Lünendonk whitepaper brasiien

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    01-Nov-2014
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  • 1. Whitepaper Brasilien Ein lukrativer Markt fr deutsche Firmen Eine Publikation der Lnendonk GmbH Autor: Martin Igler
  • 2. Inhaltsverzeichnis INHALTSVERZEICHNIS....................................................................................................................... 3 DEUTSCHE FIRMEN SIND IN BRASILIEN GEFRAGT....................................................................... 4 DER BEDARF IST DA........................................................................................................................... 6 BEDARF KONKRET: MEDIZINTECHNIK............................................................................................ 9 BEDARF KONKRET: MASCHINENBAU............................................................................................. 12 BEDARF KONKRET: ENERGIEWIRTSCHAFT.................................................................................. 14 BEDARF KONKRET: UMWELTTECHNIK........................................................................................... 19 BEDARF KONKRET: INFRASTRUKTUR............................................................................................ 21 BEDARF KONKRET: HOCHWERTIGE KONSUMGTER................................................................. 27 FAZIT: ERFOLG IN UND MIT BRASILIEN IST MGLICH.................................................................. 32 CHECKLISTE FR ERFOLG IN UND MIT BRASILIEN...................................................................... 34 QUELLENVERZEICHNIS..................................................................................................................... 35 AUTORENPROFIL................................................................................................................................ 38 UNTERNEHMENSPROFIL................................................................................................................... 39
  • 3. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 4 Deutsche Firmen sind in Brasilien gefragt Am 13. Mai 2013 erffnete Bundesprsident Joachim Gauck gemeinsam mit der brasilianischen Prsidentin Dilma Rousseff das Deutsch- Brasilianische Jahr 2013/2014. Die hochrangige Besetzung zeigte, wie wichtig beiden Lndern der Ausbau der Handelsbeziehungen ist. Brasilien ist fr Deutschland der bedeutendste Handelspartner in Sdamerika, und umgekehrt ist Deutschland das wichtigste europische Ziel fr brasilianische Expor- te. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Eisen- erz, Kupfer, Kaffee, Sojabohnen sowie Flugzeuge und Rohl. Im Gegenzug beziehen die Brasilianer vor allem Autos, Autoteile, Maschinen sowie chemi- sche und pharmazeutische Produkte. Doch es ist noch reichlich Luft fr weitere gute Geschfte. Deutschland hat sich in den letzten Jahren stark in Richtung China geneigt und damit ein Problemfeld geschaffen, das auch Brasilien zu spren bekommt. Man wird immer strker von der Wirtschaft des asiatischen Riesen abhngig. Die Brasilianer haben das schon deutlich erfahren, waren doch die Chine- sen die grten Abnehmer der in Brasilien so reich- haltigen Rohstoffe. Mit dem Abschwchen der chi- nesischen Wirtschaft ging der Einbruch des immer noch stark Rohstoff-basierten brasilianischen PIB- Wachstums (PIB = BIP) einher. Deutschen Unter- nehmen steht diese Erfahrung wohl noch bevor, weil diese ihre fertigen Produkte in China verkaufen und eine abflauende Konjunktur daher erst spter versp- ren werden. Abbildung 1: Die Entwicklung des brasilianischen BIP 2004 - 2012 (in Prozent) Quelle: Internationaler Whrungsfonds, IBGE
  • 4. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 5 Ein verstrktes Engagement deutscher Unternehmen aber auch der deutschen Politik in Brasilien knnte beide Lnder aus der Abhngigkeit von Chi- na befreien. Seit Jahren weisen industrielle Interes- senverbnde auf den attraktiven brasilianischen Markt hin. Das hat in der Vergangenheit auch zu verstrkten Investitionen gefhrt. Leider wurden diese nicht von der Politik untersttzt und erfolgten teilweise auch berstrzt, so dass sich der vorherge- sagte und erwartete Erfolg nicht einstellte. Die Fol- gen einiger Fehlschlge waren und sind das vllige Abbremsen oder gar der Rckzug. Es wre allerdings zu einfach, die Schuld nur auf die politischen Rahmenbedingungen zu schieben. Sicher ist es nicht frderlich, dass Brasilien der einzige BRIC-Staat ist, mit dem Deutschland kein Doppel- besteuerungsabkommen unterhlt (und das schon seit 2005, als das bestehende aufgekndigt wurde). Doch mit entsprechender Detailkenntnis lsst sich ein unternehmerischer Erfolg in Brasilien trotz die- ses Missstandes erreichen. Weit schwerer wiegt die weitgehende Unkenntnis der brasilianischen Mentalitt in den Fhrungsetagen deutscher Unternehmen. Mit der seit Mitte der neunziger Jahre herrschenden Stabilitt und dem teilweise strmischen Wirt- schaftswachstum ist das ohnehin schon groe Selbstbewusstsein der Brasilianer nochmals ange- stiegen. Als inzwischen siebtgrte Wirtschafts- macht der Welt wollen sie Vertretern der fhrenden Volkswirtschaften auf Augenhhe begegnen. Dieser Anspruch ist durchaus berechtigt, denn in einigen Aspekten knnen deutsche Unternehmer und Fh- rungskrfte von ihren brasilianischen Kollegen ler- nen. So verfllt in den dortigen Managementetagen niemand sofort in Panik oder Depressionen, wenn die Wirtschaft einmal nicht rund luft. Mit Kreativi- tt geht man daran, auch weiterhin seine Geschfte zu machen. Stehen dem die gegenwrtigen gesetz- lichen Regelungen im Wege, wird eifrig nach lega- len Mglichkeiten gesucht, die entstandenen Nach- teile auszugleichen und dennoch zum Ziel zu gelan- gen. Das gilt auch fr die jetzt immer wieder beschwore- nen Handelsbarrieren, die die brasilianische Regie- rung aufgebaut hat, um die heimische Wirtschaft zu schtzen. Dabei ist wie schon erwhnt der ge- naue Blick auf die Manahmen hilfreich. Abbildung 2: Wichtige Lieferlnder Brasiliens 2012 (Anteil am Import in Prozent) Quelle: IBGE, GTAI
  • 5. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 6 So gelten beispielsweise Automobilhersteller wie Volkswagen, Fiat, General Motors oder Renault als brasilianische Hersteller, weil sie in Brasilien ber Fabriken verfgen. Die Idee hinter dem Inovar- Auto-Konzept der Regierung ist einfach zu erklren. Neben den Herstellern will man auch die Zulieferer nach Brasilien locken, indem man die Hersteller dazu verpflichtet, dass ein bestimmter Prozentsatz der Wertschpfung in Brasilien zu erfolgen hat. Mit dem positiven Blick der Brasilianer erleichtert dieses Programm deutschen Zulieferern den Weg nach Brasilien. Ohne das zu kommentieren, bleibt Fakt: Auf die Perspektive kommt es an. Das gilt auch fr andere Segmente der brasiliani- schen Wirtschaft. Bei allem Protektionismus sind die Brasilianer auch Pragmatiker und Importzlle nicht in Stein gemeielt. Werden Produkte, die unter die Handelsbeschrnkungen fallen, in Brasilien dringend bentigt, dann verschwinden die Zlle schneller als sie eingefhrt wurden. So geschehen vor wenigen Jahren, als man den heimischen Maschinenbau str- ken wollte und Zlle auf eingefhrte Gebrauchtma- schinen erhob. Diese wurden schnell wieder fallen gelassen, als die Regierung durch die entsprechen- den und in Brasilien sehr mchtigen Syndikate und Interessenvereinigungen der Wirtschaft darauf hingewiesen wurde, dass man ohne die qualitativ hochwertigen Gebrauchtmaschinen den Anschluss verlre, weil die Eigenproduktion weder in der An- zahl und noch weniger in der Qualitt an das Ange- bot aus dem Ausland heranreiche. So hnlich war es auch Anfang des Jahres 2013, als die Regierung Rousseff 618 Importsteuern auf einen Schlag senkte. Auch das war eine Reaktion auf die Tatsache, dass Produkte und Gter dringend bentigt, diese aber von der heimischen Industrie nicht oder nicht in ausreichender Menge und/oder Qualitt angeboten werden. Gem der Struktur der Produkte, die von der Steuersenkung betroffen waren, sahen Experten die USA und Deutschland als die groen Profiteure DER BEDARF IST DA Bei vielen Lobeshymnen in den vergangenen Jahren ist vergessen worden, dass Brasilien selbst in schlechten Jahren ein Wachstum von etwa 2,5 Pro- zent erzielt hat. Auf diesem Niveau liegt in etwa der jhrliche Zuwachs des Geschfts mit Rohstoffen. Heute entstammen diese wesentlich den drei Grup- pen Mineralien, Petroleum und Landwirtschaft. In den Jahren des strmischen Wachstums, also den Jahren der Prsidentschaft von Jos Inacio Lula da Silva, wurde auch nicht so genau hingesehen, woher dieses Wachstum stammte. Einen groen Teil mach- ten damals der gestiegene Rohstoffhunger der Welt und der immerwhrende Konsum im Land aus. Schon frh warnten Experten davor, das Wachstum Brasiliens sei nicht nachhaltig. Der Populist Lula versumte es, in den guten Jahren die dringend notwendigen Reformen anzupacken. Nicht nur im administrativen Umfeld das Steuer- und Abgabensystem ist kompliziert und berfrachtet, das Rentensystem kollabiert schon mit der derzeit geringen Zahl von Altersruhegeldempfngern , sondern vor allem in die Wirtschaft wurde nicht investiert. Das latente Problem der maroden In- frastruktur wurde verdrngt, das Wachstum war ja da. Wer Brasilien kennt, wei, dass dieses Ver- haltensmuster der dortigen Kultur entspricht. Man plant nicht schon gar nicht langfristig , sondern reagiert zumeist kurzfristig auf sich ergebende Prob- lemstellungen. In der Wirtschaft erwuchs eine weitere Sule, die ihren Teil zum Wachstum beitrug: die Finanz- wirtschaft. Der ehemalige Finanzminister und spte- re Prsident Fernando Henrique Cardoso hatte die Banken stressfest gemacht und die nutzten ihre Strke, um auch international zu wachsen. Kritik an dieser einseitig ausgerichteten Wirtschaft kam zu- nchst verhalten. Vertreter der Industrie beklagten sich, in Brasilien sei es lukrativer, zu spekulieren als zu investieren. Und in der Tat blieben die Investitio- nen in die Wirtschaft aus.
  • 6. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 7 Diese waren bis vor einigen Jahren auch nicht zwin- gend erforderlich. Der technologische Stand der Produktionssttten entsprach dem der sechziger Jahre. Mangelnde Automation wurde durch hheren Personaleinsatz wettgemacht. Das rechnete sich: Arbeitskrfte waren reichlich vorhanden und billig. Doch ausgerechnet der selbe Prsident, in dessen Amtszeit das grte Wirtschaftswachstum fiel, sorg- te indirekt fr das Ende der Erfolgsgeschichte. Mit Lohnzuwchsen, die in keinem Zusammenhang mit dem Produktivittszuwachs standen, verteuerte Lu- la den Faktor Arbeit. Die Kombination aus veralte- ten Produktionssttten und teuren Arbeitskrften sorgt nun dafr, dass Brasilien Gefahr luft, seinen Rang als verlngerte Werkbank der Welt zu ver- lieren. Und nicht nur das. Selbst brasilianische Un- ternehmen lassen mittlerweile in Asien produzieren, weil sich der Faktor Arbeit in der Heimat extrem verteuert hat. Die im Sden des Landes beheimatete Lederindustrie hat nach Angaben brasilianischer Analysten bereits fast 100.000 Arbeitspltze nach Indien verlagert. Jetzt ist der Leidensdruck auch fr die Brasilianer hoch genug. Man hat akzeptiert, dass jetzt investiert werden muss, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Bei dieser Erkenntnis war sicher auch von Bedeutung, dass sich das jahrelang erfolgreiche Rezept (Stimulation der Binnennachfrage zur Absi- cherung des Wirtschaftswachstums) inzwischen als zahnloser Tiger erwiesen hat. Die galoppierende Inflation hat die sonst so optimistischen Brasilianer vorsichtiger werden lassen. Abbildung 3: Wirtschaftswachstum nach Sektoren (real, Angaben in Prozent) Quelle: IBGE, GTAI
  • 7. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 8 Abbildung 4: Produktionsvolumen der brasilianischen Industrie (nach Kategorien, 2010/2011) Quelle: IBGE Weite Teile der Bevlkerung sind inzwischen so hoch verschuldet, dass von dieser Seite keine Impul- se mehr zu erwarten sind. Die produzierende Wirtschaft Brasiliens hungert nach Automation und neuen, modernen Maschinen. Wie fast immer hie die Devise zunchst, der eigene Maschinenbau solle diesen Bedarf decken. Doch ist auch dieser nicht auf der Hhe der Zeit und mit der Aufgabe vllig berfordert. Nicht zu vernachlssi- gen ist bei der Problemstellung der eklatante Mangel an Fachkrften vor allem an Ingenieuren. Nur sehr wenige Schulabgnger entscheiden sich fr ein naturwissenschaftliches Studium. Fachrichtun- gen wie Betriebswirtschaft oder Jura versprechen ein einfacheres Studium und greren finanziellen Er- folg. Die Wenigen, die dann die Hrsle der Ingeni- eurs-Studiengnge bevlkern, werden schlecht aus- gebildet, kritisierte unlngst der Direktor der aner- kannten Universidade de So Paulo USP. Brasilia- nische Ingenieure seien zwar geeignet, um Produkti- onsablufe zu berwachen, nicht aber, um kreative Produkte zu entwickeln. Da tut Hilfe aus dem Ausland Not. Deutsche Pro- dukte haben seit jeher einen guten Ruf in Brasilien. Deutsche Unternehmen gelten als verlssliche Part- ner. Eventuelle Hrden lassen sich umgehen oder werden gar abgebaut, wenn es dem Vorteil der eige- nen Wirtschaft dient. Das ist der brasilianische Pragmatismus, den man in Deutschland nicht immer versteht. Liest man hierzulande von Einfuhr- zllen tritt man mit beiden Beinen auf die Bremse. Wer Brasilien und die Mentalitt der Brasilianer kennt, wei, dass diese Reaktion unntig ist. Die Brasilianer haben sogar ein Wort, mit dem sie ihre Findigkeit beim Umgehen von Problemen um- gehen, den Jeitinho, dem man im Alltag immer wieder begegnet und das in keinem Wrterbuch zu finden ist. Vou dar um jeito, bekommt man zu hren. Das heit im Klartext: Offiziell geht das zwar nicht, aber ich werde mich darum kmmern.
  • 8. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 9 In diesem Wort steckt die ganze Schlitzohrigkeit, mit der man in Sdamerika an die Problemlsung geht vor allem, wenn (wie im Augenblick) der eigene Leidensdruck hoch ist. Doch mssen deutsche Unternehmen gar nicht in die Fremde schauen. Es war Goethe, der einst schrieb: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schnes bauen! BEDARF KONKRET: MEDIZINTECHNIK Haben die extremen Einkommenszuwchse in Brasi- lien einerseits der produzierenden Industrie Proble- me bereitet, so sind sie andererseits auch dafr ver- antwortlich, dass es in einigen Segmenten starke Nachfrage nach auslndischen Produkten gibt. Zwar will Brasilien langfristig in allen Industrien eine fhrende Rolle einnehmen und wenn es nach dem Willen der Politiker geht auch weitgehend Selbst- versorger sein. Doch ob es dazu kommt, ist derzeit noch fraglich. Zu kompliziert sind die entsprechen- den Rahmenbedingungen, die es zu schaffen gilt, zu komplex auch die Prognosen. So hat es ja auch nicht sehr lange gedauert und der Status des Selbstversor- gers (so dieser denn berhaupt jemals existiert hat) bei Kraftstoffen ist schon wieder Geschichte. Man hatte bei der Kalkulation schlicht das sprung- hafte Wachstum des Eigenbedarfs unterschtzt. Ganz hnlich ergeht es derzeit dem Gesundheitssys- tem. In der brasilianischen Verfassung ist seit der Reform 1988 das Recht auf kostenfreien Zugang zu medizinischen Leistungen festgeschrieben. Wie diese Leistungen aussehen, ist im Leistungskatalog des SUS Sistema Unica de Sade festgeschrie- ben. Gerade im medizinischen Umfeld hat die Tech- nologie in den letzten Jahren vieles verndert seien es Diagnose-Gerte, neue Operationstechniken so- wie Implantate oder Prothesen. Deutsche Unterneh- men haben auf diesem Feld Weltrang. Einige sind auch schon in Brasilien engagiert, andere scheuen etwaige Hrden zu Unrecht, Nimmt man nur die im SUS-Katalog garantierten Leistungen, errechnet sich damit den Bedarf an Medizintechnik und stellt die von brasilianischen Unternehmen produzierten Produkte dagegen, dann ergibt sich ein groes Bet- tigungsfeld. Und das ist nur die eine Seite der Me- daille die der staatlichen Versorgung. Auf der anderen Seite stehen die privaten Kliniken, in die man nur kommt, wenn man ber eine ebenfalls pri- vate Krankenversicherung verfgt. Diese knnen sich aufgrund der wachsenden Reallhne immer mehr Brasilianer leisten. Daher verfgen die Klini- ken ber konstant steigende Einnahmen, die sie ihrerseits in neue Gerte und Technologien sowie eine Erweiterung des Angebotes investieren. Die offiziellen Zahlen des vergangenen Jahres 2012 sprechen von einem Wachstum beim Verkauf loka- ler Produkte um 1,1 Prozent, whrend der Markt um 5,5 Prozent gewachsen ist. Fr das laufende Jahr erwartet der Herausgeber der Daten (ABIMED Associaco Brasileira da Industria de Alta Techno- logia de Equipamentos, Produtos e Suprimentos Mdico-Hospitalares der Interessenverband der Hersteller von hochwertigen Produkten und Ausstat- tungen der Medizintechnik) ein Marktwachstum im zweistelligen Bereich. Dieser Optimismus ist durchaus begrndet. Zum einen hat die Regierung die Stromkosten fr Unter- nehmen um bis zu maximal 32 Prozent gesenkt. Zum anderen werden im Inland gefertigte Medizin- technikprodukte bei Ausschreiben staatlicher Ge- sundheitseinrichtungen bevorzugt, selbst wenn ihr Preis ber (je nach Produktgruppe zwischen 8% und 25%) dem vergleichbarer Angebote aus dem Aus- land liegt. Zugegebenermaen ist dies eine Nach- richt, die deutschen Herstellern von Medizintechnik nicht gefallen kann. Andererseits stellt dies aber keine endgltige Schranke dar, besagt das entspre- chende Gesetz doch lediglich, dass Produkte bevor- zugt werden, die im Land gefertigt werden. Entsprechend der Steine von Goethe impliziert die- ser Umstand also die Aufforderung, eine Fertigung in Brasilien aufzubauen.
  • 9. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 10 Abbildung 5: Einfuhr ausgewhlter Medizinprodukte nach Brasilien 2011 (Angaben in Mio. US-Dollar) Quelle: Informationsdatenbank Alice des Auenhandelsbros Secex, GTAI Fr diese Investition gibt es von der staatlichen Entwicklungsbank (BNDES Banco Nacional de Desenvolvimento Econmico e Social) gnstige Kredite, sofern die in Brasilien erbrachte Wertschp- fung bei mindestens 60 Prozent liegt. Siemens hat auf die vernderte Situation bereits reagiert und will in den kommenden Jahren gut eine Milliarde US- Dollar in ein neues Forschungszentrum in Joinville investieren. Denn dass die brasilianische Industrie in puncto Herstellung von Medizintechnik momentan bei weitem nicht in der Lage ist, die Nachfrage ab- zudecken, wei man auch an den verantwortlichen Stellen. 2012 war fr die Importeure von Medizin- technik ein schwieriges Jahr, weil es durch einen Streik bei der Aufsichtsbehrde des Gesundheitswe- sens (ANVISA Agncia Nacional de Vigilncia Sanitria), die fr die Lizenzierung der Produkte zustndig ist, ohne die eine Einfuhr nicht erfolgen darf, zu empfindlichen Verzgerungen kam. Selbst- verstndlich waren davon auch die brasilianischen Hersteller betroffen, die ebenfalls eine Lizenzierung bentigen. Der Branchenverband ABIMED ging daher vor Gericht und erwirkte ein Urteil, demzufol- ge sptestens sechs Monate nach Antragstellung eine vorlufige Zulassung zu erfolgen hat. Die internen Hindernisse, ber die sich deutsche Unternehmen oft beklagten, scheinen damit ausgerumt. Nun mssen die deutschen Unternehmen noch ihre Hausaufgaben machen, um ihren Teil zu einer weiteren Beschleu- nigung beizutragen. Noch eine weitere gesetzliche Regelung erhht die Chancen der deutschen Anbieter. So wurde Ende 2012 ein Gesetz verabschiedet, nach dem an Krebs Erkrankte Anspruch darauf haben, dass mit der The- rapie maximal 60 Tage nach der Diagnose begonnen wird. Bislang lag die Wartezeit in der Regel bei bis zu sechs Monaten, was immer mit fehlenden Ger- ten entschuldigt wurde. Das bedeutet im Umkehr- schluss, dass die Investitionen in Gerte fr die
  • 10. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 11 Abbildung 6: Anteil an ausgewhlten importierten Medizinprodukten 2011 (Angaben in Prozent) Quelle: Informationsdatenbank Alice des Auenhandelsbros Secex, GTAI Strahlentherapie signifikant erhht werden mssen. Investiert wird auch in die Modernisierung der 45 Universittskliniken Brasiliens. Ende Mai 2013 schloss in So Paulo die Hospitalar, inzwischen die grte und wohl auch wichtigste Messe zum Themenkomplex der medizinischen Versorgung in Brasilien, ihre Pforten. Sie spiegelt Jahr fr Jahr den Markt nicht nur in Brasilien, sondern auch in ganz Sdamerika wider. 90.000 Besucher informierten sich ber das Angebot von 1.250 Ausstellern (525 von ihnen aus dem Ausland; darunter stellte Deutschland mit 35 Ausstellern das grte Kontin- gent Die Ankndigung des brasilianischen Gesundheits- ministers Alexandre Padilha, sein Ministerium wer- de bis 2014 insgesamt 1,9 Milliarden Reais (nach derzeitigem Wechselkurs knapp 700 Millionen Eu- ro) fr medizinische Gerte und den Aufbau neuer Anlaufstellen zur medizinischen Grundversorgung bereitstellen. Insgesamt will die Regierung 1.250 dieser UBS (Unidade Basico da Saude) installieren, in denen eine medizinische Versorgung nach dem Vorbild deutscher rztehuser sichergestellt wird. Sogar ein relativ konkreter Bedarf an medizinischem Gert wurde vorgelegt. Demnach gilt es beispiels- weise 1.200 Atemmasken, 1.096 Beatmungsgerte, 1.010 EKG-Gerte und 392 Rntgengerte zu be- schaffen. Darber hinaus ist geplant, 2.180 komplett ausgestattete Rettungswagen zu kaufen. Mit einer- groen Nachfrage rechnen Experten auch bei Sys- temen zur bildgebenden Diagnostik. Doch blieb es bei der Messe nicht nur bei Ankndi- gungen, es wurden auch Geschfte gemacht. Das Gesundheitsministerium des Bundesstaates Bahia
  • 11. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 12 (SESAB Secretaria da Sade da Bahia) machte Ngel mit Kpfen und fhrte auf der Messe eine ffentliche Ausschreibung fr die Beschaffung von Systemen zur bildgebenden Diagnostik sowie zur Klinikausstattung durch. Eine solche Ausschreibung funktioniert nach dem Prinzip einer Rckwrtsauk- tion (Dutch auction pricing). Der erste Anbieter nennt den Preis fr sein Angebot und der potenzielle Kufer in diesem Fall der Bundesstaat Bahia wartet darauf, dass ein anderer Anbieter diesen Preis unterbietet. Im konkreten Fall lag beispielsweise das Einstiegsgebot fr einen Computertomographen bei 1.300.000 Reais (etwa 470.000 Euro), eingekauft wurde das Gert schlielich fr 824.500 Reais (etwa 300.000 Euro). Insgesamt schtzen Experten den brasilianischen Gesundheitsmarkt auf ein Volumen von 340 Milli- arden Reais pro Jahr (knapp 125 Mrd. Euro). Deut- sche Medizintechnikunternehmen, die ihr Engage- ment gut vorbereiten sowie sich an die Gegebenhei- ten und die kulturellen Unterschiede vor Ort anpas- sen, knnen noch auf Jahre gute Geschfte in Brasi- lien machen. BEDARF KONKRET: MASCHINENBAU Es gibt nicht wenige Experten, die Brasilien die Infektion mit der Hollndischen Krankheit attes- tieren, jenem in den sechziger Jahren im deutschen Nachbarland beobachteten Phnomen, das zumeist Volkswirtschafften betrifft, deren Wirtschaft zu groen Teilen auf dem Export von Rohstoffen ba- siert. In Zeiten groer Nachfrage erzielt das Land hiermit groe Auenhandelsberschsse (wie in Brasilien geschehen), was zu einer Aufwertung der Landeswhrung fhrt (auch das war in Brasilien der Fall). Damit werden die weiteren zu exportierenden Gter des Landes auf dem Weltmarkt zu teuer (auch das lie sich feststellen), was zu einem Rckgang der Produktion fhrt, weil unter anderem die Lager gut gefllt sind (passt auch auf Brasilien). Der gestiegene Wert der Landeswhrung weckt natrlich auch Begehrlichkeiten. Jetzt lassen sich Produkte auf dem Weltmarkt gnstiger beschaffen, denen man eine weit hhere Qualitt zubilligt als dem vergleichbaren heimischen Angebot (das lag in Brasilien eindeutig vor und war auch Bestandteil einer Diskussion der Prsidentin mit der Bundes- kanzlerin, weil Produkte Made in Germany auf einmal erschwinglich waren). Im dokumentierten Verlauf der Hollndischen Krankheit kommt es anschlieend zu einer Verschiebung in der Handels- bilanz: vom groen Plus hin zum Minus (was auch auf Brasilien passt). Im Falle von Brasilien kommt bei dem durch die Symptome der Hollndischen Krankheit beschrie- benen Szenario noch erschwerend hinzu, dass sich die industriell gefertigten Produkte auch dadurch verteuern, dass die Produktionskosten stetig wach- sen. Dafr sind die veralteten Produktionssttten sowie die (zu) stark gestiegenen Lohnkosten ver- antwortlich und damit die Regierung (fr 2012 hat die IEDI im Durchschnitt Lohnzuwchse von 5,8 Prozent errechnet, denen ein Minus von 8,0 Prozent bei der Produktivitt gegenbersteht). Das brasilia- nische BIP fut zu 60 Prozent auf der Binnenkon- junktur. Brasilianer lieben es zu konsumieren, nur eines steht noch hher im Kurs: der Strandbesuch. In der Metropole So Paulo, die keinen direkten Zu- gang zum Meer hat, nennt man die Shoppingcenter auch gerne die Stadt-Strnde. Die Rechnung der Regierenden war einfach: Hat die Bevlkerung mehr Geld in der Tasche, gibt sie auch mehr Geld aus, was zu einem BIP-Wachstum fhrt. Das funktionierte bis zu einem gewissen Punkt gut. Dann stieg die Inflation und die Brasilianer traten auf die Konsumbremse. Um den Weg nach unten aufzuhalten, reagiert die Regierung nun hektisch und an vielen Punkten gleichzeitig. Ein wichtiges Anlie- gen ist es aber, die industrielle Produktion auf den aktuellen technischen Stand zu bringen und sie da- mit wiederzubeleben. Das sollte schon seit Lnge- rem passieren, aber die beiden Investitionsprogram- me PAC 1 und PAC 2 (PAC Programa de Ace- lerao do Crescimento) waren bislang fast aus-
  • 12. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 13 schlielich beim Bau von billigen Eigenheimen aktiv (Minha Casa, Minha Vida Mein Haus, Mein Leben). Wie wichtig der Regierung das An- liegen ist, die industrielle Produktion wiederzubele- ben, zeigt sich darin, dass selbst kleinste Anzeichen einer Entspannung bereits als Erfolg gefeiert werden. Neben den Investitionen hat man auch eine Reihe von Steuern gesenkt. Im April 2013 konnte ein Wachstum der industriellen Produktion um 1,8 Pro- zent gegenber dem Vormonat ausgewiesen werden. Fr die Regierung war dies ein Erfolg ihrer Bem- hungen. Fr die Unternehmer bestand allerdings kein Grund zum Jubeln. Wir hatten im April 22 statt wie blich 20 Arbeitstage, was fr die hhere Produktion gesorgt hat, kommentierte der als Kriti- ker bekannte Paulo Skaf, Prsident des Centro das Indstrias do Estado de So Paulo sowie der Fe- derao das Indstrias do Estado de So Paulo (CIESP und FIESP). Rechne man die letzten drei Monate Februar, Mrz und April zusammen, bliebe ein Wachstum von 0,1 Prozent. Daher seien weitere Anstrengungen seitens der Politik unabding- bar. Nicht nur Paulo Skaf und seine Kollegen aus den in Brasilien sehr einflussreichen Arbeitgebervereini- gungen, sondern auch Analysten und Wirtschaftsfor- scher sind sich darin einig, dass die Produktivitt der brasilianischen Industrie durch massive Investitio- nen wieder flottgemacht werden muss. Dabei muss innerhalb der Industrie zwischen der immer wichti- ger werdenden Fahrzeugindustrie (zu der auch Landmaschinen gehren) und den gebndelten ande- ren Industriezweigen unterschieden werden. Wie schon oft hat die Regierung (man hat schlie- lich den Ruf des grten Protektionisten unter den G20-Staaten zu verteidigen) mit Einfuhrbeschrn- kungen fr auslndische Maschinen reagiert. Abbildung 7: Einfuhr von Maschinen nach Brasilien 2012 (Angaben in Mio. US-Dollar) Quelle: ABIMAQ, MDIC
  • 13. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 14 Grund dafr war wohl auch, dass der Inlandsumsatz mit Maschinen und Anlagen nach Berechnungen des Fachverbandes ABIMAQ (Associao Brasileira de Mquinas e Equipamentos) im Jahr 2012 zwischen Januar und September nur um 1,4 Prozent gewach- sen ist, whrend der Import um ganze 17,6 Prozent zulegte. Dabei war die Nachfrage nach Maschinen und Anlagen aus dem Agrarsektor, der petrochemi- schen Industrie sowie dem Infrastrukturausbau am hchsten. Der Aufbau von Handelsschranken wirkte sich auch auf deutsche Unternehmen aus. Dennoch gab es zuletzt wieder positivere Signale, weil auch die brasilianische Regierung erkennen musste, dass die heimische Industrie weder in technologischer noch in qualitativer Hinsicht und schon gar nicht bezg- lich der Menge der bentigten Maschinen und Anla- gen in der Lage ist, den heimischen Markt ausrei- chend zu versorgen. Der deutsche Maschinenbau- Verband VDMA seit April 2013 mit einem eige- nen Bro in So Paulo vertreten errechnete fr 2012 ein leichtes Plus von 2,9 Prozent (allerdings lag das Wachstum im Dezember bei 5,3 Prozent). Vielleicht noch interessanter ist eine weitere Zahl der ABIMAQ, die nmlich ermittelt hat, dass ihre eigenen Mitglieder ihre Umstze im Jahr 2012 zu 22,4 Prozent aus dem Verkauf von Industriemaschi- nen generierten. Selbst das hat nicht ausgereicht, um die eingeleitete Gesundung der industriellen Produktion entschei- dend voranzubringen. Das Beispiel des auf Maschi- nen zur industriellen Fertigung fokussierten Maschi- nenbaus zeigt, dass es sich im Falle von Geschften mit Brasilien immer lohnt, genau hinzuschauen. Die Regierung hat das Problem erkannt und wird alles dafr tun, es auch zu beheben. Wird in Brasilien 2014 gewhlt und es mssen Erfolge gezeigt werden. Schafft es der heimische Markt nicht, Maschinen in entsprechender Anzahl und Qualitt zu liefern, dann werden diese aus dem Ausland beschafft. Besser noch: Auslndische Anbieter lassen sich in Brasilien nieder. Das wrde Arbeitspltze schaffen und Know-how ins Land bringen. Hierfr ist die Ent- wicklungsbank BNDES auch bereit, verbilligte Kre- dite zu genehmigen sofern die Voraussetzungen stimmen. Um ihren Teil zur wirtschaftlichen Gesun- dung beizutragen, hat die Regierung jngst weitere 35 Milliarden Reais (knapp 13 Mrd. Euro) an die BNDES berwiesen. Die BNDES ihrerseits hat Anfang Juni 2013 deutlich gemacht, dass sie in diesem Jahr einen klaren Fokus hat, wie sie einen Groteil ihrer Mittel verwenden will. Wir werden uns in einigen Bereichen mit unserem finanziellen Engagement zurckhalten. Was wir aber auf keinen Fall aufgeben, ist die Un- tersttzung von Investitionen in neue Maschinen fr die Industrie, sagte Luciano Coutinho, Prsident der BNDES, am 3. Juni 2013 vor der Presse. Diese Investitionen haben eine hohe Prioritt, weil sie unsere Industrie wettbewerbsfhig machen sol- len. Interessant ist dabei, dass die Zinsen fr Kredi- te der BNDES auch bei weiteren zur Inflationsbe- kmpfung durchgefhrten Leitzinserhhungen stabil bleiben sollen, wie Coutinho betonte. Wenn die Regierung jetzt noch wie angekndigt die von deut- schen Firmen so gefrchteten Custo Brasil also die Mehrkosten, die man nur in Brasilien hat, dras- tisch senkt (in einigen Teilsegmenten hat man mit dem zunchst befristeten Aussetzen von Steuern und Abgaben bereits begonnen), dann stehen dem deut- schen Maschinenbau in Brasilien gute Geschfte bevor. Denn geschtzt wird die Qualitt aus Deutschland dort schon lange. BEDARF KONKRET: ENERGIEWIRTSCHAFT Wachstum bentigt Energie, nicht nur bei den Men- schen, die mit ihrer Arbeit dafr sorgen, dass eine Volkswirtschaft wchst. Es wird auch Energie in Form von Elektrizitt fr die Industrien, die Bros oder die Computer bentigt. Mit dem Wachstum steigen die Lhne und viele Menschen zeigen ihren neuen Wohlstand auf der Strae, mit dem Auto, das sie fahren. In Schwellenlndern ist das Auto das Statussymbol schlechthin. Vergrert sich die Zahl
  • 14. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 15 der privat genutzten Kraftfahrzeuge, wird wieder mehr Energie in Form von Kraftstoffen bentigt. Fatal wirkt sich das Fehlen von Energie aus. Das kann jeder nachvollziehen, der sich vorstellt einen Tag ohne elektrischen Strom auszukommen. Nichts geht mehr. Man kann darauf hoffen, dass das Handy und der Akku des Notebooks vollstndig geladen sind doch das nutzt auch nichts. Denn die Service- Anbieter (egal ob Mobilfunk-Anbieter oder Internet- Provider) leiden ja auch unter dem Stromausfall. Mit fatalen Folgen fr die Wirtschaft. In Brasilien sind Stromausflle nicht gerade selten nicht nur auf dem flachen Land, sondern auch und vor allem in den Metropolen wie So Paulo. Gerade in letzter Zeit huften sich wieder die Apagos, wie Strom- ausflle in Brasilien genannt werden. Nun beginnt sich die Regierung Sorgen zu machen wegen der bevorstehenden Fuball-WM und der Peinlichkeit, die ein Stromausfall whrend eines in alle Welt bertragenen Fuballspiels auslsen knnte. Diese Angst ist durchaus berechtigt. Noch immer dominiert die Wasserkraft bei der Pro- duktion von elektrischer Energie in Brasilien. Man rhmt sich dafr, weil der Wasserkraft immer noch das Siegel der Umweltvertrglichkeit anhaftet auch wenn gerade Brasilien mit dem Mega- Staudamm-Projekt Belo Monte dafr sorgt, dass die Farbe ein wenig abblttert. Unbestreitbar ist aber, dass Brasilien eine sehr sau- bere Energiebilanz aufweisen kann. Knapp die Hlfte des gesamten Energieangebots (45%) ent- stammt erneuerbaren Quellen. Damit liegt man weit ber dem weltweiten Durchschnitt, der sich gerade bei 16 Prozent befindet. Betrachtet man die elektri- sche Energie isoliert, dann wird diese sogar zu 86,2 Prozent aus erneuerbaren Quellen gespeist. Neben der Wasserkraft setzt man auf Wind, Sonne und Biomasse, wobei diese alternativen Energiequellen noch uerst sprlich genutzt werden. Die Abhn- gigkeit vom Wasser und das aktuelle Staudammpro- jekt eignen sich dafr, das Dilemma der Stromver- sorgung aufzuzeigen zumindest in Teilaspekten. Die Angst vor einem Stromausfall whrend der Fuball-WM ist begrndet, weil diese im brasiliani- schen Winter und damit whrend der Trockenzeit stattfindet. Die Staudmme sind dann nur mig gefllt und es kommt in verschiedenen Landesteilen zur Rationierung von Strom vor allem im Norden und Nordosten, wo die Stromversorgung gegenwr- tig nicht flchendeckend gewhrleistet ist. Das Amazonas-Kraftwerk Belo Monte soll hier Abhil- fe schaffen. Das Problem der brasilianischen Stromversorgung liegt aber tiefer oder bildlich gesprochen hher. Das Leitungsnetzwerk ist nmlich nicht nur veraltet, sondern auch schlecht gewartet und marode. Oder aber es ist wie im Norden und Nordosten derzeit noch gar nicht vorhanden. Der Stausee im Amazo- nasgebiet soll da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Man will das dort vorhandene Wasser nutzen, um die Region mit elektrischer Energie zu versorgen. Zwar mssen erst entsprechende Leitun- gen verlegt werden, die Kosten wren aber geringer als die Anbindung des Gebiets an das existierende Netz. Fr die amtierende Prsidentin ist die Stabilitt des Stromnetzes eine Image-Frage. Schon zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte es zahllose Stromausflle und Stromrationierungen gegeben.2003 bernahm die Ingenieurin Dilma Rousseff das Energieministe- rium mit dem klaren Auftrag, das Netz zu sanieren und sicherzustellen, dass vor allem in den wirt- schaftlich wichtigen Metropolen keine Stromausflle mehr vorkommen. Erreicht hat sie dieses Ziel nicht, auch wenn ihr aktueller Nachfolger Marcio Zim- mermann nach jedem Stromausfall gebetsmhlenar- tig beteuert, Brasilien habe eine der besten Netzinf- rastrukturen der Welt. Wer in Brasilien gelebt hat, wei, dass dem nicht so ist. Dazu reicht der Blick auf die immer noch oberirdisch gefhrten Stromlei- tungen.
  • 15. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 16 Abbildung 8: Primrer Energiemix in Brasilien (Angaben in Prozent) Quelle: EPE (2011) Plano Decenal de Expanso de Energia 2020 Das Wallstreet Journal berichtete unter Berufung auf Experten, dass Brasilien bis zum Jahr 2015 mindes- tens 4 Milliarden Dollar investieren msse, um ein Stromnetz zu haben, das internationalen Ansprchen genge. Woher dieses Geld stammen soll, ist noch nicht klar. Denn um die berchtigten Custo Bra- sil in den Griff zu bekommen, hat Prsidentin Rousseff Anfang des Jahres 2013 verfgt, dass die Strompreise drastisch (um 32% fr Unternehmen und um 18% fr Privathaushalte) gesenkt werden mssen. Brasilien will endlich seinen Spitzenplatz bei den Strompreisen unter den G20-Lndern los- werden. Im Gegenzug beklagen sich jetzt die Strom- versorger, es sei kein Geld fr bentigte Investitio- nen vorhanden woraufhin die Regierung wiederum eine erleichterte Kreditaufnahme fr die Stromver- sorger durchsetzte. Dieser fr Brasilien typische Kuhhandel zeigt eines ganz deutlich: Man hat die Notwendigkeit von In- vestitionen in die maroden Netzwerke erkannt, un- klar ist nur noch der Modus vivendi. Was dieses Beispiel auch zeigt: Deutsche Unternehmen sollten sich bei ihrem Engagement in Brasilien nicht von den tagesaktuellen Schlagzeilen beeinflussen lassen. Nichts ist in Sdamerika in Stein gemeielt. Man bentigt einen langen Atem und ein Gefhl fr die dortige Kultur. Gearbeitet wird auch an der Unabhngigkeit von der Wasserkraft und den witterungsbedingten Einflssen. Man will wieder in Thermische Kraftwerke inves- tieren, also Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerke bau- en. Dies fhrt zu neuen Problemen, da die Gasliefe- rungen durch den Quasi-Monopolisten Petrobras unter geringen Frdermengen leiden und die Endla- gerung des Atommlles bis heute nicht geregelt ist. Nach dem Unglck von Fukushima ist auch in Bra- silien die ffentlichkeit fr das Thema sensibilisiert. So laufen bedacht mit massiver Kritik von Exper- ten und Umweltschtzern weiterhin die Planungen fr 28 neue Wasserkraftwerke. Von denen hngen mindestens 20 jedoch allen voran Belo Monte durch gerichtliche Auseinandersetzungen ber die Genehmigungsverfahren quasi in der Schwebe.
  • 16. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 17 Mit einem groen Aufschwung rechnet man bei der Windkraft. Schon bis zum Ende dieses Jahres 2013 sollen rund 50 Windenergie-Projekte (Gesamtkapa- zitt 2,1 Gigawatt) ans Netz gehen, vorrangig im Norden und Nordosten des Landes. Wie schnell diese Windparks aber zur Entspannung auf dem Energiemarkt beitragen knnen, ist zweifelhaft. Momentan gibt es noch keine komplette Netzanbin- dung ein Problem, das man auch aus Deutschland kennt. Man geht davon aus, dass lediglich 30 Pro- zent der neuen Windenergie zum vorgesehenen Zeitpunkt in die Netze eingespeist werden knnen. Der Markt fr Windrder und das dazugehrige Equipment unterliegt Handelsbarrieren. Eine Wert- schpfung von mindestens 60 Prozent muss in Brasi- lien erfolgen, um diese zu umgehen. Doch ist der Markt so lukrativ, dass immer mehr Unternehmen auch aus logistischen Grnden Produktionssttten im Umfeld der entstehenden Windparks aufbauen. Interessant fr Firmen, die sich in Brasilien engagie- ren wollen: Wer die Voraussetzungen bezglich der Wertschpfung erfllt, wird wie ein brasilianisches Unternehmen behandelt und hat Zugang zu verbil- ligten BNDES-Krediten. Man mag es als neutraler Beobachter nicht glauben, aber die Solarenergie steckt in Brasilien noch in den Kinderschuhen wobei man differenzieren muss: Die Erzeugung von elektrischem Strom mithilfe von Solarenergie steht noch am Anfang, denn die Brauchwassererwrmung mittels Sonnenkollektoren auf den Dchern ist in Brasilien schon seit vielen Jahren blich. Inzwischen wird es zur Auflage ge- macht, dass bei Neubauten oder Renovierungen die Brauchwassererhitzung umgestellt wird. In Bezug auf die Sonnenenergie ist fr deutsche Anbieter interessant, dass sich die KfW wenn man so will, das Pendant zur BNDES aktiv an Pilotpro- jekten beteiligt. Auf Forschungsseite ist das Fraun- hofer-Institut in Brasilien sehr aktiv. Geplant ist zunchst, die private Versorgung hnlich dem Brauchwasser umzustellen, mit der Option, ber- flssigen Strom ins Netz einspeisen zu knnen. Allerdings ist die derzeitige Regel so, dass die Ein- speiser nicht bezahlt werden, sondern lediglich eine Gutschrift auf ihre Stromrechnung erhalten. Die Zahl der kommerziellen Solarparks liegt noch deut- lich im einstelligen Bereich. Rund um die Versorgung des Landes mit elektri- scher Energie wird sich in den nchsten Jahren eini- ges tun. Nicht wenige Experten auch der Fachver- band der Elektroindustrie ABINEE (Associao Brasileira da Indstria Eltrica e Eletrnica) sehen bei Produkten und Dienstleistungen rund um die Energiewirtschaft einen Wachstumsmotor fr Brasi- lien. Dabei befindet man sich in der Notlage, nahezu alles aus externen Quellen zu beziehen. Das ist auch der Grund fr die harschen Einfuhrbeschrnkungen. Ein Engagement vor Ort ist lukrativ, wenn es gut vorbereitet ist und man sich nicht von den brokrati- schen Hrden (alle Bauteile mssen lizenziert wer- den) abschrecken lsst. Die in Brasilien verbrauchte Energie besteht natr- lich nicht ausschlielich aus elektrischem Strom. Auch der Hunger von Wirtschaft und Privathaushal- ten nach Treibstoff fr die immer grer werdenden Flotten von Nutz- und Privatfahrzeugen ist unge- bremst. Schlimmer noch der Bedarf steigt weit schneller, als die Bereitstellung mglich ist. Zwar verfgt Brasilien ber enorme lvorkommen vor seiner Kste. Doch liegen diese in extremen Tiefen und zustzlich unter einer sich bewegenden Salz- schicht (weshalb sie in der Welt als Pr-Sal- Vorkommen bekannt sind). Man betreibt so eine Art Learning by Doing, weil niemand die genauen Ei- genschaften dieses Salzgesteins kennt. Niemand wei etwas ber die Lslichkeit, wie es sich bei hohen Temperaturen oder Druck verhlt. Erste An- zeichen fr die Probleme zeigten sich bei der von Chevron vorgenommenen Probebohrung, die zu einem Leck am Bohrloch und damit einhergehenden Verschmutzungen der Strnde sorgte.
  • 17. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 18 Inzwischen chzt Petrobras unter der Vorgabe, dass die zur Frderung erforderliche Ausrstung im eige- nen Land entwickelt und gebaut werden muss. Auch die Lizenznehmer haben unter den Verzgerungen zu leiden. Als erstes hat McKinsey schon im ver- gangenen Jahr berechnet, dass sich die Tagesfrde- rung von sechs Millionen Fass wie sie von der Regierung immer wieder verbreitet wurde (und auf deren Basis die Regierung schon die entsprechenden Einnahmen verplant) nicht wrde halten lassen. Lediglich 4,4 Millionen Fass pro Tag sahen die Analysten als realistisch an. Jetzt hat auch die neue Petrobras-Prsidentin Maria das Graas Foster die Realitten akzeptiert und geht von einer maximalen Frdermenge von tglich 5,3 Millionen Fass im Jahr 2020 aus. Fr Petrobras ist dies ein schwerer Schlag, bedeutet es doch Umsatzeinbuen von geschtzten 25 Milliarden Dollar pro Jahr. Dabei wird der staat- liche Konzern (oft wird von halbstaatlich gesprochen, doch seit der Kapi- talerhhung befinden sich wieder mehr als 60 Pro- zent der Aktien direkt oder indirekt ber die BNDES in staatlicher Hand) momentan von der Regierung ohnehin missbraucht. Der im Land dringend bentigte Treibstoff (Diesel und auch Benzin) kann momentan aus Eigenmitteln nicht geliefert werden. Die Importe mssen ber Petrobras abgewickelt werden. Das Unternehmen bedient sich dazu des Weltmarktes, muss die Treib- stoffe im Land aber unter dem Weltmarktpreis ver- kaufen, um die galoppierende Inflation in den Griff zu bekommen. Der Bilanz des Unternehmens scha- det dies enorm. Schlimmer noch die finanziellen Auswirkungen dieses Vorgehens haben die Investi- tionsfhigkeit von Petrobras stark in Mitleidenschaft gezogen. Diese ist in immer grerem Mae von Krediten abhngig. Letztere besorgt sich das Unter- nehmen wegen der hohen Zinsen in Brasilien inzwischen im Ausland. Jngst wurde ein groer Vertrag mit japanischen Banken geschlossen. Der Druck auf Petrobras und der inzwischen einge- tretene Zeitverlust haben zu einem Umdenken ge- fhrt. Kooperationen bei der Technologieentwick- lung sind durchaus mglich, wenn es der brasiliani- sche Nationalstolz auch verbietet, im Ausland um Hilfe zu bitten. Kein Wunder also, wenn sich alle groen im l- und Gasgeschft engagierten Unter- nehmen inzwischen in Brasilien angesiedelt haben. Dennoch ist Platz fr Spezialanbieter geblieben, denn die Zeit drngt. Laut staatlicher Vorgaben soll Petrobras die Zahl von Bohrplattformen sowie Bohr- und Frdersonden bis zum Jahr 2020 verdoppeln, die der ltanker gar verdreifachen. Dabei steckt der brasilianische Schiffbau ebenso in den Kinderschuhen. Nach Jahrzehnten der Stagnati- on hatte man diese Industrie vernachlssigt. Jetzt wird mit Macht versucht, verlorenes Terrain zurck- zugewinnen. 2010 schon sollte die erste Etappe dieser Anstrengungen fr die Welt sichtbar erfolg- reich abgeschlossen werden. Der 274 Meter lange Tanker Joo Cndido lief vom Stapel und beina- he direkt anschlieend auf Grund. Htte man ihn nicht schnellstmglich zurck ins Dock gebracht, wre der Tanker wegen lchriger Schweinhte gesunken. Untersttzung aus dem Ausland tut Not. Es mangelt an allem auch an gut ausgebildeten Fachkrften. Noch gibt es nicht einmal gengend fachkundige Schiffbauingenieure. Dieser Studiengang wird den jungen Brasilianern gerade schmackhaft gemacht. Einige haben auch schon darauf reagiert und mit dem Studium begonnen vorzugsweise an deut- schen Hochschulen.
  • 18. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 19 BEDARF KONKRET: UMWELTTECHNIK Erst ganz am Anfang steht die Umwelttechnik in Brasilien. Das Bewusstsein fr den sorgsamen Um- gang mit den natrlichen Ressourcen entwickelt sich erst langsam. In den Schulen bildet das Thema einen der Schwerpunkte dort hat man auch damit begon- nen, farblich unterschiedliche Mlleimer aufzustel- len, um die Schler so frhzeitig zur Mlltrennung zu erziehen. Wer das als Privatperson mit seinem Hausmll machen mchte, muss dafr extra zahlen. Die Stadtverwaltung von So Paulo beispielsweise schickt zwar einmal in der Woche einen Dienstleis- ter zum Abholen des getrennten Hausmlls, die Anwohner mssen diesen aber direkt bezahlen. Hier liegt auch das Hauptproblem bei der Durchset- zung des Umweltschutzes auf breiter Front. In einem Land, in dem weite Teile der Bevlkerung jeden Real zweimal umdrehen mssen, ehe sie ihn ausgeben, wird niemand zustzliches Geld fr die Mlltrennung aufwenden. Hier ist auch seitens der Regierung noch einiges zu tun, um das Bewusstsein fr die Notwendigkeit zu wecken. Geschftsreisenden aus Europa, die So Paulo ber den internationalen Flughafen Cumbica erreichen, wird die Problematik direkt vor Augen gefhrt. Auf ihrer Taxifahrt in die Stadt fahren sie zunchst direkt am Rio Tiet, dann am Rio Pinheiros entlang. Diese zwei Flsse bieten ein trauriges Bild. Das brackige Wasser sucht sich stinkend seinen Weg und trans- portiert dabei Hausmll aus allen Kategorien vor allem Einwegflaschen, ein Pfandsystem gibt es in Brasilien nicht flchendeckend (die Getrnke wr- den beim Einkauf zu teuer). Der Tiet gilt als Sym- bol fr die Stadt und wurde genauso oft besungen wie die Copacabana. Heute ist er tot. Abbildung 9: Marktverteilung der Lieferanten von Umwelttechnik 2012 (Angaben in Prozent) Quelle: VDMA
  • 19. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 20 Zur Umwelterziehung der Kinder gehrt auch der Besuch der Quelle dieses Flusses in Salespolis, wo ihnen Tiet-Wasser zum Trinken gereicht wird. Eindrucksvoller kann man niemanden auf das auf- merksam machen, wie die Menschheit mit der Natur umgeht. Die ersten Generationen von Brasilianern, die durch diesen Teil der Erziehung liefen, stehen jetzt im Berufsleben, was dem Thema Umweltschutz inzwischen einen breiteren Raum gibt. Gerade hinsichtlich der Versorgung mit Trinkwasser gibt es reichlich zu tun. In der Millionen-Metropole So Paulo sorgen zwei Stauseen fr das Frischwas- ser der Bevlkerung. Rings um diese Seen haben sich Armenviertel gebildet, die nicht an die Kanali- sation angeschlossen sind, was fr die Wasserquali- tt verheerende Auswirkungen hat. Als Trinkwasser ist das, was aus der Leitung kommt, kaum geeignet. Die Stadt versucht, dem mit Aufklrungskampagnen der Bewohner dieser Armenviertel entgegenzuwir- ken. In einem Fall will man das ganze Ufer des Stausees rumen und Tausende von Familien umsie- deln. Die notwendigen Investitionen in die Wasser- wirtschaft sind enorm. Dabei geht es um den Ausbau der Kanalisation, aber auch um die Wasseraufberei- tung. Gegenwrtig werden nach Expertenschtzungen landesweit erst 20 Prozent der erzeugten Abwsser wiederaufbereitet. Sogar im wirtschaftlichen Zent- rum So Paulo liegt die Quote bei nur 40 Prozent. Kein Wunder, wenn man auf der anderen Seite wei, dass nur knapp die Hlfte der brasilianischen Haus- halte berhaupt an das Abwassernetz angeschlossen ist. Noch vielversprechender wre es allerdings, wenn die Wasserleitungen in der Stadt auf den aktuellen Stand der Technik gebracht wrden. Das Leitungs- netz ist alt und wird immer wieder notdrftig ge- flickt. Aktuellen Statistiken zufolge gibt es im Stadtgebiet mehrere Tausend Lecks in den Wasser- leitungen. Ein entsprechendes Sanierungsprojekt wird immer wieder diskutiert, ist aber bislang noch nicht umgesetzt. Das aber kann schnell gehen, weil man in Brasilien schnell bereit ist, die Anwohner an den entstehenden Kosten verpflichtend zu beteiligen. Auf der Liste der Wasserprojekte ganz oben steht dagegen die Wiederbelebung des Rio Tiet. Weit umfangreicher werden die Investitionen im Norden und Nordosten des Landes ausfallen. Hier sind weite Gebiete weder an die Trinkwasserversor- gung noch an das Abwassersystem angebunden. Eine auergewhnlich lange Drreperiode in dieser Region hat schon fr verheerende Folgen gesorgt. Die ersten Bundesstaaten reagieren und wollen in den nchsten Jahren stark investieren. In einem ersten Schritt sollen alle Stdte mit mindestens 50.000 Einwohnern bis 2015 an das Abwassersys- tem angeschlossen werden. Um die Kosten unter Kontrolle zu behalten, werden auch in diesem Um- feld Partnerschaften mit privaten Unternehmen ein- gegangen. Es sind sogar schon Investment-Fonds aufgelegt worden. Die Reinhaltung der Luft ist ein weiteres Thema, zumindest in den greren Stdten. In So Paulo gibt es seit nunmehr drei Jahren so etwas hnliches wie eine Abgassonderuntersuchung fr PKW und LKW. Deren Einfhrung machte erneut deutlich, dass Umweltschutz in groem Stil nur schwer durchsetzbar scheint. Die Kostenfrage bei der ASU wurde monatelang diskutiert, mit dem Resultat, dass zumindest das erste Jahr noch kostenfrei war. Dies wurde allerdings typisch brasilianisch organisiert. Der PKW-Halter musste zahlen, konnte aber nach bestandener Prfung die Gebhren zurckerstattet bekommen per Antrag. Den haben viele Autofah- rer zur Freude der Stadtregierung jedoch vergessen auszufllen. Dennoch zeigt die Einfhrung dieser Untersuchung, dass die Regierenden das Problem erkannt haben und zu handeln bereit sind. Das gilt auch fr die Mllberge, die in Brasilien erzeugt werden. Nach Statistiken des IBGE beluft sich der tgliche Mllberg privater Haushalte in Brasilien auf etwa 200.000 Tonnen. In kaum einem
  • 20. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 21 Land der Welt gibt es so wenig Recycling wie in Brasilien. Nur etwa 12 Prozent des von der Stadtbe- vlkerung hergestellten Mlls werden in die Wie- derverwendung eingespeist. Wie es in den dnner besiedelten Gebieten aussieht, mag man sich da gar nicht vorstellen. Die Folgen sind schon jetzt deutlich sichtbar, auch, weil es in mehr als 60 Prozent der brasilianischen Kommunen weder ein Konzept fr den Umgang mit Hausmll, geschweige denn geeig- nete Deponien gibt. Die Hauptaufgabe beim Recycling bernehmen die rmsten der Armen, die Mll-Sammler, die mit ihren Handkarren durch die Straen der Stdte patroullieren. Sie werden an Sammelstellen vor allem fr angelieferte Altmetalle auch in Form der in Brasilien allgegenwrtigen Getrnkedosen be- zahlt. Die Mlltrennung ist ein wichtiger Teil ihrer tglichen Arbeit und ihres Einkommens. Als hilfreich fr deutsche Anbieter von Umwelt- technik erweisen sich die groen Sportveranstaltun- gen. Brasilien will sich als modernes Land prsentie- ren, und dazu gehrt auch ein funktionierender Um- weltschutz. Demzufolge hat die Regierung die Aus- gaben in diesem Umfeld erhht. Vertreter der auch in diesem Marktsegment zahlreichen Syndikate und Vereinigungen gehen in den nchsten Jahren von einem Wachstum von gut 10 Prozent bei Wasser- und Abwasserwiederaufbereitung sowie der Reini- gung kontaminierter Bden aus. Fr Projekte zur Luftreinhaltung rechnen sie mit Zuwchsen von immerhin noch gut 5 Prozent. BEDARF KONKRET: INFRASTRUKTUR Das brasilianische Wachstum hat in den letzten zwei Jahren eine Delle bekommen. Whrend die Regie- rung die weltweite Wirtschaftslage verantwortlich macht, sehen immer mehr Analysten und Wirt- schaftsexperten in der schlechten Infrastruktur des Landes den grten Wachstumsverhinderer. Wer einmal lngere Zeit in Brasilien verbracht hat, ist geneigt, den Experten-Meinungen Glauben zu schenken. Dabei sind die Wasser- und Stromversor- gung wahrscheinlich noch das kleinste Problem. Es lsst sich nicht wegdiskutieren, dass die Infra- struktur auf einem Stand irgendwo Ende der neunzi- ger Jahre stehengeblieben ist. Nicht wenige Brasili- enkenner gehen sogar noch weiter und behaupten, seit den siebziger Jahren htten sich die Ausgaben nicht mehr erhht. Belegbar ist, dass die Ausgaben fr die Infrastruktur im Jahr 2003 ihren Tiefpunkt erreicht hatten, damals lagen sie bei 0,1 Prozent des BIP. Lange Zeit tuschte das sprunghafte Wachstum ber die Probleme hinweg. Projekte wurden immer wieder verschoben, auch, weil die Regierung Sozi- alprojekten den Vorrang einrumte. Wie dramatisch die Situation teilweise ist, zeigten 2013 die Wochen der Soja-Ernte. Brasilien ist einer der grten Soja-Produzenten der Welt und die Agrarindustrie gehrt zu den wichtigsten Wirt- schaftsfaktoren. Momentan kommt es doppelt schlimm. Wegen fehlender Bewsserungssysteme verdorrten Teile der Ernte im Norden des Landes. Das, was dort geerntet werden konnte, war noch lange nicht im Hafen, um von dort aus in die Welt verschifft zu werden. Der Transport ber teilweise nicht asphaltierte Straen gestaltete sich chaotisch. Auch im Sdosten, wo die Gegend um die Millio- nenmetropole So Paulo noch ber die beste Infra- struktur verfgt, bildeten sich bis zu 50 Kilometer lange Schlangen auf dem Weg zum Hafen Santos.
  • 21. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 22 Abbildung 10: Aufteilung Brasiliens in die fnf Wirtschaftszonen Die Regierung wei um die Wichtigkeit der Land- wirtschaft fr das brasilianische Wachstum und will jetzt mit Macht in diese investieren. Mit groem Pathos verkndete die Prsidentin laut einem Bericht der Finanzzeitung Valor Economico vor hunderten von Landwirten: Hier habt ihr 136 Milliarden Reais. Gebt das Geld aus und ihr bekommt mehr! Anlass der Versammlung war die Vorstellung des Land- wirtschaftsplans fr die Jahre 2013/2014. Das Ziel fr diese Periode ist klar umrissen: Die Produktivitt der Landwirtschaft soll erhht werden. Ein Groteil der Investitionen soll fr die Finanzie- rung von Maschinen und Anlagen sowie den Aufbau von Lagerhusern eingesetzt werden. Letztere fehlen derzeit fast vllig, was als ein weiterer Grund fr die langen Schlangen vor den Hfen ausgemacht wurde. Der Aufbau von Lagern und Silos soll sowohl von den Landwirten als auch von der Regierung voran- getrieben werden, so der Plan. Dabei versprt die staatliche Versorgungsgesellschaft CONAB schon einen gewissen Druck, ihre Kapazitten zu erhhen. Die ungewhnlich lange Drre im Nordosten fhrt nmlich nicht nur dazu, dass angebautes Getreide so den die Saat aufgeht quasi auf dem Halm ver- trocknet, dem Vieh im ohnehin schon armen Norden und Nordosten fehlt neben dem Wasser auch das
  • 22. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 23 Futter. Der Versuch, Futtermais aus dem Sden in den Norden zu transportieren, scheiterte an den dort nicht vorhandenen Lagerkapazitten seitens der CONAB Investitionen tun also Not und fr deutsche Firmen sind auch gute Gewinne zu erwarten. Man darf aber nie vergessen, dass es sich um Brasilien handelt und dort schnell mit hohen Zahlen hantiert wird, die nicht immer der Wahrheit entsprechen. Gleichwohl reichen auch die realen Zahlen aus, um fr deutsche Firmen einen Anreiz zu geben, verstrkt in Brasilien zu investieren. Wichtig ist nur der Blick ins Klein- gedruckte, die im brasilianischen Portugiesisch so wichtige Interpretation zwischen den Zeilen. Ein Beispiel dafr ist das Programa para a Ace- lerao do Crescimento (PAC), das im Jahr 2007 von der heutigen Prsidentin (damals als Kabinetts- ministerin die rechte Hand des Prsidenten) entwi- ckelt und mit Pomp eingefhrt wurde. Das Paket sorgte im Ausland fr groen Jubel, weil man zu erkennen glaubte, dass Brasilien die Zeichen der Zeit erkannt habe und jetzt in die Infrastruktur inves- tieren wrde. Tatschlich aber handelte es sich nicht um die Planung von Neuinvestitionen, man hatte nur die schon verabschiedeten Manahmen nur ffent- lichkeitswirksam zu einem Paket geschnrt. Eine hnliche Marketing-Funktion hatte auch die zweite Auflage dieses Programmes, PAC 2 ge- nannt. Entstammten die Investitionen des PAC 1 den Planungen bis ins Jahr 2011, so berraschte Prsident Lula die ffentlichkeit schon 2010 mit der Vorstellung der Fortsetzung, wieder mageblich entwickelt von Dilma Rousseff. Die Projekte hatten einen Gesamtwert von immerhin knapp 960 Milliar- den Reais (was damals etwa 385 Mrd. Euro ent- sprach). Abbildung 11: Verteilung der Investitionen auf die Infrastruktur 2011-2016 auf die Regionen (Gesamtbudget 535 Mrd. Euro) Quelle: Grande Construcoes
  • 23. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 24 Bei nherem Hinsehen versteckten sich in dieser Summe allerdings sowohl das Wohnungsbaupro- gramm Minha casa, Minha vida, mit dem Wohn- raum fr sozial Schwache bereitgestellt wird, als auch Investitionen von Petrobras, der offiziell halb- staatlichen Erdlgesellschaft. Erst bei genauem Hinsehen (auf der Homepage der Entwicklungsbank BNDES) lie sich erkennen, dass sich die Ausgaben fr die Verbesserung der Infrastruktur auf 380 Milli- arden Reais belaufen sollen. Bis heute haftet dem PAC der Geruch an, lediglich eine Marketing-Aktion der Regierung zu sein. Viele Projekte verlaufen im Sand, ehe sie richtig begonnen haben. Es wre besser gewesen, sich auf zehn oder zwanzig konkrete Projekte zu konzentrieren und diese auch erfolgreich abzuwickeln, als mit der Giekanne durch das Land zu gehen, kritisierte jngst der ehemalige Prsident Fernando Henrique Cardoso die Zwischenbilanz des PAC. Hier darf nicht der falsche Eindruck entstehen, es kmen nur Fehlplanungen vor, vielmehr wurden bislang die geplanten Mittel nicht annhernd berhaupt ange- fordert. Manches, was angefangen wurde, endet in einem absurden Projekt wie die bereits erwhnten Wind- parks, die bislang nicht an das Netz angeschlossen wurden. Wichtiger Baustein fr die Versorgung des Nordostens mit Energie ist die Abreu-e-Lima- Raffinerie in Pernambuco, dem Heimatstaat von Ex- Prsident Lula. Diese sollte eigentlich schon seit dem vergangenen Jahr produzieren, wird aber wohl erst 2014 den Betrieb aufnehmen. Dafr haben sich die Kosten inzwischen verachtfacht. Fast schon ein Evergreen ist in diesem Zusammen- hang der Trm Bala (wrtlich bersetzt Pistolen- kugelzug; mit dem Namen soll auf die Geschwin- digkeit angespielt werden), jene Schnellzugverbin- dung zwischen Rio de Janeiro und So Paulo, deren Aufbau seit nunmehr 20 Jahren immer wieder in den staatlichen Investitonsprogrammen auftaucht. Auch Anfang 2013, als von der Regierung Anreize zum Wachstum der Wirtschaft gefordert worden, stand die Zugverbindung wieder auf dem Plan. Bislang existiert allerdings nicht einmal eine Planung der exakten Streckenfhrung, obwohl die Zugverbin- dung in Zusammenhang mit den geplanten sportli- chen Groereignissen von enormem Nutzen wre. Die Regierung in Brasilia ziert sich, weil sie fr die Zugverbindung zwischen Rio de Janeiro und So Paulo kein Risiko eingehen will. Analog zum Vor- gehen im Straenbau htte man es am liebsten, wenn sich ein Privatunternehmen fnde, dass den Bau der Trasse realisierte. Mehrere Versuche einer Verstei- gerung der Konzession sind schon gescheitert der letzte wegen einer zu geringen Zahl von Bieterun- ternehmen. Region Projekte Investitionssumme Anteil in % Norden 7 1.520.000.000,00 5,1 Nordosten 21 5.100.274.509,09 17,0 Zentral-Westen 14 163.814.945,45 0,5 Sdosten 230 22.795.240.981,82 75,8 Sden 23 495.698.581,82 1,6 Gesamt 295 30.075.029.018,18 100,0 Abbildung 12: Investitionen in die industrielle Infrastruktur 2011-2016 Quelle: Grande Construcoes
  • 24. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 25 Hintergrund: Die vom Staat genannten Konditionen waren einfach zu schlecht. Siemens galt lange als Favorit fr den Bau, inzwischen wird ber den TGV diskutiert, ja sogar der chinesische Eigenbau scheint eine Option zu sein. Nach derzeitigem Stand soll noch 2013 ein neuer Versuch unternommen werden, mit dem Projekt Trm Bala zu beginnen. Fr den September ist die Vergabe an einen Technologieanbieter geplant, der Mitte 2014 die Auswahl des Baukonsortiums folgen soll. Bei gutem Gelingen dieses ersten Projekts sind gleich weitere Verbindungen geplant, beispielsweise zwischen So Paulo und Belo Horizonte oder So Paulo und Curitiba. Zumindest hat die Regierung inzwischen realisiert, dass es ein Fehler war, den Transport von Waren und Gtern fast ausschlielich ber die Straen zu gewhrleisten. Wobei auch in diesem Zusammen- hang Kostengrnde im Vordergrund standen. Dabei ging es weniger um die Kosten fr den Straenaus- bau. In Brasilien gibt es keine groen Speditionen, quasi ist jeder LKW-Fahrer sein eigener Chef. Da- mit entfallen sowohl Kosten als auch Risiko fr den Staat, der beim Aufbau einer nationalen Bahn eine weit risikoreichere Position einnehmen msste. Optimistische Schtzungen gehen davon aus, dass derzeit etwa 25 Prozent des Gter- und Personen- transports ber den Schienenweg erfolgen. Wie so oft scheinen hier aber pfel und Birnen in einen Korb gelegt worden zu sein, weil man allem An- schein nach auch den Personentransport (in So Paulo die Metro, sowie die Stadtbahn) einbezogen hat. Die Zugverbindung von der Metropole hinunter nach Santos wurde vor Jahren eingestellt, in anderen Metropolen sieht es nicht anders aus. Momentan hat die Minengesellschaft Vale ein Schienennetz, das in etwa einem Drittel des gesam- ten staatlichen Netzes entspricht. Problematisch fr die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur wirken sich derzeit die Korruptionsflle im brasilianischen Transportministerium aus. Seit 2007 wurde der zustndige Minister vier Mal gewechselt. Da es sich um einen brasilianischen Ministerwechsel handel- te, waren es nur zwei handelnde Personen, die sich immer wieder gegenseitig ablsten. Es bleibt abzu- warten, ob eines der groen Prestigeprojekte ein Eisenbahn-Ring um So Paulo wie geplant in Krze umgesetzt wird. Die Zustndigkeit des Transportministers erstreckt sich auch auf den Straenbau. Hier wird die staatli- che Problematik jedem, der sich einmal auf dem Straennetz bewegt hat, deutlich. Das fngt schon damit an, dass nur etwa 15 Prozent der brasiliani- schen berlandstraen ber eine Asphaltdecke ver- fgen. Bei den asphaltierten Straen gibt es einen eklatanten Unterschied, ob diese in staatlicher Hand sind oder von privaten Konzessionren gebaut und gewartet werden, die ihre Investitionen ber Stra- enbenutzungsgebhren (Pedagio) wieder herein- holen. Auch hier hat sich die Regierung allerdings inzwischen eingeschaltet, um fr die Bevlkerung die Fahrt zum Strand oder zu Verwandten nicht zu teuer werden zu lassen. Es besteht aber groes Inte- resse an der deutschen Technologie zur Kontrolle und Zahlung der Gebhren. Fr deutsche Unternehmen ist ein Engagement am ehesten bei der Planung und der Ausstattung der ausfhrenden Unternehmen mit Maschinen und Technologien mglich. Die Generalunternehmer- schaft wird in der Regel einem brasilianischen Bau- unternehmen bertragen. Bei der Vielzahl der anzu- gehenden Projekte ist allerdings eine Erneuerung der eingesetzten Maschinenparks dringend erforderlich. Im Vorteil sind die brasilianischen Unternehmen auch beim dringend erforderlichen Ausbau von Hfen und Flughfen. Die grten Chancen bieten sich als Subunternehmer oder Lieferant von Techno- logien und Ausrstungen. Auch in diesem Umfeld geht die Regierung weiter ihren Kurs der privaten Beteiligungen (PPP Public Private Partnership), mit unterschiedlichem Erfolg. Der geplante Super-
  • 25. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 26 hafen von Au ist derzeit infrage gestellt, weil der Planer und verantwortliche Unternehmer Eike Batis- ta mit seinem Firmenkonglomerat in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Jetzt versucht die Regie- rung zu retten, was zu retten ist. Die Versteigerung der Lizenzen fr die Flughfen in So Paulo, Brasila und Campinas (Viracopos) hat in Brasilien ein geteiltes Echo hervorgerufen. Zum Zug kamen Investmentgesellschaften ohne groe Exper- tise (die Frankfurter Fraport ging leer aus), so dass an den angekndigten Milliardeninvestitionen in- zwischen gezweifelt wird. Die Planungen fr einen komplett neuen Riesenflughafen im Groraum So Paulo (Caieiras) sind zunchst einmal gestoppt fr wie lange, wei niemand zu sagen. Man darf nicht aber vergessen, dass die Stadt mit dem nationalen Flughafen (Congonhas), dem internationalen Airport (Cumbica) und dem hauptschlich als Frachtflugha- fen genutzten Viracopos (in Campinas) ber drei Flughfen verfgt, die alle ihre Kapazittsgrenzen schon berschritten haben. Im Fall von Viracopos kommt noch hinzu, dass sich dieser Airport gut 80 Kilometer von der Stadtmitte entfernt befindet, eine Zugverbindung nicht existiert und die Schnellstrae zu den stauanflligsten im Groraum So Paulo zhlt. berhaupt ist der Personennahverkehr eine der gr- ten Herausforderungen in den brasilianischen Met- ropolen. Die lange Zeit nur rudimentr ausgebaute Metro in So Paulo wird derzeit vehement erweitert. Bis zum Beginn der Fuballweltmeisterschaft wer- den zwar keine groen Effekte zu spren sein, aber das Problem ist erkannt. Derzeit sind Busse die tragende Sule im ffentlichen Personennahverkehr der Stadt. Diese stoen jedoch trotz teilweise vor- handener spezieller Busspuren an ihre Grenzen ein Problem, das nicht auf die Wirtschaftsmetropole beschrnkt ist. Bis zum Jahr 2020 sollen landesweit 100 Kilometer zustzliche U-Bahn-Strecken gebaut werden. Deutsche Firmen sind gerne gesehen und haben den Vorteil, dass Brasilien oftmals Vorreiter von ganz Sdamerika ist. Das ist interessant, weil es in ganz Sdamerika derzeit nur neun Grostdte mit U-Bahn-Netz gibt. Viel zu tun gibt es auch beim Ausbau der Telekom- munikationsinfrastruktur. Die existierenden Leitun- gen sind verwittert und anfllig fr Strungen. Da der Telekommunikationsmarkt weitgehend privati- siert ist, liegt der Handlungsbedarf bei den entspre- chenden Anbietern. Die wollen am liebsten das Netz komplett austauschen die Kosten dafr aber auf die Kunden abwlzen. Daher kommt dieses Projekt selbst im relativ wohlhabenden So Paulo nicht richtig in die Gnge. Bentigt werden Technologien, Systeme und Dienstleistungen. Deutsche Unterneh- men htten hier den Vorteil, dass sich die Brasilia- ner gerne von der amerikanischen Dominanz in diesem Umfeld lsen wrden. Das gilt auch fr den Ausbau des Mobilfunks, ohne den eine komplette Anbindung aller Landesteile an die Kommunikation gar nicht zu gewhrleisten ist. Es ist lohnt sich einfach nicht, Leitungen bis in die entlegensten Regionen zu verlegen; diese Landestei- le mssen ber den Mobilfunk angebunden werden. Dabei bieten sich fr deutsche Anbieter die entspre- chenden Chancen. Es gilt wie immer, den Markt zu beobachten und rechtzeitig vor Ort zu sein. So lang die Entscheidungswege auch sein mgen, so schnell kommt es manchmal zu Entscheidungen. Nahezu alle Bauvorhaben zur Verbesserung der Infrastruktur in Brasilien werden seit 2012 von der EPL Empresa de Planejamento e Logistica koor- diniert. Hier laufen die Fden fr die aktuellen Pro- jekte zusammen. ber ein kompliziertes Konstrukt soll diese Agentur private Investoren fr das Schie- nennetz finden. Insgesamt sollen in einem ersten Schritt mehr als 11.000 Schienenkilometer an den privaten Betreiber gebracht werden. Dabei gibt es konkrete Vorgaben fr die zu ttigenden Investitio- nen. Whrend der Vertragslaufzeit (als Laufzeit sind 35 Jahren vorgesehen) sind die Konzessionre fr Bau, Betrieb und Instandhaltung des Schienennetzes verantwortlich, als Lockmittel verwendet man einen
  • 26. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 27 Risikoausschluss durch geringe Nachfrage. Die Konzessionsnehmer verkaufen ihre Transportkapazi- tt an die staatliche VALEC, die sie wiederum an die Logistikunternehmen weiterreicht und damit im Risiko steht. Diese Komplexitt allein zeigt, dass es sinnvoll ist, mglichst frh vor Ort in Brasilien aktiv zu werden. Typisch brasilianisch hat man gewartet, bis keine weitere Verzgerung mehr mglich war. Jetzt auch typisch brasilianisch wird es sehr schnell gehen bei der Umsetzung der vielen Projekte. Da diese teilwei- se verschachtelt und auf jeden Fall mit einiger Bro- kratie berladen sind, heit es, sich frhzeitig an allen wichtigen Schaltstellen zu positionieren. BEDARF KONKRET: HOCHWERTIGE KONSUMGTER Die Regierung mag argumentieren so viel sie will, enorme soziale Unterschiede in Brasilien sind immer noch vorhanden und werden es auch noch eine Wei- le sein. Fhrt man mit dem Auto durch eine der groen Metropolen, wird einem der rasche Wechsel von armen und reichen Vierteln schnell bewusst. In einem eigentlich reichen Stadtbezirk wie Morumbi in So Paulo ist die Grenze manchmal flieend. Parasiopolis, eine der grten Favelas der Stadt, liegt eingebettet zwischen Villen der Reichen und Superreichen. So krass diese Unterschiede dem Beobachter auch erscheinen mgen, in einem sind sich alle Brasilia- ner gleich: Sie konsumieren fr ihr Leben gern. Sind es bei der rmeren Bevlkerung Statussymbole wie Flachbildfernseher, Mobiltelefone oder Kleinwagen, so geht es bei den Reichen um Schmuck, Uhren, Markenkleidung und Sportwagen. Fr die Erfllung der eigenen Wnsche ist man bereit, viel Geld aus- zugeben. Wichtig ist, dass sich die Luxusgegenstn- de auch vorzeigen lassen. Das gilt mittlerweile auch fr Wohnungseinrichtungen, die immer aufwndiger werden. Wer sich einen berblick ber die Konsumgewohn- heiten der brasilianischen Oberschicht verschaffen will, dem sei das Shoppingcenter Daslu empfohlen. Hier stimmt alles; man hat die Riesenvilla eines reichen Paulistano zum Konsumtempel umfunktio- niert. Das Ambiente ist gediegen, die Musik ge- dmpft und die Verkufer agieren dezent, ganz nach dem Motto Wer hier nach dem Preis fragt, kann ihn sowieso nicht bezahlen! Die nackten Zahlen des Daslu sprechen fr sich: Auf 18.000 Quadratme- tern werden 333 internationale Luxusmarken prsen- tiert. 1.500 kaufkrftige Kunden besuchen tglich das Luxus-Shoppingcenter. Kaum ein Reisefhrer fhrt dieses Ambiente nicht als Ausgehtipp. Brasili- aner konsumieren fr ihr Leben gern. Die Regierung des Ex-Prsidenten Lula hatte ihre Wachstumsstrategie auf diesen Umstand abgestellt. Man musste nur den Binnenkonsum hochhalten, dann war zusammen mit dem Basis- Wachstum durch Rohstoffexporte ein jhrliches Wachstum von mehr als fnf Prozent garantiert. Dabei konnte sich die Regierung auf die Bevlke- rung verlassen. 2009, als in Europa speziell in Deutschland der private Konsum aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ins Stocken geriet, verzeichnete Brasilien immer noch rund 3,0 Prozent Zuwachs in diesem Umfeld. Inzwischen sieht man Wachstumsraten von bis zu 5 Prozent pro Quartal. Es gibt einige demografische Faktoren, die darauf hindeuten, dass es in absehbarer Zeit keine nderung im Konsumverhalten gibt. Auch in Brasi- lien werden die Familien kleiner, Single-Haushalte haben ein enormes Wachstum. Die Reallhne sind gestiegen, also ist mehr Geld zum Konsumieren vorhanden. Laut Statistik verfgt Brasilien ohnehin ber einen im Vergleich zu Europa hheren Anteil der wirtschaftlich Aktiven. Whrend diese Bevl- kerungsgruppe in Brasilien 56 Prozent der Einwoh- ner umfasst, liegt der Durchschnitt in Europa bei 45 Prozent.
  • 27. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 28 Abbildung 12: Geplante Erffnungen von Shoppingcentern in Brasilien 2013 Quelle: IBOPE Auch ist Brasilien ein junges Land (die Renterquo- te liegt bei 8%, in Europa bei 22%). Und schlie- lich und endlich sind die Brasilianer um ein vielfa- ches anflliger fr Werbung als die Europer spe- ziell die Deutschen. Eine gewichtige Rolle spielen dabei die tglichen Telenovelas, denen in Brasilien nicht der fade Beigeschmack des Trash-TV anhaftet. Sie werden quer durch alle Bevlkerungsgeschichten gesehen. Gerchteweise wurden schon Parlamentssitzungen verschoben, damit der Prsident und die Minister keine Folge einer Novela verpassten (dies liegt schon ein paar Jahre zurck, als es noch keine Vide- orecorder gab). Was in den Novelas gezeigt wird, ist Trend. Ein Beispiel dafr sind die Hundesalons, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden ge- schossen sind. Bis Ende der neunziger Jahre hatten Hunde in Brasi- lien einen anderen Status. Sie durften fressen und das Haus bewachen, entsprechend gro waren sie auch. Dann tauchten in einer Novela kleinere Rassen auf, die mit Schleifchen verziert aus dem Hunde- Salon zurckkamen. Heute werden sogar Promena- denmischungen von ihren Besitzern mindestens einmal pro Woche zum Trimmen gebracht. Im Stadtbild von So Paulo drfte die Zahl der Hunde- salons lediglich von denen der Friseur- und Beauty- Salons bertroffen werden. Die Kosmetik-Industrie wchst in Brasilien ebenfalls sehr stark quer durch alle sozialen Schichten der Bevlkerung.
  • 28. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 29 Abbildung 13: Konsumverhalten in den Regionen Brasiliens 2011 Quelle: IBGE, Isto Nach Angaben der GTAI wchst die brasilianische Kosmetikindustrie seit Mitte der neunziger Jahre konstant mit mehr als 10 Prozent pro Jahr. In den letzten Jahren verlagerte sich ein Teil des Geschftes auf das Internet. Gerade im Umfeld der Schnheits- industrie hat der E-Commerce stark zugenommen. Aber es gibt auch noch die Avon-Verkuferin, die mit ihrem Katalog den Bekanntenkreis abklappert. Bei der Kosmetik ist es wie in allen anderen Seg- menten des Konsums auch: Die Produkte werden benutzt, um den eigenen Wohlstand zu zeigen. Das gilt in der Familie genauso wie in der Nachbarschaft oder im Bekannten- und Kollegenkreis. Man ist bereit, hohe Preise zu zahlen, wenn es denn dem eigenen Ansehen dient. Nicht immer ist dieses Geld auch vorhanden. Wir kaufen Dinge, die wir nicht bentigen, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mgen, mit Geld, das wir nicht haben!, fasste einst ein brasilianischer Pater diese Art des Konsu- mierens zusammen. Gerade bei Luxusgtern kann das Shoppen richtig ins Geld gehen. Beim Auto, des Brasilianers liebs- tem Kind, muss es ein Carro Importado sein, mit dem man seine Mitmenschen beeindruckt ein Auto also, das nicht in Brasilien gefertigt wurde und durch Einfuhrzlle und sonstige Steuern im Vergleich zum Herstellungsland zum doppelten bis dreifachen Preis verkauft wird. Bei der Kleidung ergibt sich ein hn- liches Bild, allerdings knnen die Preise hier auch schon einmal beim Fnffachen liegen. Gekauft wird trotzdem. Selbstverstndlich sind auch bei Luxusg- tern Ratenzahlungen, worauf sich ein Anbieter ein- stellen muss. Das gilt auch fr die Art des Verkaufens. Brasilianer wollen umschmeichelt werden. Es reicht bei weitem nicht aus, ein Geschft zu erffnen. Man muss eine Art von Erlebnis-Shopping anbieten, dann ist man in, dann strmen die Kunden, dann werden die Produkte gekauft, egal, ob beim Kufer ein akuter Bedarf besteht oder nicht. Ein gutes Bild von dieser
  • 29. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 30 Strategie ermglicht ein Luxus-Tattoo-Studio auf der erwhnten Oscar-Freire in So Paulo. Beim Betreten des Studios deutet nichts auf den eigentli- chen Geschftsinhalt hin. Man hat den Eindruck, sich in einem Luxusrestaurant zu befinden; ein Treffpunkt der Reichen und Schnen der Stadt, bis weit in die Nacht geffnet. Man trifft sich, isst und trinkt und zum Dessert gibt es dann ein Tattoo. Im Zusammenhang mit dem Daslu sprechen Marke- ting-Experten gerne von einem Shopping mit Club- Atmosphre. Auch fr Veranstaltungen ist das Shoppingcenter inzwischen eine gut gebuchte Loca- tion. Der erfolgreiche Verkauf von Luxuskonsumartikeln beginnt bei der Auswahl des richtigen Ambientes. Hat man die In-Location gefunden, gilt es, sich fest im Kundenkreis zu etablieren. Die Ideen zu Kundenbindungsprogrammen knnten aus Brasilien stammen. War man einmal in einem Geschft und kommt zum zweiten Besuch, hat man das Gefhl alle Gesprchsinhalte des ersten Einkaufs wurden aufgezeichnet. Man fhlt sich, als kme man zurck zu Freunden eine durchdachte Verkaufsstrategie, die auch ein auslndisches Unternehmen adaptieren muss, um Erfolg zu haben. Dass es sich lohnt, mit Luxusartikeln in Brasilien auf den Markt zu kommen, zeigte sich im Jahr 2012. Die Welt redete nur noch ber eine Wirtschafts- und Finanzkrise greren Ausmaes und in Brasilien erffneten etablierte und fr ihre hohen Preise bekannte Markenhersteller exklusive Geschfte. Sogar die altehrwrdige New York Times berichtete verwundert ber die Erffnung von zwlf Boutiquen bekannter Marken. Brasilien wurde nur noch von China bertrumpft, wo im gleichen Zeitraum 18 Geschfte ihre Pforten ffneten. Wie gerne die Brasilianer ihren neuen Wohlstand zeigen und wie wenig sie dabei auf den eigenen Geldbeutel achten, zeigt sich am Beispiel Recife, der Hauptstadt des im armen Nordosten Brasiliens gele- genen Bundestaates Pernambuco. Dort erffnete im Oktober 2012 das Shopping Riomar mit Geschften und Boutiquen von Luxusgut-Anbietern, wie man sie in dieser Region noch nicht gesehen hat. Pern- ambuco gehrt zu den am schnellsten wachsenden Bundesstaaten Brasiliens und jetzt ist die Zeit ge- kommen, dass auch die Pernambucaner ihren neuen Reichtum zeigen wollen. Fr die Betreiber der Shoppingcenter ist der Trend schon Realitt. Die Zahl der Konsumtempel in den greren Stdten ist in den letzten Jahren kaum mehr gewachsen, aber auf dem flachen Land oder in bisher vernachlssigten Landesteilen wird krftig investiert breit ber alle anzusprechenden Kunden- schichten hinweg. Denn auch bei den Shoppingcen- tern zeigen sich die sozialen Unterschiede in der Bevlkerung. Fr alle Brasilianer gilt: Man liebt es, am Samstagabend durch ein solches Zentrum zu flanieren, je nach Geldbeutel (oder Kreditlimit) suchen sich die Bevlkerungsschichten ihre passen- de Lokalitt. In So Paulo sprt man die steigende Zahl von Millionren auch daran, dass die letzten groen Erffnungen von Shoppingcentern (Cidade Jardins, JK Iguatemi) durchweg zu den Luxusvertre- tern gezhlt werden mssen. Die internationale Unternehmensberatung Pricewa- terhouseCoopers (PwC) sieht im privaten Konsum weiterhin einen wichtigen Faktor fr das brasiliani- sche Wirtschaftswachstum. Whrend einer Veran- staltung der AMCHAM-So Paulo wurden Zahlen verffentlicht, nach denen das Segment des Luxus- gterkonsums auch in den nchsten Jahren krftig im zweistelligen Bereich wachsen werde. Die PwC- Analysten wiesen auch nochmals auf den Trend zu bisher vernachlssigten Regionen hin, die neben den bestehenden Geschften fr einen Teil des zu erwar- tenden Wachstums stehen wrden. Nach Angaben einer Studie von Bain & Company geben der Klasse A (verfgbares Monatseinkom- men von 14.100 Reais 5.100 Euro) zugehrige Brasilianer pro Monat 3.500 Reais (1.250 Euro) fr
  • 30. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 31 den persnlichen Konsum aus. Darunter fallen nur Kleidung und Accessoires, keine Autos oder Zube hr fr das Lieblingsspielzeug der Brasilianer. Und es ist noch Luft nach oben. Sollte die Wirtschaft nicht wieder anspringen, ist wohl auch damit zu rechnen, dass das Segment der Luxusgter durch Steuererleichterungen neue Anreize seitens der Re- gierung bekme. Doch trotz der hohen, steuerbedingten Preise wach- sen die Geschfte auch von deutschen Anbietern wie Hugo Boss bestndig. Das drfte wohl auch daran liegen, dass es laut dem brasilianischem Statisti- schem Bundesamt allein in Sao Paulo knapp 25.000 Einwohner mit einem Einkommen von mehr als 50.000 Reais pro Monat (gut 18.000 Euro) gibt, womit das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. 300 Einwohner der Stadt haben Monats- einknfte von 1 Million Reais (gut 360.000 Euro). Besonders diese (Sehr-)Gutverdiener sind interes- sant fr potenzielle Anbieter von Luxusartikeln in Brasilien. Einer Umfrage der TNS InterScience zufolge gehrt diese Bevlkerungsgruppe nicht zu den Brasilianern, die sich auf Auslandsreisen mit Luxusartikeln eindecken, sondern zu mehr als 80 Prozent die Einkaufsaktivitten auf heimischem Terrain durchfhren. Ein weiterer Grund fr das stete Wachstum des Luxussegments ist die schlichte Tatsache, dass man in Brasilien die Adjektive importiert und qualita- tiv hochwertig gleichsetzt. Darber hinaus ist das Einkaufen auf hchstem Niveau inzwischen ein wichtiger Teil des sozialen Lebens. Man geht mit Freunden zum Einkaufen fhrt mit diesen aber nicht unbedingt in Urlaub. Also bleibt am Ende nur der Gang ins heimische Shoppingcen- ter. Brasilien ist eines der Lnder, in denen die Leidenschaft fr Luxus am deutlichsten ist, fasste jngst der franzsische Philosoph Gilles Lipovetsky zusammen. Und die Zahl der Luxuskonsumenten im Land wird weiter steigen. Es ist ein stetig wach- sender Markt! Rechnung getragen haben dem in den letzten Mona- ten einige bekannte Anbieter aus Europa. Im Mittel- punkt stand dabei das Shoppingcenter Cidade Jardim. Dort erffnete Anfang Juni 2013 der zum LVMH- Konzern gehrende Anbieter Fendi seine erste Filia- le in Brasilien. In direkter Nhe zum Shopping hatte im Februar bereits Christian Dior einen Flagship Store fr seine Kunden zugnglich gemacht. Eben- falls neu im Shoppingcenter Cidade Jardim sind Cartier und Louis Vutton.
  • 31. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 32 Fazit: Erfolg in und mit Brasilien ist mglich Etwas vorschnell bezeichnete der ehemalige brasili- anische Prsident Luiz Incio Lula da Silva die Erdlfunde vor der brasilianischen Kste als Ge- schenk Gottes an alle Brasilianer. Damals war ihm wohl noch nicht bewusst, wie schwierig es sein wrde, an das Erdl zu gelangen, das tief unter der Wasseroberflche liegt. Es fehlen die Technologien, es fehlen die Bohrinseln und es fehlen die Trans- portschiffe. Mit Eifer ging die brasilianische Wirt- schaft daran, diese Herausforderungen zu bestehen, und musste doch schnell erkennen, dass man auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen sein wrde. Will man die pathetischen Worte des Ex-Prsidenten auf deutsche Unternehmen ummnzen, dann knn- ten sich die lfunde als Geschenk an deutsche Unternehmen erweisen. Qualitt aus Deutschland wird in Brasilien geschtzt, deutsche Unternehmen knnen liefern, was in Brasilien bentigt wird. Die Bedingungen, unter denen das l gefrdert werden soll, sind nicht einfach. Noch wei niemand, wie die teilweise mehrere Kilometer dicke Salzschicht, die es zu durchdringen gilt, um an das l zu gelangen, auf die Bohrungen reagiert. Man wei, dass die Wassertemperatur in diesen Tiefen sehr niedrig, die des ausstrmenden Gas-Rohl-Gemischs dagegen sehr hoch ist ganz abgesehen von dem ebenfalls bekannten extremen Druck. Dennoch uerte sich Hauke Schlegen, Brasilien- Experte und Geschftsfhrer der Schiff- und Offsho- re-Zulieferindustrie im Verband Deutscher Maschi- nen- und Anlagenbauer, optimistisch zu den Chan- cen deutscher Mittelstndler. Gerade durch die technischen Herausforderungen dieser Tiefseeboh- rungen bieten sich den deutschen Mittelstndlern sehr gute Marktchancen!, kommentierte Schlegen gegenber der Zeitschrift Markt&Mittelstand. Diese optimistische Grundhaltung sollte man als Leitmotiv fr ein Engagement deutscher Unterne- men in Brasilien sehen. Die Vorgaben sind bekannt. Es gibt die Custo Brasil, Kosten, wie sie nur bei Geschften in Brasilien auftreten. Die Regierung wird immer alles tun, um die eigene Wirtschaft zu schtzen, aber auch, um das Wirtschaftswachstum am Laufen zu halten. Wer sich ber die deutsche Brokratie beschwert, kennt die brasilianische nicht. Man muss Energie haben und wissen, wo es anzu- setzen gilt, um am Ende doch erfolgreich zu sein. Im Endeffekt herrscht berall eine Gemengelage, wie sie bei der lfrderung aus dem Pr-Sal auftritt. Was den deutschen Unternehmen noch fehlt, ist ein wenig vom Optimismus der Brasilianer. Diese ver- schwenden trotz der Vielzahl von Problemen keine Sekunde damit, darber nachzudenken, dass sie es nicht schaffen knnten, das l aus dem Meer zu holen. Wer sich auf die Gegebenheiten vor Ort einlsst und sich darauf einstellt, dass sich ein Erfolg erst mittel- fristig verwirklichen lsst, kann in Brasilien langfris- tig erfolgreich sein. Fr jedes Geschft in Brasilien sind abhngig von der Produkt- und Warengruppe Lizenzierungen erforderlich, die ihre Zeit in An- spruch nehmen. Der Regierung ist dieser Umstand bekannt und sie tut momentan alles, um die Fristen zu verkrzen notfalls auf Basis vorlufiger Lizen- zen. Auch von Seiten der deutschen Unternehmen gibt es Mglichkeiten, den Prozess zu beschleunigen, wenn man die Dokumentation bereits in Portugie- sisch vorhlt, und nicht wie immer noch blich auf Englisch einreicht. Kenntnisse der Gegebenheiten vor Ort und vor allem der Mentalitt sind fr einen unternehmerischen Erfolg in Brasilien absolut unabdingbar. Die Regeln im Geschftsleben sind teilweise kontrr zu dem, was man aus Deutschland und Europa gewohnt ist. Man muss sich darauf einlassen, dann stellt sich auch der Erfolg ein. Vordergrndig mgen die For- derungen nach Local Content in deutschen Ohren
  • 32. B R A S I L I E N E I N L U K R A T I V E R M A R K T F R D E U T S C H E F I R M E N 33 absurd klingen. Schaut man sich die entsprechenden Unterlagen an, erkennt man schon den Pragmatis- mus. Die Prozentstze, zu denen in Brasilien er- brachte Wertschpfung gefordert wird, sinken in der Regel mit der Komplexitt der Produkte. Brasilien hat sich in den letzten Jahren verndert. Die Wirtschaft ist gewachsen, das Selbstbewusstsein auch. Dennoch sind die Brasilianer flexibel genug, zu erkennen, wo sie aus eigener Kraft nicht weiter- kommen und auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen sind. Mittelfristig rechnet sich fr ein deutsches Unternehmen der Aufbau einer eigenen Produktion im Land. Man fllt nicht mehr unter die Local