knnen. Heute ge-hrt der kombinierte Einsatz von Maschi-nen und Pferden in den Stadtwldern be-reits zum Standard: Die Pferde schleifen diegefllten und entasteten Baumstmme auseinem Umkreis von etwa 50 Metern zu densogenannten Rckegassen, wo sie von ei-nem Forwarder eingesammelt und ab-transportiert werden. Daneben setzt derstdtische Forstbetrieb immer hufigerMobilseilkranen fr den Holztransport imsteilen Gelnde und moderne Vollernterein. Solche Vollernter erledigen fast alles ineinem Zug: Fllen, Entasten, Ablngen unddas sortimentweise Ablegen der Stmme.

    Schon manchen Sturm berlebt

    Die W interthurer Wlder wurden immerw ieder von schweren Strmen he imge-sucht. In den Jahren 1919, 1930, 1967 und1975 zum Beispiel verwsteten schwereStrme beachtliche Teile der W interthurerStadtwlder. 1967 fielen etwa 30000 Ku-bikmeter Fallholz an rund doppelt sovielw ie die damalige Jahresnutzung.Besonders eindrcklich aber war der Orkanim Februar 1990: Damals wtete ber wei-ten Teilen Europas der JahrhundertsturmVivian. Auch die W interthurer Stadtwlderw u rden von ihm nicht verschont: Innert zweiTagen fegte Vivian ber 8000 KubikmeterHolz zu Boden immerhin rund 40 Prozentder damaligen Jahresnutzung.S t rme ganz anderer Art waren die Borken-kferinvasionen, die gelegentlich den W i n-t e rt h u rer Stadtwldern zusetzten. Die Nach-

    wehen der einseitigen Rottannenw irt s c h a f tvergangener Zeiten w irkten noch bis indieses Jahrhundert: So suchte in den Nach-kriegsjahren der gefrchtete grosse Fichten-borkenkfer ( B u c h d rucker) die W i n t e rt h u re rStadtwlder heim: Whrend ihm anders-wo in Europa regelmssig Tausende vonH e k t aren Wald zum Opfer fielen, waren d i eInvasionen von 1946 bis 1949 die erstennach mehr als einem Jahrh u n d e rt. Der 4 bis5 , 5 M illimeter lange, dunkle Kfer ist einSekundrschdling. Das heisst: Er beflltliegende oder stehende Rottannen, die be-reits krank oder am Absterben sind. Der Bor-kenkfer breitet sich um so rascher aus, je

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    Schlen und Verbrennen von Rinde 1947

    Rindenstck mit Borkenkferbrut 1947

  • zentrationen und andere aggressive Luft-schadstoffe setzten den Wldern derart zu,dass 1992 bereits drei von vier Bumen imKanton Zrich zumindest leicht geschdigtwaren. Bis 1995 sank der Anteil der zumin-dest leicht geschdigten Bume w ieder aufetwa 63 Prozent. Je nach W itterung undS c h a d s t o ffkonzentrationen knnte der An-teil der geschdigten Bume in den kom-menden Jahren w ieder zunehmen.Leicht geschdigt heisst brigens: Verlustvon mindestens 15 Prozent der Nadeln oderBltter. Gemss internationaler Konventiongelten heute aber erst Bume mit einerKronenverlichtung von mehr als 25 Prozentals geschdigt. Bume in den Schadstufenbis 25 Prozent Kronenverlichtung gelten so-mit als gesund. Wendet man diesen Kunst-griff auch auf den W interthurer Wald an,so geht es ihm statistisch gesehen natrlichviel besser als oben dargestellt.Vor wenigen Jahren haben Waldforscherein neues Phnomen entdeckt: das soge-

    nannte Zuwachsparadoxon. W ill heissen:Der angeblich schwer angeschlagene Waldwuchs in den beiden vergangenen Jahr-zehnten so schnell w ie noch nie. Ein W i d e r-spruch? Nein, sagen die Experten. Studienhtten nmlich gezeigt, dass zwischen Kro-nenverlichtung und Zuwachs kein Zusam-menhang bestehe . D ie Ursachen fr dasschnellere Wachstum sind noch nicht ge-klrt. Diskutiert werden zurzeit drei Hypo-thesen: D n g e e ffekte d u rch Luftverschmut-zung, g e s t e i g e rte Photosyntheseleistunga u f g rund hheren Kohlendioxid-Geha ltsder Luft und schliesslich die positiven Aus-w irkungen des Waldweide-Verbots.

    Zehn Forstmeister fr die Stadt

    In W interthur gibt es seit 1813 ein Stadt-forstamt. Neun Mnner waren seither imAmt des W interthurer Stadtforstmeisters,der zehnte, der 34jhrige Beat Kunz, w irdes Anfang August 1997 antreten.

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    stoffe und der saure Regen mussten demWald unbarmherzig zugesetzt haben. Dasbrachte Bewegung in die Politik: Noch imHerbst 1984 wurde eine eidgenssischeVolksinitiative Kampf dem Waldsterben lan-ciert. Anderthalb Jahre spter folgte unterdem Titel Rettet unsere Wlder eine zwei-te Volksinitiative. Beide Initiativen erlittenjedoch Schiffbruch bereits im Unterschrif-tenstadium. Inzw ischen sind viele Stim-men, die sich noch M itte der achtziger Jah-re fr den Schutz des Waldes stark ge-macht haben, w ieder verstummt. Und inden Schweizer Medien ist das Waldsterbenheute kaum mehr ein Thema.Ein Blick auf die Zustandsentw icklung desW interthurer Waldes zeigt aber, dass dieIntensitt ffentlicher Wa l d s t e r b e n sd e b a t-ten kein Gradmesser fr den Gesundheits-zustand des Waldes ist.

    Untersuchungen am Patienten Wald

    Um den Gesundheitszustand der W inter-thurer Wlder festzustellen, wurden imSommer 1984 Infrarotaufnahmengemacht.Fazit: 73 Prozent der Bume im W interthu-rer Stadtwald waren noch gesund, 21 Pro-zent krnklich, 5 Prozent krank und 1 Pro-zent absterbend.In den darauf folgenden Jahren hat sich derZustand verschlechtert: Die Stichprobenauf-nahmen von 1986 im ganzen Kanton zeig-ten, dass nur noch ein Drittel aller Bumegesund war. Knapp die Hlfte war schwachgeschdigt, und 18 Prozent w iesen bereitsmittelstarke Schden auf. Stark gelitten hat-ten inzw ischen vor allem die Laubbume:Zw ischen 1985 und 1986 haben die ge-

    schdigten Laubbume von 25 auf 65 Pro-zent zugenommen. Steiner fand 1986 diestark geschdigten Baumbestnde imEschenbergwald vor allem an den Sd-west- und Nordwest-Hngen also gegendie Hauptw indrichtung und auf Kuppen.Eine plausible Erklrung fr Steiners Be-obachtungen lieferten spter Schadstoff-messungen und Flechtenkartierungen, diein den am strksten geschdigten Waldge-bieten bereinstimmend eine strkere Luft-verschmutzung konstatierten.

    Auf und ab mit der Gesundheit

    Im folgenden Jahr besserte sich die Situationin den Stadtwldern fr die Weisstannen,Rottannen und Eschen. Hingegen traten anF h ren, Lrchen, Ahornbumen und Eichenvermehrt Schden auf.Eine Besserung zeichnete sich 1988 und1989 ab. Zwar war der W interthurer Waldkeineswegs w ieder gesund, doch gnstigeW itterungsbedingungen liessen den Anteilder zumindest schwach geschdigten Bu-me von 58 im Jahre 1986 auf 43 Prozent imJ a h re 1989 zurckgehen. Nur: Der Anteil dergeschdigten Bume sei noch immer viel zuhoch und er knne sich zudem auch rasche rhhen, warnte der stdtische Forstbetriebdamals. Das war schon im folgenden Jahrder Fall: Der Anteil der geschdigten Bu-me stieg w ieder auf 59 Prozent. Dem Waldging es also w ieder gleich schlecht wie 1987.Die Nadelbume waren dabei schlechterdran als die Laubbume.Noch dramatischer stieg der Anteil gesch-digter Bume in den Jahren 1991 und 1992.Warme trockene Sommer, hohe Ozonkon-

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  • dungsmglichkeit gab es damals fr ange-hende Schweizer Forstingenieure nicht,denn die ETH Zrich, wo die Forstexpertenheute ausgebildet werden, gab es nochnicht. Nach seiner Ausbildung bernahmder 19jhrige Kaspar Weinmann die Stelledes Stadtforstadjunkten. Er war damit Ge-hilfe und Stellvertreter seines Vaters. In die-ser ra We i n m a n n w u rden vie le Pf lanz-grten angelegt, zahlreiche Waldstrassengebaut, die Tss im Leisental eingedmmtund grosse Gebiete um den Eschenberg-hof aufgeforstet.Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt hatteKaspar Weinmann mit seinen Studienkolle-gen Elias Landolt und W ilhelm Friedrich Her-tenstein den wegweisenden Plan ber dieB e w i rtschaftung der Stadtwlder erarbeitet mitunter ein Ausdruck fr die moderne,auf die Ergebnisse der W issenschaft abge-sttzte Waldw irtschaft. Landolt war der er-ste Professor fr Forstw irtschaft am neuge-grndeten Eidgenssischen Polytechnikum

    in Zrich, gleichzeitig Oberf o r s tmeister desKantons Zrich und Inhaber einer gleich-nam igen We inhandlung in der Stadt Z-rich. Hertenstein wurde spter zum Bundes-rat gewhlt. Erfolglos kmpfte Kaspar Wein-mann in den siebziger Jahren des letztenJ a h rh u n d e rts gegen die Rodung des Wa l d-

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    Andreas Weinmann (18131861)*Zum ersten Stadtforstmeister von W inter-thur wurde 1813 Andreas Weinmann ge-whlt. Der damals 20jhrige hatte bereitseinige Vermessungen durchgefhrt. Von1818 bis 1830 wohnte Weinmann imBruderhaus. In seiner Amtszeit entstandder erste W irtschaftsplan fr den Wald aufdem Eschenberg. Grssere Waldrodungenfanden in der vor allem durch Grosskahl-schlge geprgten Amtszeit Weinmannsnicht statt. Hingegen wurden kleinereParzellen verkauft oder fr den Bau der

    Nordostbahn abgetreten. Weinmann hattegrosse Verdienste um die Verbesserungder forstlichen Verhltnisse im Eschenberg-wald. Er trat Anfang 1861 zurck und starbbereits ein halbes Jahr spter.

    Kaspar Weinmann (18611888)In die Fussstapfen von Andreas Weinmanntrat sein Sohn Kaspar. Er kam 1827 im Bru-derhaus zur Welt. Kaspar Weinmann stu-dierte Forstw irtschaft, zuerst in Hohenheimbei Stuttgart, dann in Tharandt bei Dres-den. Seine gesamte Ausbildung absolvier-te er in Deutschland; daher seine Vorliebefr den Kahlschlag. Eine andere Ausbil-

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    Kaspar Weinmann (geb. 1827, gest. 1888)

    Aus der Zeit um die Jahrhundertwende: Gedenkstein fr Kaspar Weinmann an der Sandgrubenstrasse

    Familienfoto 1850: Andreas Weinmann (vorne rechts, geb. 1792) mit Frau Margarete und PflegetochterEmma Sulzberger, Tochter Elisabetha Sulzberger-Weinmann (hinten), Schwiegersohn Heinrich Sulzberger

    * In Klammern ist die jeweilige Amtszeit angegeben

  • oder im Meiengstell (Eschenbergwald) bei-spielsweise stammen alle aus Sibers Amts-zeit. Er starb 1899 nach nur fnf Amtsjahen.

    Friedrich Arnold (18991928)Auf Siber folgte der wohl berhmtesteStadtforstmeister: Friedrich Arnold. Er hat

    sich weltweit einen Namen gemacht als er-ster Waldbauer, der konsequent mit Natur-verjngung und Femelschlag gearbeitethatte und vor allem: der damit auch Er-folg hatte. Er war es also, der in W interthurden Kahlschlag von einem Tag auf den an-deren durch den Femelschlag ersetzte. Dasbrauchte damals eine gehrige Portion M u tund berzeugungskraft . Arno ld brachtenicht nur die alten Stadtwaldreviere, son-dern auch die angeschlagenen ehemaligenGemeindewlder, die nach der Stadtverei-nigung unter seine Fittiche kamen, innertKrze auf Vordermann. Rckblickend hat-te Arnolds Femelschlagtechnik allerdings ei-

    nen Makel: Er bevorzugte zu stark die We i s s-tanne. Trotzdem: Unter Arnold sind die W i n-terthurer Stadtwlder im In- und Auslandzu einem der angesehensten Lehr- und Ve r-suchsgebiete geworden, das Jahr fr Jahrvon W issenschaftern und Praktikern aus al-ler Welt besucht wurde. Nach seinem Tod1928 erschien in der Schweizerischen Zeit-schrift fr Forstwesen ein Nachruf auf Ar-nold. Darin heisst es unter andere m : Unteraller Wahrung der konomischen Anforde-rungen war Arnold doch stets darauf be-dacht, bei seinen w irtschaftlichen M a s s-regeln auch die natrliche Wa l d s c h n h e i t z uf rd e rn, und es ist ihm denn auch gel u n g e n ,die W i n t e rt h u rer Waldungen in verh l t n i s-mssig kurzer Zeit und scheinbar mheloszu einem grossen Park umzuwandeln.

    Paul Lang (1928 1960)Unter dem neuen Stadtforstmeister PaulLang fiel Arnolds Weisstannen-Naturverjn-gung zum Teil der Trieblaus zum Opfer.

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    gebietes Vogelsang. Immerhin wehrte ersich aber erf o l g reich gegen den Verkauf desK m b e rgwaldes. Weinmann starb 1888.

    Theodor Felber (1888 1894)Der dritte Stadtforstmeister, Theodor Fel-ber, hatte eine kurze Amtszeit. Auch er war

    ein Vertreter der Kahlschlagw irtschaft. A l-lerdings lehnte Felber die einseitige, schab-lonenhafte Anwendung schsischer undpreussischer Bew irtschaftungsmethodenab. Vor seiner Wahl nach W interthur hatteFelber reichlich Praxiserfahrung gesam-melt: Er war Geometer bei der Katasterver-messung des Kantons Solothurn, Oberfr-ster des Kreises W illisau/Entlebuch, Ober-frster der Oberallmendkorporation Schwyzund Kantonsoberfrster beider Appenzell.Im ffentlichen Leben spielte Felber einebedeutende Rolle: Er bekleidete zahlreichemter und war landesweit als Experte inGesetzesfragen sow ie in forstpolitischen,

    forststhetischen und volksw irtschaftli-chen Angelegenheiten geschtzt. Ihmwurde unter anderem eine kraftvolle Per-snlichkeit, eine glnzende Rednergabe,Patriotismus und Begeisterung fr allesSchne und Edle attestiert. Bekannt wurdeFelber auch als Forststhet. So hatte er zumBeispiel in W interthur Spazierwege um dieWalcheweiher angelegt und sie liebevollmit Zunen aus krummem Birkenholz ge-schmckt. Schon sechs Jahre nach seinemAmtsantritt wurde Felber 1894 zum Pro-fessor fr Forsteinrichtung ans Eidgenssi-sche Polytechnikum gewhlt.

    Max Siber (18941899)Felbers Nachfolger, Max Siber, war vor sei-ner Wahl zum neuen Stadtforstmeister vielgereist und weltweit ttig gewesen. So warer zum Beispiel Plantagenleiter in Sumatra.Kein Wunder also, dass Siber ausserordent-lich Gefallen an exotischen Baumarten fand.Die Mammutbume bei den Wa l c h e w e i h e rn

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    Max Siber (gest. 1899)

    Friedrich Arnold (geb. 1856, gest. 1928)Theodor Felber (geb. 1849, gest. 1924)

    Paul Lang (geb. 1894, gest. 1983)

  • ger Jahren, vor allem aber in den Achtzigernwurden immer hufiger Stimmen laut, dieeinen strkeren Einbezug des Naturschutz-gedankens in die Forstw irtschaft ford e r-ten. Immer lnger werdende Listen von aus-sterbenden Tier- und Pflanzenarten habendie Seele von Naturfreunden empfindlichgetroffen. Kein Wunder also, dass der Na-turschutz in der Amtszeit Siegerists einengrossen Stellenwert hatte: Bereits in densiebziger Jahren setzte er sich, damals nochals Adjunkt, fr den Schutz von Amphibienund Wasserinsekten ein. Er frderte mass-geblich die Realisierung zahlreicher Nass-s t a n d o rte in den W i n t e rt h u rer W ldern .Erst krzlich w ieder, 1995 und 1996, wur-den unter Siegerist im unteren Hangento-bel im Eschenbergwald zwei neue Amphi-bienweiher angelegt (siehe Bild Seite 100).Ein weiterer Schwerpunkt von SiegeristsTtigkeit waren die Massnahmen zur Fr-derung standortgerechter Baumarten undder konsequenten Naturverjngung.

    Ernst Krebs

    An dieser Stelle darf einer nicht vergessenwerden, der zwar nie W interthurer Stadt-forstmeister war, sich aber dennoch weitber die Stadtgrenzen hinaus einen Na-men gemacht hat als hervorragender Ken-ner der hiesigen Wlder und als unermd-licher Kmpfer fr den Erhalt einer intaktenUmwelt: Ernst Krebs (1903 bis 1 9 9 6 ) .Der Forstingenieur aus Tss war zw ischen1936 und 1939 als Stadtforstadjunkt auchim Dienste des damaligen W interthurerForstamtes ttig. Anschliessend wurde erzum Kreisforstmeister in Blach und W in-

    terthur gewhlt, und ab 1960 bis zu seinerPensionierung 1968 war Krebs Oberforst -meister des Kantons Zrich.A ls begnadeter Autor und als geistreicherRedner kmpfte Ernst Krebs auch nach sei-ner Pensionierung noch bis ins hohe A lterhartnckig fr den Schutz der Natur.

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    Schliesslich passte Lang den Femelschlag andie Bedrfnisse derjenigen Baumarten an,die im Jugendstadium auf Licht angew iesensind. Lang erlebte als Forstmeister die Kri -senjahre mit den Sorgen des Holzabsatzesund d ie Kriegsze it m it den befoh lenenbernutzungen. In seiner Amtszeit erfolgteder Wechsel von der Handarbeit zur Mecha-nisierung der Holzernte.

    Kurt Madliger (19601974)Nachfolger von Paul Lang wurde Kurt Mad-liger, der schon seit 1944 als Adjunkt in derF o r s t v e rwaltung ttig war. 1960 wurde erzum W interthurer Stadtforstmeister g e-wh lt . Seine Amtszeit war geze ichnetvom Rutsch des Forstbetriebs in die rotenZahlen und von der etwas einseitigen Fr-d e rung der Rottanne. W ie kaum ein andere rStadtforstmeister vor ihm verstand es Mad-l i g e r, die Erkenntnisse der Forstw irtschaftund die Bedeutung der W interthurer Wl-der an ein breites Publikum heranzutragen.

    1974 wurde Kurt Madliger zum Konserva-tor der Naturw issenschaftlichen Samm-lungen gewhlt.

    Diethelm Steiner (1974 1987)Madligers Nachfolger, Diethelm Steiner,gehrt zusammen mit dem heute amtie-

    renden Hermann Siegerist zu den beideneinzigen noch lebenden W interthurer Stadt-forstmeistern. Unter Steiner wurde aus demForstamt der Stadt W interthur 1987 derStdtische Forstbetrieb. Die Amtszeit Stei-ners war von drei Phnomenen geprgt:von der zunehmenden Bedeutung derWohlfahrtsfunktionen des Waldes, vomstrkeren Einbezug des Naturschutzes indie Waldw irtschaft und vom Waldsterben.

    Hermann Siegerist (1988 1997)M it allen drei Zeiterscheinungen hatte sichauch sein Nachfolger, Hermann Siegerist,auseinanderzusetzen. Schon in den siebzi-

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    S P I E G E L D E R K U L T U R E N

    Diethelm Steiner (geb. 1922)

    Hermann Siegerist (geb. 1932)

    Kurt Madliger (geb. 1918, gest. 1992)

    Ernst Krebs 92jhrig (geb. 1903, gest. 1996)

  • Jede Lebensgemeinschaft w ird durch ihreUmwelt geprgt. Den Wald prgen natr-liche Umwelteinflsse w ie Temperatur, Nie-derschlag, Sonneneinstrahlung, Hangnei-gung, Gestein oder Bodenbeschaffenheit.Unter hnlichen Umwelteinflssen gedei-hen von Natur aus hnliche Pflanzenge-meinschaften. Solche fr einen bestimmtenStandort typische Gemeinschaften nenntman Pflanzengesellschaften oder Waldge-sellschaften. Zu einer Waldgesellschaft ge-hren neben den Bumen auch die Stru-cher und natrlich die Bodenpflanzen mit-samt den Farnen und den Moosen. Anhandder Bodenpflanzen und der Bodenbeschaf-fenheit kann man feststellen, welche Baum-arten von Natur aus wachsen wrden. EineWaldgesellschaft beschreibt lediglich diepotentielle natrliche Vegetation, nicht dentatschlich vorhandenen Baumbestand.Auf dem Gebiet der Stadt W interthur kom-men ber 40 verschiedene Waldgesell-schaften vor (siehe Tabelle Seite 58); diemeisten gehren zu den Buchenwldern.Kein Wunder, denn auf den hiesigen B-den ist die Buche am konkurrenzfhigstengegenber anderen Baumarten. Hier kannsie bisweilen Reinbestnde ausbilden. Jenach Bodenbeschaffenheit gesellen sich zurBuche andere Laubbume: im feuchteren,eher kalkhaltigen Bereich beispielsweiseder Bergahorn, die Esche oder die Bergul-me, auf feucht-sauren Bden hingegen dieW interlinde oder die Hagebuche. Auf ehertrockeneren Bden findet man neben der

    Buche verschiedene Eichenarten, die Mehl-beere oder w iederum die Hagebuche. Beiextremen Bodenverhltnissen ist die Buchenicht mehr konkurrenzfhig. Sie w ird ab-gelst durch die Schwarzerle, die Esche, dieBirke oder die Fhre. Solche extreme S t a n d-orte mit den entsprechend seltenen Wald-gesellschaften gibt es auch in W interthur.Ohne menschliche Eingriffe entw ickelnsich an den meisten Standorten in W inter-thur sommergrne Laubmischwlder, dievon der Buche dominiert werden.Neben den lokalen Gegebenheiten im Ge-lnde, w ie etwa Neigung und W indexposi-tion, sind in W interthur vor allem der Ge-steinsuntergrund und die Bodenbeschaf-fenheit ausschlaggebend fr die Vielfaltder Waldgesellschaften.Der Gesteinsuntergrund bildet die Grund-lage des Oberbodens, auf dem schliesslichdie Pflanzendecke wchst. Seine Zusam-mensetzung beeinflusst den Nhrstoffge-halt und den Wasserhaushalt des Bodensund damit auch die Waldgesellschaft.Die oberste Gesteinsschicht ist in W inter-thur vielerorts die Obere Ssswassermolas-se, das lteste aller hier vorhandenen Ober-flchengesteine. So zum Beispiel an denSdhngen des Lindbergs und des Eschen-bergs, aber auch am Nordhang des Dtt-nau, am Brelberg und sogar auf demHochplateau des Eschenbergs. Weil Molas-se aus verschiedenen Ausgangsgesteinen(Mergel, Sandstein und vereinzelt Nagel-fluhbnder) besteht, findet sich auf ihr ein

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    Im Reich der Buche

  • 5958

    I M R E I C H D E R B U C H E

  • Die grsste Vielfalt an Waldgesellschaftenweist der Eschenbergwald auf. 38 verschie-dene Gesellschaften sind in diesem 7,6Quadratkilometer grossen Waldgebiet ver-treten. Zum Vergleich: Im Lindbergwaldkommen nicht einmal halb so viele Gesell-schaften vor. Doch die Vielfalt des Eschen-bergs tuscht: Ganze zwei Drittel der Wald-flche nehmen alleine die Waldhirsen-Bu-chenwlder ein. In keinem anderen Gebietin W interthur erreichen diese Waldgesell-schaften eine solche Ausdehnung. ImEschenbergwald hingegen kommen siefast berall vor: Beinahe der gesamte Nord-hang zw ischen der Breiti und dem Paradisbesteht aus Wa l d h i r s e n - B u c h e n w a l d - S t a n d-orten; sie fehlen eigentlich nur an heissenund sehr trockenen oder an feuchten La-gen: an den Sdhngen gegen die Tsshinunter, im Leisental und an vernsstenStellen auf dem Hochplateau, zum Beispielin der Umgebung des Gebietes Riet. DieWaldhirsen-Buchenwlder wachsen bevor-zugt auf tiefgrndigen, weder stark saurennoch sehr kalkreichen Braunerde-Bden,wobei sie je nach Bodenbeschaffenheitunterschiedliche Varianten ausbilden. DieBaumschicht ist ausserordentlich krftigund hoch; die Bodenvegetation ist rechtppig. Hufig bestimmen die Farne dasWaldbild, so der Gewhnliche Waldfarn,der Gelappte Schildfarn oder der Eichen-farn. Diese Farne knnen indes auch vlligfehlen. Auch den Geissbart findet manhufig in diesen Wldern. Die w ichtigsteBaumart ist natrlich die Buche. Danebenkommen aber auch Weisstanne, Rottanne,Bergahorn und Esche in dieser Gesellschaftziemlich hufig vor. W ichtige Strucher sind

    breites Spektrum verschiedener Waldge-sellschaften. Ansonsten stammen hier dieobersten geologischen Schichten vorw ie-gend aus der letzten Eiszeit: In den Talb-den bestehen sie aus wrm e i s z e i t l i c h e nS c h o t t e rn und auf den Hge ln berw i e-gend aus Mornenmaterial.

    Entscheidende Grenzschicht

    So w ie sich unter hnlichen Bedingungenhnliche Pflanzengesellschaften einstellen,so entstehen unter hnlichen Bedingun-gen hnliche Bden. Und die sind mitunterw ichtige Standortfaktoren fr die Waldge-sellschaften. Der Boden ist die Grenzschichtzw ischen der Gesteinsschicht und der obers-ten Schicht von totem Pflanzenmaterial und mithin eine M ischung aus beidem.Der hufigste Bodentyp in W interthur istdie Braunerde. Dieser ton- und nhrstoff-reiche Boden ist typisch fr das ausgegli-chene Klima. In der Braunerde sind Humus

    und M ineralien gut vermischt, die Frucht-barkeit ist entsprechend hoch. Je nach Ge-stein und Hangneigung sind die W inter-thurer Braunerdebden mehr oder wenigerstark kalkhaltig. Saure Braunerden sind hiereher die Ausnahme. Typische Waldgesell -schaften auf Braunerden sind etwa dieWaldmeister-Buch