Kunst und –ffentlichkeit Kritische Praxis der Kunst im ... Kunst und –ffentlichkeit...

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  • Kunst und ffentlichkeit

    Kritische Praxis der Kunstim StadtraumZrich

    Herausgegeben von Christoph Schenker und Michael Hiltbrunner

    Band 2 der Schriftenreihe des Instituts fr Kunst und Medien, Hochschule fr Gestaltung und Kunst Zrich

    JRP|Ringier

  • Inhaltsverzeichnis

    Grusswort von Stadtrat Martin Waser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

    Marius Babias Die Kunst des ffentlichen in der Arena der Politik . . . . . . . . . . . . . . . 9 Philip Ursprung Zrichs Versptung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Christoph Schenker Kunst als dichtes Wissen Das Forschungsprojekt Kunst ffentlichkeit Zrich . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Angelus Eisinger Quartierleben in der Partystadt Interview . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

    KNSTLERISCHE PROJEKTENTWRFE

    Monica Bonvicini Fassade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Matthew Buckingham Film To Be Projected Every Year . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Harun Farocki Denkmal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Knowbotic Research BlackBenz Race . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Lawrence Weiner Kugellager oder runde Steine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Bernadette Flscher Stadtraum und Kunst: Stadtentwicklung, ffentliche Rume und Kunst im ffentlichen Raum der Stadt Zrich seit dem 19. Jahrhundert . . . . 11

    Chonja Lee und Maya Burtscher Sechs Beispiele in Zrich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

  • 7

    Pipilotti RistDie grsste Videoinstallation der Welt Interview . . . . . . . . . . . . . . . . 21

    Peter Spillmann Das sind eure Rituale, unsere sind vielleicht andere Interview . . . . . . . 22

    Oliver Marchart There is a crack in everything ... Public Art als politische Praxis . . . . . . . 23

    Stefan RmerIntermedialitt im Ambient . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2

    Hito Steyerl Look out, its real! Dokumentarismus, Erfahrung, Politik . . . . . . . . . . 21

    Ursula BiemannVideo eine globale Geografie der Wissensverbreitung . . . . . . . . . . . . . 273

    Ulrich VonrufsBlicke auf Zrich: Geschichte und Gegenwart Wirtschaft, Immigration, Armut, Politik und Massenmedien . . . . . . . . . . 279

    Tim ZulaufErerbte Widersprcheberlegungen zu den Kunstprojekten in der Hardau . . . . . . . . . . . . . . . 327

    KNSTLERISCHE PROJEKTE

    San Keller Freinacht in der Hardau und Best of Hardau. . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Claudia und Julia Mller Glocke*Hardau*BimBam*2006 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

    Michael Hiltbrunner Plakate als Bilder: Kunstplakate von Ana Axpe, Christoph Hnsli, David Renggli, Shirana Shahbazi und Till Velten in der Hardau . . . . . . . . 37

    Biografien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

  • Das hier im Expos von Harun Farocki

    vorgestellte Projekt Denkmal

    fhrt in der nun realisierten Fassung folgende

    Werkbezeichnung:

    Harun Farocki bertragung, 2007 Videofilm, Farbe, Ton, 43 Min.

  • Harun Farocki

    Denkmal

  • Harun Farocki8

  • Denkmal 87

    1 Harun Farocki: Denkmal, Rohfas-sung, 200. video.

    Bild vom Vietnam Veterans Memorial,

    washington, ein werk von maya lin,

    erbaut 1982.

    25 Harun Farocki: Denkmal, Projektentwurf, 200. videoskizzen

    vom Vietnam Veterans Memorial,

    washington.

    1

  • Harun Farocki88

    2

    3

  • Denkmal 89

    4

    5

  • Harun Farocki90

    denkMal

    exPos Fr eine insTallaTion von

    harun FaroCki

    a

    Das Vietnam Veterans Memorial in washing-

    ton besteht aus einer langgestreckten

    mauer aus schwarzem, poliertem und den

    Besucher spiegelndem granit, in den

    die Namen von 829 US-Amerikanern ein-

    geschrieben sind, die im Krieg zu Tode

    gekommen waren.

    Das Denkmal wird tglich, dreissig Jahre

    nach ende des Krieges, von vielen Tau-

    senden besucht. Drei verhaltensweisen

    sind auffllig:

    - viele berhren den Schriftzug eines

    Namens.

    - viele pausen den Schriftzug eines

    Namens durch.

    - viele legen kleine geschenke am Fusse

    der mauer ab.

    Der Krieg gegen vietnam ist der einzige,

    den die USA nicht gewonnen haben. es ist

    deshalb schwer, diesen Krieg einzuord-

    nen. Die vietnam-gedenksttte versucht

    auffllig, keine Aussage zu vietnam zu

    machen, und listet die Namen auf, wie

    auf einem massengrab. Die Namen sind in

    einen undeutlichen Zusammenhang ge-

    stellt, und die Besucher, Familien-Ange-

    hrige oder Freunde, reprivatisieren

    das Andenken.

    Das memorial, das auch ausdrcklich die

    bei mahnmalen bliche vertikalitt ver-

    meidet, vielmehr eingelassen ist in

    das gelnde, vollzieht ein Stck Antiri-

    tualismus. Die Besucher pflegen einen

    wilden Ritualismus.

    es gibt Schilderungen, dass die Besucher

    gegen die wand klopfen, auf die in-

    schriften, als gelte es, zu wecken. manche

    betasten den Stein und zucken zurck,

    als wre er heiss.

    Anders als beim solitren grabmahl,

    stellt erst das Berhren des vertrauten

    Namenszuges zwischen den gleichartig,

    dicht an dicht gesetzten wrtern eine

    verbindung her. Dieser Kontakt wird

    intim, indem der Besucher die bezeich-

    nete Person unter den zigtausend anderen

    herauslst und umgekehrt: Um unter den

    vielen die gedenkende Zuwendung dem einen

    zu widmen, braucht es den Fingerzeig.

    mit dem Abpausen nehmen die Besucher

    symbolisch einen Teil des verstorbenen

    mit sich.

    Beim entwurf und Bau der wall war nicht

    vorgesehen, dass dort gegenstnde

    abgelegt werden.

    Das Aufsichtspersonal nimmt am ende

    jeden Tages die an der mauer hinterlas-

    senen Objekte auf und schickt sie an

    eine Sammelstelle: Joints, medaillen,

    Fotos, Briefe, Spielkarten.

    Allem Anschein nach zeugen Raviolibch-

    sen, Bierdosen und Zigarettenschachteln

    von den entbehrungen der gis im Krieg.

    Tten mit m&m-Schokolinsen knnten daran

    erinnern, dass diese als Placebos ver-

    abreicht wurden, wenn kein morphium zur

    Hand war.

    Angehrige hinterlassen lieblingsstcke

    des verstorbenen, z.B. ein Paar cowboy-

    stiefel oder einen Teddybr aus Kinder-

    tagen.

    Andere gegenstnde spiegeln das leben,

    das die verstorbenen nie gelebt haben:

    der Hochzeitsblumenstrauss, der ehering,

    Schuhe und Schnuller fr ein Baby.

    Das Vietnam Veterans Memorial wurde zu

    einer Projektionsflche fr eine Zu-

    kunft, wie es sie fr die auf der wand

    genannten nie gegeben hat.

  • Denkmal 91

    B

    Nach Bronislaw malinowski ist ein Brauch

    jede traditionell geregelte und stan-

    dardisierte Form des krperlichen ver-

    haltens.

    eine bestimmte Klasse der Bruche sind

    die Rituale.

    Die varianz von der Betroffenheit

    auslsenden gedenksttte ber den

    Pilgerort, welcher meditation und

    Feierlichkeit einfordert, bis zum

    touristischen Ziel, an dem in einem

    profanisierten Krzel dem Aberglauben

    mit banger ironie geschuldet wird,

    erscheint uns als spannendes Beobach-

    tungsfeld transzendierender Anknp-

    fungsversuche.

    wir interessieren uns fr den vollzug

    von standardisierten Handlungen, ritu-

    ellen mustern und unwillkrlichen

    gesten, mit denen dem wunsch Ausdruck

    verliehen wird, sich in verbindung

    zu setzen zu einer anderen Zeit,zu ge-

    wesener existenz.

    Nach mary Douglas leben wir in einer

    gesellschaft, in der wir uns in unter-

    schiedlichen Formen eines Antiritualis-

    mus bewegen, bei Destabilisierung oder

    Umordnung berkommener gesellschaft-

    licher Ordnungsmuster und Hierarchien.

    Nach Hans-georg Soeffner bewegen wir uns

    in einem undurchschauten Ritualismus,

    der sich an zwei extremformen veran-

    schaulichen lsst:

    - an einem ritualisierten Antiritualis-

    mus,

    - an der vernderung eines berkommenen

    Ritus durch naiven, inflatorischen

    Ritualismus.

    C

    Ausgehend vom Vietnam Veterans Memorial

    wollen wir Bilder aufnehmen, die eine

    implizite errterung zur Frage von Anti-

    ritual und Ritual sind.

    An anderer Stelle in washington, unmit-

    telbar hinterm eingang des Smithsonian

    National Air and Space museum, warten

    die Besucher in langer Schlange darauf,

    ihre Hand auf einen Stein legen zu kn-

    nen, den eine Apollo-mission vom mond

    zur erde brachte.

    Beweggrund zur Kontaktaufnahme mit

    dieser in einem offenen Schrein dargebo-

    tenen Universalie mag sein, dass durchs

    Handauflegen eine weihe bergehe. Jeden-

    falls erfolgt eine physische Teilhabe

    an der vom Smithsonian in den exponaten

    aus luft- und Raumfahrt bekundeten,

    bis in den Kosmos reichenden macht von

    wissenschaft und Technik.