WPK Quarterly 2013 II

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Magazin für Wissenschaftsjournalismus magazine about science journalism WPK German Science Journalists’ Association

Transcript of WPK Quarterly 2013 II

  • Wie man Sponsoring im Journalismus bewerten kann

    ber die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit

    Ein Nachruf auf den New Scientist Deutschland

    Die Wissenschaftsjournalisten

    Ansto

    Ausgabe II / 2013Sponsoring des Journalismus

    Freisto

    Abpfiff

    Der Sndenfall?

    Alternative Finanzierung im Wissenschaftsjournalismus

    DAS MAGAZIN DER WISSENSCHAFTS-PRESSEKONFERENZ e.V.

  • 2 II/2013WPK-Quarterly

    EDITORIAL

    Was ist professioneller Journalismus wert?

    Versuchsstation des Weltunter-gangs. So nannte Karl Kraus in einem Beitrag fr Die Fackel 1915 sterreich. Der Wiener Journalistik-Professor Han-nes Haas zitierte 2010 dieses Wort von Kraus zu Beginn eines Buchkapitels ber die Krise des Journalismus.* War-um er das tat, ist unklar. Denn die Rede von der Versuchsstation des Welt-untergangs, schreibt Haas, sei mg-licherweise passend fr manches in sterreich, fr den Medienbereich aller-dings nicht, weil der sich nur verzgert entwickele. Die sterreicher machten die Fehler der anderen erst mit siche-rem Abstand.

    Hannes Haas hat so wenig wie Karl Kraus bei seinen Ausfhrungen an die so genannten Medienkooperationen gedacht, die eine Reihe von Qualitts-medien in sterreich zur Finanzierung des spezialisierten Wissenschaftsjour-nalismus unterhalten, darunter Der Standard und Die Presse. Unter an-deren diese beiden lassen sich ihren Wissenschaftsjournalismus finanzieren durch diverse Hochschulen und For-schungsorganisationen, und zwar zu erklecklichen Anteilen. Und damit nicht genug: Sie lassen sich ihren Journalis-mus darber hinaus finanzieren durch Bundesministerien, zuvrderst zu nen-nen das Ministerium fr Wissenschaft und Forschung.

    Man muss sicher nicht gleich vom Weltuntergang reden, aber zu einer Versuchsstation wird sterreich durch diese Praxis gleichwohl. Die Versuchs-anordnung: Man lotet aus, wie viel Un-abhngigkeit und Glaubwrdigkeit, wie viel Staatsferne man einben kann, bevor der Journalismus untergeht. Ein sehr riskanter Versuch, so viel steht fest.

    Es gibt jedoch keinen Grund, mit dem Finger auf sterreich zu zeigen. Erstens deshalb, weil wir auf der Suche nach alternativen Finanzierungsmodel-len der skizzierten Art nicht allein in s-terreich fndig geworden sind, sondern auch in der Schweiz, in Tschechien, in Spanien, Griechenland, Irland und Est-land. Und zweitens deshalb, weil diese Medienkooperationen durchaus ver-gleichbar sind mit dem Geschftsmo-dell einer Vielzahl freier Journalisten, die ihre Rechnungen nur begleichen knnen, weil sie zu erklecklichen Antei-len auch Wissenschafts-PR machen. Diese Kooperationen von Hundert-schaften freier Autoren bleiben aber vollstndig verdeckt. Nur deshalb ber-gen sie geringere Risiken fr die Glaub-wrdigkeit ganzer Medientitel, die auf die Dienste von Freien angewiesen sind, diese aber in aller Regel schlecht bis sehr schlecht bezahlen. Eine Ge-fahr fr den Journalismus sind diese Zustnde gleichwohl.

    Auch deshalb war die Situation der Freien und ihre Abhngigkeit von der Wissenschafts-PR ein wichtiges Thema auf der diesjhrigen Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten in Helsinki. Hristio Boytchev bezeichnet die Sessi-on dazu in seinem Bericht als ein High-light und fordert von den Verlagen mit Blick auf die geringen Honorare etwas, das eigentlich eine Selbstverstndlich-keit sein sollte. Eine einleuchtende Ant-wort auf die Frage, was professioneller Journalismus denn wert ist.

    Unwissentlich sekundiert er damit dem in Zrich lehrenden Journalismus-forscher Otfried Jarren, der in der Kom-munikationsverweigerung der Verlage und ihrer Journalisten den Kernpunkt der Krise auszumachen glaubt.* Gere-det werde ber Technik, ber Techno-logien, ber neue Geschftsfelder und Geschftsmodelle, ber das Zusam-menwachsen von Print und Online... . ber eines werde aber nicht gespro-chen: ber den Sinn und den sozia-len Zweck von publizistischen Ange-boten. Und wer darber nicht spreche, tzt Jarren, der knne auch keine Zah-lungsbereitschaft aktivieren. Und wer zudem niemals seine Finanzquellen offen legt, wer sich aus allen nur denk-baren Quellen finanzieren lsst, aber fr die publizistischen Kernprodukte und echte journalistische Leistungen

  • WPK-Quarterly 3II/2013

    Markus Lehmkuhl

    ist wissenschaft-licher Mitarbeiter an der FU Berlin.

    Er leitet die WPK-Quarterly

    Redaktion.

    Editorial

    Milde Gaben fr den JournalismusEine bersicht

    Wie man die Risiken des Sponsoring abschtzen kann:Ein Vorschlag

    Auf den Geldgeber kommt es an!Eine Replik

    Eindrcke von der Weltkonferenz der WissenschaftsjournalistenEin Bericht

    Das Ende fr den New Scientist DeutschlandEine Analyse

    Soll man den Murks von Kollegen korrigieren oder ignorieren?Ein Standpunkt

    H5N1: Neue Regeln fr die biologische Forschung?Eine Expertise

    Zum 10. Geburtstag des WPK-QuarterlyEin Rckblick und Ausblick

    WPKNeue Mitglieder

    Impressum

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    uns keinen Preis zu nennen vermag, dessen Probleme werden grer. Das ist umso problematischer dann, wenn man fr dieses Tun auch noch ffentli-che Anerkennung verlangt oder gar auf die Wahrnehmung eines ffentlichen Auftrages, den man habe, hinweist. Es leidet die Glaubwrdigkeit.

    4,50 kostete ein Heft des New Scientist Deutschland, nicht allzu viel, wenn man den Inhalt in Rechnung stellt, den die Redaktion fr diesen Preis lie-ferte, findet Annette Lemllmann. Au-er ihr fanden das offenbar zu wenige andere Leserinnen und Leser. Deshalb muss sie fr uns die Geschichte eines Scheiterns erzhlen. Und sie muss sich fragen, warum ein Magazin, das vieles richtig gemacht hat, schon nach kurzer Zeit wieder verschwand.

    In dieser Ausgabe machen wir etwas, das wir aus guten Grnden gewhnlich nicht tun. Wir sprechen ber uns, ohne eigentlich recht zu wissen, wer wir sind. Der Anlass: Wir haben Geburtstag. Das WPK-Quarterly gibt es seit 10 Jahren. Volker Stollorz, der dieses Magazin mageblich geprgt hat und dies nach wie vor tut, blickt zurck auf das Projekt Quarterly, das wir weiter verfolgen wol-len. Dazu suchen wir Mitstreiter. Einzige Anforderung: Lust, sich mal zwischen alle Sthle zu setzen; zwischen Wis-senschaft und Journalismus, zwischen Popularitt und Anspruch, zwischen Objektivitt und Meinung. Denn, so sagt es Volker Stollorz: Zwischen allen Sth-len ist auch zuknftig der richtige Platz fr das WPK-Quarterly.

    Markus Lehmkuhl

    *Beide zitierten Beitrge finden sich in Bartelt-Kircher, G., H. Bohrmann, et al. (2010). Krise der Printmedien: eine Krise des Journalismus?, De Gruyter Saur.

    }

    Inhalt

  • 4 II/2013WPK-Quarterly

    In vielen europischen Lndern lsst sich der Wissenschaftsjournalismus von Geldgebern untersttzen. Wissenschaftsfrderer, Stiftungen, selbst Ministerien ffnen ihre Brsen. Eine bersicht

    Von Markus Lehmkuhl

    Milde Gaben!

    Es ist ein deutlich sichtbarer Kasten, der immer mittwochs in der Beilage Forschung spezial des Wiener Stan-dard erscheint. Daraus geht hervor, dass die Produktion der Beilage finan-ziell untersttzt wird durch zahlreiche Forschungsinstitutionen, darunter der Wissenschaftsfrderfond (FWF), der der Deutschen Forschungsgemein-schaft (DFG) vergleichbar ist. Darunter auch das Forschungsministerium, die sterreichische Akademie der Wis-senschaften sowie zahlreiche einzelne Hochschulen wie etwa die FH Vorarl-berg. Die Auflistung endet mit einer Versicherung des Verlages: Die re-daktionelle Verantwortung liegt bei Der Standard.

    Untersttzung bedeutet ganz kon-kret: Allein im ersten Quartal 2013 flos-sen nur aus den vier genannten Quel-len gut 55.500 auf das Konto des Standard. Davon entfielen 14.000 auf den FWF, 23.445 auf das Forschungs-ministerium, 8.000 auf die sterreichi-sche Akademie der Wissenschaften und gut 10.000 auf die FH Vorarlberg. Die Zahlen gehen aus einer Auflistung der Kommunikationsbehrde Austria hervor, der mit ffentlichem Geld fi-nanzierte Organisationen den Betrag melden mssen, den sie fr Medien-kooperationen pro Quartal ausgege-ben haben. Geregelt ist das im 3 des Medientransparenzgesetzes, das seit 2012 in sterreich in Kraft ist.

    Ohne dieses Gesetz wre der tat-schliche Umfang der Untersttzung nur schwer ermittelbar gewesen. Denn der Verlag will ber die Hhe der Zu-wendungen aus Wettbewerbsgrnden keine Angaben machen. Immerhin teilt der Verlag aber mit, dass diese Beilage

    komplett durch Sponsorengelder finan-ziert werde. Der Umfang der Beilage schwanke je nach Sponsorvolumen. Ohne die Sponsoren gbe es diese mehrseitige wchentliche Beilage nicht. Der Standard htte zwei bis zweiein-halb Wissenschaftsredakteure weniger.

    Der Hinweis auf den Wettbewerb erscheint gerechtfertigt. Denn ganz hnliche Kstchen finden sich bei der zweiten berregional erscheinenden Tageszeitung Die Presse. Der Umfang der Untersttzung, den etwa Die Pres-se allein durch den FWF und das For-schungsministerium erhielt, deckt sich fast genau mit dem des Standard. Der Presse flossen im ersten Quartal 2013 aus beiden Quellen gut 38.000 zu.

    Auerdem profitieren das Magazin Falter, das seine fnf Mal jhrlich er-scheinende Beilage Heureka durch Sponsoren finanziert und die APA, die nationale Presseagentur sterreichs, deren Wissenschafts-Dossiers durch Zuwendungen einer ganzen Gruppe von Bundesministerien ermglicht wer-den, darunter auch das Forschungs-ministerium. Mit im Boot ist auch das ORF-Fernsehen, das ber Medien-kooperationen Produktionskostenzu-schsse erlst. So fr Produktionen, die in Deutschland regelmig montags um 19.30 Uhr in der Reihe Akademie ber BR alpha verbreitet werden.

    Daraus ergibt sich, dass nennens-werte Teile der spezialisierten Wis-senschaftsberichterstattung in ster-reichs Qualittsmedien mit nationaler Verbreitung nicht klassisch finanziert sind. Ein Problembewusstsein ist min-destens in d