Theaterzeitung September | Oktober 2013

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Theaterzeitung des Staatstheaters Darmstadt

Transcript of Theaterzeitung September | Oktober 2013

  • 1 | Oper Theaterzeitung September | Oktober 2013

    Theaterzeitung September | Oktober 2013

    Premieren im SchauspielAdieu, Herr MinisterDantons TodGefhrliche Liebschaften | QuartettVerdi versus WagnerDie schnen Tage von Aranjuez

    Premieren im MusiktheaterDer LiebestrankWozzeck | Wozzeck

    Premiere im Tanztheater7 Tage (UA)

    Tag der offenen Tr am 8. September 2013

    Mit freundlicher Untersttzung der Echo Medien

    Alman-Trk Mzik almasDeutsch-Trkisches Musizieren

    Leonce und Lena

  • Theaterzeitung September | Oktober 2013

    Editorial

    Liebe Theaterfreunde,

    Ruhe herrscht im Knigreich Popo. Scheinbar. Eigentlich herrscht Knig Peter, doch der ist Willens, das lstige Amt an seinen Sohn Leonce abzutreten. Die Bedingung: Staatstragende Hoch zeit mit der Nachbarsprinzessin Lena. Der Prinz hat weder Lust auf die Prinzessin, noch auf Macht und Krone. Er lehnt sich auf und flieht ins Land nicht nur seiner romantischen Trume, nach Italien. In Form einer schnen Unbekannten ereilt ihn das Schicksal. Am Ende wird doch noch geheiratet und gekrnt. Alles erfolgt wie vorab geplant Leider. Popo, ein Staat in mentaler Sackgasse. Da hilft nur noch eine Revolution. Diese bricht aus, hat sich jedoch alsbald festgefahren. Die Ideale sind der Routine gewichen. Die Protagonisten Danton und Robes- pierre bekmpfen sich gegenseitig. Die internen Machtkmpfe haben der Revolution den Schwung genommen. Der gesellschaftliche Um- sturz, die groe Vision der Gleichheit ver - sandet zwischen Prinzipienreiterei und Beliebig-keit. Ob Knigreich oder Republik dem Soldaten Woyzeck kann es nahezu gleichgltig sein wer ihn beherrscht: Ist es sein Hauptmann, sein Arzt, die Moral, seine Frau, seine ngste, Triebe, Seele oder gar sein Krper? Am Ende fllt er eine Entscheidung. Frei aber final. Ein Lustspiel, eine Tragdie und ein Fragment: Georg Bchners dramatisches Werk, drei Stcke nur, aber ein eigener Kosmos. Es stellt Grundfragen nach der Natur des menschlichen Seins und Handelns, dem Kampf zwischen Moral und Wahrheit sowie der Machbarkeit der groen politischen Utopie der Freiheit. Unter dem Titel Ich bin so jung und die Welt so alt haben Sie am 13. Oktober 2013 die einmalige Mglichkeit, alle drei Stcke an einem Tag zu sehen. Ein weiterer Leckerbissen: Alban Berg und Manfred Gurlitt waren der Faszination Woyzecks erlegen und komponierten vllig unterschiedliche Opern nach Bchners Frag-ment. Ab dem 27. Oktober 2013. stehen beide als Doppelabend auf dem Spielplan. Ach ja fr alle die es noch nicht wissen: Georg Bchner wre am 17. Oktober zweihundert Jahre alt geworden. Glcklicherweise ist er unsterblich. Wir feiern ihn feiern Sie mit!

    2 | Schauspiel

    Martin ApeltSchauspieldirektor

    Ihr

    Verhngnisvolle AffrenPatricia Benecke inszeniert Gefhrliche Liebschaften von Christopher Hampton und Quartett von Heiner Mller in einem Doppelprojekt: Ein Interview mit der Regisseurin

    Choderlos de Laclos, Mller, Hampton. Drei Autoren und eine Geschichte. Was steht im Mittelpunkt?Der Briefroman Gefhrliche Liebschaften von Choder-los de Laclos aus dem Jahr 1782 ist eine Geschichte ber Liebe und Langeweile, Macht und Manipulation in Adelskreisen am Vorabend der Franzsischen Revolution. Erzhlt wird in letzter Konsequenz der selbstzerstrerische Liebeskampf, den die Verfhrer Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont ber die Kpfe ihrer Opfer hinweg fhren, um sich und dem Gegenber jeweils den Beweis absoluter Souvernitt zu erbringen. Gemeinsam und doch im mer als Gegenspieler zerstren sie die unschuldige Liebe der jungen Cecile und Dancenys, und sie trei-ben die sittenstrenge Madame de Tourvel in den Tod. Dennoch wird den beiden khlen Strategen am Ende die Liebe zum Verhngnis. Die Marquise, die Valmont immer noch liebt, und Valmont, der sich in Madame de Tourvel verliebt hat. Hier gewinnt keiner.

    Christopher Hamptons Bhnenadaption des Romans von 1985 hat einen Triumphzug bis zum Broadway gefhrt. Und seine Drehbuchversion zu dem Film von

    Stephen Frears einen Oscar gewonnen. Was zeichnet seine Version aus?Hamptons Fassung ist intelligent, przise und spie - lerisch. Er konzentriert die Geschichte auf die wich-tigsten Spieler und die zentralen Ereignisse in dieser Liebesgeschichte, die gleichzeitig eine Kampf ge-schichte, Kriegsgeschichte, Intellekt-gegen-Herzens- geschichte ist, und dabei doch leicht und mit feinem Humor.

    Mller verortet sein Stck in einem Salon vor der Franzsischen Revolution oder einem Bunker nach dem 3. Weltkrieg. Wie nhert er sich dem Briefroman?Mller skelettiert und dringt in die Eingeweide der Geschichte ein, um die dunkle Essenz blozulegen: Grausamkeit aus Langeweile, Grenzberschreitung aus Todessehnsucht, Desillusionierung, was trotz allem die ewige Sehnsucht nach Liebe ist. Mllers Text ist sprachlich dicht, er spricht die Dinge, die bei Hampton klar im Raum stehen und unter der Oberflche mitschwingen, sehr direkt aus. Bei ihm scheinen Merteuil und Valmont als ebenbrtige Spieler mit jahrhundertelanger Erfahrung im Reigen

    der Verfhrung und Kontrolle. Man kennt einander in- und auswendig. Der Geschlechterkampf wird hier mit deutlich hrteren Bandagen gefhrt. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass Mller das Stck schrieb, whrend seine damals Noch-Ehefrau im Geschoss darunter mit ihrem Liebhaber wohnte.

    Die beiden Stcke finden als Doppelprojekt hintereinander statt. Bei Quartett werden die Zuschauer mit den Schauspielern auf der Bhne des Kleinen Hauses sein. Was ist fr Sie der Mehrwert?Die beiden Stcke sind tatschlich keineswegs eine Doppelung. Sie sind spannende Ergnzung und ge-genseitige Bereicherung, da die Geschichte auf so unterschiedliche Weise erzhlt wird. Mller nennt Quartett eine Komdie. Es ist eine Art schrges Satyr- spiel zu Hamptons Version und passt perfekt als end-zeitliches Nachspiel. (cz)

    Inszenierung Patricia BeneckeBhne und Kostme Gesine Kuhn

    Gefhrliche LiebschaftenMit Katharina Hintzen, Karin Klein, Christina Khnreich, Sigrid Schtrumpf Margit Schulte-Tigges | Alexander Baab, Stefan Schuster, Andreas Vgler

    QuartettMit Katharina Hintzen | Stefan Schuster

    Offene Probe Gefhrliche Liebschaften 1. Oktober 2013 | 19.30 Uhr | Kleines Haus

    Premiere Gefhrliche Liebschaften11. Oktober 2013 | 19.30 Uhr | Kleines Haus

    Premiere Quartett11. Oktober 2013 | etwa 22 Uhr | Bhnebegrenztes Platzangebot

    Vorstellungen18. und 25. Oktober 2013

    Gruppenbild mit Damen. Der Vicomte de Valmont (Andreas Vgler) verfhrt alle! v.l.: Prsidentin de Tourvel (Christina Khnreich), Cecile de Volanges (Katharina Hintzen) und Marquise de Merteuil (Karin Klein)

    Achterbahnfahrt der Gefhle fr Ex-MinisterDeutschsprachige Erstauffhrung von Jordi Galcerans Adieu, Herr Minister

    Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Das denkt sich auch Carsten Lusch, der wegen Vor-teilsnahme im Amt gerade als Energieminister das Handtuch geworfen hat. Sein Sturz ins Bodenlose auch seine Frau hat ihn verlassen kann kon-sequenterweise nur im Selbstmord enden. Wenn aber sowieso alles egal ist, kann man ja, bevor man sich erschiet, noch mal schnell eine Prostituierte bestellen. Das glaubt zumindest Lusch. Doch dann platzt Sonja in sein Leben und Lusch startet vehe-ment durch. Verzweifelt rudernd versucht hier jemand seinen Untergang aufzuhalten, nach dem Strohhalm zu greifen, der sich ihm in schier ausweg-loser Situation pltzlich bietet. Und die Zuschauer sehen ihm gensslich dabei zu.Was als actionreiche Krimikomdie daher kommt, was mit Themen wie Vorteilsnahme im Amt, mit Korruption, Bestechung und sozialer Klte virtuos spielt, ist gleichzeitig die sarkastische Analyse

    Wollen sie nur sein Bestes? Carsten Lusch (Matthias Kleinert) gefangen zwischen Sonja (Gabriele Drechsel) und Yolanda (Diana Wolf)

    unse rer Gesellschaft, in der keiner keinem mehr trauen kann. Der katalanische Autor Jordi Galceran liefert die schonungslose Bestandsaufnahme einer ausschlielich materiell orientierten menschlichen Gemeinschaft, in der Vertrauen immer wieder zer-strt wird und damit jeglicher Halt verloren geht. Was ist, wenn dieser Strohhalm, an den sich Lusch klammert, nur Schein ist? (ack)

    Inszenierung Andrea ThiesenBhne und Kostme Kerstin Junge

    Mit Gabriele Drechsel, Diana Wolf | Matthias Kleinert, Tom Wild, Klaus Ziemann

    Premiere 13. September 2013 | 20 Uhr | KammerspieleVorstellungen 21. und 29. September 2013 12. und 20. Oktober

  • Theaterzeitung September | Oktober 2013 Schauspiel | 3

    Wortgefecht unterm ApfelbaumPeter Handkes Die schnen Tage von Aranjuez in den Kammerspielen

    Die schnen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende. Wir sind vergebens hier gewesen. lauten die ersten Worte in Schillers Drama Don Carlos. Ein Sommertag. Ein Garten. Auer dem leisen Rau-schen unsichtbarer Bume ist nichts zu hren. In dieser Szenerie sitzen sich ein Mann und eine Frau gegenber und verlieren sich in einem Dialog ber Liebe, Lust und Leid. Es gibt gewisse Spielregeln, an die sich das Gesprch zu halten hat. Die Frau erzhlt von ihrem ersten Mal, von ihrer Sicht auf Mnner und Frauen und von ihren Liebhabern. Der Mann spricht von einem Sommertag in Aranjuez und doch scheint all dies bei beiden nicht das zentrale Thema zu sein. Es geht viel mehr um das Gesprch als solches, als um ein tatschliches Ergebnis. Und whrend der Tag fortschreitet, entwickelt sich auch der Dialog,

    Paris, 1794. Die Franzsische Revolution hat sich in ihrem fnften Jahr von einem Aufbruch in die Freiheit in ein System des Terrors verwandelt. Das mechanische Fallbeil der Guillotine fordert tglich seine Opfer. Wurden zunchst nur die Vertreter des zum Untergang verurteilten Ancien Rgime hinge- richtet, fliet jetzt das Blut eines jeden, der vermeint-lich Abweichler ist. Zwei Mnner kmpfen fr das, was sie fr ihr Volk als den richtigen Weg betrachten. Maximilien de Robespierre, der inoffizielle Macht-haber,