Montag, 26. Oktober 2015 Schweiz 1 3 «Medizinal-Cannabis ... · beispielsweise Alkohol oder Tabak...

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MONTAGSINTERVIEW DerBund gibt eine Studie zum Ein-satz von Cannabis als Schmerz-mittel in Auftrag. Der renom-mierteste Hanfforscher RudolfBrenneisen erkennt zwar dieGefahren der Pflanze, aberauch ihr grosses Potenzial.

Herr Brenneisen, haben Sie auchschon gekifft?Rudolf Brenneisen: Ich bin einklassischer Vertreter der 68er-Generation. Damals habe ich ausNeugier und auch wegen einesgewissen Gruppendrucks einmalversucht, einen Joint zu rauchen.Aber dieser Schuss ging gehörignach hinten los, da ich kein Rau-cher war: Ich habe falsch inha-liert, und mir wurde ziemlichübel. Inzwischen bin ich abercannabissüchtig . . .. . .und dazu stehen Sie einfachso?Süchtig bin ich natürlich nur imSinne der Forschung, schliesslichbeschäftige ich mich mit dieserPflanze seit über vierzig Jahren,und sie wird mich auch nichtmehr loslassen.Was war der Ausschlag für IhrInteresse an Cannabis sativa?In den späten 1970er-Jahren be-trat die Polizei mein Labor imPharmazeutischen Institut Bernmit einem Sack Pflanzen aus demEmmental. Ich solle das untersu-chen. Die Polizei war der Über-zeugung, dass man mit diesemHanfzeugs keine berauschendeWirkung erzielen könne. Wirkonnten nachweisen, dass mantatsächlich auch in der SchweizHanf mit einem beträchtlichenAnteil des psychoaktiven StoffsTHC erzeugen kann. Wir habenin der Folge im Auftrag des Bun-desamtes für Gesundheit und derBundesanwaltschaft die Pflanzesystematisch untersucht. Dasführte mich schliesslich bis in dieUSA.Was haben Sie dort gemacht?Damals hatte die US-Drogenbe-hörde DEA die besten Laborein-richtungen. Als junger Pharma-zeut konnte ich viel lernen vonmeinen US-Kollegen. Ein Auf-enthalt an der Universität Mis-sissippi, einem Hotspot der Can-nabisforschung, bildete dann dieBasis für viele gemeinsame underfolgreiche Projekte.Die Amerikaner waren es aberauch, welche Cannabis als Killer-droge verteufelten. Wie gefähr-lich ist denn nun Cannabis, wennman es als Droge konsumiert?Eine pauschale Bewertung istenorm schwierig. Berücksichtigtman gesundheitliche, soziale,ökonomische und rechtlicheFaktoren, dann ist Cannabis alsnicht speziell problematisch ein-zuordnen. Wie eine englischeStudie eindrücklich zeigt, sindbeispielsweise Alkohol oderTabak in jeder Hinsicht viel ge-fährlicher.Wem würden Sie dringend da-von abraten, zu kiffen?Ein gleichaltriger Kollege vonmir, notabene ein Psychiater,

raucht schon seit Jahren ab undzu einen Joint. Er weiss, wie erdamit umgehen muss, und er istauch in keiner Art und Weise ab-hängig. Sicher nicht zu empfeh-len ist Cannabis jedoch fürJugendliche, weil bei ihnen dieGehirnentwicklung noch nichtabgeschlossen ist. So wurde ge-zeigt, dass Cannabis die neurona-le Vernetzung beeinflussen kann.Auch für psychisch labile Men-schen ist die Gefahr vorhanden,dass sie abdriften oder imschlimmsten Fall gar eine Psy-chose entwickeln. Und generellist der sogenannte Turbohanf,der THC-Werte erreicht von biszu 30 Prozent, schon gefährlich.Aber der normale Hanfkonsu-ment will in der Regel gar nichtderart starkes Gras rauchen undverdünnt mit Tabak.Wie abhängig macht die Droge?Sie kann psychisch abhängig ma-chen, aber eine physische Abhän-gigkeit wie bei Heroin oder Ko-kain konnte bei Cannabis nichtnachgewiesen werden.Hat der schlechte Ruf als Drogedazu geführt, dass Cannabis fürlange Zeit aus der Agenda derForscher verschwand?Ich erinnere mich, dass wir 1972während meines Praktikums inder Berner Zytglogge-Apothekenoch verschiedene Cannabispro-dukte in der Rezeptur hatten. Diedaraus hergestellte Hausspezia-lität war eine Hühneraugentink-tur. Das hat mich damals er-staunt, weil es bereits verschie-dene chemische Präparate dage-gen gab. Heute weiss man, dassinsbesondere der Wirkstoff Can-nabidiol entzündungshemmen-de und antibiotische Eigenschaf-ten aufweist. Als ich dann alsPharmazeut Cannabis als Heil-mittel wiederentdeckte und zuerforschen begann, war das tat-sächlich nicht immer einfach.Konkret?Viele meiner Kollegen an derUniversität belächelten damalsein bisschen meine Forschungenund klinischen Studien mit einer«Kifferdroge». Zudem wurde ichviermal grundlos und ohne Kon-sequenzen vor Gericht gezogen,weil Hanfproduzenten behaup-teten, sie hätten ihr Gras für denBrenneisen von der UniversitätBern produziert. Einer dieserHanfproduzenten hat mich garals grössten Dealer der Schweizbetitelt. Er selber musste dannwegen Ehrverletzung ins Ge-fängnis.Trotzdem sind Sie der Pflanzetreu geblieben. Weshalb?Weil das pharmakologische Po-tenzial dieser Pflanze enorm istund erschlossen werden muss. Esgibt wohl keine andere Pflanze,deren Wirkstoffe so viele positiveEffekte erzielen können. Canna-bis verfügt insgesamt über 500verschiedene Inhaltsstoffe, vondenen bis jetzt aber nur wenigeerforscht sind.Eine Wunderpflanze?So weit würde ich nicht gehen, ei-ne Mystifizierung dieser Pflanzeist fehl am Platz. So ist es unseri-

ös, zu behaupten, dass CannabisKrebs heilt. Der Kanadier RickSimpson hat zwar gegen seinenHautkrebs erfolgreich Cannabis-öl verwendet und beachtliche Re-sultate erzielt. Dies hat in Ameri-ka einen riesigen Hype ausgelöstund Erwartungen geweckt, diedieses Simpson-Öl jedoch nichterfüllen kann.Warum nicht?Oft fehlen klinische Studien, wel-che die Wirksamkeit einwandfreibelegen. Der ebenfalls spektaku-läre Fall des Mädchens CharlotteFigi ist ein anderes Beispiel ausden USA. Dieses schwerstepilep-tische Mädchen kann dank Can-nabidiol heute ein einigermassenvernünftiges Leben führen – unddies ohne psychische Beeinflus-sung, da Cannabidiol keineRauschwirkung hat. Dieser Er-folg hat eine breitangelegte klini-sche Studie ausgelöst.Hatten Sie auch schon Kontaktmit Patienten?Ja, bei mir kam beispielsweise einMann vorbei mit Prostatakrebs,der Rat suchte. Der ärztliche Be-fund war, dass ihm nicht mehr zuhelfen sei und seine Laborwertedramatisch seien. Er habe nichtsmehr zu verlieren und wolle jetztCannabis einsetzen. Ich habe ihnberaten und ihm gesagt, welchesPräparat ich als am besten geeig-net erachten würde und dass er esverdampfen und nicht rauchensolle. Er hat sich dann dieses sel-ber besorgt. Ein halbes Jahr spä-ter hat er sich bei mir gemeldetmit der guten Botschaft, dass sei-ne Laborwerte stabil und die Le-bensqualität zurück sei. Dieseanekdotischen Patientenberich-te sammle ich. Es kann ja nichtsein, dass alle Erfolge auf soge-nannte spontane Heilungen zu-rückzuführen sind.Haben Sie sich dadurch nichtstrafbar gemacht?Nein, ich habe ihm ja nur Tippsgegeben. Und Cannabidiol kön-nen Sie in der Schweiz problem-los kaufen, einfach nicht als Me-dikament, sondern als Nahrungs-ergänzungsmittel. Sie dürfenaber nicht darauf schreiben, dassdieses beispielsweise schmerz-stillend sei.Gibt es Beispiele von zugelasse-nen Cannabismedikamenten?Das bekannteste ist wohl das seitgut zwei Jahren zugelassene Sati-vex, von dem sich unter anderemdie Pharmamultis Bayer und No-vartis Vermarktungsrechte er-kauft haben. Dies ermöglicht esdem englischen Hersteller, auf-wendige klinische Studien zu fi-nanzieren und neue Indikatio-nen wie zum Beispiel Krebs-schmerzen zu testen. In derSchweiz ist Sativex zur Behand-lung schwerer Muskelkrämpfebei MS-Patienten registriert.Und das kann ich einfach beimArzt einverlangen?Ja, weil es auch THC enthält, giltes aber als Betäubungsmittel.Vom Apotheker hergestellte Can-nabistinkturen bedürfen einerEinzelbewilligung durch dasBundesamt für Gesundheit.

Das pharmakologisch viel po-tentere Morphin darf der Arztaber ohne Einzelbewilligung desBAG verschreiben.Das ist so, obwohl man sich imGegensatz zum Cannabis mitMorphin problemlos umbringenkann. Bis heute dürfen ohne Ein-willigung des Bundes nur Canna-bisprodukte mit einem THC-Ge-halt bis zu einem Prozent einge-setzt oder konsumiert werden.Aber es braucht einen deutlichhöheren Gehalt, damit über-haupt eine pharmakologischeWirkung erzielt werden kann.Auch Sativex weist einen höhe-ren THC-Gehalt auf.Dann muss man doch einfachden zugelassenen THC-Gehalterhöhen.So einfach ist das nicht, weil es da-zu einer Gesetzesänderung be-darf. Aber es wäre dringend not-wendig. Mit der heutigen Rege-lung produzieren wir einen un-glaublichen Bürokratiekrieg. Unddie Gesuche nehmen stetig zu.Ziel muss es sein, dass wir Medizi-nalcannabis in die Arztpraxenund Apotheken zurückbringen.Das ist derzeit eine eher vergeb-liche Hoffnung, oder?Der Bundesrat will jetzt dank derüberwiesenen Motion der Patien-tenschützerin Margrit Kessler dieForschung an dieser Pflanze for-cieren – und zwar auch diejenigedirekt am Schmerzpatienten.Deshalb bin ich vorsichtig zuver-sichtlich, dass man Medizinalcan-nabis künftig einfacher beziehenkann.

Interview: Gregor Poletti

«Medizinal-Cannabis muss in Arztpraxen und Apotheken zurückkehren»

IM GESPRÄCH

Rudolf Brenneisen ist irgendwiepeinlich berührt, als die Fotogra-fin ihr Equipment in seinem Büroin einem Berner Wohnquartieraufbaut. Er stehe nicht gerne imZentrum, wichtig sei ihm die Sa-che. Vielleicht sind es auch dienicht immer angenehmen Erfah-rungen mit Medien und der Öf-fentlichkeit, die er als «Cannabis-papst» während seiner Zeit alsProfessor der Pharmazie an derUni Bern gemacht hat. Sobald dasGespräch jedoch Fahrt aufnimmt,

ist der 66-Jährige nicht mehr zubremsen. Über drei Stunden er-zählt er aus seinem bewegten Le-ben als Hanfforscher, das ihm zu-erst nicht nur Freunde und späterNeider bescherte. Die Kiffer er-zürnte Brenneisen, als er zu Be-ginn seiner Karriere zusammenmit der Antidrogenbehörde derUSA und der Industrie Methodenentwickelte, um Drogen zu analy-sieren und in Blut und Urin nach-zuweisen. Seinen Ruf als einerder führenden Experten für die

Erforschung der Cannabispflan-ze erwarb er mit bahnbrechen-den Forschungen. So zeigte eineStudie an der Rehaklinik RehabBasel bereits 1996, dass der Can-nabiswirkstoff THC bei Quer-schnittsgelähmten spastischeMuskelkrämpfe lindert.

Inzwischen ist der verheirateteForscher emeritiert und hat keinLabor mehr. Er steuert und koor-diniert seine Tätigkeit als Expertevon seinem kleinen, unscheinba-ren Büro aus. Gerade ist er wieder

unterwegs zu Kongressen undVorträgen über die vielfältige Wir-kung von Cannabis. Als Leiter derSchweizer Arbeitsgruppe für Can-nabinoide in der Medizin hofft er,dass er die jetzt vom Bund initiier-te Forschungsoffensive unter-stützen und voranbringen kann.Denn seine Begeisterung fürdas Heilkraut ist ungebrochen.Daran lässt das intensive Ge-spräch mit dem Pharmakologenan diesem Nachmittag keinenZweifel. gr

«Mir wurde damalsbeim Rauchenziemlich übel. Aberinzwischen bin ichsüchtig nach demForschungsthemaCannabis.»

«Das pharmakolo-gische Potenzialdieser Pflanze istenorm und muss er-schlossen werden.»

Rudolf Brenneisen ist Pharmazeut und Leiter der Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin. Bilder Susanne Keller

Tetrahydrocannabinol (THC) ist derjenige Teil des Cannabis, der für denRausch sorgt – aber auch eine pharmakologische Wirkung hat.

SchweizMontag, 26. Oktober 2015

BAHNVERKEHR Die SBBmöchten, dass ihre Zügepünktlicher fahren. Nun prüftdie Bahn, wie viel es bringt,wenn die Züge nur kurz aufAnschlusszüge warten.

In einem Pilotprojekt testen dieSBB zurzeit, ob Passagiere pünkt-licher ankommen, wenn Zügeweniger lang auf verspätete An-schlusszüge warten müssen. DasPilotprojekt begann Mitte Okto-ber und soll bis Mitte Dezemberdauern. In den Test einbezogenwird das Dreieck Bern-Basel-Zü-rich. SBB-Sprecherin FranziskaFrey bestätigte einen Bericht derZeitung «Schweiz am Sonntag».

Untersuchungen hätten ge-zeigt, dass verkürzte Wartezeitenauf einzelne Anschlusszüge diePünktlichkeit im ganzen Netzsteigerten, sagte Frey. In derPraxis getestet wird dies nunan Wochentagen zwischen Be-triebsbeginn und kurz vor20 Uhr.

Entscheide fallen im 2016Laut der Sprecherin wird dasProjekt laufend überwacht undausgewertet. Bringe es die erhoff-te Wirkung nicht, werde es un-verzüglich abgebrochen, sagteFrey. Fahren die Züge im Pilot-projekt dagegen pünktlicher,wollen die SBB 2016 definieren,wie lange künftig noch auf An-schlusszüge gewartet wird.

Muss ein Zug auf einen An-schluss warten, profitieren lautFrey oft nur relativ wenige Passa-giere von der Möglichkeit, doch

SBB wollen weniger langauf verspätete Züge warten

noch umsteigen und gleichweiterfahren zu können. «Dochfür die vielen Reisenden, dieschon im wartenden Zug sitzen,kann diese Wartezeit zu Folge-verspätungen und Anschluss-brüchen führen.»

Ablehnung bei Pro BahnKein Verständnis für das Pilot-projekt hat Pro Bahn. Reisende inverspäteten Anschlusszügen bil-deten zwar eine Minderheit,schrieb die Interessenvertretungder Kunden des öffentlichen Ver-kehrs. Doch das Problem dieserPassagiere habe die SBB verur-sacht. Die Reisenden dürften da-für nicht bestraft werden. sda

Pilotversuch: Die SBB warten imRaum Bern-Basel-Zürich wenigerlang auf verspätete Züge. Raphael Moser

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