Zwischen Nutzung und Nutzern - zweiundzwanzig Zwischennutzer erzählen.

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„Zwischen Nutzung und Nutzern“ stellt zwei Schweizer Zwischennutzungen und 22 direkte und indirekte Zwischennutzer vor, die von ihren Erfahrungen als Betreiber und Untermieter des Kulturlokals Royal Baden und des Neubads Luzern erzählen. Anina Riniker, 2014

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  • Zwischen Nutzung und Nutzern

    zweiundzwanzig Zwischennutzer erzhlen.

    -

    Anina Riniker

  • Welche Grnde motivieren Sie um Energie, Geld und Zeit in eine temporre Nutzung zu stecken?

  • Vorwort

    Zwischen Nutzung und Nutzern stellt zwei Zwischennutzungen und 22 direkte und indirekte Zwischennutzer vor, die von ihren Erfahrungen als Betreiber und Untermieter des Kulturlokals Royal Baden und des Neubads Luzern erzhlen.

    Das im Rahmen meiner Maturaarbeit entstandene Buch soll in erster Linie meinem Umfeld die Existenz von Zwischennutzungen bewusst machen. Zudem mchte ich mit diesem Portraitbuch Jungunterneh-men und Selbstndige dazu motivieren, sich in eine Zwischennutzung einzumieten beziehungsweise eine solche zu grnden. Die Beweggrn-de und Ratschlge temporrer Nutzer und mgliche negative Aspekte einer Zwischennutzung schliessen das Buch ab.

    Das Thema Zwischennutzung interessiert mich auf Grund der Verknpfung von Kultur und Wirtschaft, Nachhaltigkeit und Vergng-lichkeit, Stadtplanung und Subkultur.

    Anina Riniker, 2014

  • Definition des Begriffes Zwischennutzung

    Eine Zwischennutzung bespielt ein leerstehendes Gebude be-ziehungsweise ein brachliegendes Areal, welches eingangs zu einem anderen Zweck geplant und gebaut wurde.

    Zwischen der ursprnglichen Nutzung und der Zwischennutzung muss kein dringender thematischer Zusammenhang bestehen. Die Zwischen-nutzung stellt eine bergangsnutzung dar, welche sich zeitlich zwi-schen einer ursprnglichen und einer folgenden Nutzung befindet. Der Zeitraum einer Zwischennutzung ist oftmals unbestimmt, aber begrenzt. Beendet wird eine Zwischennutzung, wenn eine Umnutzung oder ein Neubau das Areal bernehmen.

  • 1913 - 2008 Kinobetrieb

    Kulturlokal Royal Baden

    2011 - 2016 Zwischennutzung

  • Im Royal zu spielen, ist immer spannend und macht riesig Spass. Das Publikum ist so spektakulr divers, dass man besonders als DJ stets berrascht und herausgefordert wird. An der Leinwanddisco spiele ich jeweils mehr als sechs Stun-den lange Sets und whrend eines Abends kann sich das Publikum praktisch komplett ndern. Das ist eine echte Besonderheit und eine Qualitt, die ich enorm schtze: das Royal schafft es mit seinem Charme und der liebevollen und engagierten Organisation, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst im Nachtleben kaum treffen wrden. Was mir persnlich besonders gefllt, ist die riesige Leinwand, die den Charakter des ehrwrdigen Kinos weiter trgt und in einen neuen Kontext bringt. An der Leinwanddisco bespielen beispielsweise Video-knstler den silbernen Schirm zur Musik der DJs. Diese Performances, die in gewhnlichen Nachtclubs oft nur am Rande wahrgenommen werden, finden im Royal eine gebhrende Bhne und begeistern die Musiker und das Publikum gleichermassen. Wenn man einmal eine Nacht in diesem wunderschnen Kino erlebt hat und sich vor Augen fhrt, wie divers die Veranstaltungen des Royals ausgelegt sind, ahnt man, wie viele Menschen von die-sem Lokal und seinen engagierten Veranstaltern regel-mssig begeistert und glcklich gemacht werden.

    Zart Strm

    Tim Wettstein legt regelmssig unter dem Pseudonym Zart Strm an der Leinwanddisco im Royal auf.

  • Frher Kino

    Trotz 1912 erlassenem Kinoverbot durch den Badener Stadtrat will die exzentrische Dame Marie Antoine aus Paris ein Kino im Stadtkern von Baden bauen lassen. Tatschlich erreicht sie durch persnliches Vorsprechen die Aufhebung des Verbotes.

    Am 1. Juni 1913 wird das vom Badener Architekten Arthur Betschon gebaute Cinma Radium erffnet. Das Radium ist das erste Lichtspielhaus in Baden beziehungsweise im Kanton Aargau und einer der frhesten noch existierenden Kinobauten der Schweiz. Konkurrenz bekommt das Radium zehn Jahre spter, 1923 und 1928, als die zwei neuen Kinos Orient und Sterk erffnet werden. Der Konkurrent Sterk bernimmt 1935 das Lichtspielhaus und benennt es in Royal um.

    Nach der Sanierung und dem Umbau des Kino Sterk hat das Royal im Jahre 2008 ausgedient und wird geschlossen. Der Kinosaal wird nach der Schliessung noch fr einzelne Anlsse, wie beispielsweise das Animationsfilmfestival Fantoche, genutzt.

  • Heute Kulturlokal

    Im Februar 2010 verkauft die Firma Sterk das ehemalige Lichtspielhaus an die Immobilienfirma F. Aeschbach AG (heutige ZURIBA AG). Ende November 2010 wird das Abrissgesuch fr das ehemalige Kino von einem zuknftigen Mitglied des Vereins Mon Royal im Internet entdeckt. Das Kino Royal soll 13 Parkpltzen weichen. Im Dezember des glei-chen Jahres reicht die neu gegrndete Interessengruppe eine Petition zur Verhinderung des Abbruchs sowie ein Konzept fr einen Kultur-betrieb beim Stadtrat ein. Das Abrissgesuch und der darausfolgende Parkplatzbau werden nicht bewilligt. Die Empfehlung der kantonalen Denkmalpflege, dass man das Royal schtzen sollte, wird vom Stadtrat Baden allerdings abgelehnt.

    Die Stadt vermietet dem im Februar 2011 gegrndeten Verein Royal Baden das Kino Royal als kulturelle Zwischennutzung. Am 28. Oktober 2011 ffnet das neue Kulturlokal Royal zum ersten Mal seine Tore.

    Die zweite Petition zur Erhaltung des Kulturhauses wird im Juni 2014 durch ein unabhngiges Komitee gestartet.

    Zentral sind noch heute das Medium Bild und die Leinwand, das ehe-malige Kino wird als multimediale Kulturbhne genutzt. Die Betreiber und Veranstalter werden auf den folgenden Seiten portraitiert.

  • Marc Angst

    Ja, sowieso. Aber als Aktivist ist es mir wichtig, Stadtplanung auch von unten zu machen und nicht, so wie ich das studiert habe, nur von oben. Hier im Royal habe ich eigentlich als Architekt den ganzen Umbau mit diesen Leuten geplant, habe die Bauleitung gemacht. Wir haben die Ideen, Ansprche und vor allem die Erfahrungen, beispielsweise vom Kuba [ehemaliger Kulturbetrieb in Baden, Zwischennutzung, geschlos-sen November 1998, Anm. d. Autorin], zusammengetragen.

    Hat Ihre Ttigkeit als Stadtplaner und Architekt Einfluss auf das Projekt?

    Wir, die Mitglieder die Kerngruppe, haben in diesen drei Jahren knapp drei Generalversammlungen hinbekommen. Eigentlich sind wir formal extrem unstrukturiert, jeder bringt sich dort ein, wo er sich auskennt und Lust dazu hat, sich zu engagieren. So haben sich Kompetenzbereiche herausgebildet, welche nun als feste Ressorts mit verantwortlichen Leuten funktionieren. Ich und ein paar andere sind fr die Hauswartung zustndig: Glhbirnen wechseln, Heizl bestellen, plakatieren, die Bh-nenbilder und Saaleinrichtung vervollstndigen und organisieren.

    Wie ist der Verein organisiert?

    Eigentlich erstaunlich wenig. Beim Baulichen war der Untersuch der Kanalisation der grsste Schock, als herauskam, dass diese in relativ schlechtem Zustand ist. Aber da es eine Zwischennutzung ist, wurde entschieden, dass wir es fr die nchsten fnf Jahre noch so lassen knnen. Da wre ich ratlos gewesen, htten wir das reparieren mssen.

    Welche unvorhersehbaren Probleme und Stolpersteine haben sich im Verlauf der Grndung aufgezeigt?

    Wir haben viel selber gemacht. Ausserdem haben wir versucht, mglichst viel Material gratis zu bekommen. Diese Fenster von der Knstlervitrine beispielsweise sind von einem Abbruchgebude. Die Garderobe sind Gestelle vom Manor, die sie sonst weggeworfen htten.

    Mit welchen Mitteln wurde das Royal in der Startphase finanziert?

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  • Ja. Erfolgreich in dem Sinne, dass ganz viele verschiedene Faktoren zusammengespielt haben, dass wir mit der Petition auf offene Ohren gestossen sind. Mittlerweile wird das Projekt sogar zu einer organisato-rischen Herausforderung. Dadurch, dass wir viermal die Woche geff-net haben und sechs verschiedene Mitveranstalter haben, nimmt es ein Ausmass an, welches wir als ehrenamtliches Unternehmen beinahe nicht mehr stemmen knnen. Wir sind eigentlich Opfer des eigenen Erfolgs geworden sind. Ohne uns selber zu beweihruchern (lacht).

    Stellt fr Sie das Royal eine erfolgreiche Zwischennutzung dar?

    Dass Baden einen kritischen Ort braucht, an welchem Menschen Ideen verwirklichen knnen, wo sich Musik, Theater, Video und Film abseits von Konsumzwang, kommerziellem Erfolg und Kulturfrderung entfalten kann. Es ist auch eine Haltung zur Gesell-schaft: Eine andere Realitt zu beweisen, jene der Ideen, des Enga-gements. Die Punk-Attitde: Do it yourself, wobei mir das Ganze bei genauem Hinsehen nicht gar so diletantisch vorkommt, wie es msste. Und natrlich, weil wir der Meinung sind, dass das Haus mit seiner fantastischen und auch widerstndigen Geschichte und seiner Einzig-artigkeit so einen Betrieb verdient.

    Welche Grnde motivieren Sie und Ihren Verein so viel Energie, Geld und Zeit in eine temporre Nutzung zu stecken?

    Royal

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    Mhm. Das Wiederverwerten des Raumes, aber auch die ganze Aus-einandersetzung mit der Architektur, wie das Gebude die Entfaltung der Menschen, die darin wohnen, leben und arbeiten, beeinflussen kann, interessiert mich. Die Faszination, was so ein Ort fr eine Stadt ausmacht. Denn die lebendigen Orte einer Stadt findet man meistens in solchen Nischen. Dort kann Kunst, Kultur, aber auch Gemeinsames, Geselliges wie Vereine stattfinden.

    Dann haben Sie auch eine gewisse Faszination fr Zwischennutzungen?

    Von der Stadt und vom kantonalen Lotteriefonds haben wir ein Start-kapital bekommen.

  • Marc Angst

    Royal Hauswart und Grndungsmitglied, Mitautor Zone*imaginaire: Zwischennutzungen in Industrie-arealen, Zeichner, Stadtplaner, Architekt

    *1976

  • Hier haben wir die besten Nachbarn, die es auf der Welt gibt. Wir bekommen eigentlich keine Reklamationen. Das liegt vielleicht unter anderem an diesem Schild, welches wir draussen aufgestellt haben. Wahrscheinlich spren sie, dass wir Rcksicht nehmen und dass sie ernst genommen werden. Und viele der Nachbarn kommen auch als Gste.

    Wie reagiert die Na